Archiv der Kategorie: Sarah Kane

Wenn sich der Mensch aufbäumt

Sarah Kane: 4.48 Psychose, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Ulrich Rasche)

Von Sascha Krieger

Auch in seiner ersten Arbeit am Deutschen Theater ist alles wie immer bei Ulrich Rasche: Menschen auf Laufbändern, in unablässiger Bewegung nicht von der Stelle kommend, sie sprechen rhythmisch, mechanisch, abgehackt, Sprache, Bedeutung hinterfragend im Prozess des Sprechens, ein nicht enden wollender Marsch ohne Anfang, ohne Ziel, hinter, unter den Text, hin zu vermuteten Wahrheiten oder zumindest den Fragen, die man gemeinhin die „großen“ Sennt, nach Sinn, Bedeutung, Existenz, Menschsein. Und doch ist alles anders: Der maschinelle aufwand ist stark reduziert, die Laufbänder vergleichsweise klein, die heben und sehnen sich nicht, verschieben sich nicht gegen einander, keine Materialschlacht, sondern das Mindestmaß, das nötig ist, um Rasches theater zu betreiben. Und noch etwas ist anders: Es ist kein Klassiker der dramatischen Literatur, den der Regisseur bearbeitet, keine Geschichte um Macht, Ohnmacht, das Geworfensein des Menschen in eine feindselige Welt, in der und mit der er umgehen, in der er sich positionieren muss, sondern ein Stück, das nach innen gewandter nicht sein könnte. Sarah Kanes letzte Arbeit vor ihrem Suizid mit 28 Jahren ist eine Auseinandersetzung mit sich selbst, der Depression, in deren Fängen sie sich befand, den Auswirkungen selbiger auf ihre Sicht auf die Welt und sich selbst, die Dunkelheit, die nicht Ruhe geben würde, bevor sie alles verschlungen hätte.

Bild: Arno Declair

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Arena der Finsternis

Theatertreffen 2012 – Sarah Kane: Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose, Münchner Kammerspiele (Regie: Johan Simons)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das ja der neue Stil des Theatertreffens, des ersten der Ära Oberender bei den Berliner Festspielen. Thomas Oberender ist ein zurückhaltender Mann, der das, was er tut, sehr viel ernster nimmt als sich selbst. Und einer, der sich nicht scheut, die Realität zuzulassen in seinen Festspielen. Und so werden die Eröffnungsgäste von Studenten der Ernst-Busch-Hochschule begrüßt, die lautstark gegen die derzeit von der Koalition in Berlin in Frage gestellten Neubaupläne für ihre Einrichtung protestieren. Einer von ihnen, Nils Strunk, darf dann auch als erster Redner seinen Appell an das Publikum richten. Gleich nach ihm spricht auch Oberender die prekäre Situation vieler Theater an und fordert: „Wir brauchen jenseits der Spardebatte auch eine Diskussion über Visionen und Ideen“. Da ist es ein wichtiges Signal, dass Kulturstaatsminister Bernd Neumann sagt: „In einer Zeit zunehmender Orientierungslosigkeit wäre es töricht, Kultureinrichtungen zu schließen.“ Und er beantwortet die Frage, ob wir alle öffentlich finanzierten Theater in Deutschland auch wirklich brauchen: „Ja, ja, und nochmals ja. Wir brauchen sie alle!“ Eine deutliche Aussage, aber das mit den Worten und den ihnen folgen müssenden Taten ist ja hinlänglich bekannt.

Sarah Kane Johan Simons

Marc Benjamin und Sylvana Krappatsch (Foto: Julian Röder)

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