Archiv der Kategorie: Rolf Hochhuth

Vergangenheit ohne Schatten

Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter, Schlosspark Theater, Berlin (Regie: Philip Tiedemann)

Von Sascha Krieger

Vor wenigen Wochen jährte sich die Konferenz von Évian zum 80. Mal Damals trafen sich Vertreter zahlreicher Regierungen, um über die Situation der verfolgten Juden im Einflussbereich Nazideutschlands zu beraten und vor allem über die Frage, wie ihnen zu helfen sei. Was schnell zum Kernthema führte: Wer war bereit, eine so große Zahl flüchtender Menschen aufzunehmen? Die Antwort war erschütternd. Am Ende gingen die Teilnehmer auseinander, die Grenzen ihrer Länder dicht, die Juden ihrem Schicksal überlassen. Auch jetzt ist Europa dabei, sich in der Abschottung zusammenzufinden, auch jetzt werden Grenzen dicht gemacht, die Augen geschlossen vor der Not, dem Leid, dem tausendfachen Tod flüchtender Menschen. Und auch jetzt gelten die gleichen Argumente: Würde man so viele „Kulturfremde“ aufnehmen, verlöre man nicht das eigene Land, wäre man nicht irgendwann selbst die Minderheit? Solche Sätze wurden damals offen geäußert und sie sind heute in immer mehr Ländern wieder Regierungspolitik. Dass das Évian-Jubiläum angesichts der gegenwärtigen Lage so wenig Beachtung fand, ist zweifellos symptomatisch. Die „rechtschaffenen“ Nationen mauern sich ein, überlassen Menschen in Not ihrem Schicksal, nehmen massenhaften Tod in Kauf. Und fühlen sich dabei auch noch im Recht.

Bild: DERDEHMEL/Urbschat

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Sandkasten-Rowdies auf Flokati

Rolf Hochhuth: Sommer 14. Ein Totentanz, Theater am Schiffbauerdamm, Berlin (Regie: Torsten Münchow)

Von Sascha Krieger

Rolf Hochhuth und das Berliner Ensemble: Seit Jahren haben wir uns daran gewöhnt, dass das unterhaltsamste Sommertheater der Hauptstadt vor den Toren des Hauses stattfindet das der Ilse-Holzapfel-Stiftung des Dramatikers gehört und in dem das Land Berlin Pächter ist und das Berliner Ensemble betreibt, seit einer gefühlten Ewigkeit unter der Intendanz Claus Peymanns. Nun hat sich Hochhuth in den Pachtvertrag schreiben lassen, jedes Jahr in den Theaterferien ein eigenes Stück auf die Bühne seines Hauses bringen zu dürfen. Und Jahr ein Jahr aus gibt es den wunderbarsten Streit: Senat und Peymann pochen auf anmeldungsfristen, Hochhuth droht mit Kündigung, Spaß haben vor allem Anwälte und Medien, Theater im herkömmlichen Sinn war dagegen seit 2010 nicht mehr zu sehen. Ganz anders in diesem Jahr: Ganz ohne mediale Fanfaren darf Hochhuth passend zum 100-jährigen Weltkriegsausbruch sein Drama Sommer14 auf die Bühne bringen. Von Peymann war im Vorfeld gar nichts zu hören und selbst Hochhuth schlug erstaunlich versöhnliche Töne an. Das war dem streitlustigen Dramatiker denn wohl doch nicht ganz geheuer und so schrieb er Berliner Medien kurz vor der Premiere eine geharnischte E-Mail, in der er die Inszenierung des hauptberuflichen Schauspielers und Synchronsprechers Torsten Münchow in Bausch und Bogen verdammte. Da war so mancher langjähriger Beobachter des Sommertheaters vom Schiffbauerdamm beinahe versucht, aufzuatmen. Die vorherige Harmonie war dann doch ein wenig unheimlich.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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