Archiv der Kategorie: Residenztheater München

Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Im Platitüden-Gefängnis

David Mamet: Die Anarchistin, Residenztheater München (Regie: Martin Kušej)

Von Sascha Krieger

Cathy sitzt seit 35 Jahren im Gefängnis. Gelandet war sie dort, weil sie einer linksterroristischen Gruppe angehörte und wohl, so sah es zumindest das Gericht, an der Ermordung zweier Polizisten beteiligt war. Ann dagegen ist treue Staatsdienerin, steht kurz vor der Pensionierung und versucht herauszufinden, ob Cathy wieder auf die Menschheit losgelassen werden. Kann. Diese glaubt, ihre Schuld beglichen zu haben, hat – natürlich – Gott gefunden und will den sterbenden Vater – ein schwerreicher Protagonist des Establishments! – noch einmal sehen. Ann glaubt ihr kein Wort und probiert hartnäckig, die vermeintliche Läuterung zu entlarven. Um es vorsichtig zu formulieren: Zu den stärksten texten des amerikanischen Stardramatikers David Mamet gehört dieses staubtrockene und vor Klischees triefende Dialogstück wahrlich nicht. Da weiß man kaum, was schlimmer ist: die endlose Wiederholung einfallsloser Rückfragen der marke „Ist das so?“, die küchenpsychologische Ausdeutung der Inquisitorin als sexuell Frustrierte, die daran leidet, keinen Sinn im Leben zu kennen, oder die einfältige Schlichtheit, in der hier Religion und Ideologie, Schuld und Vergebung verhandelt werden. Natürlich bricht am Ende das Narrativ der Gefangenen auf, ist die Wendung jedoch von so aufreizender Klischeehaftigkeit, dass man sich als Zuschauer fast persönlich beleidigt fühlt. Nein, ein Diskurs über politische Irrwege, über Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung gar findet hier nicht statt, viel zu blutleer und schablonenartig ist der Text.

Gastspiel von Die Anarchistin am Berliner Ensemble (Foto: Sascha Krieger)

Gastspiel von Die Anarchistin am Berliner Ensemble (Foto: Sascha Krieger)

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Im Schwitzkasten des Lebens

Theatertreffen 2014 – Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht, Residenztheater München (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist beim Anblick von Aleksandar Denícs Bühnenbild schon alles klar: Seine Bretterverschlagslandschaft in dem alles nur noch Erinnerung einstiger Lebensfülle ist: die schäbigen Salons in Bretterbuden, die verdreckte Küche, der Rettungswagen, der längst niemanden mehr rettet, die alten, halb abgerissenen Plakateetwa jene von Muhammad Alis Kampf gegen George Foreman im damaligen Zaire. Wer hier landet, ist am Ende, von hier geht es nicht weiter, haust der Bodensatz des Lebens, wurde das zwanzigste Jahrhundert verschrottet und ist eben doch noch nicht ganz tot. Louis-Ferdinand Célines Roman Reise ans Ende der Nacht, lässt sich, obwohl schon 1932 verfasst, als Zustandsbeschreibung dieses außer Kontrolle geratenen Jahrhunderts lesen, das Leben des Autors, der in den Folgejahren als schäumender Antisemit berüchtigt wurde, erst recht. Frank Castorf stellt ihn gleich zu Beginn in der Person Aurel Mantheis auf die Bühne, lässt ihn in einer Tirade gegen die verständnislose Welt anschreien, die seiner nun so gar nicht würdig sei. Gleich neben ihm steht eine Art Torbogen: „Liberté, Égalité, Fraternité“ steht darauf, seine Form ist weltbekannt: Es ist jene des Eingangstors von Auschwitz. Man kann das für plakativ halten, und doch beschreibt es den Weg, den die Menschheit von der Aufklärung zur Shoah zurückgelegt hat, auf erschreckend präzise Weise. Wurden nicht auch die Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit zum Vorwand genommen, um zu töten, zu vernichten, zu unterdrücken?

Foto: Matthias Horn

Foto: Matthias Horn

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Die Macht der Toten

Theatertreffen 2014 – Heiner Müller: Zement, Residenztheater München (Regie: Dimiter Gotscheff)

Von Sascha Krieger

Wie blickt man als Rezensent auf einen Abend, von dem man weiß, dass es der letzte eines großen Regisseurs war, der letzte vielleicht einer Theaterära? Denn mit Dimiter Gotscheff trat, 20 Jahre nach seinem Tod, in gewisser Weise auch Heiner Müller ab, der schroffe Mahner, der Apokalyptiker, bei dem sich Dystopie und Rückgriff auf die Antike, Hoffnung und Wissen um den Tod als das einzig Gewisse nie ausschließen, bei dem heute und gestern und morgen immer eine meist Vernichtung bringende Einheit bildeten. Einer, der die Wirklichkeit hereinbrechen ließ, der Trauer Raum gab, wie Alexander Kluge in seiner Eröffnungsrede betonte, einer, der, wie sein wohl größter Schüler Gotscheff fehlt. „Sie müssen neue Stücke schreiben und inszenieren“, sagt Kluge und weiß doch, dass wir, die Zurückgelassenen, mit dem auskommen müssen, was übrig geblieben ist.

Foto: Armin Smailovic

Unter Toten: Sebstian Blomberg als Tschumalow (Foto: Armin Smailovic)

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Nach dem Vogel-Strauß-Prinzip

Das Theatertreffen 2014 feiert das großstädtische Stadt- und Staatstheater

Von Sascha Krieger

Wie war das noch einmal mit den Totgesagten? Nachrufe auf das klassische Stadttheater gab es in den letzten Jahren, Monaten, ja, Wochen genug, landauf landab drohen finanzielle Kürzungen, Theaterschließungen, an einer Stelle treffen sich ein aktueller Intendant und sein Vorgänger wohl in Kürze vor Gericht, andere fordern lautstark eine grundlegende Reform, die sich an Modellen und Strukturen der Freien Szene orientieren sollte. Eine Finanz- und Strukturkrise wird immer wieder diagnostiziert, aber auch der Vorwurf künstlerischen Stillstands zieht sich wie ein roter Faden durch Zustandsbeschreibungen und Abgesänge. Und was macht das theatertreffen, die Leistungsschau der „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ des Theaterjahres und jährliches Schaufenster eines ansonsten am Rande der öffentlichen Wahrnehmung existierenden Theaterbetriebs? Es feiert das deutschsprachige Staats- und Stadttheater, proklamiert dessen künstlerische Meinungsführerschaft und stellt mal eben seinen Führungsanspruch zu dem, was Theater heute ist und sein kann, wieder her. Neun von zehn Inszenierungen des Theatertreffen-Jahrgangs 2014 kommen aus diesem System und auch unter den Partnern der zehnten Inszenierung, einer Ko-Produktion, finden sich gleich zwei Stadttheater. Das mag man als politisches Statement lesen, als Aufforderung an die Politik, die Stadttheaterlandschaft nicht auf dem Altar von Sparzwängen und Effizienzbestrebungen zu opfern. Und doch hinterlässt diese behauptete Hegemonie ein mulmiges Gefühl.

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

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Wenn Theater twittert

Eine Nachlese zur ersten Twitter-Theater-Woche

Von Sascha Krieger

Das deutsche Stadttheater  gilt ja nicht gerade als Keimzelle oder zentrale Stütze der digitalen Revolution. Jenseits von Spielplanveröffentlichungen und Ensembleportraits tut sich da wenig, vor allem die Social-Media-Nutzung ist zumeist, sagen wir: ausbaufähig. Das ist nicht allein die Schuld der Theatermacher: Wenn sie sich mal aus dem digitalen Fenster lehnen, wie etwa das Hamburger Thalia-Theater mit der Spielplanwahl 2011 oder das Berliner Maxim Gorki Theater mit einer Facebook-Fassung von Effi Briest, gibt es regelmäßig von der berühmt-berüchtigten Internetgemeinde wie von den sich klassisch nennenden Medien auf die Mütze. Hinzu kommt, dass bei der Frage, wie Theater und Internet zusammenkommen können, immer noch vor allem Fragezeichen in den Gesichtern der Theaterschaffenden stehen, wie beispielsweise die erste Ausgabe der Konferenz „Theater und Netz“ im Mai dieses Jahres zeigte.

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Immer auf Sendung

Autorentheatertage 2013 – Gian Maria Cervo, Marius von Mayenburg, Albert Ostermaier, Rafael Spregelburd: Call Me God, Residentheater München (Regie: Marius von Mayenburg)

Von Sascha Krieger

Oktober 2002: Gerade ein Jahr ist seit den Terroranschlägen des 11. September vergangen, da ist die US-Hauptstadt Washington und die umgebende Region der Bundesstaaten Maryland und Virginia wieder (oder immer noch?) ganz im Würgegriff kollektiver Angst. Drei Wochen lang halten zwei Scharfschützen die Menschen in Atem, bringen jegliches normales Leben zum Stillstand, schaffen einen permanenten Ausnahmezustand, töten wahllos, ohne erkennbares System zehn Menschen, hinterlassen ein Land in einer seltsamen Mischung aus lähmender Angst und gieriger Faszination. Die Botschaft „Call me God“ hinterließ der Serienmörder John Allen Muhammad an einem der Tatorte. Ein Gott spielender Killer, eine Gesellschaft im Würgegriff der Angst, ein Land, das sich seiner selbst nur mehr über die mediale Inszenierung vergewissern kann: Das sind die Zutaten von Call Me God, einer Gemeinschaftsarbeit vier führender europäischer Dramatiker, dessen Uraufführung einer von ihnen, Marius von Mayenburg am Teatro Argentina i Rom und am Münchner Residenztheater inszeniert hat.

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