Archiv der Kategorie: Ruhrtriennale

Maskierte Wahrheit

Mohammad Al Attar: The Factory, Ruhrtriennale / Volksbühne Berlin (Regie: Omar Abusaada)

Von Sascha Krieger

„Die ganze Weltsoll erfahren, was sie uns angetan haben. Die Welt soll erfahren, dass die Fabrik eine Miniatur war: von Syrien und allem, was dort geschieht.“ So steht es in einer Email, die Ahmad, Arbeiter in der riesigen Zementfabrik des französischen Konzerns Lafarge im Norden Syriens, schickt und die bei der französischen Journalistin Maryam landet, wahrscheinlich, weil sie als Tochter eines Algeriers des arabischen mächtig ist. The Factory, nach Iphigenie  die zweite gemeinsame Arbeit von Autor Mohammad al Attar und Regisseur Omar Abusaada an der Volksbühne, will die Geschichte dieser Fabriuk und in ihr von diesem Syrien erzählen, dass wir als Diktatur und Bürgerkriegsland aus den Nachrichten kennen – und von der Verstrickung auch der westlichen Welt in diesem Konflikt. Denn als die westliche Gemeinschaft das Assad-Regime verurteilte, als sich fast alle westlichen Unternehmen, die zuvor mit der Gewaltherrschaft des jungen wie des älteren Assad kaum Probleme hatten, blieb der französische Baustoffkonzern Lafarge. Wie er sich zuvor – und weiterhin – mit den Assads arrangiert hatte,  tut er es nun auch mit allen anderen bei denen es nötig erscheint. So erhält selbst der IS Millionen an Schutzgeldern aus Frankreich.

Bild: David Baltzer

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Am Anfang war der Bierkasten

Leien des Alltags: Mutti muss nach Lichtenberg – Gentrification #2, Ballhaus Ost, Berlin / Ruhrtriennale

Von Sascha Krieger

Die Geschichte der Zivilisation muss neu geschrieben werden: Sie beginnt vor Hunderten von Jahren mit einem Bierausträger. Weil ihm der Transport einzelner Krüge zu mühselig erschien, erfand er den Bierkasten. Bald wurde der zum Zentrum menschlicher Gruppierungen, ließ man sich um ihn herum nieder, erfand die Bar (ein Akronym für „Bier im Raum“), aus dem später das Café und noch später die Kunst hervorging. Irgendwann gab es unterschiedliche Bars für unterschiedliche Geschmäcker, es gab welche für teures Bier und andere für billiges. So entstanden soziale Unterschiede und  am Ende auch die Gentrifizierung mit vielen unterschiedlichen dieser Orte. „Die Gesamtheit dieser Orte nennen wir heute Trendbezirk.“ Voilà. So die Kurzform. Die lange, vollständige bildet den Beginn des Gentrifizierungsabends der Berliner Gruppe Leien des Alltags, der im Rahmen der Ruhrtriennale entwickelt wurde und jetzt „zuhause“ angekommen ist.

Bild: Sascha Krieger

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Warten auf Orpheus

Nach Claudio Monteverdi: Orfeo. Eine Sterbeübung, Ruhrtriennale / Berliner Festspiele (Regie: Susanne Kennedy, Suzan Boogaerdt, Bianca van der Schoot)

Von Sascha Krieger

Susanne Kennedys Theater ist eines des Stillstands, der Entindividualisierung, der Distanz als Form und Inhalt. In gefeierten Arbeiten wie Fegefeuer in Ingolstadt oder Warum läuft Herr R. Amok begibt sie sich hinab in die Hölle der Normalität, zeigt eine Welt, in der Individualität bloße Behauptung ist und in Wirklichkeit Assimilation und Gleichschritt regieren. Sichtbares Symbol sind die Kuststoffmasken, die Kennedy den Schauspielern überstülpt. Bewegung findet nicht statt, Ihre eigene Stimme haben sie längst verloren, wenn sie sprechen, tun sie es nicht mit der eigenen Stimme. Kennedy gibt der Entfremdung Bilder, Töne, Stille. Am Entsetzlichsten ist jedoch nicht diese abweisende Künstlichkeit und das, was sie entlarvt, sondern, wie vertraut diese mechanische Puppenwelt wirkt, wie nah die kaum merklichen verzweifelten Ausbrüche eines R. gehen. Denn das was diese Figuren innerlich wie äußerlich tötet, ist auch um uns, in uns, wenn wir nicht aufpassen. Die Plastikwelt der Susanne Kennedy ist unsere.

© JU / Ruhrtriennale

© JU / Ruhrtriennale

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Der tödliche Blick

Eingeladen zum Theatertreffen 2014 – Rimini Protokoll: Situation Rooms, Ruhrtriennale / Hebbel am Ufer, Berlin/HAU2

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das Ganze ja Ergebnis einer ausgeklügelten Dramaturgie: Über ein halbes Jahr musste man warten, bis die letzte zum Theatertreffen 2014 eingeladene Arbeit, der im Mai logistische und terminliche Schwierigkeiten im Wege standen, endlich in Berlin zu sehen war. Und kaum sind die knapp eineinhalb Stunden vorbei, ist so manche der anderen durchaus starken Inszenierungen zumindest halb vergessen, haben auch die aufregendsten unter ihnen eine wenn auch hauchdünne Staubschicht angesetzt. Denn was Rimini Protokoll in 80 Minuten mit dem nicht mehr als Zuschauer zu bezeichnenden Besucher machen, bleibt hängen, wirkt nach, rumort weiter und untergräbt Gewissheiten. Für all die Zyniker, die behaupten, Theater könne nicht mehr subversiv wirken, in Frage stellen, Sichergeglaubtes einstürzen lassen, sollte Situation Rooms Pflichtprogramm sein.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Nach dem Vogel-Strauß-Prinzip

Das Theatertreffen 2014 feiert das großstädtische Stadt- und Staatstheater

Von Sascha Krieger

Wie war das noch einmal mit den Totgesagten? Nachrufe auf das klassische Stadttheater gab es in den letzten Jahren, Monaten, ja, Wochen genug, landauf landab drohen finanzielle Kürzungen, Theaterschließungen, an einer Stelle treffen sich ein aktueller Intendant und sein Vorgänger wohl in Kürze vor Gericht, andere fordern lautstark eine grundlegende Reform, die sich an Modellen und Strukturen der Freien Szene orientieren sollte. Eine Finanz- und Strukturkrise wird immer wieder diagnostiziert, aber auch der Vorwurf künstlerischen Stillstands zieht sich wie ein roter Faden durch Zustandsbeschreibungen und Abgesänge. Und was macht das theatertreffen, die Leistungsschau der „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ des Theaterjahres und jährliches Schaufenster eines ansonsten am Rande der öffentlichen Wahrnehmung existierenden Theaterbetriebs? Es feiert das deutschsprachige Staats- und Stadttheater, proklamiert dessen künstlerische Meinungsführerschaft und stellt mal eben seinen Führungsanspruch zu dem, was Theater heute ist und sein kann, wieder her. Neun von zehn Inszenierungen des Theatertreffen-Jahrgangs 2014 kommen aus diesem System und auch unter den Partnern der zehnten Inszenierung, einer Ko-Produktion, finden sich gleich zwei Stadttheater. Das mag man als politisches Statement lesen, als Aufforderung an die Politik, die Stadttheaterlandschaft nicht auf dem Altar von Sparzwängen und Effizienzbestrebungen zu opfern. Und doch hinterlässt diese behauptete Hegemonie ein mulmiges Gefühl.

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

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Wir Anderen

Theatertreffen 2013 – Jérôme Bel / Theater Hora: Disabled Theater, Theater Hora – Stiftung Züriwerk, Zürich / R. B. Jérôme Bel / Hebbel am Ufer, Berlin / Festival d’Avignon / Ruhrtriennale u. a.

Von Sascha Krieger

„Echte lebende Kinder“ gab es im vergangenen Jahr beim Theatertreffen zu sehen, „echte lebende Menschen mit Behinderung“ sind es in diesem Jahr. Und natürlich stellt sich die Frage: Darf man das? Eine, die auch die Angehörigen der elf Darsteller des Züricher Theater Hora, die an Disabled Theater, dem gemeinsamen Projekt des Theaters mit dem Choreografen Jérôme Bel, teilnehmen, bewegt hat, wie sie gegen Ende des Stückes berichten. „Wie Tiere im Zirkus“ würden sie ausgestellt, meinten beispielsweise die Eltern des 22-jährigen Matthias Brücker. Und Damian Brights Mutter verglich das Ganze mit einer Freakshow, fügte aber hinzu, es habe ihr sehr gefallen. Werden hier Menschen mit Behinderung ausgestellt oder stellen sie sich womöglich sogar selbst aus? Und wenn ja, dürfen sie das und wer hat es ihnen eigentlich erlaubt?  Und vielleicht, nein, ganz wahrscheinlich verrät das Stellen dieser Frage viel mehr über die Fragenden als jene, die sie auslösen. Sie lenkt den Blick auf unsere Sicht auf jene, welche die Gesellschaft traditionell abseits des „Normalen“ verortet hat, jene, denen sie, nein, wir nur zu gern vorschreiben würden, was sie dürfen und was nicht, dass und wie sie zu beschützen seien. Wovor eigentlich? Sind es nicht eher wir, die uns schützen vor dem Blick auf das vermeintlich andere, das so anders vielleicht gar nicht ist? Wer blickt hier eigentlich wen an?

Foto: Michael Bause

Foto: Michael Bause

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Nurkan Erpulat und Jens Hillje: Verrücktes Blut, Ballhaus Naunynstraße, Berlin / Ruhrtriennale (Regie Nurkan Erpulat)

Am Anfang war das Klischee. Da stellen sich sieben Jugendliche migrantischer Herkunft an den Bühnenrand und werfen sich in Pose. Da sind die Coolen, die Gangster, die Hip Hopper. Nicht jeder hat seine eigene, so mancher kopiert die eines anderen und braucht auch mehrere Anläufe, bis es halbwegs richtig aussieht, authentisch. Hier geht es um Rollenbilder, Bilder, die wir als Gesellschaft uns von denen machen, von denen wir glauben, dass sie an ihrem Rand stehen, von denen wir das vielleicht sogar wollen. Die da vorn stehen, beherrschen die Bilder perfekt: Da wird gespuckt, sich in den Schritt gefasst, beleidigt und ins Handy gepöbelt, dass es nur so eine Lust ist. Ja ja, so sind sie, die Türkenjungs und -mädchen, zumindest im Fernsehen, den Zeitungen mit den großen Buchstaben oder den Büchern ehemaliger Berliner Finanzsenatoren. Und in so manchem Kopf. Gut, sagt sich Nurkan Erpulat, der neue, von den Medien ernannte Protagonist des ebenfalls vom Feuilleton so getauften postmigrantischen Theaters, wenn ihr uns so seht, dann machen wir das so.

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