Archiv der Kategorie: Schlosspark Theater

Vergangenheit ohne Schatten

Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter, Schlosspark Theater, Berlin (Regie: Philip Tiedemann)

Von Sascha Krieger

Vor wenigen Wochen jährte sich die Konferenz von Évian zum 80. Mal Damals trafen sich Vertreter zahlreicher Regierungen, um über die Situation der verfolgten Juden im Einflussbereich Nazideutschlands zu beraten und vor allem über die Frage, wie ihnen zu helfen sei. Was schnell zum Kernthema führte: Wer war bereit, eine so große Zahl flüchtender Menschen aufzunehmen? Die Antwort war erschütternd. Am Ende gingen die Teilnehmer auseinander, die Grenzen ihrer Länder dicht, die Juden ihrem Schicksal überlassen. Auch jetzt ist Europa dabei, sich in der Abschottung zusammenzufinden, auch jetzt werden Grenzen dicht gemacht, die Augen geschlossen vor der Not, dem Leid, dem tausendfachen Tod flüchtender Menschen. Und auch jetzt gelten die gleichen Argumente: Würde man so viele „Kulturfremde“ aufnehmen, verlöre man nicht das eigene Land, wäre man nicht irgendwann selbst die Minderheit? Solche Sätze wurden damals offen geäußert und sie sind heute in immer mehr Ländern wieder Regierungspolitik. Dass das Évian-Jubiläum angesichts der gegenwärtigen Lage so wenig Beachtung fand, ist zweifellos symptomatisch. Die „rechtschaffenen“ Nationen mauern sich ein, überlassen Menschen in Not ihrem Schicksal, nehmen massenhaften Tod in Kauf. Und fühlen sich dabei auch noch im Recht.

Bild: DERDEHMEL/Urbschat

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Traum und Trauma

Gotthold Ephraim Lessing: Minna von Barnhelm, Schlosspark Theater, Berlin (Regie: Thomas Schendel)

Von Sascha Krieger

Ein Klassiker im Privattheater? Das heißt historische Kostüme, „authentisches“ Bühnenbild und Deklamieren der alten Schule. Wer sich also Lessings Minna von Barnhelm am Berliner Schlosspark Theater gönnen möchte, kann sicher sein, von den enervierenden Neuinterpretationen, Veränderungen und Zerstückelungen des Regietheaters verschont zu bleiben. Und ja, der Besucher darf sich zunächst beruhig zurücklehnen. Daria Kornysheva hat eine verwinkelte barocke Salonflucht auf die Bühne gebastelt, die in ihren erdigen Farben ein wenig verlebt, aber noch ausreichend edel wirkt und die Wirtsstube ebenso wie das Zimmer Minnas darzustellen vermag, in denen sich das Geschehen abspielt. Und auch die Darsteller*innen sind passen gekleidet, in Uniformen und Kleidern, die denen des Spätbarocks zumindest sorgfältig nachempfunden sind. Da kann man sich schon einmal freuen: auf gut zwei Stunden Theater, wie es „sein sollte“, Theater, bei dem der Text im Vordergrund steht, so wie er „gemeint ist“, und nicht irgendwelche seltsamen „Regieeinfälle“.

Bild: DERDEHMEL/Urbschat

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Im Mikrokosmos der Vernichtung

Dale Wasserman nach dem Roman von Ken Kesey: Einer flog über das Kuckucksnest, Schlosspark Theater, Berlin (Regie: Michael Bogdanov)

Von Sascha Krieger

Bevor Einer flog über das Kuckucksnest, die Geschichte des Kleinkriminellen McMurphy, der sich gegen den totalitären Mikrokosmos einer Nervenheilanstalt auflehnt, die Mitpatienten zum Aufstand ermutigt, um am Ende dem Repressionsappart zum Opfer zu fallen – es ist kein Zufall, dass es mit Miloš Forman ausgerechnet ein aus der totalitäten Tschechoslowakei emigrierter Regisseur war, der den Stoff verfilmte – ein erfolgreicher Film war, hatte der Roman von Ken Kesey bereits eine erfolgreiche Theaterkarriere hinter sich. Adaptiert von Dale Wasserman wurde er 1963 zum Broadway-Hit und ist es, wann immer eine Neuauflage zu sehen ist, noch heute. Das Stück bietet Komik und Tragik, starke und schräge Charaktere, dazu ein paar der großen Menschheitsfragen und so manche Gelegenheit zur Verknüpfung mit politischen, sozialen oder philosophischen Debatten. Gern möchte man das Stück mal in den Händen eines interpretationsstarken Regisseurs sehen, jenseits des Boulevards und mitten drin in einer Welt „ernsthaften“ Dramas, in die es ohne Zweifel gehört. Doch der Versuche sind wenige und selten gehen sie auf, also bleibt erst einmal „nur“ der Boulevard.

Bild: DERDEHMEL/Urbschat

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Der klare Blick der Menschenwürde

Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenuntergang, Schlosspark Theater, Berlin (Regie: Thomas Schendel)

Von Sascha Krieger

Reden wir nicht lange drum herum: Natürlich geht es in der Inszenierung von Gerhart Hauptmanns wenig bekanntem Vor Sonnenuntergang am Berliner Schlosspark Theater vor allem um eines. Oder besser: einen. Den Hausherren nämlich. Der ist kein Geringerer als Dieter Hallervorden, Urgestein der deutschen Komik, Kabarettist und seit einigen Jahren zunehmend auch als Charakterdarsteller überzeugend. Das will er jetzt auch am eigenen Haus ausleben und geht damit ein kleines Risiko ein. Die an King Lear angelehnte Geschichte vom Unternehmer Matthias Clausen, der ein spätes Glück sucht und von seiner gierigen Familie erst in den Wahnsinn und dann in den Tod getrieben wird, ist kein typischen Sujet für das Haus, in dem sonst der meist heitere Boulevard regiert. Doch ist das Risiko überschaubar, schließlich ist Hallervorden ein Zugpferd, das auch in ernsterem Fach für volle Häuser sorgt. Das ist bislang auch in diesem Fall recht gut gelungen.

Bild: DERDEHMEL/Urbschat

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