Archiv der Kategorie: Residenztheater München

Die Ratten sind müde

Molière: Don Juan, Residenztheater, München (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Als Herrscher ohne Haus muss wohl selbst ein Frank Castorf die Werbetrommel rühren. So wohlwollend man ihm in seinen Münchner, Hamburger oder Zürcher Halb-Exilen begegnet, so sehr muss auch er hier um sein Publikum buhlen, zumal sein Theater außerhalb des Volksbühnen-Kokons von vielen Zuschauer*innen nach wie vor als „radikal“ wahrgenommen wird. Anders ist das unsägliche Interview, das der wie kein zweiter deutschsprachiger Regisseur Angehimmelte kürzlich der Süddeutschen Zeitung gab und in dem er sich anhand abstruser Fußballvergleiche zur Aussage verstieg, weibliche Theatermacher*innen seien in der Regel schlechter als männliche. Selbst für den überzeugten Macho Castorf war das harter Tobak, Empörung und offene Briefe ließen nicht lange auf sich warten. Castorf hingegen hatte was er wollte: Aufmerksamkeit für sein neues Projekt – Molières Don Juan am Münchner Residenztheater. Premiere hatte die Inszenierung, als sich Theater in anderen deutschen Metropolen bereits in die Sommerpause verabschiedeten – da tut ein bisschen Publicity gut. Und ein dem Sujet angemessener Schuss Sexismus. Das Provokationsspiel beherrscht Castorf wie eh und je und Rücksichtnahme ist seine Sache nicht. Wenn sich der frauenverachtende Wutbürger jetzt bestätigt fühlt, was soll’s? Hauptsache, das Theater ist voll.

Bild: Matthias Horn

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Maschine Menschheit

Friedrich Schiller: Die Räuber, Residenztheater, München (Regie: Ulrich Rasche) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Das Leben, so sagt man, sei ein Kreislauf. Leben, Tod, Leben und immer so weiter. Doch was wenn zum natürlichen ein menschengemachter zweiter Kreislauf tritt. Einer einer der Macht und Gewalt? Einer, den Friedrich Schiller lange vor dem Zeitalter beschrieb, das wir heute das „industrielle“ nennen und vor das wir mittlerweile das eine oder andere „post“ setzen. Kreisläufe sind seit damals viele dazugekommen, solche der Effizienz und Nützlichkeit, andere der Vernichtung. Das vergangene Jahrhundert erfand dafür das Fließband, den Kreislauf als physisches Prinzip und Werkzeug, an dem es Autos produzierte und Tote. Zwei riesige Exemplare stehen nun auf der Bühne des Münchner Residenztheaters. Ulrich Rasche, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, hat sie dort hingestellt. Dort erscheint zunächst Katja Bürkle, die derzeit die erkrankte Valery Tscheplanowa ersetzt, die wiederum für Bibiana Beglau einsprang, die lange vor der Premiere wegen „künstlerischer Differenzen“ das Handtuch warf. Auch das eine Art Kreislauf. Mit harter Stimme und herausforderndem Gestus, den Körper gespannt, als würde er gleich giftige Pfeile verschießen, proklamiert sie ihr Programm der Selbstermächtigung. Das Programm einer Macht, die sich aus radikalem Individualismus speist, sich selbst einziger Maßstab ist. Macht als absolutes Prinzip.

Bild: Andreas Pohlmann

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Politik im Tigerkäfig

Jean-Paul Sartre: Die schmutzigen Hände, Residenztheater (Cuvilliéstheater), München (Regie: Martin Kušej)

Von Sascha Krieger

Die Politik ist ein Gefängnis. Ein doppeltes sogar: Stefan Hageneier hat zwei Stahlkäfige – einen kleineren innerhalb eines größeren – auf die altehrwürdige und tagsüber museale Bühne des Cuvilliéstheaters gestellt, allein das schon eine spannende Kombination. Aus der Martin Kušejs Abend genauso wenig macht wie aus so manch anderer Gelegenheit. Politisch gibt sich der Intendant in seiner Spielzeiteröffnungsinszenierung, mit Jean-Paul Sartres Lehrstück (nicht im Brechtschen Sinn) über den Grundkonflikt zwischen Realpolitik und Ideologie, Pragmatismus und Prinzipientreue. Kein abseitiger Stoff in einer Zeit, in der Ideologien ihre meist nicht besonders angenehm anzuschauenden Köpfe erheben und in der ideologische Reinheit – wie gerade nicht nur in den USA zu erleben – wieder zu einem politischen Wert zu werden droht und in der Konsens und Kompromiss immer öfter zu Verrat umgedeutet werden. Da könnte der totalitäre Kommunistenführer Hoederer, der sich mit dem politischen Gegner zu verständigen sucht, um Frieden zu schaffen, schnell zum Vertreter westlicher Demokratie umgedeutet werden, dem die Verfechter der Absolutheit ihrer spezifischen Ansichten von links wie (vor allem) rechts gegenüberstehen – in ihrer zynisch-machtbesessenen (Louis) wie ihrer naiv-idealistischen Variante (Hugo).

Bild: Julian Baumann

Bild: Julian Baumann

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Der verloren gegangene Kontinent

F.I.N.D. 2016 – Milo Rau: The Dark Ages, Residenztheater, München (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Es sind fröhliche Bilder, die uns Milo Rau zu Beginn von The Dark Ages, dem zweiten Teil seiner Trilogie zu Zustand, Befindlichkeiten und Komplexen dieses seltsamen Kontinents namens Europa zeigt. Eine Hochzeitsgesellschaft, strahlende, feiernde Menschen verewigt in die leicht verschneiten Bildern und verwaschenen Farben einer Videoaufnahme aus den frühen 1990er-Jahren. Vor den Bildern sitzt Sudbin Musić, ein bosnischer Menschenrechtsaktivist, der mit 18 knapp einem Massaker in seinem Heimatort entging und anschließend ein serbisches Konzentrationslager überlebt hat. Jetzt hilft er ehemaligen Leidensgenossen bei ihrer schwersten Aufgabe: weiterzuleben. Er sitzt in einem Nachbau seines Büros, voller Akten, Bücher, Bilder, Karten, Erinnerungsstützen und erzählt mit ruhiger Stimme und traurigem Blick vom Entwurzeltwerden, von den fröhlich Feiernden, von denen kaum einer noch lebt, von dem Tag, an dem er hätte sterben sollen und durch einen Zufall gerettet wurde, vom ermordeten Vater, dessen Bergung aus einem Brunnen er Jahre später beiwohnte und dessen Schädel er in den Händen hielt, von der Heimatlosigkeit des von einem Flüchtlingslager zum anderen Weitergereichten.

Bild: Thomas Dashuber

Bild: Thomas Dashuber

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Hunde im Orkan

Autorentheatertag 2015 – Nis-Momme Stockmann: Phosphoros, Ruhrfestspiele Recklinghausen / Residenztheater München (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ja, ja, Selbstbild und Fremdbild, nie wollen sie zusammenpassen: Lew Katz ist ein Physikprofessor, der die reine Wissenschaft hochhält und mit seinem Narzissmus, seiner Hypochondrie und seinem Zynismus doch nur um Aufmerksamkeit buhlt und mit seinem vermeintlichen Missverstandensein kokettiert. Der Kontrabassist Basil schwadroniert von der hehren Kunst, muss in Provinzhotels auftreten und kompensiert dies durch den Missbrauch seiner Freundin als „Assistentin“, die das schwere Instrument durch die Republik schleppt. Die junge Marlene, die ohne eingeschrieben zu sein Physikvorlesungen besucht und ansonsten als Brezelverkäuferin im ICE jobbt, glaubt die Welt zu durchschauen, sieht sich als analytisch scharfe Rebellin und schleudert noch nur ihren persönlichen Frust als Hass in die Welt. Doch den Genügsamen geht es nicht besser. Lews Ehefrau Anne etwa: Stoisch erträgt sie die Gleichgültigkeit des Gatten, nur um die erste Gelegenheit zu nutzen, ihre Macht auszuspielen. Und Rezeptionist Schröder, hochintelligent und musikalisch talentiert, behauptet, seinen Job zu lieben und interpretiert ihn doch als Freibrief für Intrigantestem und Grausamkeit.  Hier will jeder hoch hinaus, findet sich und sein Leben ungenügend und tritt wütend um sich.

Foto: Andreas Kohlmann

Foto: Andreas Pohlmann

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Schweine und Windmühlen

Theatertreffen 2015 – Bertolt Brecht: Baal, Residenztheater München (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Draußen versteigert das TT-Blog die letzte Karte im Namen der Werktreue und zugunsten der Brecht-Erben – von denen in Person von Brecht-Enkelin Johanna Schall sogar eine anwesend ist –, eine Frau fordert per Schild den Erhalt der Volksbühne, die Intendanten der Hauptstadttheater sind da und die Presse sowieso: Nein, dieser Premierenabend, der auch der letzte Akt des diesjährigen Theatertreffens ist, ist kein gewöhnlicher. Frank Castorfs Münchner Baal-Inszenierung wird gezeigt und beschert dem Festival noch mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich, befand sich der Regisseur zuletzt doch im Brennpunkt der zwei wohl leidenschaftlichsten Debatten der deutschen Kulturpolitik zurzeit: Da ist zum einen die um seine Nachfolge an der Volksbühne, die längst zu einer Diskussion über die Zukunft des deutschsprachigen Stadt- und Staatstheaters geworden ist, und zum anderen jene um das Urheberrecht, entbrannt am Rechtsstreit um eben diese hier gezeigte Inszenierung, für die sich deshalb auch zum letzten Mal der Vorhang öffnet. Natürlich hat das Ensemble den einen oder anderen Hinweis eingestreut in die Inszenierung, werden etwa Fremdtexte auf die Bühne geschleppt, worauf hin Bibiana Beglau moniert: „Wegen so einem Scheiß sind wir jetzt verboten!“ Das wird mit reichlich Szenenapplaus goutiert, der nicht zu vergleichen ist mit dem Jubel, der Castorf beim Schlussapplaus empfängt. Am Ende dieses sich so politisch gebenden Theatertreffens ist auch das als Statement zu verstehen.

Foto: Thomas Aurin

Foto: Thomas Aurin

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Am Kreuzweg

Henrik Ibsen: Peer Gynt, Residenztheater München (Regie: David Bösch)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist dieser Peer Gynt ja ein ganz Netter. Klar, er lässt reihenweise Frauen und auch schon mal das eigene Kind sitzen und die Mutter sowieso. Das mit dem Sklavenhandel hätte er vielleicht auch bleiben lassen können. Und doch fällt es schwer, dem großen, verspielten, unverschämten und gern auch seine Umwelt provozierenden Kind, als das Shenja Lacher seinen Peer gibt, länger böse zu sein. Er hat es ja auch nicht leicht im Leben: Der Vater hat sich totgesoffen, die Angebetete heiratet einen Anderen und selbst lebt man, gekleidet in abgeranzte Klamotten, in einem mickrigen Wohnwagen irgendwo auf einer Waldlichtung. Dieser Peer ist pures Prekariat und da ist es denn auch verzeihlich, dass er in der Wahl seiner Mittel, etwas aus sich zu machen, nicht zimperlich ist. Es geht viel um das Man-selbst-sein in diesem Stück und auch Davis Bösche Inszenierung kommt in praktisch jeder Szene auf das Thema zurück. Doch wie kann das gehen, wenn man das, was man ist, verabscheut? Der Geschichtenerzähler und -erfinder Peer ist hier vor allem ein Spielkind, insbesondere vor der Pause driftet der Abend ab in ein nicht ende wollendes und zunehmend ermüdendes Katz-und-Maus-Spiel. Räuber und Gendarm auf großer Bühne. Die romantisch sich im Bühnenhimmel verlierenden norwegischen Riesenbaumstämme (Bühne: Falk Herold) tun ein übriges, die Fantasielandschaft eines eskapistischen Träumers zu evozieren, der auch dann nicht aufhört, wenn seine eigene Handlung die Realität kaum mehr verleugnen kann.

Foto: Thomas Dashuber

Foto: Thomas Dashuber

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Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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Im Platitüden-Gefängnis

David Mamet: Die Anarchistin, Residenztheater München (Regie: Martin Kušej)

Von Sascha Krieger

Cathy sitzt seit 35 Jahren im Gefängnis. Gelandet war sie dort, weil sie einer linksterroristischen Gruppe angehörte und wohl, so sah es zumindest das Gericht, an der Ermordung zweier Polizisten beteiligt war. Ann dagegen ist treue Staatsdienerin, steht kurz vor der Pensionierung und versucht herauszufinden, ob Cathy wieder auf die Menschheit losgelassen werden. Kann. Diese glaubt, ihre Schuld beglichen zu haben, hat – natürlich – Gott gefunden und will den sterbenden Vater – ein schwerreicher Protagonist des Establishments! – noch einmal sehen. Ann glaubt ihr kein Wort und probiert hartnäckig, die vermeintliche Läuterung zu entlarven. Um es vorsichtig zu formulieren: Zu den stärksten texten des amerikanischen Stardramatikers David Mamet gehört dieses staubtrockene und vor Klischees triefende Dialogstück wahrlich nicht. Da weiß man kaum, was schlimmer ist: die endlose Wiederholung einfallsloser Rückfragen der marke „Ist das so?“, die küchenpsychologische Ausdeutung der Inquisitorin als sexuell Frustrierte, die daran leidet, keinen Sinn im Leben zu kennen, oder die einfältige Schlichtheit, in der hier Religion und Ideologie, Schuld und Vergebung verhandelt werden. Natürlich bricht am Ende das Narrativ der Gefangenen auf, ist die Wendung jedoch von so aufreizender Klischeehaftigkeit, dass man sich als Zuschauer fast persönlich beleidigt fühlt. Nein, ein Diskurs über politische Irrwege, über Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung gar findet hier nicht statt, viel zu blutleer und schablonenartig ist der Text.

Gastspiel von Die Anarchistin am Berliner Ensemble (Foto: Sascha Krieger)

Gastspiel von Die Anarchistin am Berliner Ensemble (Foto: Sascha Krieger)

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