Archiv der Kategorie: Schaubühne am Lehniner Platz

Fünf Figuren suchen (k)einen Ausweg

Dead Centre nach „Der Sturm“ von William Shakespeare: Shakespeare’s Last Play, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

„All the world’s a stage“? Ist es nicht eher andersherum? Versuchen wir es doch mal so: Klappen wir die halbrunde Spielfläche in angenehmem Blau einmal hoch und schauen, was sich darunter verbirgt: Aha, eine Insel! Zwei Berge hat sie nicht, aber zwei Felsbrocken die vor dem Sandstrand im Wasser liegen. „I’m nearly finished“, hat die leicht traurig klingende Stimme aus dem Off gerade gesagt. Wir befinden uns in den letzten Zügen eines Autors. Einmal noch muss er Geschichten erfinden, Figuren, einen Anfang und ein Ende. Warum? Weil er nicht anders kann? Also probiert er es mit besagter Insel. Wie wäre es mit einem Schiffsunglück? Gute Idee, meint die Stimme. Ein schiffsbrüchiger Prinz, der auf ein auf der Insel lebendes Mädchen trifft? Ja, das könnte klappen. In ihrer ersten Schaubühnen-Arbeit schreibt die irische Theatergruppe Dead Centre die Entstehung von William Shakespeares letztem Stück The Tempest (Der Sturm) nach. Erstmal eine Liebesgeschichte. Bessere habe er geschrieben, so der müde Autor im Off, aber die Liebe habe sich ja auch nicht verbessert. Das reicht nicht. Also wie wäre es mit einem Mord? Sex? Tod? Probieren wir aus.

Bild: Marco Bresadola

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Steinewerfer im Glashaus

FIND #18 – Simon Stone nach Motiven von Henrik Ibsen: Ibsen Huis, Toneelgroep Amsterdam (Regie: Simon Stone)

Von Sascha Krieger

Schon wieder ein Ferienhaus, ein gläsernes noch dazu. Modernistisch, architektonisch wertvoll. Wer Simon Stones Überschreibung der Drei Schwestern gesehen hat, fühlt sich gleich ein wenig zuhause. Und weiß was kommt: Geheimnisse, die aufgedeckt, Leichen die aus dem gläsernen Keller geholt, Selbstbetrüge, die entlarvt werden. Im Glashaus werden Steine geworfen, große Brocken, tödliche. Ein Haus steht im Mittelpunkt von Tschechows Stück und Häuser sind meist auch Dreh-, Angel- und Schicksalspunkte in den Dramen Henrik Ibsens. Derer sich Stone diesmal als Ganzes annimmt, als Kosmos der Erforschung und Sezierung der elementarsten und gestörtesten gesellschaftlichen Einheit überhaupt: der Familie. Und was für eine Familie sich Stone aus Ibsens Universum zusammengesammelt hat: Da ist der Patriarch, Cees Kerkman, gefeierter Architekt, Wiedergänger von Ibsens Solness, Bruder im Ungeiste seiner anderen Alpha-Männer, der Borkmans und Brands. Hans Kesting spielt ihn als fast karikaturhaften Tyrannen, der charmant sein kann, kalt berechnend und cholerisch, der umschalten kann im Bruchteil einer Sekunde, ein vollständig selbstbezogenes Familienmonster mit einem dunklen Geheimnis. Einem? Ach was? So billig kommen wir bei Stone nicht davon.

Bild: Jan Versweyveld

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Der Duft der Erinnerung

FIND #18 – Amir Nazir Zuabi nach einer Idee Corinne Jaber: Oh My Sweet Land, Youn Vic, London / Théâtre de Vidy, Lausanne (Regie: Amir Nazir Zuabi)

Von Sascha Krieger

Das Theater ist, das ist jetzt keine Neuigkeit, eine Kunstform der Präsenz. Publikum und Darsteller*innen befinden sich zur gleichen Zeit im gleichen Raum, die Kopräsenz von Darstellung und Rezeption macht es nicht nur einzigartig, sie ermöglicht auch die Ansprache aller menschlichen Sinne. Eine Möglichkeit, die eher selten wahrgenommen wird. Amir Nazir Zuabi und Corinne Jaber wollen sie nutzen. Auch wenn Geschmacks- und Tastsinn erneut außen vorbleiben, tritt in Oh My Sweet Land zumindest die olfaktorische Ebene hinzu. Und übernimmt gleich eine Hauptrolle. Es ist der Duft der karamelisierten Zwiebeln, der die Erinnerung hervorruft, eine Heimat aufruft, die verloren scheint und doch als zentraler Bestandteil der eigenen Individualität festzuhalten ist, zu suchen, in dem, was von ihr übrig ist. Zum Beispiel Kibbeh, ein zwiebelreiches syrisches Gericht, das die namenlose Figur, die Jaber spielt und mit der sie ihre deutsch-syrische Herkunft teilt, fast obsessiv immer und immer wieder zubereitet. Um „das Loch in ihrer Seele zu schließen“, wie sie am Anfang sagt. Wenn der süßlich scharfe Duft durch den Raum weht, kommt mit ihm die Heimat, ersteht vor dem Zuschauer das verlorene Land, wächst in ihr die Erinnerung.

Bild: Maria Del Curto

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Herberts Nullnummer

Herbert Fritsch: NULL, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Herbert Fritsch)

Von Sascha Krieger

Die Null ist eine seltsame Zahl. Man kann nicht zu ihr zählen, tut es aber doch. Sie bezeichnet etwas, das nicht da ist, aber irgendwie auch dieses Etwas, das, was da sein könnte oder da war. Ein, zwei, drei und so weiter sind Daseinszahlen, sie bezeichnen, was existiert, präsent ist, fassbar. Die Null dagegen ist eine Möglichkeitszahl. Sie ist Anfang und Ende, in ihr beginnt das vielleicht unendlich Wachsende, in ihr endet der Countdown, der selbst wieder ein Anfang ist. Eine großartige Zahl, die alles einschließt. Die Eins ist eines, die Zwei zwei. Die Null aber ist alles und nicht und was auch immer sich dazwischen vorstellen ließe. Herbert Fritsch ist ein Sucher nach Anfängen, ein Virtuose des Scheiterns, ein Meister des Versuchs. Die Null ist seine Zahl. Hier fängt sein Theater an, hier hört es auch. Es ist, was dazwischen liegt, was es so magisch, rätselhaft, aufregend macht. Die unendliche Zahl der Möglichkeiten, die er bestenfalls andeutet. Ein Theater der Rätsel, das in Rätseln spricht. In solchen aus Lauten, Worten, Musik, Licht, Zeit, Raum. In diesem neuen Fritsch-Raum liegen rote Kunststoffplatten. Quadratische. Einige haben ein kreisrundes Loch. Nicht fern von ihnen liegen Kreise in der gleichen Größe wie das Loch. Das Etwas, das im Nichts des Lochs einmal war oder dort sein könnte. So wird das Loch, die Null zum etwas, transportiert, das was dort sein könnte, immer mit.

Bild: Thomas Aurin

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Der rote Hahn kräht nicht

Rainald Grebe: fontane.200: Einblicke in die Vorbereitungen des Jubiläums des zweihundertsten Geburtstags Theodor Fontanes, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Rainald Grebe)

Von Sascha Krieger

Rainald Grebe und Brandenburg verbindet eine nicht ganz leichte Beziehung. Zum einen lebt der Kabarettist, Musiker, Theatermacher und vermutlich noch einiges mehr bereits seit Jahren in dem Bundesland, zum anderen verdankt er seine Popularität zu einem nicht geringen Teil seinem Lied „Brandenburg“, die als Hommage an das Land zu bezeichnen einige Argumentationskraft erfordern würde. „Es gibt Länder, wo was los ist“, singt er da. „Und es gibt Brandenburg.“ Wenn er sich nun Theodor Fontane widmet, der, wäre Brandenburg eine Nation, zweifellos ihr Nationaldichter wäre, geht es natürlich eben auch um die Region, die bei dem Spätstarter, der mit 60 seinen ersten Roman veröffentlichte und im kommenden Jahr 200 Jahre alt würde, stets Dreh- und Angelpunkt war. Ach ja, das Jubiläum. Das ist der Anlass dieses Abends. Grebe habe eine Anfrage bekommen, sich zu beteiligen, berichtet er auf der Bühne – und das entspricht wohl auch der Wahrheit. Statt in Neuruppin 2019 spielt er seinen Fontane-Abend jedoch jetzt schon, in Berlin. Das ist vielleicht auch besser so.

Bild: Thomas Aurin

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Ein Untergang

Milo Rau & Ensemble: Lenin, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Das Thema liegt ja auf der Hand. In wenigen Wochen jährt sich mit der russischen Oktoberrevolution eine der einschneidensten Zeitenwenden der jüngeren Menschheitsgeschichte zum hundertsten Mal. Dass ein so hochpolitischer Theatermacher wie Milo Rau, der als Sohn eines Trotzkisten zudem eigenen einschlägiges Gepäck mit sich herumschleppt, sich dieses Jubiläum nicht entgehen lassen würde, war erwartbar. Dass daraus gleich ein theatral aktionistisches Triptychon werden würde vielleicht weniger. Rau ist einer, der mit seiner Arbeit direkt in politische Debatten hineinwirken will und so lädt er am ersten November-Wochenende zur „General Assembly“ in die Berliner Schaubühne, einem alternativen Weltparlament, das den nicht Gehörten eine Stimme verleihen sollt, dem neuen „globalen dritten Stand“, der durchs Roster der Demokratie gefallen sei. Eine Anknüpfung also an eine der Triebfedern für die revolutionären Bewegungen vor hundert Jahren. Und weil Rau noch immer auch für seine Reenactments bekannt ist, spielt er in der Folge den Sturm aufs Winterpalais am Berliner Reichstag nach. Nun ist die Schaubühne aber in erster Linie ein (Repertoire-)Theater und benötigt Futter für den Spielplan. Womit wir bei Punkt eins von Raus Oktoberrevolutions-Dreigestirn sind. Ein Theaterabend namens Lenin über den lange ikonischen und längst ausrangierten Revolutions- und Staatsführer. Die Pflicht steht eben auch für einen Theatermacher vor der Kür.

Bild: Thomas Aurin

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In der eigenen Falle

Nach Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / Manchester International Festival MIF (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist das kein Zufall. Am Tag, als – und das war seit Monaten vorhersehbar – zum ersten Mal nach dem Ende der NS-Diktatur eine Partei der extremen Rechten in Fraktionsstärke in den Deutschen Bundestag einzieht und gar drittstärkste Kraft wird, bringt die Schaubühne ein Buch auf die Bühne, das sich – unter anderem – damit befasst, wie ein ehemals eng der radikalen Linken verbundener Teil der französischen Arbeiterschicht zu dem werden konnte, was er heute ist: der Nährboden und das Fundament einer der erfolgreichsten und radikalsten rechtsextremen Parteien Europas, des Front National. Rückkehr nach Reims des selbst besagter Schicht entstammenden Soziologen Didier Eribon ist eine persönliche Beschreibung einer Heimkehr, einer Selbstvergewisserung über die Akzeptanz der eigenen Herkunft. Eribon will anhand seiner eigenen Familie und seines individuellen Emanzipationsprozesses aufzeigen, wie auch das Wahlverhalten der gern so genannten „Unterschicht“ beeinflusst wird, ob und auf welche Weise sie sich in gesellschaftlichen Diskursen gespiegelt sieht, wie das (französische) Gesellschaftssystemen beispielsweise im Bildungsbereich darauf ausgelegt sei, den Status Quo der „Klassenunterschiede“ (Eribon ist nach wie vor stark marxistischem Denken verpflichtet) zu verfestigen.

Bild: Arno Declair

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„Wem gehört der Zeppelin?“

Frei nach Texten von Ödön von Horvath: Zeppelin, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Herbert Fritsch)

Von Sascha Krieger

„Wem gehört der Zeppelin?“, fragt Bastian Reiber einmal, mit unverstellter Stimme, ins Publikum hinein, ein kurzer Moment des Aus-der-Rolle-Fallens. Da ist der Abend schon weit fortgeschritten, jener erste, den Herbert Fritsch, der aus dem Paradies „seiner“ Volksbühne geworfene, an seiner neuen (Exil-)Heimat Schaubühne inszenieren wird. Es ist natürlich seiner, dieser Zeppelin oder besser sein Metallskelett, das vor blass himmelblauem Hintergrund da Bühnenbild dieses Auftakts bildet, der auch die erste Spielzeitpremiere ist – so wichtig ist Thomas Ostermeiers Haus dieser „Neuzugang“. Der Bildermaler des Absurden, der Großmeister des grellen Klamauks, der große sinnstiftende Sinnverweigerer – passt er eigentlich hierhin, mitten in den gesetzten Westen Berlins, den Ort des gepflegten Geschichtenerzählens, immer eine Spur glatter, ein wenig zurückhaltender, etwas stilsicherer als anderswo in dieser Stadt? Kann er diese in über 20 Jahren Ostermeier zuweilen doch etwas routiniert gewordene Spielstätte mit neuem, subversiven Leben füllen oder wird der Kompromisslose hier weniger wild, milder, subtiler werden. Eine Frage, die dieser Abend noch nicht endgültig beantworten kann. Wenn die Nadel jedoch zumindest leicht in eine Richtung ausschlägt, dann wäre es letztere.

Bild: Thomas Aurin

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Im schwarzen Loch der Beliebigkeit

FIND 2017 – Romeo Castellucci frei nach dem Buch von Alexis de Tocqueville: Democracy in America, deSingel International Artcampus, Antwerpen / Wiener Festwochen (Regie: Romeo Castellucci)

Von Sascha Krieger

Es ist ja immer wieder schön, wenn der geneigte Theaterbesucher etwas Neues lernt. Zum Beispiel über Glossolalie: Dabei handelt es sich um Fantasiesprachen, die keinerlei kodifizierte Bedeutung haben, aber wie „echte“ Sprachen klingen. Zuweilen wird sie in religiösen Zusammenhängen eingesetzt, sogar in der einen oder anderen christlichen Kirche. Dann gilt das Kauderwelsch als göttliche Sprache, dem, der sie „spricht“, von der höchsten Instanz eingegeben. Während  die Erklärung auf einem semitransparenten Vorhang erscheint, hört das Publikum Beispiele aus einer US-amerikanischen Kirche Anfang der 1980er-Jahre. Die Nähe zu Gotte, ja, der Glaube, „God’s own country“ zu sein, gehört bis heute zum Selbstverständnis des Landes, das sich nach wie vor als das großartigste der Welt sieht: die USA. Während sich diese aufmachen, wieder so großartig zu werden, wie sie immer schon gewesen zu sein glaubten, widmet sich der italienische Regisseur Romeo Castellucci der Demokratie in Amerika. Das gleichnamige, heute noch in den Vereinigten Staaten verehrte Werk des Franzosen Alexis de Tocqueville ist dabei wenig mehr als Namensgeber. Auch für den Zustand besagter Demokratie im Jahr eins der populistischen Ära interessiert sich Castellucci wenig. Nein, er schaut lieber zurück, zu den Wurzeln, zur Herkunft dieses Landes und seiner Überlegenheitsideologie (zumindest dies hat seine Arbeit mit der des Tocquevilles gemeinsam). Und er verortet sie in der Religion – auch das ist für einen Künstler, der sich viele Jahre als Lieblingsfeind der katholischen Kirche gefiel, kaum überraschend.

Bild: Luca Del Pia

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