Archiv der Kategorie: Schaubühne am Lehniner Platz

Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Der rote Hahn kräht nicht

Rainald Grebe: fontane.200: Einblicke in die Vorbereitungen des Jubiläums des zweihundertsten Geburtstags Theodor Fontanes, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Rainald Grebe)

Von Sascha Krieger

Rainald Grebe und Brandenburg verbindet eine nicht ganz leichte Beziehung. Zum einen lebt der Kabarettist, Musiker, Theatermacher und vermutlich noch einiges mehr bereits seit Jahren in dem Bundesland, zum anderen verdankt er seine Popularität zu einem nicht geringen Teil seinem Lied „Brandenburg“, die als Hommage an das Land zu bezeichnen einige Argumentationskraft erfordern würde. „Es gibt Länder, wo was los ist“, singt er da. „Und es gibt Brandenburg.“ Wenn er sich nun Theodor Fontane widmet, der, wäre Brandenburg eine Nation, zweifellos ihr Nationaldichter wäre, geht es natürlich eben auch um die Region, die bei dem Spätstarter, der mit 60 seinen ersten Roman veröffentlichte und im kommenden Jahr 200 Jahre alt würde, stets Dreh- und Angelpunkt war. Ach ja, das Jubiläum. Das ist der Anlass dieses Abends. Grebe habe eine Anfrage bekommen, sich zu beteiligen, berichtet er auf der Bühne – und das entspricht wohl auch der Wahrheit. Statt in Neuruppin 2019 spielt er seinen Fontane-Abend jedoch jetzt schon, in Berlin. Das ist vielleicht auch besser so.

Bild: Thomas Aurin

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Ein Untergang

Milo Rau & Ensemble: Lenin, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Das Thema liegt ja auf der Hand. In wenigen Wochen jährt sich mit der russischen Oktoberrevolution eine der einschneidensten Zeitenwenden der jüngeren Menschheitsgeschichte zum hundertsten Mal. Dass ein so hochpolitischer Theatermacher wie Milo Rau, der als Sohn eines Trotzkisten zudem eigenen einschlägiges Gepäck mit sich herumschleppt, sich dieses Jubiläum nicht entgehen lassen würde, war erwartbar. Dass daraus gleich ein theatral aktionistisches Triptychon werden würde vielleicht weniger. Rau ist einer, der mit seiner Arbeit direkt in politische Debatten hineinwirken will und so lädt er am ersten November-Wochenende zur „General Assembly“ in die Berliner Schaubühne, einem alternativen Weltparlament, das den nicht Gehörten eine Stimme verleihen sollt, dem neuen „globalen dritten Stand“, der durchs Roster der Demokratie gefallen sei. Eine Anknüpfung also an eine der Triebfedern für die revolutionären Bewegungen vor hundert Jahren. Und weil Rau noch immer auch für seine Reenactments bekannt ist, spielt er in der Folge den Sturm aufs Winterpalais am Berliner Reichstag nach. Nun ist die Schaubühne aber in erster Linie ein (Repertoire-)Theater und benötigt Futter für den Spielplan. Womit wir bei Punkt eins von Raus Oktoberrevolutions-Dreigestirn sind. Ein Theaterabend namens Lenin über den lange ikonischen und längst ausrangierten Revolutions- und Staatsführer. Die Pflicht steht eben auch für einen Theatermacher vor der Kür.

Bild: Thomas Aurin

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In der eigenen Falle

Nach Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / Manchester International Festival MIF (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist das kein Zufall. Am Tag, als – und das war seit Monaten vorhersehbar – zum ersten Mal nach dem Ende der NS-Diktatur eine Partei der extremen Rechten in Fraktionsstärke in den Deutschen Bundestag einzieht und gar drittstärkste Kraft wird, bringt die Schaubühne ein Buch auf die Bühne, das sich – unter anderem – damit befasst, wie ein ehemals eng der radikalen Linken verbundener Teil der französischen Arbeiterschicht zu dem werden konnte, was er heute ist: der Nährboden und das Fundament einer der erfolgreichsten und radikalsten rechtsextremen Parteien Europas, des Front National. Rückkehr nach Reims des selbst besagter Schicht entstammenden Soziologen Didier Eribon ist eine persönliche Beschreibung einer Heimkehr, einer Selbstvergewisserung über die Akzeptanz der eigenen Herkunft. Eribon will anhand seiner eigenen Familie und seines individuellen Emanzipationsprozesses aufzeigen, wie auch das Wahlverhalten der gern so genannten „Unterschicht“ beeinflusst wird, ob und auf welche Weise sie sich in gesellschaftlichen Diskursen gespiegelt sieht, wie das (französische) Gesellschaftssystemen beispielsweise im Bildungsbereich darauf ausgelegt sei, den Status Quo der „Klassenunterschiede“ (Eribon ist nach wie vor stark marxistischem Denken verpflichtet) zu verfestigen.

Bild: Arno Declair

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„Wem gehört der Zeppelin?“

Frei nach Texten von Ödön von Horvath: Zeppelin, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Herbert Fritsch)

Von Sascha Krieger

„Wem gehört der Zeppelin?“, fragt Bastian Reiber einmal, mit unverstellter Stimme, ins Publikum hinein, ein kurzer Moment des Aus-der-Rolle-Fallens. Da ist der Abend schon weit fortgeschritten, jener erste, den Herbert Fritsch, der aus dem Paradies „seiner“ Volksbühne geworfene, an seiner neuen (Exil-)Heimat Schaubühne inszenieren wird. Es ist natürlich seiner, dieser Zeppelin oder besser sein Metallskelett, das vor blass himmelblauem Hintergrund da Bühnenbild dieses Auftakts bildet, der auch die erste Spielzeitpremiere ist – so wichtig ist Thomas Ostermeiers Haus dieser „Neuzugang“. Der Bildermaler des Absurden, der Großmeister des grellen Klamauks, der große sinnstiftende Sinnverweigerer – passt er eigentlich hierhin, mitten in den gesetzten Westen Berlins, den Ort des gepflegten Geschichtenerzählens, immer eine Spur glatter, ein wenig zurückhaltender, etwas stilsicherer als anderswo in dieser Stadt? Kann er diese in über 20 Jahren Ostermeier zuweilen doch etwas routiniert gewordene Spielstätte mit neuem, subversiven Leben füllen oder wird der Kompromisslose hier weniger wild, milder, subtiler werden. Eine Frage, die dieser Abend noch nicht endgültig beantworten kann. Wenn die Nadel jedoch zumindest leicht in eine Richtung ausschlägt, dann wäre es letztere.

Bild: Thomas Aurin

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Im schwarzen Loch der Beliebigkeit

FIND 2017 – Romeo Castellucci frei nach dem Buch von Alexis de Tocqueville: Democracy in America, deSingel International Artcampus, Antwerpen / Wiener Festwochen (Regie: Romeo Castellucci)

Von Sascha Krieger

Es ist ja immer wieder schön, wenn der geneigte Theaterbesucher etwas Neues lernt. Zum Beispiel über Glossolalie: Dabei handelt es sich um Fantasiesprachen, die keinerlei kodifizierte Bedeutung haben, aber wie „echte“ Sprachen klingen. Zuweilen wird sie in religiösen Zusammenhängen eingesetzt, sogar in der einen oder anderen christlichen Kirche. Dann gilt das Kauderwelsch als göttliche Sprache, dem, der sie „spricht“, von der höchsten Instanz eingegeben. Während  die Erklärung auf einem semitransparenten Vorhang erscheint, hört das Publikum Beispiele aus einer US-amerikanischen Kirche Anfang der 1980er-Jahre. Die Nähe zu Gotte, ja, der Glaube, „God’s own country“ zu sein, gehört bis heute zum Selbstverständnis des Landes, das sich nach wie vor als das großartigste der Welt sieht: die USA. Während sich diese aufmachen, wieder so großartig zu werden, wie sie immer schon gewesen zu sein glaubten, widmet sich der italienische Regisseur Romeo Castellucci der Demokratie in Amerika. Das gleichnamige, heute noch in den Vereinigten Staaten verehrte Werk des Franzosen Alexis de Tocqueville ist dabei wenig mehr als Namensgeber. Auch für den Zustand besagter Demokratie im Jahr eins der populistischen Ära interessiert sich Castellucci wenig. Nein, er schaut lieber zurück, zu den Wurzeln, zur Herkunft dieses Landes und seiner Überlegenheitsideologie (zumindest dies hat seine Arbeit mit der des Tocquevilles gemeinsam). Und er verortet sie in der Religion – auch das ist für einen Künstler, der sich viele Jahre als Lieblingsfeind der katholischen Kirche gefiel, kaum überraschend.

Bild: Luca Del Pia

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Revolution in der Halbdistanz

FIND 2017 – Gary Owen: Iphigenia in Splott, Sherman Theatre, Cardiff (Regie: Rachel O’Riordan)

Von Sascha Krieger

„Powerful“ ist ein Begriff, der in Rezensionen zu Gary Owens preisgekröntem Stück Iphigenia in Splott immer und immer wieder auftaucht. Als es 2015 in Cardiff uraufgeführt und wenige Monate später am National Theatre in London zu sehen war, überschlugen sich die englischsprachigen Kritiker, vergaben reihenweise fünf Sterne, Andrew Haydon sah im Guardian sogar den Beginn einer Revolution. Jetzt ist die damals als bestes neues Stück ausgezeichnete Produktion in Berlin zu sehen und der Rezensent reibt sich verwundert die Augen. Auch, wenn am Ende der Schlussapplaus aufbraust. Was, so fragt sich (nur?) der Autor dieser Zeilen, habe ich in den letzten gut 70 Minuten verpasst? Um es gleich vorweg zu nehmen: Iphigenia in Splott in der Uraufführungsregie ist keine Theaterkatastrophe. Es ist ein gut gemachtes Ein-Personenstück, unterhaltsam geschrieben und ohne Längen inszeniert – und phänomenal gespielt von einer nichts zurückhaltenden Sophie Melville. Aber eben auch nicht mehr als das.

Bild: Mark Doeut

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„Wer würde sich entscheiden, nicht zu sein?“

FIND 2017 – Dead Centre: Hamnet (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

Über 90 Millionen Mal hat er den Ball schon gegen die graue Wand geworfen, immer ist er abgeprallt. Aber, so hat er auf Google gelesen, wenn er es unendlich viele Male tut, wird er irgendwann einmal die Mauer passieren. Zumindest hofft er das. „Quantentunnel“ heißt das. Er, das ist ein 11-Jähriger in T-Shirt und Kapuzenjacke, der seinen Sculrucksack mit sich trägt. Als wir ihm das erste Mal begegnen, ist er auf der Rückwand zu sehen, eine Projektion, vor uns, dem gespiegelten Theaterauditorium. Bald steht er leibhaftig auf der Bühne, in Gestalt des fabelhaften jungen Dubliners Ollie West, und bleibt doch, immer in der Gegenperspektive, auch Projektion. Nein, das ist kein gewöhnlicher Schuljunge, der sich und uns zunächst fragt, ob vielleicht sein verschwundener Vater im Publikum sei. Hamnet heißt er, ja mit „n“ – was für ein Unterschied ein Buchstabe doch macht. Der Shakespeare-Kenner weiß: Hamnet hieß des Dichters einziger Sohn, gestorben im Alter von 11 Jahren, sein Vater zum Zeitpunkt des Todes abwesend. Vor diesem Hintergrund erschließen sich die Bemerkungen des Jungen, schon sehr lange 11 Jahre alt zu sein, nicht zu wachsen, seinen Stimmbruch nicht zu erleben. Nein, er ist nicht gerade auf dem Heimweg von der Schule, er ist hier gefangen in einer Zwischenwelt, hoffend, irgendwann die Wand zu durchbrechen.

Foto: Ste Murray, Bild: Jason Booher

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Wenn es dunkel wird

FIND 2017 – Roberto Farías und Pablo Larraín: Acceso (Regie: Pablo Larraín)

Von Sascha Krieger

Sandokan schwitzt. Sandokan rast. Sandokan hetzt rastlos hin und her, preist Waren an, die keiner will. Sandokan starrt an, gefühlte Minutenlang, sucht Augenkontakt, wirft sie wie einen Fehdehandschuh in die Arena, eine fiebernd manische Herausforderung in Form eines vielfach Geschlagenen, eines, der ganz unten angekommen ist, der vom Hof gejagt wurde, weil er Anschluss, Zugang suchte. Berlinale-Besucher kennen ihn vielleicht. In Pablo Larraíns El Club, 2015 im Berlinale Wettbewerb, platzte er als menschliches Störfeuer in eine Runde ehemaliger Priester, die, wie der Zuschauer erst nach und nach erfuhr, verstoßen wurden wegen moralischer Vergehen, die auch kriminelle waren, aber nie als solche geahndet wurden. Sandokan war das Opfer, drogenabhängig, vom Leben ausgespuckt, manisch anklagend, wütend, um gehört zu werden und am Ende doch nur als lästig abgetan. Jetzt, in Larraíns erster Theaterarbeit, bekommt er seine Bühne. Sie ist leer, oder besser: Sie ist das Publikum, die Gesellschaft, die Welt derer, die dazugehören. Ihnen will er allerlei Trödel verkaufen: die chilenische Verfassung, eine Kinderbibel, esoterischen Kram. Alles für nur 2.000 Pesos. Atemlos preist er sein Warenlager an, sorgt in seiner vermeintlich schmerzfreien Unverschämtheit für manchen Lacher.

Bild: Sergio Armstrong

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Lauwarmer Kartoffelsalat

FIND 2017 – Richard Nelson: The Gabriels: Election Year in the Life of one Family. Teil 2: What did you expect?, The Public Theater, New York (Regie: Richard Nelson)

Von Sascha Krieger

Es ist wie ein Besuch bei Freunden, die man lange nicht gesehen hat. OK, sie heißen jetzt anders und ein paar neue Gesichter sind auch dabei. Aber natürlich lässt sich in den Gabriels, die Autor und Regisseur Richard Nelson durch das wohl seltsamste aller amerikanischen Wahljahre schickt, natürlich die Familie Apple wiederfinden, mit denen er sich vor ein paar Jahren an wesentlichen Momenten der jüngsten amerikanischen Geschichte abarbeitete. Das Prinzip ist das Gleiche: Jeweils für einen Tag besuchen wir die Damen und einen Herren, allesamt mittleren bis fortgeschrittenen Alters, schauen in ihrem Zuhause – in diesem Fall einer Wohnküche – vorbei und hören ihnen zu. Es geht vor allem um Persönliches, Privates, Existenzielles. Der Mann von Protagonistin Mary ist tot, die Vorvorgängerin hilft bei der Ordnung des Nachlasses und der Suche nach teuer Verkäuflichem darin. Die Geschwister des Verstorbenen plagen Geld- und Zukunftssorgen, der Heimatort wird zunehmend gentrifiziert, die Mutter kann sich das Altenheim nicht mehr leisten, mehrere Häuser sind in Gefahr. Und zu alledem kommt, wenn auch zumindest im zweiten Teil nurmehr als lästige Fußnote, die politische Umwälzung eines Landes, dass die (einstigen?) Mittelschichtler – Thomas war Theaterautor, Mary Ärztin – zunehmend nicht mehr als das eigene erkennen.

Bild: Joan Marcus

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