Archiv der Kategorie: Sebastian Sommer

Der Störenfried als Exponat

Bertolt Brecht: Baal, Berliner Ensemble (Probebühne), Berlin (Regie: Sebastian Sommer)

Von Sascha Krieger

Einmal noch Brecht. Weil es ja sein muss an diesem Haus, das der Dramatiker aus Augsburg einst gründete, das ihm ein Denkmal vor dem Haupteinang gebaut hat, das bis heute mit seinem Konterfei wirbt. Bertolt Brecht ist der Schlüssel zum Selbstverständnis dieses Theaters, sein gemeinsamer Nenner, zuweilen auch sein Feigenblatt. Das war immer so, auch in den 18 Jahren Intendanz von Claus Peymann. Brecht hielt auch dieser Hausherr stets hoch, auch wenn er dessen Stücke meist anderen überließ. Manfred Karge zum Beispiel oder Philip Tiedemann. Auch die Regie-Großmeister Leander Haußmann und sogar Robert Wilson durften mal ran. Das galt auch für den Nachwuchs: Sebastian Sommer kommt der Position des Nachwuchsregisseurs an diesem nicht gerade dem Jugendwahn verfallenen Haus wohl a nächsten und ihm gebührt nun die Ehre, den Brecht-Rausschmeißer der Ära Peymann zu geben. Kein verstaubtes Leerstück soll es sein, Lieblingsstücke wie die Dreigroschenoper  oder die Mutter Courage waren schon vergriffen. Also darf der „Junge“ etwas vom jungen, durchaus wilden Brecht inszenieren. Den Baal, diese expressionistische Tour de Force, über die sich vor noch nicht allzu langer Zeit Frank Castorf – auch er ein Abschied nehmender, der womöglich bald an diesem Hause inszenieren wird? – mit den Brecht-Erben anlegte.

Bild: Barbara Braun

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Alles nur Spaß

Peter Handke: Kaspar, Berliner Ensemble (Pavillon), Berlin (Regie: Sebastian Sommer)

Von Sascha Krieger

Die Geschichte des 1828 in Nürnberg aufgefundenen Kaspar Hauser, der angeblich beinahe sein ganzes bisheriges Leben bei Wasser und Brot und ohne menschlichen Kontakt verbracht hatte, regt seitdem die kollektive Fantasie an. Die Formung des Individuums durch eine vermeintlich wohlmeinende Gesellschaft, die es zu einem produktiven Teil der Gemeinschaft machen will, hat positive wie negative Auslegungen hervorgerufen  je nach Standpunkt wurde Hauser für die eine oder andere Ideologie instrumentalisiert. Genau hier setzte Peter Handke in seinem frühen Stück Kaspar von 1968an. Dabei interessiert ihn die historische Figur nicht, sie dient ihm lediglich als Folie – man könnte auch sagen, er instrumentalisiere sie – für eine fundamentale Sprachkritik, wie er sie mit seinem zwei Jahre zuvor uraufgeführten Erstling Publikumsbeschimpfung, eingeleitet hatte. Sein Kaspar wird durch das Folterinstrument Sprache von sechs mysteriösen „Einsagern“, die im Publikum platziert sind, mittels der Sprache in ein gesellschaftliches Korsett gezwängt, von dem Sprache ein wesentlicher Bestandteil ist. Die Benennung der Dinge, die Bewusstwerdung des Ichs durch das Annehmen von Sprache erscheint hier als domestizierende und normierende Tätigkeit. Bei Handke stehen am Ende eine Reihe von Kaspars auf der Bühne, um die gleichmachende Wirkung des Herrschaftsinstruments Sprache deutlich zu machen.

Foto: Lucie Jansch

Foto: Lucie Jansch

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