Archiv der Kategorie: Schauspiel Frankfurt

Das Bild hängt schief

Yasmina Reza: „Kunst“, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Mit Yasmina Reza kann man eigentlich nichts falsch machen. Ihre die bürgerliche Mitte der Gesellschaft sezierenden Komödien – spätestens seit Edward Albee ein lohnendes Rezept für erfolgreiches Theater – sind so unterhaltsam und konsumierbar, ohne stets, wie eben bei Albee, in den Abgrund starren zu müssen, der da natürlich immer gähnt, dass Publikumserfolge vorprogrammiert sind, und haben gleichzeitig genug Tiefe, um die Kritiker ruhigzustellen. Und selbst wenn das Rezept, wie etwa bei Bella Figura, nicht aufgeht, schreibt Reza immer noch Rollen, die große Schauspieler*innen zur Zuschauerbeglückung ausfüllen können. Für einen Stadttheaterintendanten ein Glücksfall, schließlich braucht er oder sie nicht nur große Kunst, sondern auch volle Häuser. Und die sind mit Yasmina Reza meist garantiert, so man nicht allzu viel falsch macht und entsprechende Schauspieler*innen mitbringt. Da wundert es kaum, dass unter den Arbeiten, die Neu-BE-Intendant Oliver Reese aus dem Schauspiel Frankfurt in die neue Heimat überführt, auch eine Reza-Inszenierung ist, der Bequemlichkeit halber auch gleich eine eigene, gespielt von Darsteller*innen, die ebenfalls mit ans BE gewechselt sind. Und wenn das Stück dann auch noch „Kunst“ heißt, Rezas internationaler Durchbruch und so etwas wie die Blaupause für ihr Theater, ist der Erfolg programmiert. Risiko mag der Nährboden für große Kunst sein, das Haus füllt es nicht immer.

Das Berliner Ensemble (Bild: Moritz Haase)

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Ohne Puls

Wallace Shawn: Evening at the Talk House, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Johanna Wehner)

Von Sascha Krieger

Ein angenehmer Abend mit alten Freunden in einem sicheren, zum Wohlfühlen einladenden, alles andere als bedrohlichen Ambiente? Das ist die Prämisse von Evening at the Talk House, dem 2015 uraufgeführten Konversationsstück des erfolgreichen US-amerikanischen Autors Wallace Shawn. Zehn Jahre nach dem letzten gemeinsamen Stück trifft sich das damalige Theaterteam in ihrer damalige Lieblingsbar zum Wiedersehen. Das kann natürlich nicht gut gehen. Einige – der Autor, der Star der Truppe – sind längst im Fernsehen erfolgreich, andere wursteln sich durch, einer ist durchs gesellschaftliche Robert gefallen. Die harmonische Fassade ist so dünn, dass man sie nur mir größter Anstrengungen überhaupt sehen kann. Dies wiederum ist der Ansatz von Johanna Wehner, die die deutschsprachige Erstaufführung besorgt. Wo sich der Autor mit einer Normalität auseinandersetzt, hinter der sich Unbeschreibliches verbirgt, das längst als normal und akzeptabel gilt, kommt die Regisseurin vom entgegengesetzten Pol: Bei ihr ist der Ausnahmezustand, ist die Zerstürung Ausgangspunkt, die vollständige Kapitulation des Menschlichen.

Bild: Birgit Hupfeld

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Freier Fall

Heinrich von Kleist: Penthesilea, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Michael Thalheimer ist kein Fan falscher Illusionen. Wie zum Beispiel jener, alles würde gut. Wird es natürlich nicht. Zumindest nicht dort, wo Macht und Selbstaufgabe eine tödliche Allianz eingehen. Man  nennt das, glaube ich, Liebe. Dass es den großen Tragödienessenzauspresser, den Auf-den-Kern-Reduzierer Thalheimer einmal zu Heinrich von Kleists Penthesilea bringen würde, war erwartbar. Schließlich interessiert den neuen Hausregisseur am Berliner Ensemble das schmutzige Fundament der menschlichen Existenz, den Grund, wo die Zivilisation abfällt, das Ich als Alleinherrscher regiert, die Firnis des Miteinanders abgeschabt ist. Deshalb kehrt er ja auch immer wieder zu jenen antiken Stoffen zurück, die uns daran erinnern, von wo die „Zivilisation“ einst seinen Ausgang nahm. Der Kreislauf aus Macht, Rache, Gewalt, der das Ich erhöhen soll und doch nur in den Dreck zieht, ist dort noch ohne zivilisatorisches Beiwerk (in den folgenden Jahrhunderten ist das vielleicht nur bei Shakespeare wieder der Fall), der Blick unverstellt und doch so unerträglich. Das ist die Antike, bei der Kleist ansetzt, die das harmonisierende Gleichgewichtsgeschwurbel etwa der Weimarer.

Bild: Birgit Hupfeld

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Ausverkauf im Familienkonflikt-Klischee-Katalog

Tracy Letts: Eine Familie, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es schon alt, Tracy Letts‘ Erfolgsstück August: Osage County, das im deutschsprachigen Raum eingeschränkt inspiriert Eine Familie heißt. Was natürlich nicht falsch ist, schließlich geht es darin um, nun ja, eine Familie – und natürlich auch „die“ Familie als solche, als gesellschaftlicher Prototyp, Keimzelle einer Idee namens Amerika. Um all die Überfrachtungen, Mythisisierungen, all den Ballast, den dieses Konzept tragen muss, um seiner Grundaufgabe nachkommen zu können, denen, die keinen Halt haben, solchen zumindest vorzugaukeln, einer Gesellschaft, deren Fundamente längst zerbröselt sind, den Schein zu geben, sie wäre noch fest im Boden verankert. Die Familie also Heimat des – individuellen wie kollektiven – Selbstbetrugs. Damit steht Letts natürlich in der Tradition der großen amerikanischen Dramatiker – O’Neill, Williams, Miller, Albee – die wiederum Teil einer noch längeren Tarditionslinie sind, die zurückreicht zu Tschechow, Strindberg, Ibsen.

Bild: Birgit Hupfeld

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Das Grau hat viele Farben

Roddy Doyle: Die Frau, die gegen Türen rannte, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Dieser Pullover! Diese Ohrringe! Dieses übertriebene Make-up! Die ungekämmten Haare!Kostümbildnerin Lene Schwind hat wirklich ganze Arbeit geleistet, diese Paula Spencer dort zu verorten, wo der irische Star-Autor Roddy Doyle sie zurückgelassen hat: Irgendwo zwischen Arbeitermilieu und kleinkrimineller Unterwelt, jener Zwischenwelt, die der Nordteil der irischen Hauptstadt Dublin selbst in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs nie aufgehört hat zu sein. Paula ist eine jener „Vergessenen“, von der populistische Politiker heute so gern schwadronieren und profitieren. Mit einem tyrannischen Vater aufgewachsen, schnell in der Schule aufs Abstellgleis geschoben, Frau eines Kleinkriminellen, der sie liebt und der sie schlägt, Hausfrau und vierfache Mutter, Alkoholikerin. Eine, die nie auch nur versuchte, ihrer sozialen Determination zu entkommen. Wer die Erfolgsbücher von Didier Eribon oder Édouard Louis gelesen hat, wird ihre Welt wiedererkennen, die doch universeller zu sein scheint, als sie denen, die in ihr leben, vorkommen vermag.

Bild: Birgit Hupfeld

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Ungeheuer klein

Günter Grass: Die Blechtrommel, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Eines sollte dieser Abend erreicht haben: Wer ihn gesehen hat, die knapp zwei Stunden (bei der Überführung des in Frankfurt uraufgeführten Abends nach Berlin ist die Pause abhanden gekommen), ausgesessen hat, wird den Namen Nino Holonics nur schwer aus dem Gedächtnis bekommen. Denn Holonics, wenngleich schon in seinen Dreißigern, ist ein brillanter Oskar Matzerath, der zwar keine 94 Zentimeter misst, den Zuschauer aber schnell in selbige Illusion hineinzertert, -fleht, -trommelt. Oskar Matzerath, der ewig Dreijährige, ist schon bei Günter Grass ein größenwahnsinniger, allmächtiger Manipulator, der immer seinen Willen bekommt, weil er weiß, wie er dies erreichen kann. Einer, der sein Publikum stets im Griff hat, jederzeit manipulieren und zu allem bewegen kann, was er von ihm will. Ein Performer eben, ein Künstler auch, bei dem der Schritt vom privaten Publikum mit klaren Handlungsanweisungen (Mutter, Väter, Geliebte) hin zu jenem, dem er sich nun gegenübersieht, nur ein kurzer ist. Und das er schnell ebenso sicher in der Hand hat wie das Brausepulver, zu dem er so manchen Zuschauer gar nicht groß nötigen muss.

Bild: Birgit Hupfeld

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„Die Liebe reicht nicht!“

Joël Pommerat: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt / Ruhrfestspiele (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Es klingt erst einmal wie ein schöner Spielplan-Coup. Als erste der Übernahme vom Schauspiel Frankfurt, dem er acht Jahre lang als Intendant vorstand, bringt der neue BE-Hausherr Oliver Reese ein Stück namens Die Wiedervereinigung der beiden Koreas auf die Bühne, und das zu einer Zeit, in welcher der Korea-Konflikt wieder die weltweiten Schlagzeilen beherrscht. Dabei ist der Stücktitel Etikettenschwindel, geht es in Joël Pommerats Stück doch gar nicht um Politik.  Oder vielleicht doch um das Politischste überhaupt: die Liebe. In 20 Episoden erzählt er von ihren Fallstricken, ihrer Unmöglichkeit und der menschlichen Besessenheit mit ihr. Miniaturen, die oft im Alltäglichen verankert sind, meist irgendwo zwischen Komik und Tragik pendeln, gern das Absurde streifen oder mit dem Surrealen flirten, doch immer nur um das eine kreisen: Was ist Liebe? wie geht sie? Und bringt sie überhaupt etwas?

Bild: Birgit Hupfeld

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„Wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende“

Theatertreffen der Jugend 2016 – Frankfurt Babel, Junges Schauspiel Frankfurt, Frankfurt am Main

Von Sascha Krieger

Im Alten Testament, genauer im Buch Genesis, findet sich die Geschichte des Turmbaus zu Babel. Die Menschen kamen zusammen, um gemeinsam einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reichen sollte. Gott wertete den Bau als Versuch der Menschen, sich ihm gleichzusetzen, und strafte sie, indem er ihre Sprache verwirrte, sodass sie sich nicht mehr verstanden. Frankfurt Babel, eine stückentwicklung von und mit Jugendlichen mit unterschiedlichstem Migrationshiontergrund und Geflüchteten, beginnt mit dieser Geschichte – und ihren Folgen. Sie erzählen vom Turmbau, aber ein jeder in seiner Sprache. Gestikulierend berichten sie, was wir nur selten verstehen und doch beginnt, je länger wir zusehen und zuhören, so etwas wie ein Verständnisprozess. Denn die, die dort stehen und oft vermeintlich ungehört sprechen, sind Widerständige. Sie widersetzen sich dem Diktat – das man heute nicht mehr einer unbedingt Gottheit andichten muss – uneins zu sein, vereinzelt, getrennt voneinander. Denn auch wenn sie einander nicht verstehen, nicht die gleiche Sprache sprechen: Sie erzählen die gleiche Geschichte, sie suchen die Verbindung zueinander.

Bild: Birgit Hupfeld

Bild: Birgit Hupfeld

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Mosaiksteinsetzer

Theatertreffen der Jugend 2015 – Anne, Projekt zu Anne Frank von Martina Droste nach Tagebuchtexten von Anne Frank und Motiven aus dem Stück „Anne“ von Leon de Winter und Jessica Durlacher, Junges Schauspiel Frankfurt (Regie: Martina Droste)*

Von Sascha Krieger

Erst einmal umschauen, den Raum erkunden, ausprobieren, wo man sich befindet, was sich damit anfangen lässt. Zaghaft, neugierig, skeptisch betreten neun junge Spieler*innen die Bühne, beäugen die mehrstöckigen Regale, die dort aufgebaut sind, die Alltagsgegenstände, die diese beherbergen. Eine Melodica wird entdeckt, die Enge der Regalinnenräume getestet. Was ist das? Ein Lebensraum? Ein Wartesaal und wenn ja, worauf? Ein Spiel wird gespielt, in dem es darum geht, sich totzustellen. Textfetzen erscheinen, wie im Raum verteilte Scherben werden sie aufgehoben, kritisch betrachtet, ausprobiert. Ergeben sie Sinn, so zusammenhanglos, wie sie hier im Raum stehen? Was ist ihre Geschichte, woher kommen sie, wollen sie mit uns sprechen? Die Melodica klagt, brüchig, vorsichtig, eine Gitarre kommt hinzu, die Spieler*innen verteilen sich im Raum, kommen zusammen, gehen auseinander, strecken und kauern sich in den Regalen, bilden Gruppen, isolieren sich. Und langsam, stück für Stück, beginnen sie, die Textfragmente zusammenzusetzen, erscheint, schemenhaft zunächst, dann immer klarer, eine Geschichte, voller Brüche, Zweifel, Ansätze und Abbrüche, ohne Anfang und ohne Ende. Es ist die Geschichte Anne Franks, die drei Jahre in einem Amsterdamer Hinterhaus lebte, in ständiger Todesangst und aus deren Tagebuch soviel Leben spricht. Doch was sagt es? Können wir es noch hören?

Foto: Birgit Hupfeld

Foto: Birgit Hupfeld

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Theatertreffen der Jugend 2015: Die Teilnehmer stehen fest

Die Jury des Theatertreffens der Jugend hat die Preisträger der 36. Ausgabe des Festivals bekannt gegeben. Acht Gruppen aus Schulen, der freien Szene und Jugendclubs an Theatern wurden aus insgesamt 125 eingereichten Produktionen ausgewählt, ihre Inszenierungen vom 29. Mai bis 6. Juni 2015 im Haus der Berliner Festspiele vorzustellen.

Die Teilnehmer des 36. Theatertreffens der Jugend sind:

  • Junges DT, Berlin
    Alice
  • Junges Schauspiel Frankfurt, Frankfurt am Main
    Anne
  • Hajusom NEUE STERNE, Hamburg
    das gender_ding
  • Theatergruppe „Wo ist Zukunft“ der Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte, Königs Wusterhausen
    Die Unberührbaren
  • Die Bürgerbühne im Staatsschauspiel Dresden
    Katzelmacher
  • Jugendclub „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater, Berlin
    Kritische Masse
  • EMAtheater, Theater-AG des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums, Remscheid
    Late in the night
  • Ein Theater Mobil Projekt, Junges Schauspielhaus, Düsseldorf
    SÖHNE WIE WIR – MACH DIR KEINE SORGEN, MAMA!

(sk / Berliner Festspiele)

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