Archiv der Kategorie: Sebastian Baumgarten

Die Fragen, mein Freund, kennt nicht einmal der Nebel

Albert Camus: Die Gerechten, Maxim Gorki Theater (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

In Albert Camus‘ Drama Die Gerechten stellt der Autor unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, ein „gerechter“ aus Sicht der Alliierten, die Frage nach der Rechtfertigung politischer Gewalt bis hin zum Attentat und Tyrannenmord. Ist die Tötung von Menschen gerechtfertigt, wenn sie der Idee einer besseren Welt folgt und womöglich den Weg zu ihr ebnet? Eine Frage, die in Zeiten von Selbstmordattentaten und weltweitem Terror längst beantwortet scheint. Und die doch ungemein relevant ist, denn entsprechen die Gründe, welche Camus‘ Protagonisten – das Stück ist im vorrevolutionären Russland des Jahrs 1905 angesiedelt – für ihre Taten vorbringen, nicht weitgehend den Selbstrechtfertigungen von Al-Qaida, IS und Co.? Und stellt sich angesichts einer zunehmenden Gefahr für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte selbst im Herzen Europas nicht auch perspektivisch wieder die Frage, wie weit man gehen dürfe, um höher stehende Werte zu verteidigen? Was muss passieren, damit die friedlichen Freiheits- und Demokratieverteidiger, die Kämpfer gegen Rassismus und Diskrimieriung zu militanteren Mitteln greifen? Kann das und vor allem darf das geschehen?

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Advertisements

Das Chaos und das Nichts

Nach Bertolt Brecht: Dickicht, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Das „Dickicht der Städte“: In Sebastian Baumgartens Inszenierung wirkt es kaum wie ein Ort, in dem man sich verlieren könnte, vor dem man Angst haben müsste. Robert Lippoks Bühne besteht aus ein paar Miniatur-Wohnblocks, wohlgeordnete Menschen-Silos, kein Dschungel, sondern die anonyme, gleichmachende Ordnung moderner Großstadt-Architektur. Hunderte Wohneinheiten, Lebensräume glitzern freundlich. Doch dann, aus der Dunkelheit, treten schwarzgekleidete Gestalten, urbane Überlebenskämpfer, die sich in Worten aus Bertolt-Brechts Städtebewohner-Handbuch zuflüsteren, die Spuren zu verwischen. Unsichtbarkeit ist das Überlebensgeheimnis. Und so bleiben sie über weitere Strecken unsichtbar, die acht Spielerinnen, die sich im Bühnenhintergrunsversammeln. Über ihnen beginnt eine Leinwand Brechts frühe, rätselhaft-expressionistische Kampfparabel – die gar keine Parabel sein mag – Im Dickicht der Städte zu erzählen. In greller Überzeichnung erinnern die Filmszenen mal an expressionistische Stummfilme, mal an Gangsterstreifen der Noir-Tradition, später kommt eine gehörige Prise Horrorgenre hinzu.

Dickicht_(c)Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Revolution im Puppenhaus

Heiner Müller: Zement, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Damit gleich klar ist, worum es hier in den folgenden gut zwei Stunden gehen soll, spricht erst einmal der Autor. Das Saallicht ist noch angeschaltet und Thomas Wodianka spricht in Worten Heiner Müllers aus dem Jahr 1993 von der perversen Logik des Stalinismus und seiner Terrorideologie, von seiner Erstarrung in selbstreferentiellem Bürokratismus, nicht ohne – im Wortsinn – dem Kapitalismus den Zeigefinger entgegen zustrecken. Anklage und Selbstrechtfertigung, dessen Kontext – Müllers Zusammenarbeit mit der Stasi war gerade bekannt geworden – die Leerstelle des Textes bildet, die natürlich nur dem klar wird, der die Umstände kennt. Für den Zuschauer bleibt das Statement von der Gleichheit von Kapitalismus und Sozialismus, ihrer Austauschbarkeit. Das darf Regisseur Sebastian Baumgarten dann bebildern und darin erschöpft sich dieser aufwändig inszenierte Abend denn auch schon. Müllers frühes Drama von der sich selbst abschaffenden Utopie, vom kapitalistischen System, das im Stalinismus fröhliche Urständ feiert, wird denn zur bildgewaltigen Relativismusübung, bei der am ende kein Rest mehr bleibt. Erkenntnis schon gar nicht.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Nummernrevue mit V-Effekt

Theatertreffen 2013 – Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe, Schauspielhaus Zürich (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Bertolt Brechts Weltwirtschaftskrisendrama Die heilige Johanna der Schlachthöfe ist seit dem Beginn der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008 ein Dauergast auf den Spielplänen deutschsprachiger Theater. Vielleicht hat dies und der Wunsch nach Relevanz die Jury des Theatertreffens bewogen, in diesem Jahr endlich eine der zahlreichen Johanna-Inszenierungen einzuladen. Dass die Wahl ausgerechnet auf Sebastian Baumgartens Zürcher Inszenierung fiel, mag damit zusammenhängen, dass Baumgarten im Gegensatz zu den meisten anderen Regisseuren auf eine vordergründige Aktualisierung des Stoffs verzichtet, ein rotes Tuch für so manchen Kritiker. Welche weiteren Gründe die Jury bewogen haben könnten, den Abend zu den zehn bemerkenswertesten des vergangenen Jahres zu zählen, erschließt sich nach dem Gastspiel im Haus der Berliner Festspiele nicht. Es ist ein seltsam beliebiger, haltungsfreier und ungemein selbstverliebter Abend, der sich an seiner zweifellos vorhandenen handwerklichen Qualität so sehr berauscht, dass kein Raum mehr bleibt für die Beantwortung der Frage, was uns dieser unter erheblichem Einfluss von Brechts aufkommendem Interesse für den Marxismus entstandenen Text zu sagen haben könnte.

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Weiterlesen

Advertisements