Archiv der Kategorie: Schauspiel Leipzig

Senftuben im Märchenwald

Autorentheatertage 2017 – Armin Petras und Ludwig Haugk nach dem Roman von Lutz Seiler: KRUSO, Schauspiel Leipzig (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Die Freiheit ist eine Insel. In Lutz Seilers gefeiertem Wenderoman (ist das eigentlich schon ein eigenes Subgenre?) KRUSO heißt sie Hiddensee. Das autofreie Refugium in der Ostsee, ein Ort der Gestrandeten, der „Schiffbrüchigen“, die, wie der Direktor des Ferienheims es ausdruckt, „vom Festland ausgespuckt wurden“, der Rastlosen, nicht Ankommenwollenden und nicht Anpassungswilligen, derer, die nicht hineinpassen in dieses System, das auf dem „Festland“ herrscht. Ein seltsamer Ort, vermeintlich abgeschnitten von der Realität, ein Fluchtpunkt, der Anderssein erlaubt und gutheißt. Aber eben ein abgegrenzter Raum, von dem man nicht wegkommt: auf einer Seite die tödliche Ostsee mit den schussbereiten „Grenzschützern“, auf der anderen Seite das „System“, das jede Tendenz zur Individualität misstrauisch beäugt. Die Freiheit ist ein sicherer Ort. Aber sie ist auch ein Gefängnis. Freiheit und Einengung, „Alles geht“ und „Es geht nirgendwohin“ sind eins an diesem paradoxen Ort in und außerhalb eines paradoxen Landes.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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Erinnerung als Geistertanz

Nach Peter Richter: 89/90, Schauspiel Leipzig (Regie: Claudia Bauer) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

„Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde?“ Oder wer Karriere machen würde und wer an seiner Drogensucht krepieren? Ein verkramtes Hinterzimmer ist in Claudia Bauers Adaption von Peter Richters Wenderoman 89/90 Schauplatz dieser Fragen. Inmitten von alten Fotos und Erinnerungsstücke wühlen sich zwei heutige Mittvierziger hinein in diese Zeit, in der alles zusammenbrach und neu entstand, in der für einen kurzen historischen Moment alles möglich schien – auch und gerade das Unmöglich. Die üblichen DDR-Utensilien, sie liegen verstreut herum, ein paar Karo-Zigaretten, eine Flasche Altenburger Korn. Aber um sie geht es hier nicht, sie spielen keine Rolle. FDJ-Hemden sucht man vergeblich, kein Trabi rattert. Nein, die Bebilderung mit dem Altbekannten, dem klischeehaft Erwarteten, die Bedienung des (n)ostalgischen Wiedererkennungseffekts, sie findet hier nicht statt. Die realistische Darstellung der DDR-Vergangenheit – oder zumindest unserer (verklärten?) kollektive Erinnerung daran – ist oft genug versucht worden, Claudia Bauer interessiert sie nicht. Nein, ihr geht es um den Erinnerungsprozess selbst und um die Annäherung an eine Zeit – erinnert, real, irgendetwas dazwischen? – die denen, die nicht dabei waren, zuweilen so fremd wie ein Science-Fiction film erscheint.

Bild: Rolf Arnold

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Ein Eklat und viele Fragen

Eröffnung des Theatertreffens der Jugend 2016 – Nach Gesine Danckwart: Wunderland, Theaterjugendclub „Sorry, eh!“ am Schauspiel Leipzig

(Update: 4.6., 21:50 – Weitere Reaktionen zum Vorfall während der Eröffnung wurden hinzugefügt.)

Von Sascha Krieger

Nein, jugendlich ist das Theatertreffen der Jugend eigentlich schon längst nicht mehr. Zum 37. Mal findet es statt, die Teilnehmer des ersten sind bereits auf dem besten Weg gen Rentenalter. Doch eines hat sich nicht geändert: Wenn junge Menschen Theater machen, geht es immer auch darum, seinen „Platz in der Gesellschaft zu finden“, wie Christina Schulz, Leiterin der Bundeswettbewerbe bei den Berliner Festspielen zur Eröffnung sagt. Das ist in einer Zeit, in der so manches umbricht  in unserer Gesellschaft, in der Gewissheiten hinterfragt und Identitäten neu bewertet werden, in dem sie sich auch entscheiden muss, wie sie sich der Welt gegenüber positioniert, ein verdammt weites Feld, wie es ein fiktionaler preußischer Adliger des vorletzten Jahrhunderts ausdrücken würde. In Zeiten von Flüchtlingszustrom und einer Renaissance von Rassismus und rechter Ideologie, von Willkommenskultur und Pegida ist der Platz, den es in der Welt zu finden gilt, unsicherer denn je, kommt der eigenen Positionierung eine noch größere Bedeutung zu, wird sie aber auch immer schwieriger.

Bild: Vincent Schulze

Bild: Vincent Schulze

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Wenn das Nichts singt

Autorentheatertage 2014 – Wolfram Höll: Und dann, Schauspiel Leipzig (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Selten kam ein dramatischer Erstling mit so vielen Vorschusslorbeeren daher wie Und dann des geborenen Leipzigers Wolfram Höll. Schon vor seiner Uraufführung hatte der Text Preise bei zwei der wichtigsten Autorenfestivals des deutschsprachigen Theaters abgeräumt – den Hörspielpreis des Stückemarkts beim Theatertreffen und den erstmals vergebenen nachwuchspreis beim Heidelberger Stückemarkt, beide 2012.Da fehlte nur noch der Mülheimer Dramatiker Preis, den Höll vor wenigen Tagen gewann. Die Erwartungshaltung ist beim ersten Berliner Gastspiel der Leipziger Uraufführungsinszenierung entsprechend groß – und gerechtfertigt. Denn was Höll, 1986 geboren, per Schreibmaschine aufs Papier gebracht hat ist, schlicht atemberaubend. Eine ostdeutsche Nachwendegeschichte, eine Familie, die mit den großen geschichtlichen Umwälzungen ebenso klarkommen muss wie mit einer noch größeren privaten Abwesenheit: dem Verlust der Mutter. So weit, so unspektakulär. Doch die Geschichte tritt schnell in den Hintergrund, die Sprache selbst ist hier Protagonist und Gegenstand der Auseinandersetzung. Sie ist Schauplatz und Akteur, sie ist Labyrinth und Ausweg zugleich.

Spielort des Gastspiels von Und dann: die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Spielort des Gastspiels von Und dann: die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

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Wir Schattenwesen

Krieg und Frieden nach Lew Tolstoi, Centraltheater Leipzig (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Vielleicht hat ja so mancher das Leipziger Publikum bisher unterschätzt: Als Sebastian Hartmanns fünfeinhalbstündiger Theaterbrocken Krieg und Frieden im Mai bei den Ruhrfestspielen Premiere hatte, konnten anwesende Zeugen einen wahren Zuschauerexodus beobachten, der am End nur noch ein Drittel der zu Beginn Anwesenden übrig ließ. In Leipzig dagegen geht kaum jemand – die den Leipzigern während der Intendanz Hartmanns oft abgesprochene Bereitschaft sich auf sperrige, fordernde, komplexe Theaterabende einzulassen, ist als offensichtlich da und so beobachtet man bei einer von Hartmanns letzten Leipziger Inszenierungen plötzlich volle Häuser und begeisterten Schlussapplaus. Und des völlig zu Recht: Wenn einmal die Theatergeschichte dieses Jahrzehnt geschrieben werden wird, sollte Krieg und Frieden mehr sein als eine Fußnote. Im Gegenteil: Hartmann und sein grandioses Ensemble erinnern auch den abgebrühtesten Theatergänger daran, wie Theater auch heute noch Augen, Ohren und Verstand öffnen kann, wie es die ganz großen Fragen debattieren und dabei weder anstrengen noch langweilen kann. Sebastian Hartmann hat Leipzig kurz vor dem Abschied noch einen ganz großen Abend geschenkt, das vielleicht auch seinem Nachfolger Enrico Lübbe Inspiration sein kann.

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Faust im Zeitraffer

Johann Wolfgang von Goethe, Einar Schleef: Droge Faust, Maxim Gorki Theater (Studio), Berlin / Centraltheater Leipzig (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Da hat sich Armin Petras einiges vorgenommen: Ausgerechnet Einar Schleefs Droge Faust Parsifal, das programmatische Opus Magnum dieses kompromisslosen Theaterextremisten, hat er als Vorlage für seinen neuen Abend gewählt. Und er hat Großes vor: Nichts weniger will er, als die Thesen Schleefs, für die dieser sich Goethes Faust als Kronzeugen gewählt hat, an eben jenem Theaterdenkmal auszuprobieren. Das das nur scheitern kann, verrät schon ein Blick auf die kurzen Textausschnitte aus Schleefs Buch, die den Weg ins Programmheft gefunden haben: So komplex, sprunghaft wie mäandernd und immer wieder widersprüchlich sind Schleefs Gedankenbewegungen, dass einfache Thesen, die sich dann auch noch dramatisch verwerten lassen, kaum extrahiert werden können. Um den Widerstreit von Chorischem und Individualistischem, der von gemeinsamen Werten getragenen Gemeinschaft und dem allein stehenden Individuum, das auf dem Weg von der Antike zu Shakespeare vom Ausgestoßenen zum Helden wird, geht es ihm, darum, wie Goethe versucht, beides zu vereinen,  auch um die Rolle der Frau im Drama und , wie immer, um die Wiedergewinnung des „tragischen Bewusstseins“, das spätestens mit Shakespeare verloren gegangen sei. Diese Verkürzung ist weder völlig zutreffend noch angemessen, mag aber verdeutlichen, mit welchem Monster Petras sich hier anlegt.

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Gute-Nacht-Geschichte mit roher Leber

Hans Fallada: Der Trinker, Maxim Gorki Theater Berlin / Centraltheater Leipzig (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Und weiter geht’s mit den Fallada-Festspielen am Maxim Gorki Theater. Nach Jeder stirbt für sich allein  jetzt also Der Trinker, produziert in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Centraltheater und inszeniert von dessen (scheidendem) Intendanten Sebastian Hartmann. Zwei Häuser inmitten einer Intendantensuche begeben sich mit Fallada auf Sinnsuche. Mit Samuel Finzi ist auch noch einer der profiliertesten und spannendsten deutschsprachigen Theaterschauspieler dabei, für das Bühnenbild zeichnet der Leipziger Maler Tilo Baumgärtel verantwortlich und neben Finzi und Andreas Leupold steht (oder besser: sitzt) mit Steve Binetti auch noch ein Livemusiker auf der Bühne. Leider klingt das um Längen besser, als es ist an diesem Abend, der viel will, der schläfrig beginnt, dann plötzlich in den Overdrive-Modus umschaltet, aber zwischen den beiden Extremen nie seine Mitte findet.

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Hugo von Hoffmannsthal; Jedermann, Centraltheater Leipzig (Regie: Jürgen Kruse)

Fangen wir mal mit dem Positiven an: Es ist (Co-)Regisseur Jürgen Kruse und Intendant Sebastian Hartmann anzurechnen, dass sie den Jedermann, dieses Festival- und Event-Theater-Vehikel par excellence dorthin zurückgebracht haben, wo er hingehört: auf die Theaterbühne. Und schon vor dem eigentlichen Beginn wird klar, worum es hier gehen soll: eine Entrümpelungen des unter Jahrzehnten Kitsch und Effekthascherei erstarrten Stückes. Manuel Harder als Jedermann übt Small Talk mit dem Publikum, stellt den einen oder anderen Darsteller samt Rolle vor und demontiert schon während das Publikum seine Plätze einnimmt den heiligen Ernst, den Hoffmansthal durchaus so gemeint hat, der aber schon längst zwischen Salzburger Festspielen und Berliner Dom zur Pose verkommen ist.

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