Archiv der Kategorie: Sebastian Hartmann

Die geraubte Stimme

Björn SC Deigner nach einer Idee von Anna Berndt (Fassung von Sebastian Hartmann): In Stanniolpapier, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Zum Abschluss ein „Skandal“. Man muss dem Deutschen Theater ja fast dankbar sein, dass es auf die abstruse Idee kam, den Stückezertrümmerer, Textumdeuter und -visualisierer Sebastian Hartmann eine Uraufführung anzuvertrauen. Und dann auch noch eine im Rahmen der „Langen Nacht der Autoren“, dem Höhe- und Endpunkt der Autorentheatertage, für die drei Stücke von einer Jury ausgewählt und von einem der kooperierenden Theater (bis zu diesem Jahr waren das neben dem DT das Wiener Burgtheater und das Schauspielhaus Zürich) uraufgeführt werden. Hier sollten Autor*in und Text im Vordergrund stehen. Ein Unternehmen, das im Falle von Björn SC Deigners In Stanniolpapier reichlich schiefging. Am Ende einigte man sich darauf, das Wort „Uraufführung“ durchzustreichen und das Stück „in einer Fassung von Sebastian Hartmann“ zu spielen. Das Publikum bekam neben dem Programmheft ein sich distanzierendes Statement der Jury und den Originaltext ausgehändigt.

Bild: Arno Declair

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Die Welt ersprechen

Nach James Joyce: Ulysses, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Natürlich kann man ihn nicht auf die Bühne bringen, den Ulysses des James Joyce. Einzelne Teile vielleicht, den Ohne-Punkt-und-Komma-Monolog der Molly Bloom vielleicht, der am Ende des Romans steht. Das ist auch verschiedentlich schon gemacht worden und gelegentlich gelungen. Aber das Monster in seiner Ganzheit? Diese irrsinnige Odyssee-Überschreibung anhand der Irrnisse zweier Männer, die 24 Stunden durch das Dublin der späten britischen Okkupationsphase – wir schreiben das Jahr 1904 – irrlichtern, in der die Sprache, ihre Rolle in der Weltwahrnehmung und ihre Macht der Welterschaffiung, der eigentliche Protagonist ist, sie ist nicht für die Bühne gemacht, wo Geschichten Fleisch werden, Figuren physische Präsenz erlangen, die Zeit noch linear ist. Die Möglichkeit alternativer Realitäten, der Blick hinter die Wirklichkeit, die der Roman eröffne, interessiere ist, erzählt Regisseur Sebastian Hartmann im Programmheft-Interview. Also stellt er zunächst Linda Pöppel auf die Bühne, eingerahmt von einer Art Tor (zur Hölle?), bestehend aus Wänden roter Neonröhren und erzählt distanziert von einem apokalyptischen und imaginierten Brand Dublins. Die Kraft der Sprache, Wirklichkeit zu erschaffen, paart er mit der Ausstellung genau dieser theatralen Mechanik. Wie so oft an diesem Abend. Das Ergebnis: Die Joycesche Sprachmacht fällt sich selbst in den Rücken, der Effekt stellt sich nicht in Frage, er verpufft.

Bild: Arno Declair

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Geisterstrudel im Walzertakt

Nach August Strindberg / Henrik Ibsen / Heinrich Heine: Gespenster, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Die Familie, so wollen es uns nicht nur Konservative gern einreden, sei die Keimzelle der Gesellschaft. Ja, das meinen sie positiv. Der Familienverbund, klassisch natürlich mit Vater (an erster Stelle zu nennen!), Mutter und Kind(ern), gilt traditionell als Ort der Geborgenheit, als kleinste erfolgreiche soziale Einheit, als Schule des Lebens und so weiter. man kann sie leider nicht mehr fragen, aber es ist nicht anzunehmen, dass Henrik Ibsen und August Strindberg diese Behauptungen unterschrieben hätten. Ihre Familienbilder sind eher düsterer Natur. Vor allem bei Ibsen ist die Familie Gefängnis, Unterdrückungsapparat, Traum- und Persönlichkeitskiller. In einer Zeit, in der die Gesellschaft nicht weniger dysfunktional erscheint als so manche Familie, ließe sich vielleicht die Keimzellenmetapher einer genaueren Prüfung unterziehen und subversiv auf den grotesk grinsenden Kopf stellen. So mag es sich Sebastian Hartmann gedacht haben, als er auf die Idee kam, seinen neuen Abend aus drei Texten zusammenzusetzen: Den Familienhorror entnimmt er Ibsens Gespenstern, in denen der Schatten des abwesenden Vaters die Mutter verleitet, dem Sohn so lange Erwartungen aufzubürden, bis er an diesen als Spiegelbild des Vater untergeht; und bei Strindbergs Der Vater, bei dem der Machtkampf zwischen Mann und Frau zur Anzweifelung einer Vaterschaft und dem kompletten Kollaps der familiären Fassade führt. Für die gesellschaftliche Ebene ist Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen zuständig, in dem der Verstoßene im Traum seine deutsche Heimat be- und heimsucht und unter dem Gewicht jahrhundertealter Rollen- und Erwartungsbilder, Nationalklischees und kollektiver Traumata zusammenzubrechen droht.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Stadt der Toten

Nach Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Ein hoher, weiter, leerer weißer Raum. Ein Alles-ist-möglich-Ort, einer des Dazwischen und des Immer-schon-Danach. Verschiebbare Wände und Decken aus Neoröhren erhellen ihn, tauchen ihn in gleißendes, nüchternes kaltes Licht. Ein Kreuz an der Rückwand entflammt in aggressivem Rot. Im Interview auf der Website des Deutschen Theaters deutet Sebastian Hartmann an, sein Bühnenraum wäre ein Kircheninneres. Er kann auch eine Leichenhalle sein oder der Warteraum vor der Himmelspforte. In jedem Fall ist er ein Raum des Todes, des schon Gewesenen und längst Vergangenen. Ein Ort, an dem sich trefflich über die Vergeblichkeit alles Lebens und Strebens verhandeln lässt. Und das tut Hartmann ausgiebig, viereinhalb Stunden lang. Die Vorlage gibt ihm Berlin Alexanderplatz, Alfred Döblins Großstadt- und Weltpanaroma, dieser Meilenstein modernen Erzählens, auf Papier gebannte Welterfahrung im Zeitalter kognitiver Zersplitterung. Döblin bedient sich ausgiebig Montagen- und Collagentechniken, um die fragmentierte Welt zumindest in Bruchstücken einzufangen und eine Geschichte zu erzählen, die ebenso wenig mehr individuell wie linear sein kann.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Spielwut, Wut-Spiel

Georg Büchner: Woyzeck, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Vielleicht haben sie sich ja abgesprochen, die Herren Haußmann und Hartmann, die innerhalb kurzer Zeit nur wenige hundert Meter entfernt jeweils Büchners Woyzeck inszenieren. In jedem Fall sind beider Deutungen diametral entgegengesetzt: Wo Haußmann Woyzeck als Kriegstraumatisierten interpretiert, streicht Hartmann die gesamte Ebene des Sozialdramas und sucht die Gründe für Woyzecks Morden in der Natur, nicht nur seiner. Wo Haußmann eine wahre Materialschlacht samt wimmelnder Armeeeinheit betreibt, reduziert Hartmann das Personal auf zwei Spieler. Und wo Haußmann den Büchnerschen Szenen folgt, nutzt Hartmann den Text als Steinbruch und verweigert sich jeglicher als solche zu bezeichnender Handlung. Katrin Wichmann und Benjamin Lillie – letzterer hatte sein erstes Engagement unter Hartmann in Leipzig – sind Woyzeck und Marie, sie sind auch der Doktor und der Hauptmann und der Tambourmajor – und spielen doch keine wahrnehmbaren Rollen. Hartmann hat sie in einen schwarzen, sich nach honten verjüngenden Kasten samt Bühnenschräge gesetzt, in dem er verhandeln will, was Menschen zum Mörder macht. Er sucht die Dunkelheit in uns selbst, jene, aus der es, so deutet die Bühne an, nur einen Ausweg gibt: den Absturz ins Bodenlose.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Wir Gespenster

James Goldman: Der Löwe im Winter, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

„Wir sind der Ausgangspunkt aller Kriege. Weder die Vergangenheit zwingt uns noch die Gegenwart, nicht Gesetze, nicht Ideologien, Religionen, Regierungen oder irgendetwas sonst“: Es ist wohl der Schlüsselsatz in James Goldmans düsterem Familiendrama, das heute vor allem durch seine Oscar-prämierte Verfilmung mit Katherine Hepburn und Peter O’Toole bekannt ist. Almut Zilcher spricht ihn fast beiläufig, wie eine oft wiederholte Wahrheit, die niemanden mehr überraschen sollte. In Der Löwe im Winter, angelehnt an die Geschichte des englischen Königs Henry II. und die Machtkämpfe mit seiner Frau und den Söhnen um die Krone, geht es um das fragile und zerstörerische Verhältnis von Liebe und Macht. Zusammengeschnurrt auf die gesellschaftliche Kernzelle Familie lässt Goldmann Liebessehnsucht und den Trieb, Macht über andere – und sich selbst – zu erlangen, Erfolg im Leben zu haben, wie man es heute wohl umschriebe – und es bleibt kein Zweifel, was am Ende obsiegen wird. 

Foto: Sascha Krieger

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Wir Schattenwesen

Krieg und Frieden nach Lew Tolstoi, Centraltheater Leipzig (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Vielleicht hat ja so mancher das Leipziger Publikum bisher unterschätzt: Als Sebastian Hartmanns fünfeinhalbstündiger Theaterbrocken Krieg und Frieden im Mai bei den Ruhrfestspielen Premiere hatte, konnten anwesende Zeugen einen wahren Zuschauerexodus beobachten, der am End nur noch ein Drittel der zu Beginn Anwesenden übrig ließ. In Leipzig dagegen geht kaum jemand – die den Leipzigern während der Intendanz Hartmanns oft abgesprochene Bereitschaft sich auf sperrige, fordernde, komplexe Theaterabende einzulassen, ist als offensichtlich da und so beobachtet man bei einer von Hartmanns letzten Leipziger Inszenierungen plötzlich volle Häuser und begeisterten Schlussapplaus. Und des völlig zu Recht: Wenn einmal die Theatergeschichte dieses Jahrzehnt geschrieben werden wird, sollte Krieg und Frieden mehr sein als eine Fußnote. Im Gegenteil: Hartmann und sein grandioses Ensemble erinnern auch den abgebrühtesten Theatergänger daran, wie Theater auch heute noch Augen, Ohren und Verstand öffnen kann, wie es die ganz großen Fragen debattieren und dabei weder anstrengen noch langweilen kann. Sebastian Hartmann hat Leipzig kurz vor dem Abschied noch einen ganz großen Abend geschenkt, das vielleicht auch seinem Nachfolger Enrico Lübbe Inspiration sein kann.

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Gute-Nacht-Geschichte mit roher Leber

Hans Fallada: Der Trinker, Maxim Gorki Theater Berlin / Centraltheater Leipzig (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Und weiter geht’s mit den Fallada-Festspielen am Maxim Gorki Theater. Nach Jeder stirbt für sich allein  jetzt also Der Trinker, produziert in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Centraltheater und inszeniert von dessen (scheidendem) Intendanten Sebastian Hartmann. Zwei Häuser inmitten einer Intendantensuche begeben sich mit Fallada auf Sinnsuche. Mit Samuel Finzi ist auch noch einer der profiliertesten und spannendsten deutschsprachigen Theaterschauspieler dabei, für das Bühnenbild zeichnet der Leipziger Maler Tilo Baumgärtel verantwortlich und neben Finzi und Andreas Leupold steht (oder besser: sitzt) mit Steve Binetti auch noch ein Livemusiker auf der Bühne. Leider klingt das um Längen besser, als es ist an diesem Abend, der viel will, der schläfrig beginnt, dann plötzlich in den Overdrive-Modus umschaltet, aber zwischen den beiden Extremen nie seine Mitte findet.

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