Archiv der Kategorie: Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Dekonstruktion und Dialog

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Staatskapelle Berlin: Zweimal Beethovens neunte Symphonie zum Jahreswechsel

Von Sascha Krieger

Mit Traditionen ist das so eine Sache. Sie verleihen den Menschen ein Gefühl der Verlässlichkeit und Sicherheit, können Wohlfühloase sein und Auffangnetz. Begrifflichkeiten, die in der Kunst normalerweise eher wenig zu suchen haben. Gilbt es hier Traditionen, sind sie daher mit besonderer Vorsicht zu genießen. Diejenige, zum Jahreswechsel, Ludwig van Beethovens neunte Symphonie aufzuführen, bildet da keine Ausnahme. Groß ist die Gefahr, das Werk folkloristisch zu verkleinern und seine Aufführung zu leerer Routine erstarren zu lassen. Eine Gefahr, der sich Vladimir Jurowski, neuer Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, bewusst ist. Und der er gegenübertritt, indem er so viel anders macht gegenüber seinem Vorgänger Marek Janowski, wie irgend möglich ist, ohne gleich das ganze Werk vom Spielplan zu werfen. Er will die „Neunte“ neu hörbar machen und sicher auch seine eigene Duftmarke setzen. ersteres ist löblich, letzteres verständlich, das Ergebnis eher zwiespältig.

Vladimir Jurowski (Bild: Bettina Stöß)

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Darf’s ein bisschen mehr sein?

Im Rahmen des Musikfest Berlin 2017 gibt Vladimir Jurowski sein Antrittskonzert beim Rundfunk-Sinfonieorchester Belrin

Von Sascha Krieger

Welch schöne Dramaturgie: Am Vorabend stand hier Marek Janowski am Pult und dirigierte die Berliner Philharmoniker. 15 Jahre lang stand er dem Rundgunk-Sinfonieorchester Berlin vor, das er zu einem Ausnahmeklangkörper weiter entwickelt, der es in analytischer Schärfe und Detailgenauigkeit mit so ziemlich jedem Klangkörper der Welt aufnehmen kann. Janowski war und ist ein Meister der leisen Töne, der Zwischenräume, der ernsthaften Erkundung von Klang und musikalischer Substanz. Nun steht hier ein anderer: Vladimir Jurowski heißt er, gehört zu den gefragteren Dirigenten weltweit und gibt sein Antrittskonzert als Chefdirigent des RSB. Eine natürlich immer programmatische Affäre, die der geborene Moskauer auch als solche begreift. So reicht das Spektrum dieses Debüts weit: von der Wiener Klassik über die Zweite Wiener Schule bis in die Gegenwart. Er verbeugt sich in Richtung Kernrepertoire (Beethoven, auch die deutsche Spätromantik wird gestreift – dazu später mehr), widmet sich großen Namen von Moderne und Gegenwart (Schönberg, Nono) und wagt Ungewöhnlicheres in Form des südkoreanischen Komponisten Isang Yun, schließlich gilt Jurowski als experimentierfreudig. Ein wohl durchdachtes Programm, keine Frage.

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Vladimir Jurowski bei seinem Antrittskonzert (Bild: Kai Bienert)

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Ohne Linie

Der designierte Chefdirigent Vladimir Jurowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Es ist die Wochen der zukünftigen Berliner Chefdirigenten. Gerade erst hat Kirill Petrenko sämtliche Zweifel an seiner Wahl als nächster Philharmoniker-Chef in Orkanstärke aus der Philharmonie geblasen, da dirigiert Vladimir Jurowski zwei Konzerte im Konzerthaus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das ab Herbst „seines“ sein wird. Nicht sein erster Auftritt nach der Wahl und doch heißerwartet, zumal er sich – wie Petrenko – mit zwei Mozart-Werken im Kernrepertoire bedient und zugleich ein Statement in Richtung zeitgenössischer Musik abgibt. Womöglich auch ein programmatisches, schließlich gibt er den beiden Abenden eine sehr klare thematische Klammer. Die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer steht im Zentrum aller drei Werke. Das beginnt mit einer Gelegenheitsarbeit, Mozarts „Maurerische Trauermusik“, eine Auftragsarbeit für die Freimaurer, deren Mitglied der Salzburger bekanntlich war. Ein SAtück öffentlicher Trauer, das bei Jurowski denn auch mit reichlich Oberflächenglanz daherkommt. Der Russe ist ein Freund des Schönklangs, was sich bei diesem Sieben-Minüter durchaus auszahlt. Ein angenehm feierlicher Klagegesang mit exquisitem Holzbläserklang. Elegant, bruchlos, auf Wirkung bedacht.

Vladimir Jurowski (Bild: Roman Gontcharov)

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Kein Abschied

Silvesterkonzerte 2016 – Teil 3: Marek Janowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zum letzten Mal

Von Sascha Krieger

Der Jahreswechsel ist eine besondere Zeit: Altes endet, Neues beginnt. Silvester- und Neujahrskonzerte, ob sie sich nun der leichteren Muse und der gehobenen Unterhaltung widmen oder die Zäsur feierlich begehen, teilen stets den Blick zurück mit dem voraus. Manchmal markieren sie auch Veränderungen jenseits der Jahreswende. Das Silvesterkonzert des Leipziger Gewandhausorchester etwa läutete die kommende Ära unter dem designierten Chefdirigenten Andris Nelsons ein: Zum ersten Mal dirigierte der Lette die traditionell am Jahresende stehende 9. Symphonie Ludwig van Beethovens. Anders in Berlin: Da markiert das Silvesterkonzert des Rundfunk-Sinfonieorchester das Ende einer Phase in der Orchestergeschichte, die nicht wenigen als die künstlerisch fruchtbarste gilt: Fünfzehn Jahre lang stand Marek Janowski dem Klangkörper vor, im vergangenen Jahr gab er sein Amt als Chefdirigent ab, jetzt, zum Jahreswechsel 2016/17 dirigiert er „sein“ Orchester zum letzten Mal. Ein Abschied, den er nicht zelebrieren wollte. Und doch spielt da, als sich immer mehr Zuschauer*innen erheben und das Orchester Beifall spendet, ein leises Lächeln um die Lippen des 77-Jährigen. Ein seltener Anblick bei einem Mann, der seinen Zuhörer*innen doch so viele musikalische Glücksmomente beschert hat.

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

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Feier des Menschen

Marek Janowski dirigiert Beethovens Missa solemnis mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Was zu den Sternen will, muss irgendwo starten. Fest auf der Erde verwurzelt ist die Missa solemnis, wenn Marek Janowski sie beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin dirigiert. Ludwig van Beethoven selbst soll die überlange Messe einmal als sein bestes Werk bezeichnet haben. Das mag man bewerten, wie man will, in jedem Fall ist die Musik, die Janowski in ihr findet, eine ganz und gar irdische. Sehr konzentriert, kompakt, dunkel gefärbt ist der Orchesterklang und bleibt so mit ganz wenigen Ausnahmen (etwa einer plötzlich überaus lichten pastoralen Passage kurz vor Schluss) bis zum Ende. Das Orchester repräsentiert hier das Irdische, sie ist der feste, zuweilen auch schwankende Boden, das Fundament, der Grund, auf dem der Mensch mit sich und dem Höchsten ringt. Für letzteres steht der Chor, hier der MDR Rundfunkchor Leipzig, einstudiert von Michael Gläser. Transzendentes Strahlen deutet er bestenfalls an, ansonsten dominiert ein ernster, strenger Grundton, der schon einmal ins Scharfe kippen kann. Ein Gefühl der Unerbittlichkeit strahlt er aus und auch eine gewisse, zuweilen beinahe abweisend wirkende Distanz. Die Macht, die eine göttliche sein mag oder nicht, erscheint hier nicht als helfende Hand, sondern bestenfalls als gleichgültig.

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

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Nahe am Leistungssport

Anna Vinnitskaya, Marek Janowki und das RSB spielen alle drei Klavierkonzerte von Béla Bartók in einem Programm

Von Sascha Krieger

Große Ereignisse, so sagt man, werfen ihre Schatten voraus. Vielleicht ist es so zu verstehen, dass das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und sein kürzlich zurückgetretener langjähriger Chefdirigent Marke Janowski gemeinsam mit der russischen Pianistin Anna Vinnitskaya ein Konzertprogramm entwickelt haben, das vor allem für die Solistin geradezu olympische Ausmaße hat. Drei Klavierkonzerte in einem Programm, und dann auch die nicht nur physisch ungemein fordernden drei Genrebeiträge Béla Bartóks – das ist schon nahe am Leistungssport. Immerhin gönnt man sich zwei Pausen, und trotzdem ist das Schwerstarbeit. Auch interpretatorisch. Das gilt vor allem für die ersten beiden, die, an der Oberfläche so ähnlich, denn doch erhebliche Unterschiede aufweisen. Bei Vinnitskaya dominiert ihre Verwandtschaft. Nachdem sie im Kopfsatz des ersten Konzerts die alles dominierende Rhythmik zu Gunsten einer zuweilen mäandernden Suchbewegung, die dem musikalischen Material, das sonst oft unter der perkussiven Kraft zu verschwinden droht, gar nicht schlecht tut, reduziert, findet sie schnell zu einem harten, dann eben doch überaus perkussiven Gestus, der sich durch ihr Spiel ziehen wird. Das auch subtil sein kann: Stark etwa der Beginn des zweiten Satzes, den sie gemeinsam mit dem hellwachen und hoch transparenten Orchester bis an den Rand der Fragmentierung bringt. Hier werden die Brüche sicht- und hörbar, die Bartóks Musik eben auch ausmachen. Die musikalischen Traditionen sind als Sicherheit spendende Formprinzipien obsolet geworden, die Gewissheit einer neuen Ordnung, die etwa die Schule um Schönberg antrieb, teilte er nicht.

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Bild: Felix Broede)

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Die Kunst des Innehaltens

Silvesterkonzerte 2015 – Teil 3: Beethovens Symphonie Nr. 9 mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Beginnen wir heute einmal mit dem Programmheft (das beim RSB übrigens seit einiger Zeit kostenlos ist, ein Service für den Konzertbesucher, den man gern loben darf). Da wird Marek Janowski, bis vor einigen Wochen Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin mit folgenden Worten zitiert: „Aber der wertvollste Satz i9st für mich der langsame, dritte.“ Diese Aussage im Kopf zu behalten, hilft, Janowskis Deutung von Ludwig van Beethovens neunter Symphonie zu verstehen. Der dritte Satz ist der Ruhepol des Werks – bei Janowski wird er zu dessen Mittelpunkt. Nachdenklichkeit ist sein Grundgestus und sacht wie ein gerade erst entstehender Gedanke beginnt er denn auch. Bald ergießt sich ein ruhiger Fluss, erzeugen die Holzbläser sanftes, gedämpftes Licht, darf die schlichte Gesanglichkeit den Saal erfüllen, ganz unaufdringlich und doch mit großer Selbstverständlichkeit. Wie ein Morgenaufgang erscheinen die lyrischen Passagen des Satzes, verbreiten die hohen Streicher und vor allem die Holzbläser einen vorsichtigen, sanften Glanz. Wärme durchflutet den Saal, ein leiser Hoffnungsschimmer, der den ernst – vor allem gegen Satzende nicht besiegt – ihm aber etwas dagegenstellen kann. Die friedliche Ruhe der Natur ist es, angekündigt bereits gegen Schluss des Scherzo mit seinen Hornrufen und lichten Flötenmelodien. So nah an der Pastorale ist die „Neunte“ selten. Und auch nicht so sehr bei sich selbst.

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

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In göttlichem Licht

Das Rundfunk-Sinfomnieorchester Berlin unter Marek Janowski mit Werken von Bruckner, Bach und Britten

Von Sascha Krieger

Anton Bruckner, das ist bekannt, war ein tiefreligiöser Mensch. Ein Umstand, der sich immer wieder auch in seinem Werk wiederfindet, nicht zuletzt in den Sinfonien. Und doch sind es natürlich Bruckners Ausflüge in die Kirchenmusik, die seinen Glauben am klarsten und direktesten in Musik übersetzen. Die Messe Nr. 2 e-Moll WAB 27 ist ein gutes Beispiel. Hier gehört die Zwiesprache mit Gott ganz der menschlichen Stimme. Ein achtstimmiger Chor dominiert das werk, die ihm zur Seite gestellten Bläser haben vor allem unterstützende Funktion. So auch beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung Marek Janowskis. Das Orchester nimmt sich zurück und webt einen zarten, feinen Klangteppich, auf dem sich das Flehen und Jubeln und Trauern des Chors zu entfalten vermag. Hier wird der Konzertsaal zur Kathedrale, schwebt der Gesang immer wieder zwischen Erde und Himmel, ist jegliches Anschwellen organisch entwickelt, von der dramatischen Schwere, die Bruckners Symphonie oft auszeichnet, ist hier nichts zu spüren.

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

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Vom Menschsein

Verdis Messa da Requiem mit Marek Janowski, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und dem Rundfunkchor Berlin

Von Sascha Krieger

Das ist es also: Marek Janowskis erstes Dirigat „seines“ Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, nachdem bekannt wurde, dass 76-Jährige seinen Posten als künstlerischer Leiter und Chefdirigent des RSB nicht erst zum Spielzeiten, sondern mit sofortiger Wirkung niederlegt, um, wie es in der Presseerklärung heißt, „einen zügigen und guten Übergang“ zu seinem designierten Nachfolger Vladimir Jurovski zu ermöglichen. Zumindest bis Ende 2016 wird er das Orchester jedoch wie geplant weiter dirigieren. Natürlich ist es ein interessanter Zufall, dass sein erstes Konzert nach der Mitteilung ein Werk des Abschieds ist, Giuseppe Verdis Messa da Requiem. Wenn der Abend etwas zeigt, dann, wie sehr das Berliner Publikum diesen wachen, analytisch scharfen und von Hingabe zur Musik erfüllten Geist am Dirigentenpult vermissen wird. Janowski hat einst seinen Namen als Opernspezialist gemacht und dirigiert Opern doch seit den 1990ern nur noch konzertant. Das große Drumherum interessiert ihn nicht, alle Dramatik, die er braucht, steckt in der Musik. Das hat er mit seinem gefeierten „Ring“-Zyklus bewiesen und das zeigt er auch hier, in der opernhaftesten aller Totenmessen.

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

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Im Innern des Vulkans

Marek Janowski und das RSB mit Werken von Bruch und Bruckner

Von Sascha Krieger

Max Bruch wäre bestenfalls eine Fußnote inn der Musikgeschichte, härter er nicht sein erstes Violinkonzert, jenes in g-Moll geschrieben, das heute allein mit seinem Namen verbunden ist. Ein Nebenwerk des Oratorienkomponisten und Symphonikers, dessen Hauptwerke ebenso vergessen sind wie die anderen beiden Violinkonzerte. Was bleibt, ist Einzug und allein dieses erste – mit seinem romantischen Gestus, seiner Mischung aus tänzerischer Energie und Kantabilität, seinen leicht östlich angehauchten Themen, deren Zauber kaum ein Geiger von Rang zu entgehen im Stande ist. Auch Kristof Baráti stürzt sich mit Inbrunst in Bruchs Melodik, die nirgendwo hinweist und die doch, in diesem einen Moment, so etwas wie die Essenz romantischen Komponierens ist. Barátis Spiel ist kraftvoll wie gesanglich, sein Strich energisch und fest, sein Ton rund, voll, zuweilen äußerst muskulös. Er sucht das romantische Pathos ohne zu übertreiben. Sein Spiel ufert nicht aus und ist doch in jedem Takt affirmativ. Marek Janowskis RSB liefert dazu einen kompakten, dichten, kraftvollen Orchesterklang, der sich weitgehend aufs Begleiten beschränkt und zugleich dem werk eine ungeahnte Dramatik verleiht, die der Solist nur zu gern aufnimmt. Das Solospiel kippt, vor allem im Adagio, streckenweise fast ins Süßliche, Schwelgerische und wird doch immer wieder von Janowskis Verdichtungen aufgefangen. Auch im Finale zügelt die Strenge des Orchesters die hörbaren Mühen des Solisten, etwa beim ersten Thema, so dass er schnell wieder zu seinem kraftvollen Gesang findet. Janowski jedoch versucht, dem Werk eine Substanz unterzuschieben, die es nicht hat. Doch sein dramatischer Gestus mark Gegengewicht zum romantischen Schmelz Barátis sein – ganz überzeugen kann er nicht.

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

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