Archiv der Kategorie: Schauspiel Stuttgart

Die große bunte Handke-Schau

Peter Handke: Publikumsbeschimpfung, Schauspiel Stuttgart / Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Martin Laberenz)

Von Sascha Krieger

Am Ende findet die Beschimpfung nicht statt. Sie ist nur eine Erinnerung, eingespielt als Audioaufnahme der Uraufführung von 1966. Übertönt, weggespült von den Live-Instrumenten der Neuinszenierung von 2018. Ein Opfer der zeit, die, wie Handke postulierte, ja keine Bedeutung habe und nicht gespielt werden dürfe. Die einzige Zeit, die zähle, sei das Jetzt und das Jetzt und das Jetzt. 1966 war Publikumsbeschimpfung ein Angriff auf das Theater, wie man es kannte, auf das Spiel als Repräsentation, auf das „Als ob“ und den Zuschauer als passiven Konsumenten. Mehr noch: Handke attackierte die bestehende, seit dem Ende des 2. Weltkriegs reichlich konsolidierte Ordnung mit ihrem Oben und Unten, ihrem Subjekt und Objekt, ihren Machern und ihren Empfängern. Das Theater war für ihn ein Symptom, ein Teil dieser Ordnung – und das Labor, in dem an deren Aufhebung geforscht werden konnte. Das „Wir machen es so, weil wir es immer schon so gemacht haben“ war Handkes Feind. Theater, Kunst sollte ein Möglichkeitsraum werden, einer, der keine Grenzen kannte, ein Ort kollektiven Ausprobierens und damit ein Modell für eine sich neu hinterfragende Gesellschaft. Publikumsbeschimpfung war und ist ein zutiefst politisches Stück. Und eines über, nein, für das Theater.

Bild: Arno Declair

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Bilder von Ihm

Das 1. Evangelium. Frei nach dem Matthäus-Evangelium, Schauspiel Stuttgart (Regie: Kay Voges)

Von Sascha Krieger

Der sterbende Erlöser am Kreuz, die Mutter mit dem Kind, der beweinte Leichnam, das Abendmahl: Die Ikonografie des christlich geprägten Teils unserer Welt ist ohne Bilder Jesu nicht zu denken. Das Leiden des Gottessohnes ist die (reichlich späte) Urschrift unseres, nun ja, Kulturraums, die Idee einer über die Generationen hinweggetragenen kollektiven Schuld keine neue, die Idee des Lebens als Leidensweg auch nicht. Kaum ein Narrativ der so genannten westlichen Welt (auch in Teilen der „östlichen“ ist das kaum anders) ist ganz ohne Jesus zu lesen, schon gar nicht in der „hohen“ wie der „populären“ Kultur. Ob Heldengeschichten, Kämpfe zwischen gut und Böse, Narrative individueller Bewusstwerdung, Selbtopferungen, persönliiche Erlösungsgeschichten, aber auch solche von gesellschaftlicher Erneuerung, von Revolution und ihrer Zurückschlagung, vom Status Quo und dessen Hereuaforderung: Ob bewusst oder nicht – die vier Evangelien stehen stets zumindest als Urquellen Pate. Dass Kay Voges irgendwann bei diesem Urnarrativ des „Abendlandes“ landen würde, war zu erwarten. Der Dortmunder ist ein Theatermacher, der sich intensiv damit, welche Bilder uns prägen, welche uns zu dem machen, was wir zu sein meinen, wie diese Bilder entstehen und warum, wer sie macht und wozu er sie einsetzt und welche Bilder wir nicht sehen, weil andere sie überlagern und verdrängen.

Bild: JU

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Katerstimmung

Felicia Zeller: Ich, dein großer, analoger Bruder, sein verfickter Kater und du, Saarländisches Staatstheater, Saarbrücken / Theater Rampe, Stuttgart  (Regie: Maria Bues)

Von Sascha Krieger

Wer zum Teufel ist Alec? Er ist plötzlich da, in der Vierer-WG, scheint anzudeuten, er sei irgendjemandes Bruder, aber keiner kennt ihn. Weg geht er trotzdem nicht und erst recht nicht sein gefräßiger Kater. Stattdessen macht sich Alec Notizen über alles, was die Bewohner*innen sagen, hinterlässt Zettel mit Hinweisen und bald auch Vorschriften, gewährt Fahrdienste und besorgt Zeitschriften und scheint irgendwie drin zu stecken, wenn ein neuer Mietvertrag Rabatte für Spitzeldienste vorsieht. Bald stellt sich in der WG Paranoia ein, man beginnt die anderen und sich selbst zu beobachten, will, obwohl sich so manches dagegen sträubt, möglichst weit vorn liegen in der Gunst einer zunehmend vagen, anonymen und gleichzeitig omnipräsenten Autorität. Felicias Zellers neues Stück, eine Auftragsarbeit des Saarländischen Staatstheaters und des Stuttgarters Theater Rampe, ist, das ist schnell klar, eine Parabel auf die digitale Gesellschaft, auf den Druck und die Bereitschaft, seine Privatheit aufzugeben im Tausch gegen vermeintliche Annehmlichkeiten, die das Leben erleichtern, effektiver machen, Zeit sparen. Der Preis, die eigenen Daten, scheint kein allzu hoher, denn was haben wir schließlich zu verbergen?

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Orpheus trägt Hut

Autorentheatertage Berlin 2016 – Fritz Kater: I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge), Schauspiel Stuttgart (Regie: Jossi Wieler)

Von Sascha Krieger

Zwei Menschen in Schwarz-Weiß. Ein Paar, mal in ungezwungener Zweisamkeit, später angstvoll aneinanderklammert, Verlorene auf der Flucht. Irgendwo zwischen Film Noir, Nouvelle Vague und Spionagethriller will sich die Uraufführung von I’m searching for I:N:R:I bewegen, die Geschichte zweier Reisender im Strom des 20. Jahrhunderts. Sie: als junges Mädchen im Krieg vergewaltigt, später Helferin eines Nazis, am Ende selbst Mörderin. Er: Kampfflieger, Pole und Israeli, Journalist, Nazijäger. Sie lernen sich kennen im Nachkriegsberlin und wissen doch nichts von einander. Wollen vielleicht auch nichts wissen. Wissen ist Schmerz in diesem so deutschen Jahrhundert. Kater schickt sie kreuz und quer durch die Zeiten: Von 1959/60 zurück in die 1940er und nach vorn in den Sommer vor dem Mauerfall. West-Berlin, Havanna, Bonn-Bad Godesberg. Ein Erinnerungsstück, über weite Strecken monologisch, ein Drama, das sich nur in den Köpfen der Figuren, die eigentlich Erzähler sind, abspielt.  Was auch immer hier passiert, ist längst geschehen, lässt sich nicht beeinflussen, hat zugeschlagen wie das unerbittliche Schicksal. Das Stück zitiert nicht nur ausgiebig Traditionen der Massenkultur, es bedient sich auch ihrer erzählerischen Mechanismen wie ihrer philosophischen Ausrichtung. Es will so schwarz sein wie der Hollywood-Film der 1940er und so verloren wie das quecksilbrige Schwarz-Weiß Jean-Luc Godards.

Bild: Thomas Aurin

Bild: Thomas Aurin

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Erste Liebe und Andreas Baader

Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / Schauspiel Stuttgart (Regie: Armin Petras) – Premiere im Rahmen von F.I.N.D. 2016

Von Sascha Krieger

Spätestens als Frank Witzels Roman mit dem viel zu langen Namen den Deutschen Buchpreis 2015 gewann, war klar, dass dieses 800 Seiten lange, hemmungslos ausufernde Porträt der alten Bundesrepublik aus der Perspektive eines an der Welt leidenden 13-Jährigen, den Weg auf die deutschsprachigen Bühnen finden würde, denn Romane sind längst das beliebteste Futter des Stadt- und Staatstheaters, Stoffe, die uns als Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten im Stande scheinen, erst recht. Armin Petras war es letztlich vorbehalten, die Uraufführung zu besorgen, natürlich ganz neumodisch in einer Koproduktion der Berliner Schaubühne mit seinem eigenen Haus, dem Schauspiel Stuttgart. Uraufführung hatte sie selbstverständlich im Rahmen eines Festivals, dem Festival Internationale Neue Dramatik, kurz F.I.N.D., womit die Inszenierung gleich mehrfach stellvertretend für aktuelle Trends auf deutschsprachigen Bühnen steht. Petras hat sich zuletzt an gleicher Stelle mit Der geteilte Himmel  der DDR der 1960er Jahre genähert, jetzt ist ihr Gegenpart jenseits der Grenze dran, die alte Bundesrepublik, das Bollwerk der „freien Welt“, das ebenso wie der „real existierende Sozialismus“ vor mehr als 25 Jahren entschlummert ist, wenn auch längst nicht so spektakulär.

Bild: Thomas Aurin

Bild: Thomas Aurin

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„…jetzt liegt sie überall“

Nach dem Film von Ingmar Bergman: Szenen einer Ehe, Schauspiel Stuttgart (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Eigentlich genügt schon ein Blick aufs Bühnenbild, um zu wissen, dass alles hoffnungslos ist: Ein verwinkeltes, undurchschaubares Gewirr aus ineinander verhakten Räumen hat Moritz Müller gebaut, ein unentwirrbares Stein und Holz gewordenes Beziehungslabyrinth, bei dem ein steiler Anstieg zu nehmen ist, um ins Ehebett, das Symbol liebevoller Zweisamkeit zu gelangen. Nein, die Ehe von Marianne und Johan ist von Beginn an nicht zu retten. Zu sehr haben sie sich in ihren Rollenbildern, in den gegenseitigen Erwartungshaltungen und Selbstbildern eingemauert, sind sie zu einem Wirrwarr aus Masken geworden, als deren Sinnbild Müllers Raumwucherungen durchaus diesen können. So geht es gleich am Anfang um Eigendefinitionen: Wo Johan eine ganze Batterie an Selbstbeschreibungen auffährt, fällt Marianne, der erfolgreichen Anwältin, wenig mehr ein als ihre Funktion als Hausfrau und Mutter. Wie sie da nebeneinander stehen, harmonisch, scherzend, fast verliebt, sind sie doch Lichtjahre von einander entfernt.

Bild: Bettina Stöß

Bild: Bettina Stöß

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Die im Konfettiregen stehen

Theatertreffen 2015 – Nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov: Das Fest, Schauspiel Stuttgart (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Ein 60. Geburtstag, der älteste Sohn bringt einen Toast auf den Vater aus. Er spricht ruhig, emotionslos, würdigt den Vater, erzählt aus der Kindheit, von den vielen Malen, die der Vater ihn, den Sohn, und seine Schwester, die nicht lange vor diesem Fest Selbstmord beginn, missbrauchte, vergewaltigte. Da ist keine Änderung im Tonfall, nichts verändert sich, die Familie, der Vater, lauschen so andächtig wie vorher. Und doch ist alles anders. Es ist der Schlüsselmoment in Thomas Winterbergs Film Das Fest, dem ersten und wohl auch besten der dänischen Purismusbewegung Dogma 95, und er ist es auch in Christopher Rüpings so gänzlich anderer Bühnenadaption am Schauspiel Stuttgart. Das Kammerspiel von Verdrängung, Schweigen und gewalttätiger Jagd auf den Nestbeschmutzer – es wird unter Rüpings Händen zum großen, bunten Diskurs über die narrativen Techniken, auf denen der zentrale Mythos unserer Gesellschaft fußt, jener von der Familie als Keimzelle, Schutzraum, Zuhause. Er beginnt mit sechs in Grau gekleideten Schauspielern, die am Bühnenrand Mitverschwörern, die das Publikum sind, die Geschichte der Familie vortragen, um die es geht. Von der Steinzeit reicht sie ins Heute, eine Geschichte der Pioniere, der Vordenker und Kämpfer, der Visionäre und Widerständen, der Forschenden und Mutigen. Die gerade nicht sprechen stellen die Stationen bildlich nach zu einer grotesken, albernen, ironischen Parodie auf eine Geschichte, die die Identität des Einzelnen aufzubauen sucht auf dem Verschweigen der dunklen Seiten.

Foto: JU_Ostkreuz

Foto: JU_Ostkreuz

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Gespenster im Baucontainer

Nach Ingmar Bergman: Herbstsonate, Schauspiel Stuttgart / Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

In Ingmar Bergmans Film Herbstsonate aus dem Jahr 1978 kommt eine erfolgreiche Konzertpianistin zu Besuch bei ihrer Tochter, die sie sieben Jahre nicht gesehen hat. Es dauert nicht lange, da beginnen die Vorwürfe, erhebt die Vergangenheit ihr nicht gerade schönes Haupt: Da ist die ständig abwesende Mutter, der resignierende Vater, die schwer kranke Schwester, der Tod des Enkels und Sohns. In den Augen der Tochter Eva ist Mutter Charlotte für all das verantwortlich und das macht sie ihr im Laufe eines langen Tages inklusive folgender Nacht auch mehr als deutlich. Herbstsonate ist ein Film über die Geister der Vergangenheit, die, wenn wir uns ihnen nicht rechtzeitig stellen, immer größer und bedrohlicher werden und drohen, uns nicht mehr loszulassen. Da ist es nahe liegend, Herbstsonate als Geisterspiel zu lesen, wie es Regisseur Jan Bosse tut. Moritz Müllers Bühne ist ein mehrstöckiges Labyrinth aus Baucontainern, die winzige Zimmerchen enthalten, alle mit der gleichen hässlichen Tapete ausgestattet, ununterscheidbar und unentrinnbar. Einen Ausweg aus dieser albtraumhaften Erinnerungslandschaft gibt es nicht, verlässt man einen Raum,landet man bald schon im nächsten, gleichen.

Foto: Bettina Stöß

Foto: Bettina Stöß

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„Ist ja nix passiert!“

Theatertreffen 2014 – Anton Tschechow: Onkel Wanja, Schauspiel Stuttgart (Regie: Robert Borgmann)

Von Sascha Krieger

So abrupt ist der Übergang selten: Gerade noch herrschte emsiges Treiben, als das Premierenpublikum schnell noch zur Garderobe eilte, die Toilette aufsuchte, sich zum Platz drängte, hier und dort hallo sagte, Bekannte begrüßte oder einfach jene, von denen man wollte, dass sie wissen, dass man auch da ist. Dann plötzlich, die Saaltüren sind gerade geschlossen, wird es still und es ist, als bliebe die Zeit stehen. Langsam, unendlich langsam umkreist der alte, ramponierte Volvo die Bühne, radlos, längst nicht mehr imstande, aus eigener Kraft voranzukommen. Lethargische Gestalten lungern auf der Bühne herum, spielen mit Zuschauern Federball, stricken oder sitzen einfach untätig da. Einmal tritt einer als Mikrophon, trägt zusammenhanglose Worte vor, da erwachen die Figuren zum Leben: Fluchtartig verlassen sie die Bühne, um wieder herbeizutrotten, wenn es erneut still geworden ist. Repetitiv-schwebende Gitarrenklänge unterstreichen den völligen Stillstand auf der leeren, neben besagtem Auto nur von ein paar Holzstühlen bevölkerten Bühne. Quadrate aus Neonröhren bilden die Decke im Bühnenvordergrund und tauschen diesen leeren Raum in hartes kaltes Licht, irgendwo zwischen Parkhaus und Wartesaal. Hier wartet man nicht einmal mehr auf Godot. Nein, dass da nichts mehr kommen wird, darüber besteht Einigkeit.

Foto: Ostkreuz / Julian Röder

Foto: Ostkreuz / Julian Röder

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