Archiv der Kategorie: René Pollesch

„Theater der Trance“

René Pollesch: Melissa kriegt alles, Deutsches Theater, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Nein, wer Melissa ist und was sie alles bekommt, erfahren wir in diesen 90 Minuten nicht. Wer sinch an den Stücktiteln von Pollesch-Abenden festhält, hat eh meistens verloren. Und so ist der Brief, dem die ersten Worte Kathrin Angerers, gesprochen noch hinter der weißen Vorhang-Gardine, gelten und der die titelgebende Aussage entält, schnell vergessen. Er ist ein Zitat, ein Überbleibsel des solche Trigger bedingenden Handlungstheaters, das Pollesch schon lange hinter sich gelassen hat und das er hier mal wieder genüsslich seziert. Der Brief als Handlungstreiber – er darf mit auf den Komposthaufen nicht benötigter Theatertropen. Auch wenn es mit allerlei russisch anmutenden Garderobenelementen – Fellmützen- und -mäntel spielen eine wesentliche Rolle anmutet, als wäre wir bei Tschechow oder zumindest Gorki: Der Fluchtpunkt dieses abends heißt Brecht. Es ist sein Vorhang, der zu Beginn aufgeht und wiederholt thematisiert wird, sein Theater, um das sich die Gesprächsschleifen immer wieder drehen und zu dem sie stets zurückkommen. Und es ist seine Frau, Helene Weigel, welche die zwei Themenkomplexe des Abends, so man von solchen sprechen kann, zusammenfügt: das Theater und die Revolution.

Bild: Arno Declair

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„Ein Licht, das niemals ausgeht“

René Pollesch: Glauben an die Möglichkeit einer völligen Erneuerung der Welt, Friedrichstadt-Palast, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

René Pollesch und Fabian Hinrichs im Friedrichstadt-Palast: Hochprozentiger kann eine Schnaps-Idee kaum sein. Das Dream Team selbstgesprächiger Diskursmarathons auf der eigenen Angaben zufolge weltgrößten Showbühne, die Sprach- und Gedanken- und Assoziationsgewitterer im Allerheiligsten der großen Show-Effekte, der Revue-Überwältigung, der aberwitzigen Kostüme und der Showballett-Seligkeit. Das Duo hat schon  ungewöhnliche Kombinationen probiert: In Kill Your Darlings! stellte es sich einen „Chor“ aus jungen Turner*innen zur Seite. Diesmal sind es Company-Mitgleder des Hauses, an dem sie gastieren. Und auch anderweitig bedient man sich: beispielsweise an Elementen von Michael Cottens Bühnenbild für die aktuelle Palast-Show VIVID. Riesige Palmenblätter und zwei Wendeltreppen rahmen die Bühne, später kommt eine neonbeleuchtete Treppen-Brücke zum Einsatz. Auch bei den Kostümen gibt es Referentzen, die (gemischte) Girlsline dar nicht fehlen und eine eindrücksvolle Lasershow kommt ebenfalls zum Einsatz. Pollesch/Hinrichs go Show Revue?

Bild: William Minke

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„Ich bin kein Performer, ich bin Transformer!“

René Pollesch: (Life on earth can be sweet) Donna, Deutsches Theater, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Das Theater des René Pollesch als „Diskurstheater“ zu definieren, ist schon so lange Konsens, dass es in den Kanon der Binsenweisheiten eingereiht werden darf. Gesellschaftliche, philosophische, soziologische Fragen mit den Mitteln des Theaters – dem Dialog, der physischen Kopräsenz von Darsteller*in und Publikum im selben Raum – zu verhandeln, ist so etwas wie sein Markenzeichen. Die Literaturlisten, auf denen seine Abende basierten, waren in der Vergangenheit fast länger als die Textfassungen. Das hat sich ein bisschen verschoben. Statt wissenschaftlichen Traktaten und Wälzern (die natürlich weiterhin eine rolle spielen), bedient sich Pollesch in letzter Zeit zunehmend in der Popkultur, vor allem beim Film, und auch thematisch findet eine gewisse Reduktion statt: Zuletzt ging es bei ihm oft um die Liebe, als Phänomen, Problem, gesellschaftliche Frage, Unmöglichkeit. Und ums Theater selbst, seine Begrenzungen, seine Freiheit, sein Illusionspotenzial. Mit (Life on earth can be sweet) Donna zieht er sich nun ganz in dien Raum zurück, der seit jeher sein Spielfeld war, hinterfragt ihn, zerlegt ihn, bespielt ihn.

Bild: Arno Declair

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Theater Theater Theater

René Pollesch: Probleme Probleme Probleme, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Wer hier doppelt sieht, sollte sich nicht zu sehr wundern. Wer René Polleschs neuen Hamburger Abend besucht, bekommt es nicht nur mir dreifachen Problemen, sondern auch mit einer zweifachen Bühne zu tun. Eine Wand in Holzoptik enthält gleich zwei Bühnenportal (Bühne: Barbara Steiner), durch die insgesamt fünf Spielerinnen treten, die gerade eine Doppelvorstellung hinter sich haben. Gleichzeitig? Auf verschiedenen Bühnen, aber am gleichen Ort? Existenzielle Verunsicherung schleicht immer um Polleschs Diskursgewitter herum, nistet sich ein, verschiebt Denkachsen und Schwerpunkte. Hier ist sie der Ausgangspunkt. Sofort erstarrt der Diskurs in Wiederholungsschleifen, lässt sich so etwas wie Realität nicht mehr feststellen. wenn es hier eine Doppelvorstellung gab, zur gleichen Zeit, am gleichen Ort, wie ist das möglich? Und überhaupt, was wurde eigentlich gespielt? Das Käthchen von Heilbronn oder Ein Sommernachtstraum? Die Hemdchen, die sie tragen, geben keine Antwort. Und doch spricht zunächst viel  für ersteres, bevor der Blick hinter die Portale, auf einen zugewachsenen Märchenwald, eher in zweite Richtung deutet. Dann tritt am Ende Bettina Stucky auch noch als eine Mischung aus Robin Hood und Wilhelm Tell auf die Bühne, während Angelika Richter sich mit einer wieder auf Kleist hinweisenden Ritterrüstung über die Bretter quält. Nichts ist sicher, der „Knacks“ in der Wirklichkeit, derzeit Polleschs Schlüsselbegriff, ist in der Welt.

Bild: Sascha Krieger

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Kein weites Feld

René Pollesch stellt sich als künftiger Intendant der Berliner Volksbühne vor

Von Sascha Krieger

Update: Das im Artiel zitierte und bei der Pressekonferenz in Teilen verlesene programmatische Bewerbungsschreiben René Polleschs ist hier dokumentiert und vollständig nachzulesen.

„Es ist nicht mein Lebenstraum gewesen, Intendant zu werden.“ Ungewöhnliche Worte für einen, der in den Augen mancher, wohl auch des neben ihm sitzenden Berliner Kultursenators Klaus Lederer,  nicht weniger sein soll als der Retter jenes ins Schlingern geratenen Theaterdampfers Volksbühne. Und nein, wie ein solcher, sieht der Mittfünfziger, der da auf dem Podium im Roten Salon sitzt, nicht aus. Sichtlich unwohl ob der ungeliebten Aufmerksamkeit hält er sich an den zuvor an die Journalist*innen ausgeteilten fünf Schreibmaschinenseiten fest, die er als sein Bewerbungsschreiben für den Posten bezeichnet und aus denen er Auszüge vorliest. Es ist ihm wichtig sich zu erklären, auch weil mit seinem Namen naturgemäß so manches verbunden ist, was für die einen Versprechen ist und für die anderen Last, immer jedoch eines: ein Rückgriff auf die Ära Frank Castorf, die vermeintlich so goldene jüngere Vergangenheit des Hauses. Mit der bleibt René Pollesch, Castorfs designierter Nach-Nach-Nachfolger verbunden. Fast zwanzig Jahre hat er hier gearbeitet, er gilt als eine der prägenden Gestalten dieser Zeit. Eine Entscheidung für ihn ist eine für die „alte Volksbühne“, ein logischer Schritt für einen Kultursenator, der im Wahlkampf aus seiner Ablehnung des Museumsfachmanns Chris Dercon, den der ob seiner Vergangenheit als Popmusik-Label-Manager ehemalige Kulturstaatssekretär in der Stadt stets verachtete Tim Renner als neuen Intendanten geholt hatte, nie einen Hehl machte. Auch in der Folge verweigerte Leder dem unglücklich agierenden und einer regelrechten Hasskampagne ausgesetzten Dercon die Rückendeckung.

René Pollesch bei der Vorstellung im Roten Salon (Bild: Christian Rakow / nachtkritik.de)

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Mein Freund, der Knacks

Autorentheatertage 2019 – René Pollesch: Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini Studien), Schauspielhaus Zürich (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Die Zeit ist aus den Fugen in dieser Arbeit von Vielschreiber und -inszenierer René Pollesch. Haben die drei in rustikal theatraler Kostümierung  gerade eine Sechsstundenversion von Shakespeares Ein Sommernachtstraum hinter sich oder sind sie gerade erst auf die Bühne gekommen? Sie können sich nicht erinnern und wenn sie es könnten, vermochten sie sich ohnehin nicht darüber einigen woran. Denn waren es eigentlich „nur“ sechs Stunden oder gar 48? Je länger dieser, so weit der Rezensent das beurteilen kann, nicht zweistündige Abend fortschreitet, desto länger wird der, von dem er erzählt. Oder eben auch nicht, denn er lässt sich ja nicht erinnern, wenn es ihn denn gab. Die Kontingenz, die Gleichzeitigkeit und Gültigkeit des Gegensätzlichen, scheint derzeit Polleschs Kernthema zu sein, zusammen mit dem, das ihn ohnehin seit Jahren umtreibt: der Liebe. Auch sie ist in seinem Universum immer zugleich zwingend und unmöglich. Schrödingers Liebe sozusagen.

Bild: Sascha Krieger

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„Wer an Repräsentation festhält, will auch Grenzen schließen“

René Pollesch: Black Maria, Deutsches Theater (Kammerspiele) Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Natürlich fehlen sie, diese wunderbaren Stücktitel wie Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang oder Du hast mir die Pfanne versaut, du Spiegelei des Terrors. Wenn René Pollesch heute Theater macht, tragen die Abende oft Titel wie Dark StarCry Baby oder eben Black Maria. Das klingt nach Filmtiteln und soll es natürlich auch. Denn Pollesch liebt den Film, hat einen Großteil von Frank Castorfs letzter Volksbühnenspielzeit mit eigenen filmischen Werken bestritten, zitiert in seinen aktuellen Arbeiten immer wieder Filme, ihre Konstellationen, Konflikte, Klischees, bruchstückt sich von ihnen ausgehend in seine immer ausufernden Diskursgewitter hinein. Das Massenmedium Film als dem „gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang“ nächste Kunstform, als Spiegel gesellschaftlicher Debatten und Veränderungen und manchmal, ganz selten, auch ihr Katalysator, ist für ihn ein perfekter Metapherngrund für sein gesellschaftlichen Konsens jeder Art aus den Angeln hebenden und neu zusammengewürfelt auf den Bühnenboden hinabwerfendes Diskurstheater.

Bild: Arno Declair

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„Wir können es auch nicht“

René Pollesch: Cry Baby, Deutsches Theater, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Zurück auf Anfang? Als René Pollesch zum letzten Mal in Berlin inszenierte, war alles anders aber schon nichts mehr gut. Eineinhalb Jahre ist es her, die Volksbühne war noch, Bert Neumann sei Dank, eine Mischung aus Asphaltdschungel und Großraumdisko. Pollesch gehörte mit Dark Star der löetzte Abend der Castorf-Zeit, ein melancholisches Nicht-Abschiednehmen wie so manche vor ihm, ein Verglühen in Ratlosigkeit. Jetzt ist er wieder da, die Volksbühne wieder ein zu beschreibenden weißes Blatt und Pollesch findet Unterschlupf im altehrwürdigen deutschen Theater. Damit haben sich die Volksbühnen-Granden verteilt – Castorf inszeniert nebenan am BE, Herbert Fritsch an der Schaubühne – und vielleicht irgendwie den Rest der Stadt erobert. Aber, first things first, erstmal gilt es, von der neuen Bühne Besitz zu ergreifen. Die sich auf den Neuzugang einiges einbildet, nicht zufällig bekommt Pollesch die Saisoneröffnungspremiere. In der er sich dann auch ausgiebig der Exil-Heimat widmet.

Bild: Arno Declair

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„God only knows…“

René Pollesch: Dark Star, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Man will ja nicht, dass das zu Ende geht, und eigentlich ist ein Ende auch gar nicht vorgesehen in diesem 25 Jahre anhaltenden Experiment namens Frank Castorfs Volksbühne, in diesem Theater, das Anfang und Ende auf den Müllhaufen geworfen hat, vom Immer-Weiter lebt, den (Theater-)Raum aufgefächsert, erweitert, zersplittert hat und der linearen Zeit sein 1992 den Kampf ansagt. Da gibt es natürlich keinen Schlusspunkt, wie er Castorfs Faust-Abend sein sollte. Nein, nicht nur hat der Hausherr selbst noch eine Art Zugabe nachgelegt, sondern er lässt den wirklich letzten Auftritt dem langjährigen Mitstreiter René Pollesch, der mit Dark Star den dritten Teil seines „Volksbühnen-Diskurses“ vorlegt, der zunächst gar nicht kommen sollte, dann doch und nun sich nicht als Teil der Serie bekennt, die er, und das macht die einleitende Diskussion über die Serie, entnommen den ersten beiden Teilen, klar, genau dies ist. Und eben auch nicht. Das Lineare, das Serielle, das Erwartbare – sie hatten an diesem Haus nie etwas zu suchen. Apropos erwartbar. Das überraschendste an diesem allerletzten Premierenabend ist: Er hat so etwas wie eine Geschichte. Eine Geschichte! Bei Pollesch!

Bild: Sascha Krieger

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Bloß keine Lösung!

René Pollesch: Bühne frei für Mick Levčik!, Schauspielhaus Zürich (Regie: René Pollesch) – Gastspiel am Berliner Ensemble

Von Sascha Krieger

1948 inszenierte Bertolt Brecht die Antigone des Sophokles am Stadttheater des Schweizer Städtchens Chur. Von durchschlagendem Erfolg war der Abend nicht, weder dort, noch bei einem Gastspiel in Zürich. Brecht jedoch fand ihn so wichtig, dass er ihn zu einer Modellinszenierung erklärte und ein Modellbuch erstellte, das zukünftigen Regisseuren vortragen sollte, wie das Stück zu inszenieren sei. Hier setzt René Polleschs Zürcher Abend an. Zunächst rekonstruiert Barbara Steiner nach einer Idee des verstorbenen Bert Neumann das Originalbühnenbild von Caspar Neher: ein Halbrund mit roter Rückwand (deren Beschaffenheit an Neumanns berühmte Lamettavorhänge erinnert), davor weiße Bänke für die Schauspieler, im Zentrum der Bühne vier Pfähle mit Pferdeschädeln, welche die eigentliche Spielfläche einrahmen. Das ist essenzieller Brecht: der Übergang vom Schauspieler zur Rolle ist für den Zuschauer klar sichtbar. Hinzukommt eine herunterfahrbare weiße Wand mit Tür, Wandschrank sowie Orts- und Zeitangabe für das kurz vor Kriegsende 1945 spielende Vorspiel, eine Art zeitgenössische Übertragung der Antigone-Grundsituation.

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