Archiv der Kategorie: Schauspielhaus Zürich

Ende der Geschichte(n)

Autorentheatertage 2018 – Simone Kucher: Eine Version der Geschichte, Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater (Box) Berlin (Regie: Marco Milling)

Von Sascha Krieger

Eigentlich kommt die Uraufführung von Simone Kuchers Text etwa drei Jahre zu spät. 2015 jährte sich der Völkermord an den im Osmanischen reich lebenden Armeniern zum 100. Mal. Zahlreiche Theaterarbeiten befassten sich damals mit dem Thema und nicht zuletzt mit der alles andere als unproblematischen Rolle des Deutschen Reichs, das bei seinem verbündeten nur zu gern mehr als  nur ein Auge zudrückte. Jetzt legen Kucher und ihr Uraufführungsregisseur Marco Milling eine Arbeit nach, die sich mit Verdrängungsmechanismen und der Kraft der Erinnerung befassen will – im privaten wie im öffentlichen Raum. Also konstruieren sie eine Familie armenischer Herkunft, in der über den Genozid nur abstrakt gesprochen und verheimlicht wurde, wie  sehr er sie selbst betraf. Es gibt eine erfolgreiche Geigerin und ihren Bruder – sie macht das Verdrängungsspiel nur zu gern mit, während er obsessiv nach Spuren sucht. Die Mutter schweigt und ist doch empört, wenn sich die Tochter als Amerikanerin definiert. Die Wurzeln werden nicht anerkannt, sind aber doch irgendwie wichtig. Natürlich ist es in der Folge die Tochter, die nicht mehr loslässt und Geheimnisse aufsürtr, die sich dann doch erstaunlich schnell und leicht ausgraben lassen.

Ort der Uraufführung im Rahmen der Autorentheatertage: Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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„Nicht auf die Helenas treten!“

Theatertreffen 2018 – BEUTE FRAUEN KRIEG. Fassung unter Verwendung von „Die Troerinnen“ von John von Düffel nach Euripides und „Iphigenie in Aulis“ von Soeren Voima nach Euripides, Schauspielhaus Zürich (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Reden wir über Geschlechterrollen. Muriel Gerstners Bühne ist ein Laufsteg, eine Einrichtung eng verbunden mit Aufgaben, welche die patriarchale Tradition der Frau zuschreibt: gut aussehen und die Klappe halten. Zumindest letzteres werden sie an diesem Abend nicht tun. Rastlose streichen sie umher, neben dem Laufsteg, außerhalb ihre Rollenvorgabe. Die Zuschauer hören, wenn sie ihre Plätze eingenommen haben, monologische Fragmente, Sprachfetzen vom Leiden, vom Krieg, vom Tod. Zu hören sind sie nur über die bereit liegenden Kopfhörer, wer sie nicht trägt, für das bleiben die Frauen, die sich in den allzu realen Kriegs- und Machtspielen der Menschheitsgeschichte wiederfinden, das, was sie immer waren: stumm. BEUTE FRAUEN KRIEG basiert auf zwei Euripides-Dramen zum Trojanischen Krieg und fokussiert voll und ganz auf die Perspektive der Benutzten, Geschändeten, Vergessenen. Der Mädchen und Frauen. Alibis, Menschenmaterial, Spielfiguren im Machtmonopoli der Männer. Derer, die, wie es einmal heißt, „unsichtbar sterben“. Es sind die Sieger und diese stets Männer, die Geschichte und Geschichten schreiben. Der Mythos von Troja ist eine Erzählung über männliche Helden. Nicht hier.

Karin Henkel (Bild: Anne Zeuner / Salzburger Festspiele)

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Unter dem Schnee

Rimini Protokoll (Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi): Weltzustand Davos (Staat 4), Schauspielhaus Zürich / Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Von Sascha Krieger

Irgendwann greifen sie zu Schneeschaufel und Besen, die fünf „Expert*innen des Alltags“, die durch Rimini Protokoll’s zweistündigen Abend führen. Sie räumen den (Kunst-)Schnee weg, der die manegenartige Spielfläche bedeckt. Ist er weggeräumt, ist der Blick freigegeben auf das, was darunter liegt: eine Karte von Davos, ehemals Tuberkulose-Kurort, unsterblich gemacht in Thomas Manns Der Zauberberg, heute Ort des jährlichen „World Economic Forum“ (WEF), einem Treffpunkt der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft und längst Symbol für eine globalisierte Welt, die vermeintlich von ungewählten und undurchsichtigen Eliten regiert wird. Eine offen sichtbare Weltverschwörung und das wahre Machtzentrum unserer Zeit. Es ist der Moment, in dem das Grundprinzip des Theaters von Rimini Protokoll deutlich wird: die Oberflächen weg räumen, den Blick freizuräumen und dem Zuschauer selbst zu ermöglichen, genauer hinzuschauen. Und es ist auch der Moment, an dem deutlich wird, warum dieser spezifische Abend eher scheitern wird. Denn der Blick ist ein zweidimensionaler, gesteuerter und weitgehend passiver. Die Perspektivverschiebungen, die Zuschauerentscheidungen, die eine eigene Positionierung erfordern und bedingen, die Fragmentierung des Blickes, die den Zuschauer zwingen, sich das Gesamtbild selbst zusammenzusetzen und zu entscheiden, welchem Blick man eher folgt, all das, was die stärksten Rimini-Abende ausmacht, bleibt an diesem weitgehend aus.

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Bild: Benno Tobler Weiterlesen

Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Bloß keine Lösung!

René Pollesch: Bühne frei für Mick Levčik!, Schauspielhaus Zürich (Regie: René Pollesch) – Gastspiel am Berliner Ensemble

Von Sascha Krieger

1948 inszenierte Bertolt Brecht die Antigone des Sophokles am Stadttheater des Schweizer Städtchens Chur. Von durchschlagendem Erfolg war der Abend nicht, weder dort, noch bei einem Gastspiel in Zürich. Brecht jedoch fand ihn so wichtig, dass er ihn zu einer Modellinszenierung erklärte und ein Modellbuch erstellte, das zukünftigen Regisseuren vortragen sollte, wie das Stück zu inszenieren sei. Hier setzt René Polleschs Zürcher Abend an. Zunächst rekonstruiert Barbara Steiner nach einer Idee des verstorbenen Bert Neumann das Originalbühnenbild von Caspar Neher: ein Halbrund mit roter Rückwand (deren Beschaffenheit an Neumanns berühmte Lamettavorhänge erinnert), davor weiße Bänke für die Schauspieler, im Zentrum der Bühne vier Pfähle mit Pferdeschädeln, welche die eigentliche Spielfläche einrahmen. Das ist essenzieller Brecht: der Übergang vom Schauspieler zur Rolle ist für den Zuschauer klar sichtbar. Hinzukommt eine herunterfahrbare weiße Wand mit Tür, Wandschrank sowie Orts- und Zeitangabe für das kurz vor Kriegsende 1945 spielende Vorspiel, eine Art zeitgenössische Übertragung der Antigone-Grundsituation.

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Die Frage

Autorentheatertage Berlin 2016 – Dominik Busch: Das Gelübde, Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater Berlin (Regie: Lily Sykes)

Von Sascha Krieger

So ein Versprechen ist schnell gemacht, wenn man in einem abstürzenden Flugzeug sitzt, Minuten, Sekunden entfernt vom wahrscheinlichen Tod. Tim macht es, ein junger Arzt, nicht besonders idealistisch, gerade zurückkehrend vom Aufenthalt in einem Armen-Krankenhaus irgendwo in Afrika. Das Angebot, dessen Leitung zu übernehmen, hat er ausgeschlagen, zuhause in Europa warten ein sicherer Job, eine Freundin, die Familie, Freunde. Dich nun ist alles anders. Und so schwört er zurückzugehen, für immer, wenn er das hier überleben sollte. Wem er das schwört? Gott? Eher nicht? Sich selbst? Auch, aber das ist nicht alles. Er hat das Gelübde dem Gelübde über gegeben, sagt er später, nicht wissend, was das heißt, aber spürend, dass da etwas war, das er nicht so leicht übergehen kann. Der Familie ist das nicht zu vermitteln. Die schwangere Freundin wischt das Versprechen weg und vermutet, seine Liebe sei erloschen. Die Mutter stellt ihm ein Ultimatum, der Vater sucht psychologische Gründe, ein Freund argumentiert juristisch: Das Versprechen sei gar kein rechtskräftiger Vertrag und daher nichtig. Nur eine Freundin steht zu ihm, doch auch sie versteht nichts. Mit ihrem Gerede von Gott und Nächstenliebe kann er nichts anfangen.

Das Deutsche Theater Berlin, Spielort der Autorentheatertage Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin, Spielort der Autorentheatertage Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Die Globalisierung als Kindergeburtstag

Autorentheatertage 2015 – Nolte Decar: Der neue Himmel, Schauspielhaus Zürich / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Sebastian Kreyer)

Von Sascha Krieger

Natürlich geht das alles überhaupt nicht: klischeegetränkte Vignetten von einen rätselhaften Kriminalfall in Neuseeland samt kolonial-arroganter Kommissarin und Abziehbild-Maori-König, flirtende Teenager in einem kolumbianischen Buck, Vater-Sohn-Konflikte chinesischer Antarktis-Forscher, gelangweilte Alaska-Teens mit Transgender-Mutter und die weiße Flusspferdforscherung im afrikanischen Dschungel mit einheimischem Assistenten – allesamt (mit einer Ausnahme) beendet durch einen Drohneneinschlag. Und dann auch noch der zweite Teil: eine Miss-Marple-Parodie mit allerlei Stereotypen (die dumm-überhebliche Lady, der schwule Sohn, der korrupte Richter und der Inspektor im Sherlock-Holmes-Outfit) und alienhafter Fremder, die nach erledigtem Massaker mit Propellerhut Klassisches singt. Abstruse Geschichtchen mit kaum erkennbarer Klammer, ein wilder Stilmix zwischen Farce und Privat-TV-Trash. Wenn dann Uraufführungsregisseur Sebastian Kreyer das Ganze auch noch in ein Urlaubspostkarten-Fototapeten-Setting (Bühne und Kostüme: Matthias Nebel) setzt, allerlei kitschige Klischee-Kostümierungen einsetzt und meist zum Szenenanfang Passendes oder Unpassendes singen lässt – die Afrika-Eipsode wird eingeleitet mit, nun ja, „Afrika“, bei den Chinesen gibt es Asia-Electro-Pop mit Strohhüten, in Kolumbien Shakira, nur die Lady-Gaga- und Madonna-Verschränkung am Anfang mit Kommissarin und Dolmetscherin als Disco-Duo fällt etwas aus dem Rahmen – dann ist alles schon verloren. Da braucht es auch gar nicht die auch nicht gerade originelle Parodie eines viktorianischen Thrillers, bei der jede Enthüllung und jeder überraschende Auftritt mit dramatischer Musik kommentiert wird.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Die Welt als Puppenstube

Theatertreffen 2014 – Die Geschichte von Kaspar Hauser, Schauspielhaus Zürich (Regie: Alvis Hermanis)

Von Sascha Krieger

Was ist dieser Kaspar Hauser nicht alles gewesen, seit er 1828 kaum sprechend und sich linkisch bewegend in Nürnberg auftauchte: ein „wildes Kind“, ein „reines Wesen“, ein Betrüger, Mittelpunkt einer Verschwörung eines Kriminalfalls, Symbol für den gesellschaftlichen Außenseiter, Opfer von Erziehung und Sprache, ja, selbst eine Krankheit ist nach ihm benannt. Eines ist all diesen Zuschreibungen gemein: Sie kommen von außen, nutzen die Person Hause als Projektionsfläche, lassen den Menschen Kaspar zurücktreten. Hauser war Spielball und Versuchsobjekt, Experimentierfeld und Kampfmittel, er wurde begafft und analysiert, als argumentative Waffe eingesetzt, zur Ikone erhoben und zum Feindbild erklärt. Eines durfte er jedoch nie sein – zu Lebzeiten nicht und auch nicht danach: ein Mensch mit eigener Persönlichkeit, eigenen Wünschen und Sehnsüchten, Fehlern und Ängsten, einer der in sich selbst existiert und nicht nur in den Augen der Anderen. Der lettische Ausnahmeregisseur Alvis Hermanis erzählt die Geschichte von Kaspar Hauser basierend vor allem auf Originaldokumenten von Anselm Ritter von Feuerbach, Georg Friedrich Daumer und Hauser selbst. Und er erzählt sie als Versuch einer Menschwerdung, die am kollektiven Experiment einer Menschenformung scheitert.

Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt

Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt

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Ich? Ach!

Theatertreffen 2014 – Nach Heinrich von Kleist: Amphitryon und sein Doppelgänger, Schauspielhaus Zürich (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Ich. Ein kurzes Wort, seine Bedeutung so eindeutig, selbstverständlich, nicht zu hinterfragen. „Ich bin Sosias“, sagt die Gestalt im grauen Trenchcoat. „Was für ein Ich?“, schallt es ihr aus vier identischen Trenchcoats entgegen? Heinrich von Kleist hat aus Molières Verwechslungskomödie über den Feldherren Amphitryon, der aus dem Krieg zurückkehrt, um festzustellen, dass er bereits die vorige Nacht mit Gattin Alkmene verbracht hat, in Form des Göttervaters Zeus nämlich, der Amphitryon Gestalt angenommen hatte, ein gar nicht mehr so harmloses Drama der Identitätsverunsicherung gemacht, das Karin Henkel, Dauergast beim Theatertreffen, jetzt zum existenziellen Taumel der vollständigen Identitätsauflösung weiterspinnt. Denn hier ist Ich nicht nur ein anderer, sondern viele, die ständig wechseln, sich vermischen, verschwimmen und zur trüben Identitätensuppe werden, aus der kein Entrinnen mehr ist. Hier gibt es keine mobilen Endgeräte, keinen Hinweis auf Twitter oder Facebook und doch drängt sich schnell der Eindruck auf, Henkel hätte nur die Ich-Multiplikation und Rollenvervielfältigung moderner Kommunikation gespiegelt.

Regisseurin Karin Henkel (Mitte) und das Amphitryon-Team  (Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt)

Regisseurin Karin Henkel (Mitte) und das Amphitryon-Team (Foto: Piero Chiussi / Agentur StandArt)

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