Archiv der Kategorie: Sophiensaele

„Ich bin hier drin“

David Foster Wallace: Unendlicher Spaß, Sophiensaele, Berlin (Regie: Thorsten Lensing) – eingeladen zum Theatertreffen 2019

Von Sascha Krieger

„Neue Aufrichtigkeit“, „Ende der Ironie!“: Als David Foster Wallaces monströser Roman Unendlicher Spaß vor gut 20 Jahren erschien, galt er schnell als epochal. Die Überwindung der Postmoderne mit ihren eigenen Mitteln sei ihm gelungen, meinten manche, eine Bestandsaufnahme unserer Zeit, des derzeitigen Status der (westlichen) Menschheit, und das alles mit einer lange nicht mehr gekannten Wahrhaftigkeit. Wer wie Regisseurs Thorsten Lensing sich jetzt dieses Mammutwerks annimmt, kann seine Rezeptionsgeschichte nicht außer Acht lassen, sie ist präsent im Auge, Ohr, Hirn des Zuschauers. Dass Lensing keine Angst vor solchen sämtliche Bühnen sprengenden Stoffen hat, bewies er vor drei Jahren mit Karamasow. Nach den nicht anstrengungslosen vier Stunden ist klar: Auch dieser neuerliche Versuch ist nicht gescheitert.

Bild: David Baltzer / bildbuehne.de

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In der Komfortzone

Turbo Pascal: Böse Häuser, Sophiensaele, Berlin / Theater Rampe, Stuttgart

Von Sascha Krieger

Böse Häuser. So so. Wo mögen die wohl stehen und was an ihnen ist böse? Eine Frage, die schnell beantwortet ist: „Böse Häuser“, so raunt uns Hegel in der Stückankündigung zu, seien die Orte, an die man gelangt, „wenn das Denken über den gewöhnlichen Kreis der Vorstellungen hinausgehe“. Gedankengebäude also – so zumindest drückt es ein Performer von Turbo Pascal an diesem Abend aus. Sie stehen nicht irgendwo in der Landschaft, sondern in uns, unserem Denken, unserer Vorstellung. Dort wohnen die Ängste, der Hass, vielleicht aber auch die Hoffnung und die Fähigkeit, auf andere zuzugehen. Es ist der Ort des „Anderen“ in uns, der anderen Vor- und Einstellungen, der fremden, den eigenen womöglich diametral entgegen stehenden Gedanken. Hierhin wollen Turbo Pascal ihr Publikum (ent)führen, es einladen, sich hineinzuversetzen in andere, fremd erscheinende Gedankengänge, weniger liberale vielleicht, als man sie sich selbst – wir Aufgeklärten, Toleranten sind ja unter uns – zugestehen mag. Mal austesten, wie es sich anfühlt, sich „feindlichen“ Argumentationen anzuvertrauen. Mehr noch: Herauszufinden, wie leicht man vom eigenen Weg auf einen ganz und gar gegensätzlichen geraten könnte.

Bild: Janina Janke

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Die drei Kuscheltiere

Monster Truck: Siegfried, Sophiensaele, Berlin / FFT Düsseldorf / Münchner Kammerspieler / Ringlokschuppen Ruhr, Mülheim

Von Sascha Krieger

Wer ist Siegfried? Um es gleich zu verraten: Diese Frage beantwortet der neue einstündige Abend von Monster Truck nicht. Am Ende ist nicht einmal unwiderlegbar klar, ob er sie überhaupt stellt. Denn sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Das am berühmt-berüchtigsten Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften gegründete Kollektiv befasst sich am liebsten mit Klischees und Vorurteilen, dreht sie von innen auch außen, untergräbt sie mit einem multidisziplinären Mix, der provoziert und Deutungen zulässt. Dabei geht man meist von irgend einem mehr oder minder konkreten, aber irgendwie fassbarem Thema aus. Kolonialismus. Nationalismus. Soziale Ausgrenzung. Siegfried ist da radikaler. Benannt nach dem Urmythos deutscher Identitätsphantasie tritt der Abend ein paar Schritte zurück und fragt nach der Sicherheit oder Illusion von Identität. Wenn Siegfried mythischer Held ist und glitzerbedeckter Zauberkünstler, Identitätsikone und Illusionsverkäufer, was ist er dann nicht? Und kann einer, der alles ist, überhaupt etwas sein?

Bild: Monster Truck

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Was Theater kann – und was es darf

Milo Rau: Five Easy Pieces, IIPM – International Institute of Political Murder / CAMPO Gent / Sophiensaele, Berlin (Regie: Milo Rau) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Natürlich dürfe man das nicht machen – da waren sich belgische Medien und die deutsche Bild-Zeitung schnell einig, als Näheres zu Milo Raus erstem Projekt mit Kindern bekannt wurde. Eine Theaterarbeit zu Marc Dutroux, dem berüchtigten belgischen Kindermörder, der sechs Mädchen entführte, gefangen hielt, missbrauchte und vier von ihnen ermordete, bestritten von sieben Mädchen und Jungen zwischen acht und 13 Jahren. Milo Rau, gefeierter Star des Dokumentartheaters, geht dahin, wo es weh tut: Er hat Abende über Bürgerkrieg gemacht, über Genozid, die dunkle Rolle der westlichen in der so genannten dritten Welt, über die Menschenrechte in Russland oder über den norwegischen Terroristen Anders Breivik. Dass seine erste Arbeit mit Kindern, kein harmloses Stück über das Erwachsenwerden sein würde, werden die Verantwortlichen von CAMPO Gent, spezialisiert auf Theaterprojekte mit Kindern, gewusst haben, als sie Rau zur Zusammenarbeit einluden. Aber ausgerechnet Dutroux? Wie kann man Kindern ein solches Thema zumuten? Darf Theater das?

Bild: Phile Deprez

Bild: Phile Deprez

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Kein Kinderspiel

Nach Fjodor Dostojewski: Karamasow, Sophiensaele Berlin (Regie: Thorsten Lensing)

Von Sascha Krieger

Thorsten Lensing ist ein Theatermacher, der sich gern Zeit lässt. Er bringt nicht alle zwei Monate an einer anderen Bühne eine neue Inszenierung heraus, bei ihm kann das auch mal ein, zwei Jahre dauern. Er setzt auf gute Vorbereitung und eine vertraute Truppe. Einige Darsteller wie Devid Striesow oder Ursina Lardi arbeiten schon seit Jahren mit Lensing zusammen. Zeit lässt er sich zuweilen auch auf der Bühne: Vier Stunden lang ist sein neuester Abend, Karamasow  genannt und auf Fjodor Dostojewskis letztem Roman basierend. Dabei hat er diesen radikal entschlackt: Von den drei Brüdern, von denen der Roman erzählt, ist nur einer übrig geblieben: Aljoscha, der Intellektuelle, der sensible und grüblerische Glaubenssucher. Ansonsten stehen die Kinder im Mittelpunkt: der hochintelligente dreizehnjährige Kolja, Möchtegern-Charismatiker und Westentaschen-Tyrann, die vierzehnjährige Lisa, egozentrisch und im dauerpubertären Gefühlsrausch gefangen, und der neunjährige Iljuscha, ein romantischer Heldensucher, der gar nicht merkt, dass er, der bedingungslos für den hilflosen Vater einsteht, selbst so etwas wie ein Held ist.

Foto: Arwed Messmer

Foto: Arwed Messmer

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Einer flog über den Kirschgarten

Anton Tschechow: Der Kirschgarten, Sophiensaele, Berlin (Regie: Thorsten Lensing, Jan Hein)

Eine Gesellschaft, die über ihre Verhältnisse lebt, ihre Schulden nicht mehr bezahlen kann und trotzdem weder willens noch in der Lage ist, etwas anderes zu tun, als weiterzumachen wie bisher: Es ist sicher keine Überraschung, dass Tschechows Kirschgarten derzeit auf zahlreichen Spielplänen auftaucht. Tschechow, so scheint es, hat uns eine menge zu sagen, doch was das sein könnte, bleibt nicht selten unklar. Karin Henkel schickte in Köln die ganze Personage in den Zirkus und hatte sonst nicht viel dazu zu sagen, Thomas Langhoff inszenierte das Stück am Berliner Ensemble als schläfriges Endzeitdrama. Das Ergebnis war in beiden Fällen unbefriedigend, statt Heutigkeit blieb ein nicht fassbares Irgendwo. Nun durften es Lensing und Hein probieren, denen 2008 ein viel beachteter Onkel Wanja gelang. Die akribischen Textarbeiter strichen nach eigener Aussage keine Zeile aus dem selbst übertragenen Text – herausgekommen ist ein überraschend eintöniger Abend – lautstark, vollkommen melancholiefrei, aber eben auch weitgehend blutleer.

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