Archiv der Kategorie: Rimini Protokoll

Die Stadt erblicken lernen

Rimini Protokoll (Aljoscha Begrich, Helgard Kim Haug, Jörg Karrenbauer): DO’s & DON’Ts – eine Fahrt nach allen Regeln der Stadt, Hebbel am Ufer, Berlin

Von Sascha Krieger

Da steht er. Ein vielleicht 16- oder 17-jähriger Junge. Regungslos. Die Sonnenbrille im Gesicht, Rücksack und Skateboard neben sich. Minutenlang, ohne sich zu bewegen, gelehnt an eine Säule auf dem S-Bahnsteig des Bahnhofs Südkreuz. Um ihn herum andere, die auf die Bahn warten. Sie trinken Bier, laufen herum, blicken sich um, starren auf Handy. Geben Lebenszeichen von sich. Nicht er. Und wir? Wir beobachten ihn, beobachten die anderen, hören Stimmen von Kindern, die sich fragen, wie sie auf jemanden wie ihn reagieren würden. Einen der nichts tut. Gar nichts. Würden sie die Polizei rufen und wenn ja, wie einige sagen, warum eigentlich? Denn er tut ja nichts. Was macht ihn verdächtig, was ist normales Verhalten und was nicht. Und vor allem: Wer bestimmt das und auf welcher Wertebasis. Und was und wer gibt uns eigentlich das Recht zuzuschauen, diese Menschen ohne ihre Wissen zu beobachten? Kurz darauf stehen wir vor dem Eingang des Bahnhofs, da, wo ein Pilotprojekt zur Gesichtserkennung läuft. Wo es um Überwachung geht, wie der Junge, der sich einen schwarzen Strich ins Gesicht gemalt hat, um das System auszutricksen, sagen wird. Spiegeln wir nicht diesen überwachenden Blick?

Mit diesem umgebauten Kühltransporter geht es durch die Stadt (Bild: Sascha Krieger)

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Viel Horch und etwas Guck

Rimini Protokoll (Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel): Top Secret International (Staat 1), Münchner Kammerspiele / Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Von Sascha Krieger

In ihrer „Staat“-Tetralogie, die jetzt in Berlin erstmals vollständig zu erleben war, stellen Rimini-Protokoll die Frage, wer in vermeintlich postdemokratischen Zeitalter in unserer Welt eigentlich die Strippen zieht. Dass da die undurchsichtige Welt der Geheimdienste auf der Liste stehen würde, ist sicher keine Überraschung. Und so eröffnete das Berliner Kollektiv seine Reihe denn auch bis einem Blick auf die Nachrichtendienste und ihre Tätigkeit. Dazu schicken sie den Besucher ins Museum. In München war es die Glyptothek, in Berlin ist es das Neue Museum, ja, das mit der Nofretete. Jeder Teilnehmer bekommt Kopfhörer und ein Notizbuch, in dem sich ein Handy verbirgt. Das ist praktisch, denn lässt er sich jederzeit orten. Denn bei der Tour durchs Museum geht es weniger um die Exponate als um die Perspektive des Besuchers. Das Relevanteste am Setting ist, dass es sich um einen öffentlichen Ort handelt, die Bezüge zum Ausgestellten wirken meist überaus gezwungen und weit hergeholt. Eine Synergie mit dem Ort stellt sich nicht ein. Erster Minuspunkt.

Bild: Kevin Fuchs

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Unter Schafen

Rimini Protokoll (Daniel Wetzel): Träumende Kollektive. Tastende Schafe (Staat 3), Staatsschauspiel Dresden / Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Von Sascha Krieger

Iris heißt sie und eine „digitale Regierung“ will sie sein. Der „Star“ des dritten Teils von Rimini Protokolls „Staat“-Tetralogie ist ein Algorithmus. Die Digitalisierung ist sein Thema, ihre Chancen und Risiken, ihr Versprechen, die Welt zu verbessern. Was, wenn in Zukunft nicht mehr wie fehler- und irrtumsanfälligen Menschen entscheiden, sondern eben so ein Algorithmus, wir die Demokratie also weiterentwickelten, indem wir sie objektivieren, zu angewandter Mathematik machen? Wenn also unsere Vorlieben und Wünsche die Basis für automatisierte Entscheidungen darstellten, die dann von der Cloud ausgespuckt würden? Wie das aussehen könnte, will Daniel Wetzels Abend vorführen. Der Theaterraum ist ein Labor und wir die Ratten. Die auf Zeitreise gehen ins Jahr 2048, wo, so erfahren wir, Iris längst Realität sein könnte. Wir starren auf Handy-Bildschirme und beantworten Fragen. Die Antworten erzeugen Töne und Farben, die am Ende zu einer Symphonie zusammengesetzt werden, die in jeder Vorstellung anders klingt. Das klingt spannend: ein Live-Experiment digitalisierter Demokratie, der Abnahme subjektiver menschlicher Entscheidungen durch automatisierte, selbstlernende Prozesse.  Ein Blick in unsere Zukunft? Utopie oder Dystopie?

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Bild: Benno Tobler

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Unter dem Schnee

Rimini Protokoll (Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi): Weltzustand Davos (Staat 4), Schauspielhaus Zürich / Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Von Sascha Krieger

Irgendwann greifen sie zu Schneeschaufel und Besen, die fünf „Expert*innen des Alltags“, die durch Rimini Protokoll’s zweistündigen Abend führen. Sie räumen den (Kunst-)Schnee weg, der die manegenartige Spielfläche bedeckt. Ist er weggeräumt, ist der Blick freigegeben auf das, was darunter liegt: eine Karte von Davos, ehemals Tuberkulose-Kurort, unsterblich gemacht in Thomas Manns Der Zauberberg, heute Ort des jährlichen „World Economic Forum“ (WEF), einem Treffpunkt der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft und längst Symbol für eine globalisierte Welt, die vermeintlich von ungewählten und undurchsichtigen Eliten regiert wird. Eine offen sichtbare Weltverschwörung und das wahre Machtzentrum unserer Zeit. Es ist der Moment, in dem das Grundprinzip des Theaters von Rimini Protokoll deutlich wird: die Oberflächen weg räumen, den Blick freizuräumen und dem Zuschauer selbst zu ermöglichen, genauer hinzuschauen. Und es ist auch der Moment, an dem deutlich wird, warum dieser spezifische Abend eher scheitern wird. Denn der Blick ist ein zweidimensionaler, gesteuerter und weitgehend passiver. Die Perspektivverschiebungen, die Zuschauerentscheidungen, die eine eigene Positionierung erfordern und bedingen, die Fragmentierung des Blickes, die den Zuschauer zwingen, sich das Gesamtbild selbst zusammenzusetzen und zu entscheiden, welchem Blick man eher folgt, all das, was die stärksten Rimini-Abende ausmacht, bleibt an diesem weitgehend aus.

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Bild: Benno Tobler Weiterlesen

Eine Frage der Perspektive

Rimini Protokoll (Stefan Kaegi): Gesellschaftsmodell Großbaustelle (Staat 2), Düsseldorfer Schauspielhaus / Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Von Sascha Krieger

Wer regiert eigentlich unsere Welt? Die nationalstaatlichen Regierungen sind es sicher nicht mehr, auch wenn es derzeit eine ideologische Bewegung zurück zu diesem Modell des 19. Jahrhunderts zu geben scheint. Aber wer dann. Dieser Frage stellten sich Rimini Protokoll in den vergangenen zwei Jahren. Im Rahmen einer Tetralogie beleuchteten sie in München, Düsseldorf, Dresden und Zürich unterschiedliche Bereiche multinationaler nichtstaatlicher Vernetzungen, die bestimmen, wie wir leben. Im Berliner Haus der Kulturen der Welt kommen die vier Arbeiten jetzt erstmals zusammen. Teil 2, uraufgeführt am Düsseldorfer Schauspielhaus, geht es um die weltweite Immobilien- und Bauindustrie. Die Großbaustelle, nicht nur in Berlin mit zweifelhaften Ruf bedacht (auch in Düsseldorf kennt man das, nicht zuletzt vom Schauspielhaus selbst), nimmt Stefan Kaegi in seiner Arbeit als Ausgangs- und Angelpunkt, um gesellschaftliche Verknüpfungspunkte zu suchen und Verbindungen aufzuzeigen, die letztlich in unterschiedlichste Bereiche gesellschaftlicher Entwicklungen überall auf der Welt ausstrahlen.

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Bild: Benno Tobler

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Was bleibt

Immersion – Rimini Protokoll (Stefan Kegi / Dominic Huber): Nachlass – Piéces sans personnes, Théâtre de Vidy, Lausanne / Staatsschauspiel Dresden / Berliner Festspiele

Von Sascha Krieger

„Who wants to live forever?“, sangen Queen vor gut 30 Jahren im ersten Highlander-Film. Eine Frage, die sich umkehren ließe: Wer will das nicht? Zu den Folgen des menschlichen Wissens um die eigene Sterblichkeit gehört seit je der Versuch, diese zumindest ein wenig auszutricksen, etwas, wie es heißt, zu hinterlassen, sei dies materieller, geistiger oder sonst irgendwie nachhaltiger Natur. Wie gehen wir dem sicheren Tod entgegen, was lassen wir zurück, wem und warum? Rimini Protokoll, genauer gesagt der Schweizer Stefan Kaegi, unterstützt von Dominic Huber, haben sich diesen Fragen gewidmet. Nachlass ist ein Rimini-typischer Erlebnisraum geworden, mit unterschiedlichen Stationen, welche die Besucher*innen durchlaufen und in denen sie sich mit dem vielleicht Einzigen auseinandersetzen sollen, das tatsächlich alle mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde verbindet: dem Tod. Acht Räume gilt es zu erkunden, Erinnerungs-, Vermächtnisräume, geprägt von jenen Menschen, deren Geschichten wir dort hören. Da sind: ein Basejumper, ein Familienvater, der an einer Erbkrankheit leidet, eine alte Frau, die per Sterbehilfe aus dem leben scheiden will, eine ehemalige EU-Botschafterin, die mit einer Stiftung afrikanische Kultur fördert, ein schwäbisches Bankiersehepaar, eine Hobbyfotografin, ein seit 50 Jahren in der Schweiz lebender Türke, ein pensionierter Neurochirurg.

Bild: Samuel Rubio

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Rollenwechsel

Rimini Protokoll (Daniel Wetzel): Evros Walk Water

Von Sascha Krieger

Theater mit Flüchtlingen ist gerade in Mode. Hat uns soeben erst Milo Rau erzählt. Da dürfen natürlich auch Rimini Protokoll, die großen Wirklichkeitverarbeiter des deutschsprachigen Theaters nicht fehlen. Also ist Daniel Wetzel nach Athen gereist, immer un immer wieder, und hat mit minderjährigen Flüchtlingen ein Stück erarbeitet. Evros Walk Water heißt. Der Titel bezieht sich auf zweierlei: den türkisch-griechischen Grenzfluss Evros, früher ein bevorzugtes Tor nach Europa, das jetzt durch einen massiven Grenzzaun geschlossen ist. Zweite Referenz ist „Water Walk“, ein Stück des Avantgarde-Komponisten John Cage, das aus einer exakt vorgeschriebenen Sequenz von Geräuschen, produziert von Alltagsgegenständen, basiert, und bei dem Wasser eine zentrale Rolle spielt. Die Aufnahme einer dreiminütigen Version des Stücks, vorgeführt von Cage in einer US-Fernsehsendung, ist der Ausgangspunkt. Sie hat Wetzel des Jugendlichen zu Beginn des Projekts vorgeführt und sie sehen auch wir zum Anfang von Evros Walk Water.

Im Januar 2016 machte Evros Walk Water in der Box des Deutschen Theaters Station (Bild: Sascha Krieger)

Im Januar 2016 machte Evros Walk Water in der Box des Deutschen Theaters Station (Bild: Sascha Krieger)

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Das Brummen der Maikäfer

Rimini Protokoll (Helgard Haug, Daniel Wetzel): Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2, Kunstfest Weimar / Deutsches Nationaltheater Weimar / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Das Timing ist perfekt: Am 8. Januar 2016, 8 Tage, nachdem das Urheberrecht ablief und das Buch gemeinfrei wurde, erschien die kritische Edition eines 70 Jahre lang nicht in Deutschland verfügbaren Bestsellers: Adolf Hitlers autobiografische Hetz-, Propaganda, Programm- und Rechtfertigungsschrift Mein Kampf. Am gleichen Tag feierte Rimini Protokolls Abend über das einst in fast jedem deutschen Haushalt vorhandene Buch, nur ein paar Straßenzüge entfernt vom Ort, wo sein Autor herrschte und unterging. Zeit, es herauszuholen aus den Winkeln der Vergessenheit und sich genauer anzuschauen, was es damit auf sich hat. Die Bühne (Marc Jungreithmeier) ist der erste Coup: Rimini Protokoll haben ihr Bühnenbild von Karl Marx: das Kapital, Erster Band, eine bewegliche, trenn- und zusammenfügbare Wand aus Bücherregalen und Verstecken, einfach wiederverwendet. Mit einem Unterschied: Jetzt bespielen sie die Rück- oder, wie einer der Spieler es ausdrückt, die „Arschseite“. Sie holen das Buch heraus aus den Giftschränken, den Verstecken, in denen es verborgen überlebt hat und zerren es hinaus ins Rampenlicht.

Das Hebbel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Das Hebbel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

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Mit netten Leuten Kuchen essen

Rimini Protokoll: Hausbesuch Europa, Hebbel am Ufer, Berlin (Regie: Rimini Protokoll)

Von Sascha Krieger

Europa: Was einst für eine Idee stand, ist längst für zu viele zum Schimpfwort geworden, zum Synonym für Bürokratie, Intransparenz, Mauschelei, Abgehobenheit. Und doch ist die europäische Einigung, wie das Nobel-Komittee vor einigen Jahren völlig richtig festgestellt ghat, vor allem das erfolgreichste Friedensprojekt in der bewegten und blutigen Geschichte nicht nur dieses Kontinents. Europa durchaus auch in seiner Ambivalenz sucht- und vor allem spürbar zu machen, es auf die Ebene des Einzelnen herunterzubrechen, der mit Millionen anderer Einzelner dieses Europa erst möglich macht, die Idee Europas mit Leben zu füllen – positivem wie negativem – , haben sich Rimini Protokoll in ihrem neuesten Projekt Hausbesuch Europa verschrieben, das derzeit in Berlin seine Premiere feiert und in der Folge durch Europa reisen wird. Die Idee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Hausbesuch Europas für in die Keimzelle dieses Kontinents, den privaten Raum überzeugter oder skeptischer Europäer. Schauplatz sind Privatwohnungen Freiwilliger, in denen sich bis zu 15 Teilnehmer um einen Tisch versammeln, der mit einer großen Europakarte bedeckt ist. Sie ist leer, doch wird es nicht lange bleiben. Gleich zu Beginn tragen die Teilnehmer Geburtsort, einen Ort, an dem sie lange gelebt haben und einen persönlichen Bedeutungsort ein und verbinden sie zu einem Dreieck, später kommen skizzierter Geschichten hinzu. Europa, so die Idee, lässt sich nur dann greifen, wenn es kein leeres Blatt ist, sondern eine Sammlung gelebter Leben, die plötzlich ungeahnt komplexe Verbindungsnetze hinterlassen.

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Der tödliche Blick

Eingeladen zum Theatertreffen 2014 – Rimini Protokoll: Situation Rooms, Ruhrtriennale / Hebbel am Ufer, Berlin/HAU2

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist das Ganze ja Ergebnis einer ausgeklügelten Dramaturgie: Über ein halbes Jahr musste man warten, bis die letzte zum Theatertreffen 2014 eingeladene Arbeit, der im Mai logistische und terminliche Schwierigkeiten im Wege standen, endlich in Berlin zu sehen war. Und kaum sind die knapp eineinhalb Stunden vorbei, ist so manche der anderen durchaus starken Inszenierungen zumindest halb vergessen, haben auch die aufregendsten unter ihnen eine wenn auch hauchdünne Staubschicht angesetzt. Denn was Rimini Protokoll in 80 Minuten mit dem nicht mehr als Zuschauer zu bezeichnenden Besucher machen, bleibt hängen, wirkt nach, rumort weiter und untergräbt Gewissheiten. Für all die Zyniker, die behaupten, Theater könne nicht mehr subversiv wirken, in Frage stellen, Sichergeglaubtes einstürzen lassen, sollte Situation Rooms Pflichtprogramm sein.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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