Archiv der Kategorie: Schauspiel Hannover

Die Mechanik des Hasses

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Balljugend-Club am Jungen Schauspiel Hannover *

Von Sascha Krieger

Dass es des „Fremden“ gar nicht bedarf, um es/ihn/sie zu hassen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Dass etwa der so genannte „Fremdenhass“ nicht zuletzt dort blüht, wo es kaum Migrant*innen oder Menschen mit dem, was man als „Migrationshintergrund“ vereinfacht, gibt, ist ein Phänomen, dass in Deutschland bereits seit den frühen 1990er-Jahren diskutiert wird – oder eben auch nicht. Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher, 1968 uraufgeführt, ein Jahr später sein Durchbruch als Filmemacher, ist eine der frühesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der hässlichen Fratze eines Landes, das lange von sich behauptete, selbige hinter sich gelassen zu haben. Darin treffen gelangweilte Jugendliche in einer ungenannten Provinzstadt, an der Engstirnigkeit ihrer Welt verzwergt, auf einen dieser „Fremden“, einen, der ihnen als fleischgewordene Alternative Angst macht, ihnen die eigentliche Unzulänglichkeit vor Augen hält und zugleich als Auszuschließender der augenwischenden Selbstvergewisserung dient.

Bild: Silke Janssen

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Wir Gestrandeten

Theatertreffen 2015 – Atlas der abgelegenen Inseln. Mehrstimmiges Hörstück auf drei Stockwerken für vier Schauspieler und ebenso viele Musiker von Judith Schalansky, Schauspiel Hannover (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

„Somewehere…“: Weiter kommen die Sänger trotz mehrfacher Versuche nicht, das Land hinter dem Regenbogen ist nicht nur nicht erregbar, es lässt sich nicht einmal mehr vorstellen. Ersetzt worden ist es durch ein „Nowhere“, eine Zwischenwelt: ein dreistöckiges Treppenhaus – in Hannover jenes der Cumberlandschen Galerie, beim Theatertreffengastspiel dient das Pankower Carl-von-Ossietzky-Gymnasium als Spielort – durch das Nebel wabert und Klangfragmente irren. Bruchstücke von Musik, Konversationsfetzen, Klopfen, Glockenklang, Schritte. Aus der Zeit gefallene Gestalten in Schwarz-Weiß, gekleidet in Smoking oder Kleid, hasten hindurch, mit gehetztem Blick, den Kompass in der Hand. Sie spielen eine Note oder setzen an zu einer Erzählung, nur um weiterzueilen, meist mit dem Versprechen „Ich bin gleich wieder da“ auf den Lippen. Ein leeres Versprechen, denn um wiederzukommen, müssten sie zuerst dagewesen sein. Doch diese blassen Schattenwesen sind nirgends. Sie entsteigen den Seiten von Judith Schalanskys Buch Atlas der abgelegenen Inseln als gespensterhafte Verkörperungen der Unorte, die Schalansky beschreibt, deren Geschichten sie zu erzählen versucht. Enklaven stets bedrohten Lebens an den Enden der Welt – Sehnsuchtsorte romantischer Fantasie, die schnell zu Schreckensorten werden, sieht man einmal genauer hin.

Foto: Karl-Bernd Karwasz

Foto: Karl-Bernd Karwasz

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Wenn Theater twittert

Eine Nachlese zur ersten Twitter-Theater-Woche

Von Sascha Krieger

Das deutsche Stadttheater  gilt ja nicht gerade als Keimzelle oder zentrale Stütze der digitalen Revolution. Jenseits von Spielplanveröffentlichungen und Ensembleportraits tut sich da wenig, vor allem die Social-Media-Nutzung ist zumeist, sagen wir: ausbaufähig. Das ist nicht allein die Schuld der Theatermacher: Wenn sie sich mal aus dem digitalen Fenster lehnen, wie etwa das Hamburger Thalia-Theater mit der Spielplanwahl 2011 oder das Berliner Maxim Gorki Theater mit einer Facebook-Fassung von Effi Briest, gibt es regelmäßig von der berühmt-berüchtigten Internetgemeinde wie von den sich klassisch nennenden Medien auf die Mütze. Hinzu kommt, dass bei der Frage, wie Theater und Internet zusammenkommen können, immer noch vor allem Fragezeichen in den Gesichtern der Theaterschaffenden stehen, wie beispielsweise die erste Ausgabe der Konferenz „Theater und Netz“ im Mai dieses Jahres zeigte.

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