Archiv der Kategorie: Ruhrfestspiele Recklinghausen

Wenn der Leberkäse-Engel kommt

Nach Wilhelm Busch: Max und Moritz. Eine Bösebubengeschichte für Erwachsene, Berliner Ensemble / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Antú Romero Nunes)

Von Sascha Krieger

Man behält es im Ohr, dieses vier- bis fünfsilbige meckernde Lachen, mit dem Stefanie Reinsperger ihr Publikum immer wieder in diesen gut 100 Minuten quält wie verzaubert. Und – anarchisch und ordnungstörend wie ihre Figur – schon mal eine Popkultur-referenz in die Runde wirft, die sogar manche*n gestandene*n Kritiker*in überfordert. Denn auch wenn sie und Annika Meier von Victoria Behr originalgetreu kostümiert und frisiert auf der Bühne stehen, irritieren sie doch in dem Moment, in dem sie den Mund auf machen. Denn die Töne und Klänge, die aus ihnen kommen, stammen nicht von Wilhelm Busch, sie sind viel jünger. Sie gehören kleinen gelben Publikumslieblingen aus einer Reihe populärer Animationsfilme, den Minions, frech anarchischen Unruhestiftern, Chaosverbreitern, Durcheinanderbringern. Doch wo diese harmlos liebenswürdig bleiben, eigentlich nur spielen wollen, sind ihre Vorgänger ganz andere Kaliber: Sachbeschädiger, Körperverletzer, Diebe, Tierquäler. Max und Moritz waren eigentlich schon immer zu brutal, zu disruptiv, zu anarchistisch – und damit perfekte Kinderliteratur im Grimmschen Sinne.

Bild: JR Berliner Ensemble

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Die Stunde der Zauberer

Heiner Müller: Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution, Ruhrfestspiele / Schauspiel Hannover (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner) – Gastspiel an der Volksbühne Berlin

Von Sascha Krieger

Die Revolution ist ein Zirkus. „Liberté – Egalité – Fraternité – steht über dem glänzenden roten Vorhang, der Eintritt gewähren wird zur Manege, zur Show der Kuriositäten und Tricks aus einer kaum mehr real erscheinenden Vergangenheit. Gescheitert ist die Revolution schon bei Heiner Müller: Sein Dauerbrenner Der Auftrag beginnt mit ihrem Post Mortem und arbeitet sich bruchstückhaft, unsicher, unzuverlässig zurück zu den Wurzeln der Katastrophe oder mindestens ihren Symptomen. Unter den Händen Tom Kühneln und Jürgen Kuttners wird diese Betrachtung Jahrzehnte später selbst zum Ausstellungsstück, zum Unterhaltungsgegenstand. Wenn die Revolution schon tot ist, taugt sie zumindest zur Unterhaltung. The Show Must Go On und Time Is Money. Also packen die Regisseure allerlei Zaubertricks aus: Da verkleidet sich der einstige Auftraggeber Antoine, der drei Revolutionäre nach Jamaika schickte, um dort einen Sklavenaufstand zu initiieren, als Teekanne, als Biedermann, gut getarnt in der neuen Welt der post-revolutionären Zeit, jetzt, da Napoleon mal eben die Demokratie abgeschafft hat und die Weltrevolution nicht mehr auf der Agenda steht. Die Übermittlung der Nachricht vom Scheitern der Unternehmung erfolgt als surrealistische Choreografie, der Bote, rotbefahnt, gekleidet als revolutionärer russischer Matrose. Geschichte wiederholt sich, sagt Marx, und beim zweiten Mal kommt sie als Farce daher.

Bild: Katrin Ribbe

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Himmel aus Eis

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut, Deutsches Theater (Box), Berlin / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Alexander Riemenschneider)

Von Sascha Krieger

Es ist der Himmel: Unten freundliche weiße Wolken, gemischt mit zartem Hellblau, im Hintergrund ein klarer Sternenenhimmel. Oder ist es doch eine kalte Welt, der Boden aus harten, tödlichem Eis, die Kulisse nicht enden wollender Schnellfall? Und diese Figuren, vorsichtig weiß geschminkt, in neutral gedecktern Nichtfarben, Verschwindende, kaum Sichtbare? Gespenster, (Un)Tote? Frierende Kinder? Gar Engel? Eine Zwischenwelt haben Regisseur Alexander Riemenschneider und Bühnenbildnerin Juliane Grebin in Michael Köhlschneiders 2016 erschienenen Roman Das Mädchen mit dem Fingerhut entdeckt und auf die Bühne gebracht. Es ist die Geschichte des namenlosen Mädchens, das alle Yiza nennen, weil dies das erste Wort ist, das sie spricht, allein in einer fremden Welt, durch diese driftend, zunächst mit zwei, später einem älteren Jungen, den sie nicht versteht, schließlich allein, am Ende wiedervereint über einer monströsen Tat. Schattenwesen, Unsichtbare, Nichtgewollte in einer Welt des Überflusses. Eine Fluchtgeschichte vor einer Hänsel-und-Gretel-Folie. Doch wer ist die Hexe und wo die Rettung? Wo Niedlichkeit die Währung ist und zu männliche Augenbrauen ein gesellschaftliches Todesurteil: Wo ist die Hoffnung, der Silberstreif, der Punkt, an dem aus dem Fremdem das Menschliche wird?

Bild: Arno Declair

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Ohne Puls

Wallace Shawn: Evening at the Talk House, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Johanna Wehner)

Von Sascha Krieger

Ein angenehmer Abend mit alten Freunden in einem sicheren, zum Wohlfühlen einladenden, alles andere als bedrohlichen Ambiente? Das ist die Prämisse von Evening at the Talk House, dem 2015 uraufgeführten Konversationsstück des erfolgreichen US-amerikanischen Autors Wallace Shawn. Zehn Jahre nach dem letzten gemeinsamen Stück trifft sich das damalige Theaterteam in ihrer damalige Lieblingsbar zum Wiedersehen. Das kann natürlich nicht gut gehen. Einige – der Autor, der Star der Truppe – sind längst im Fernsehen erfolgreich, andere wursteln sich durch, einer ist durchs gesellschaftliche Robert gefallen. Die harmonische Fassade ist so dünn, dass man sie nur mir größter Anstrengungen überhaupt sehen kann. Dies wiederum ist der Ansatz von Johanna Wehner, die die deutschsprachige Erstaufführung besorgt. Wo sich der Autor mit einer Normalität auseinandersetzt, hinter der sich Unbeschreibliches verbirgt, das längst als normal und akzeptabel gilt, kommt die Regisseurin vom entgegengesetzten Pol: Bei ihr ist der Ausnahmezustand, ist die Zerstürung Ausgangspunkt, die vollständige Kapitulation des Menschlichen.

Bild: Birgit Hupfeld

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„Die Liebe reicht nicht!“

Joël Pommerat: Die Wiedervereinigung der beiden Koreas, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt / Ruhrfestspiele (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Es klingt erst einmal wie ein schöner Spielplan-Coup. Als erste der Übernahme vom Schauspiel Frankfurt, dem er acht Jahre lang als Intendant vorstand, bringt der neue BE-Hausherr Oliver Reese ein Stück namens Die Wiedervereinigung der beiden Koreas auf die Bühne, und das zu einer Zeit, in welcher der Korea-Konflikt wieder die weltweiten Schlagzeilen beherrscht. Dabei ist der Stücktitel Etikettenschwindel, geht es in Joël Pommerats Stück doch gar nicht um Politik.  Oder vielleicht doch um das Politischste überhaupt: die Liebe. In 20 Episoden erzählt er von ihren Fallstricken, ihrer Unmöglichkeit und der menschlichen Besessenheit mit ihr. Miniaturen, die oft im Alltäglichen verankert sind, meist irgendwo zwischen Komik und Tragik pendeln, gern das Absurde streifen oder mit dem Surrealen flirten, doch immer nur um das eine kreisen: Was ist Liebe? wie geht sie? Und bringt sie überhaupt etwas?

Bild: Birgit Hupfeld

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Das Auge, ein Abgrund

E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann, Ruhrfestspiele / Düsseldorfer Schauspielhaus (Regie: Robert Wilson)

Von Sascha Krieger

Dass Robert Wilson irgendwann bei E-T-A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann landen musste, war wohl unausweichlich. Wilsons Arbeiten sind spätestens seit dem legendären Black Rider Schauermärchen, albtraumhafte Tauchfahrten in die Abgründe den Menschlichen, in individuelle wie Ur-Ängste des Menschen, in die Fundamente dessen, was uns an- und umtreibt. Sie sind Feste fürs Auge, die vor allem über das Visuelle kommen, die hinschauen lassen, schwelgen in Bildern so schön und faszinierend wie sonst wohl keine in den darstellenden Künsten unserer Zeit. Der Blick, der die Oberfläche aufnimmt und weiter vorzudringen strebt, ist vielleicht das wesentlichste Grundprinzip des Wilsonschen Theater. Hinzu kommt das Element des Mechanischen, des Automatenhaften: Die Bewegungen seiner Darsteller*innen sind puppen- und roboterhaft, in höchsten Maße formelhaft und abstrakt (die Nähe zum No-Theater ist oft genug beschrieben worden), die Gesichter sind weißgeschminkt und ergehen sich in extremen und klar zeichenhaften Ausdrucks-Abstraktionen, die grotesken Frisuren und Kostüme atmen ein Maximum an Künstlichkeit. Nichts ist natürlich, alles fremdbestimmt, in ein vorgegebenes Spektrum an abgezirkelten Abläufen gepresst. Der gelebte Albtraum, die den Protagonisten in den Wahnsinn reißende Schönheit der mechanischen Puppe Olimpia, die Urangst des Verlusts der Augen, des Blicks, der Einbildung: Hätte jemand eine Geschichte schreiben wollen, die alle Kernelemente des Wilsonschen Theateruniversums einschließt, wäre vermutlich etwas wie Der Sandmann herausgekommen.

Das Düsseldorfer Schauspielhaus (Bild: Sascha Krieger)

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Das entlarvende Klatschen

Eugène Ionesco: Die Nashörner, Ruhrfestspiele Recklinghausen / Théâtre National du Luxembourg / Staatstheater Mainz (Regie: Frank Hoffmann)

Von Sascha Krieger

Der aufschlussreichste Moment bei diesem Berliner Gastspiel ereignet sich, als eigentlich schon alles vorbei ist. Die Darsteller*innen haben sich bereits mehrere Runden Applaus abgeholt, da kommt auch die Blaskapelle, die während des Abends zweimal durchs Bild lief, auf die Bühne, natürlich ihre „volkstümliche“ Marschmusik spielend. Und plötzlich passiert etwas seltsames: Langsam, einer nach dem anderen, fallen die Zuschauer aus dem individuellen Schlussapplaus in rhythmisches Klatschen. Schrittweise übernimmt der Rhythmus, bis das Publikum fast einförmige Masse ist. Doch dann die Gegenbewegung: Offenbar unwohl ob der eigenen Kollektivierung stemmen sich immer mehr Zuschauer*innen gegen den Automatismus, klatschen gegen den Rhythmus an, bis sich Konformisten und Verweigerer die Waage halten. Man darf davon ausgehen, dass das beabsichtigt ist, ist es doch näher an Eugène Ionescos Intention als ein Großteil der vorangegangenen gut eineinhalb Stunden. In Die Nashörner verwandeln sich nach und nach alle Bewohner einer Stadt in besagte Dickhäuter. Am Ende bleibt Behringer zurück, als letzter Mensch. Das Stück war – und ist – eine Parabel über die Entstehung totalitärer Systeme, über die Verführung eines Gemeinschaftsversprechens, das sich bald in Zwang umwandelt, dem sich kaum einer entziehen kann und den doch so mancher als Freiheit uminterpretiert. Sich anzuschließen, mitzumachen, dabei zu sein ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wohin das führt, zeigt Ionesco in seinem absurden Lehrstück (so es derartiges gibt) auf schlichte, geradlinige und konsequente Weise.

Bild: Birgit Hupfeld

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„Bis nichts mehr peinlich ist“

Armin Petras: münchhausen, Deutsches Theater, Berlin / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Ach, wie leicht ließe sich dieser Abend abtun: als spaßige Kleinigkeit, eitle theatrale Selbstbespiegelung, Bravourstück eines Bühnenstars, und und und. Natürlich ist vieles, von dem Milan Peschel in Armin Petras‘ Text erzählt, nicht gerade überraschend und voller Binsenweisheiten (die Idee der – durchaus ambivalent empfundenen – Lüge als zentrales Element des Theaters, die Eitelkeit des Schauspielers, die Faszination der Möglichkeit, auf der Bühne ein anderer zu sein). Und selbstverständlich ist der Abend voll von Insider-Scherzen des einstigen Volksbühnen-Stars, der Frank Castorf imitiert und Henry Hübchen, aus dem sprichwörtlichen Nähkästchen plaudert und ironisch über den revolutionären Gestus der Volksbühnenmaschinerie herzieht. Peschel plaudert und deklamiert, tanzt und albert, verheddert sich in virtuosem Slapstick und verzaubert mit seiner legendären Schnoddrigkeit. Vor allem tut er eines: Er spielt. Und es ist ein Spiel, das sehr bald nach seiner eigenen Natur, nach seinen Grenzen und seinen Risiken fragt. Der Clown ist immer  auch – und nicht erst seit Beckett – eine latent tragische Figur, ein Tänzer am Abgrund. Peschel, Petras und Bosse (sowie Volksbühnen-Urgestein Martin Otting, der in den letzten zehn Minuten mitmachen darf) zeigen den Abgrund nicht, sie spielen ihn zu. Was ihn nur noch bedrohlicher macht.

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

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Hunde im Orkan

Autorentheatertag 2015 – Nis-Momme Stockmann: Phosphoros, Ruhrfestspiele Recklinghausen / Residenztheater München (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ja, ja, Selbstbild und Fremdbild, nie wollen sie zusammenpassen: Lew Katz ist ein Physikprofessor, der die reine Wissenschaft hochhält und mit seinem Narzissmus, seiner Hypochondrie und seinem Zynismus doch nur um Aufmerksamkeit buhlt und mit seinem vermeintlichen Missverstandensein kokettiert. Der Kontrabassist Basil schwadroniert von der hehren Kunst, muss in Provinzhotels auftreten und kompensiert dies durch den Missbrauch seiner Freundin als „Assistentin“, die das schwere Instrument durch die Republik schleppt. Die junge Marlene, die ohne eingeschrieben zu sein Physikvorlesungen besucht und ansonsten als Brezelverkäuferin im ICE jobbt, glaubt die Welt zu durchschauen, sieht sich als analytisch scharfe Rebellin und schleudert noch nur ihren persönlichen Frust als Hass in die Welt. Doch den Genügsamen geht es nicht besser. Lews Ehefrau Anne etwa: Stoisch erträgt sie die Gleichgültigkeit des Gatten, nur um die erste Gelegenheit zu nutzen, ihre Macht auszuspielen. Und Rezeptionist Schröder, hochintelligent und musikalisch talentiert, behauptet, seinen Job zu lieben und interpretiert ihn doch als Freibrief für Intrigantestem und Grausamkeit.  Hier will jeder hoch hinaus, findet sich und sein Leben ungenügend und tritt wütend um sich.

Foto: Andreas Kohlmann

Foto: Andreas Pohlmann

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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