Gerhart Hauptmann: Einsame Menschen, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Friederike Heller)

Hauptmann ist in, landauf landab spielt man seine Porträts der Elenden, der Unterdrückten, der Ausgegrenzten als Kommentar zur derzeitigen Wirtschaftskrise. Vor allem seinen Webern kann man derzeit kaum entrinnen. Einsame Menschen ist daher eine ungewöhnliche Wahl für Friederike Heller und die Schaubühne: Das Stück, das von Geschehnissen in Hauptmanns eigener Familie angeregt wurde, spielt in der Mittelschicht. Es sind Menschen nicht ohne Geldsorgen und Zukunftsängste, aber doch Lichtjahre entfernt von der Welt der Ratten, Weber oder des Biberpelzes. Hier wird auf hohem Niveau gejammert, wähnt man sich eher bei Ibsens geschlagenen und gescheiterten Intellektuellen mit ihren verquasten Ambitionen und Heilsphantasien als im Überlebenskampf derer ganz unten. Passt das als Kommentar für die Gegenwart? Lässt sich darin überhaupt etwas für uns Relevantes finden? Wenn Friederike Heller überhaupt gesucht hat, musst man die Frage mit einem deutlichen Nein beantworten.

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Leo Tolstoi: Die Macht der Finsternis, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Michael Thalheimer)

Man konnte sich ja in letzter Zeit ein wenig Sorgen machen um Michael Thalheimer, den großen Reduzierer, dem es mit schon fast legendären Inszenierungen wie der Orestie (in eineinhalb Stunden!) oder Hauptmanns Ratten immer wieder gelungen war, die zahlreichen Schichten eines Stoffes soweit abzutragen, bis er den Blick auf den meist erbarmungslos brutalen Kern  freigelegt hatte. Zuletzt waren seine Berliner Inszenierungen jedoch soweit reduziert, dass auch der Kern mit entfernt worden war, gerieten seine Nibelungen oder Weber zu wenig mehr als substanzlosen Brüllorgien ohne vernehmbare Aussage. Wenn sich eine einst gute Idee zur bloßen Routine totgelaufen hat, hilft manchmal ein Ortswechsel. Und so inszeniert Thalheimer jetzt erstmals an der Berliner Schaubühne, eigentlich ein guter Ort für einen Neuanfang.

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Sophokles: Antigone, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Friederike Heller)

Spricht man über diesen Abend, stellt sich zunächst eine Frage: Darf eine antike Tragödie Spaß machen? Darf man sich dabei unterhalten fühlen, lachen, Vergnügen empfinden? Friederike Hellers Antigone beantwortet diese Frage mit einem emphatischen ja und zumindest die Mehrheit des Publikums erklärt sich bereit, ihr zu folgen. Wie schon in Der gute Mensch von Sezuan arbeitet Heller mit der Band Kante zusammen, zwei Schauspieler vervollständigen das – frauenlose! – Ensemble.

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Falk Richter / Anouk van Dijk: Protect Me, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Falk Richter und Anouk van Dijk)

„Are we ever alive or are we just special effects?“ Die Frage stellt Anouk van Dijk gegen Ende des zweistündigen Abends – er könnte auch als Motto über diesem stehen. Vor einem Jahr verhandelten der Autor/Regisseur und die Choreografin/Tänzerin in ihrer gemeinsamen Arbeit Trust an gleicher Stelle die Bankenkrise und ihre Auswirkungen – diesmal ist es nicht weniger als die Krise des (post)modernen Menschen. Dafür hat Richter diesmal eine Art Rahmenhandlung erfunden – ein nicht mehr ganz junger „Nachwuchs“-Autor, natürlich ein Alter Ego Richters – ob es auch ein Selbstportrait ist, sei dahingestellt – auf der Suche nach einem Titel für sein Stück. Und das namenlose Stück ist es, was Richter und van Dijk auf die Bühne bringen. Dabei ist die Namenssuche des Autors natürlich eine Metapher: Es geht um Sinnsuchen, für das eigene Leben, die Gesellschaft als ganzes, Beziehungen. Vor allem aber verschiebt sich gegenüber Trustder Fokus: Stand dort noch das gesellschaftliche, politische im Vordergrund, geht es diesmal mehr um das Private, Persönliche.

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William Shakespeare: Othello, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Am Anfang ist hier nicht das Wort, sondern die Musik. Thomas Ostermeier stellt, oder genauer setzt, vier Musiker um seinen musikalischen Leiter Nils Ostendorf auf die Bühne und überlässt der Musik die Einstimmung. Dazu wird ein nackter Othello zunächst von Desdemona mit schwarzer Farbe bemalt, anschließend wird er per Videprojektion mit verrauschten Bildern angestrahlt. Anschließend landet er mit Desdemona auf dem Bett und unter der Decke, die dabei ebenfalls als Leinwand dient. Bett und Paar werden herausgeschoben und damit gleichsam entsorgt. Die Show gehört anderen.

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Edward Bond: Gerettet, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Benedict Andrews)

Mit Skandalstücken ist das so eine Sache: Was bleibt, wenn der Skandal vorüber ist, wenn die damals gebrochenen Tabus längst vergessen sind, wenn, was damals schockierte dies heute nicht mehr vermag? „Gerettet“, 1967 uraufgeführt und kurz darauf verboten, ist so ein Stück. Benedict Andrews hat es in Berlin auf die Bühne gebracht und er hat einen ungewohnten Weg gewählt: Er inszeniert das Stück mit leichter Hand und bringt das lange verschüttete komische Potenzial so mancher Szene zum Vorschein. Möbelstücke werden hin- und her geschoben, die Protagonisten Len und Pam vergnügen sich so ungezwungen wie ungelenk auf dem Sofa, ein Ruderboot wird über die Bühne gezogen – gerade die erste Hilfe verrät eine Leichtigkeit, wie sie der tastenden Identitätssuche der Protagonisten entspricht.

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Falk Richter / Anouk van Dijk: Trust, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Falk Richter und Anouk van Dijk)

Trust ist der Versuch eines Kommentars, ja, einer Analyse, wenn beides droht, in Platitüden, in Binsenweisheiten zu erstarren. Der Kapitalismus, die Finanzkrise, der Zusammenbruch der Mittelschicht: all das ist zu Tode analysiert, behauptet, herbeigeschworen worden. Trust liefert die Bilder zur Krise. Richters Text ist Steinbruch, der von van Dijk illustriert, intensiviert, aber auch punktuell aufgehoben wird. Die Tänzer winden sich wie die Darsteller, wie auch die Sprache, die zu Worthülsen wird, deren Bedeutung sie längst verlassen hat. Man muss der zugegeben pessimistischen, ja fatalistischen Analyse nicht zustimmen, um ihr Stringenz zu attestieren. Trust ist Bewegung, im Tanz, im Spiel, in der Sprache, aber es ist eine ziellose Bewegung, die Bedeutung sucht und nicht findet, eine verzweifelte, die Boden sucht, wo keiner mehr ist. Eine Verbindung aus Tanz- und Sprechtheater, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Ein intensiver, intelligenter und zum Nachdenken anregender Theaterabend.