Archiv der Kategorie: Robert Borgmann

Der Wahn, den wir Sinn nennen

Rainald Goetz: Krieg, Berliner Ensemble (Regie: Robert Borgmann)

Von Sascha Krieger

Ein „Krieg der Sprache gegen sich selbst“: So beschreibt Stefan Krankenhagen Rainald Goetz‘ Krieg im Programmheft zu einem echten Kraftakt. Denn Robert Borgmanns Inszenierung ist die erste, die Goetz‘ 1986 erschienene Trilogie an einem Abend auf die Bühne bringt. In stark gekürzter Form, versteht sich, doch auf deutlich mehr als vier Stunden bringt es dieser Abend auch so. Wobei Zeit als eines der Leitmotive von Goetz‘ Textmonster  stets präsent ist. Nicht länger als 90 Minuten solle ein Theaterabend dauern, heißt es gegen Beginn des Stücks einmal – eine Regel, die Goetz auf aggressivst mögliche Weise bricht. Irgendwann fährt eine riesige Uhr wie ein Raumschiff herunter. Zusammengesetzt aus Achtecken und einem Quadrat, propagiert es eine Ordnung, welche die Figurenbruchstücke und Textfragmente stets suchen und nicht findet können. Ein blutroter Zeiger schleicht und rast, die Zeit ist Willkür, nicht vorhersehbar und außer Kontrolle. Keine Ordnung nirgends. Und ja, der Abend fühlt sich immer wieder – besonders in der letzten halben Stunde vor der Pause und in beiden Teilen danach – sehr lang und langsam an, testet die Geduld des Zuschauers, strengt an, provoziert des Besuchers Wohlwollen.

Bild: Julian Röder

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Leben im flackernden Licht

Theatertreffen 2015 – Ewald Palmetshofer: die unverheiratete, Burgtheater/Akademietheater, Wien (Regie: Robert Borgmann)

Von Sascha Krieger

Nein, leicht macht es Robert Bormanns Uraufführungsinszenierung von Ewald Palmetshofers Stück die unverheiratete dem Zuschauer nicht. Das hat zum einen mit dem Text selbst zu tun: ein artifizielles Sprachkunstwerk, eine langes mäanderndes Prosagedicht, das die Distanz zum Erzählten, dessen Infragestellung stets mit transportiert. denn es geht um Wahrheit, Erinnerung, Schuld und deren Vererbung. Große Themen, die allesamt essentiell mit der Möglichkeit oder eben Unmöglichkeit verbunden sind, Narrative zu entwickeln, die überzeugend, konsistent, stringent sind, die Sinn, gar Lehren vermitteln. Drei Frauen stehen im Mittelpunkt: Großmutter, Tochter, Enkelin. Erstere hat in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs – Wien war bereits gefallen, Hitler noch am Leben – ein Telefonat mitgehört, in dem ein junger Soldat vage übers Desertieren nachdachte. Sie meldete ihn, er wurde hingerichtet, sie wanderte ins Gefängnis. Die Erzählung vom Prozess bildet eine Säule des Stücks, die durch einen Unfall der mittlerweile Hochbetagten verursachte Familienzusammenführung im Krankenhaus die andere. Bei Palmetshofer werden Gegenwart und Vergangenheit zu einem großen Strom, der keine Grenzen kennt. Die einstige Schuld und das Schweigen darüber vererben sich: im Hass der Tochter auf die Mutter, der auch Schutzmechanismus ist, in der Alten nicht enden könnenden Selbstrechtfertigungsschleife, in der Liebessuche und Beziehungsverweigerung der Jungen. Die dann die Großmutter konfrontiert, vielleicht der einzige Weg, den Zwängen zu entkommen. Ob das gelingt, bleibt fraglich.

Foto: Georg Soulek

Foto: Georg Soulek

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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„Ist ja nix passiert!“

Theatertreffen 2014 – Anton Tschechow: Onkel Wanja, Schauspiel Stuttgart (Regie: Robert Borgmann)

Von Sascha Krieger

So abrupt ist der Übergang selten: Gerade noch herrschte emsiges Treiben, als das Premierenpublikum schnell noch zur Garderobe eilte, die Toilette aufsuchte, sich zum Platz drängte, hier und dort hallo sagte, Bekannte begrüßte oder einfach jene, von denen man wollte, dass sie wissen, dass man auch da ist. Dann plötzlich, die Saaltüren sind gerade geschlossen, wird es still und es ist, als bliebe die Zeit stehen. Langsam, unendlich langsam umkreist der alte, ramponierte Volvo die Bühne, radlos, längst nicht mehr imstande, aus eigener Kraft voranzukommen. Lethargische Gestalten lungern auf der Bühne herum, spielen mit Zuschauern Federball, stricken oder sitzen einfach untätig da. Einmal tritt einer als Mikrophon, trägt zusammenhanglose Worte vor, da erwachen die Figuren zum Leben: Fluchtartig verlassen sie die Bühne, um wieder herbeizutrotten, wenn es erneut still geworden ist. Repetitiv-schwebende Gitarrenklänge unterstreichen den völligen Stillstand auf der leeren, neben besagtem Auto nur von ein paar Holzstühlen bevölkerten Bühne. Quadrate aus Neonröhren bilden die Decke im Bühnenvordergrund und tauschen diesen leeren Raum in hartes kaltes Licht, irgendwo zwischen Parkhaus und Wartesaal. Hier wartet man nicht einmal mehr auf Godot. Nein, dass da nichts mehr kommen wird, darüber besteht Einigkeit.

Foto: Ostkreuz / Julian Röder

Foto: Ostkreuz / Julian Röder

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Nach dem Vogel-Strauß-Prinzip

Das Theatertreffen 2014 feiert das großstädtische Stadt- und Staatstheater

Von Sascha Krieger

Wie war das noch einmal mit den Totgesagten? Nachrufe auf das klassische Stadttheater gab es in den letzten Jahren, Monaten, ja, Wochen genug, landauf landab drohen finanzielle Kürzungen, Theaterschließungen, an einer Stelle treffen sich ein aktueller Intendant und sein Vorgänger wohl in Kürze vor Gericht, andere fordern lautstark eine grundlegende Reform, die sich an Modellen und Strukturen der Freien Szene orientieren sollte. Eine Finanz- und Strukturkrise wird immer wieder diagnostiziert, aber auch der Vorwurf künstlerischen Stillstands zieht sich wie ein roter Faden durch Zustandsbeschreibungen und Abgesänge. Und was macht das theatertreffen, die Leistungsschau der „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ des Theaterjahres und jährliches Schaufenster eines ansonsten am Rande der öffentlichen Wahrnehmung existierenden Theaterbetriebs? Es feiert das deutschsprachige Staats- und Stadttheater, proklamiert dessen künstlerische Meinungsführerschaft und stellt mal eben seinen Führungsanspruch zu dem, was Theater heute ist und sein kann, wieder her. Neun von zehn Inszenierungen des Theatertreffen-Jahrgangs 2014 kommen aus diesem System und auch unter den Partnern der zehnten Inszenierung, einer Ko-Produktion, finden sich gleich zwei Stadttheater. Das mag man als politisches Statement lesen, als Aufforderung an die Politik, die Stadttheaterlandschaft nicht auf dem Altar von Sparzwängen und Effizienzbestrebungen zu opfern. Und doch hinterlässt diese behauptete Hegemonie ein mulmiges Gefühl.

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

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