Archiv der Kategorie: René Pollesch

„God only knows…“

René Pollesch: Dark Star, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Man will ja nicht, dass das zu Ende geht, und eigentlich ist ein Ende auch gar nicht vorgesehen in diesem 25 Jahre anhaltenden Experiment namens Frank Castorfs Volksbühne, in diesem Theater, das Anfang und Ende auf den Müllhaufen geworfen hat, vom Immer-Weiter lebt, den (Theater-)Raum aufgefächsert, erweitert, zersplittert hat und der linearen Zeit sein 1992 den Kampf ansagt. Da gibt es natürlich keinen Schlusspunkt, wie er Castorfs Faust-Abend sein sollte. Nein, nicht nur hat der Hausherr selbst noch eine Art Zugabe nachgelegt, sondern er lässt den wirklich letzten Auftritt dem langjährigen Mitstreiter René Pollesch, der mit Dark Star den dritten Teil seines „Volksbühnen-Diskurses“ vorlegt, der zunächst gar nicht kommen sollte, dann doch und nun sich nicht als Teil der Serie bekennt, die er, und das macht die einleitende Diskussion über die Serie, entnommen den ersten beiden Teilen, klar, genau dies ist. Und eben auch nicht. Das Lineare, das Serielle, das Erwartbare – sie hatten an diesem Haus nie etwas zu suchen. Apropos erwartbar. Das überraschendste an diesem allerletzten Premierenabend ist: Er hat so etwas wie eine Geschichte. Eine Geschichte! Bei Pollesch!

Bild: Sascha Krieger

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Bloß keine Lösung!

René Pollesch: Bühne frei für Mick Levčik!, Schauspielhaus Zürich (Regie: René Pollesch) – Gastspiel am Berliner Ensemble

Von Sascha Krieger

1948 inszenierte Bertolt Brecht die Antigone des Sophokles am Stadttheater des Schweizer Städtchens Chur. Von durchschlagendem Erfolg war der Abend nicht, weder dort, noch bei einem Gastspiel in Zürich. Brecht jedoch fand ihn so wichtig, dass er ihn zu einer Modellinszenierung erklärte und ein Modellbuch erstellte, das zukünftigen Regisseuren vortragen sollte, wie das Stück zu inszenieren sei. Hier setzt René Polleschs Zürcher Abend an. Zunächst rekonstruiert Barbara Steiner nach einer Idee des verstorbenen Bert Neumann das Originalbühnenbild von Caspar Neher: ein Halbrund mit roter Rückwand (deren Beschaffenheit an Neumanns berühmte Lamettavorhänge erinnert), davor weiße Bänke für die Schauspieler, im Zentrum der Bühne vier Pfähle mit Pferdeschädeln, welche die eigentliche Spielfläche einrahmen. Das ist essenzieller Brecht: der Übergang vom Schauspieler zur Rolle ist für den Zuschauer klar sichtbar. Hinzukommt eine herunterfahrbare weiße Wand mit Tür, Wandschrank sowie Orts- und Zeitangabe für das kurz vor Kriegsende 1945 spielende Vorspiel, eine Art zeitgenössische Übertragung der Antigone-Grundsituation.

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Der Ort des Überflüssigen

René Pollesch: Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc. Kurz: Volksbühnen-Diskurs. Teil 1: Ich spreche zu den Wänden + Teil 2: Es beginnt erst bei Drei, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Der Titel, ach der Titel. Die sind bei René Pollesch bekanntlich immer schon Theater und Teil der Verwirrungsmaschine. wer wissen will, „worum es geht“ (bei Pollesch ohnehin ein seltsames Konzept) ignoriert besser, wie der Abend heißt. Außer vielleicht in diesem Fall, sofern man gleich bis zum Ende springt. Denn da steht „Volksbühnen-Diskurs“. Es soll also um dieses Haus gehen, seine Besonderheit und sein bevorstehendes Ende. Tatsächlich muss der Zuschauer lange warten, bis in der zweiten Hälfte des ersten Teils (Pollesch hat nicht mehr viel Zeit, also gibt es gleich zwei Abende auf einmal) die Sprache tatsächlich auf diesen Ort kommt. Martin Wuttke ist es, der das Thema anschneidet, so kryptisch komplex wie stets bei René Pollesch. Er spricht von den Ortlosen und meint die Dercon-Verteidiger, die globalisierte Kunstmaschinerie, die diesen Ort nicht kennen und nicht brauchen, die nicht verstehen, was es heißt, einen Ort zu haben, einen, an dem man sich, wie Wuttke im zweiten Teil sagen wird, sich selbst hören kann.

Bild: Sascha Krieger

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„Das Drama rausnehmen“

René Pollesch: I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Es ist ja eigentlich, um mit einer sächsischen A-Capella-Band der 1990er-Jahre zu sprechen, alles nur geklaut. Den wieder einmal wunderbaren Stücktitel I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung hat René Pollesch von Twitter, das Figurenensemble aus dem, will man der Kritik glauben, desaströsen Kiffer-Film Half Baked, das Bühnenbild ist 15 Jahre alt und von Bert Neumann. Mit der Rollenden-Road-Schau schwärmte die Volksbühne damals aus in die Stadt, drei der mit orangefarbenen Planen bedeckten Wagen bilden jetzt hier ein improvisiertes „Zuhause“, vor dem man sich in den Karamasow-Sitzsäcken fläzt oder auf den oft bei Hausherr Frank Castorf zu sehenden weißen Plastik-Gartenstühlen sitzt. Da ist es schon wohltuend, dass der Inhalt des Abends zwar auch dem Recycling-Prinzip folgt, sich aber vor allem über Polleschs eigenes Schaffen hermacht. Irgendwie versprüht der 90-minütige Abend, er sei durch Zusammenklauben von Überbleibseln früherer entstanden und zwar in reichlich Cannabis-induzierter Trägheit.

Bild: Sascha Krieger

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Auf die Straße! Oder doch nicht?

René Pollesch: Service / No service, Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Genug geredet: Immer und immer wieder hat René Pollesch die großen Themen verhandelt: Kapitalismus, Freiheit, die Illusion vom Individuum, zuletzt vor allem die Liebe und ihre Unmöglichkeit. Heerscharen von Soziologen und Philosophen und Psychologen und überhaupt wurden zitiert, in Endlosschleifen wiedergekäut und ausgespuckt, zerfetzt und neu zusammengesetzt zu seltsam funkelnden Diskurskunstwerken, die mal mehr, mal weniger Erkenntnisgewinn brachten, aber stets lustvoll auch den aufmerksamsten Zuschauer überforderten. Schluss damit, mag sich René Pollesch bei der Planung seines neuesten Abends gesagt haben, widmen wir uns endlich dem wirklich Wichtigen: dem Theater. Maximilian Brauer schiebt einen Thespiskarren über die Bühne (mehrfach ist von scherzen für Bildungsbürger die rede, dies ist wirklich einer) und spielt griechische Tragödie mit Aspirintablette und Smarties, dann muss sich Kathrin Angerer belagern lassen, weil sie eine Vorstellung zu früh verlassen, im Elektra-Monolog verstummt sei.

Foto: Sascha Krieger

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Iggy Pop in Schweinfurt

René Pollesch: Keiner findet sich schön, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Es hatte sich ja angedeutet: Schön länger hat René Pollesch, der Diskursgroßmeister des deutschsprachigen Theater, die Liebe als Thema für sich entdeckt.Und so sehr er es zuletzt durch seine Theoriemühle drehte, es wollte nicht so recht verschwinden. Also hat er kapituliert, den üblichen philosophischen, soziologischen, psychologischen  Überbau von Bord geworfen, Fabian Hinrichs zurückgeholt und ihm einen Text auf den Leib geschneidert über, na ja, die Liebe eben. Oder besser gesagt: das leiden an ihr und ihre Tendenz, sich immer rechtzeitig zu verflüchtigen, wenn man droht, ihr zu nahe zu kommen. Weil, und das ist das Grunddilemma, es dieses eine Wort gib, das auch in diesem Text schon auftauchte: oder. Denn, und so hebt dieser Abend an, am Anfang war nicht das Wort, sondern die Entscheidung. In diesem Fall die, zum Iggy-Pop-Konzert zu gehen oder (das ist es wieder) zu Hause zu bleiben und Robocop zu sehen. Von da aufs geht es immer weiter. Unzählig und bald schon unüberschaubar die Verästelungen des Entscheidungsbaumes, unmöglich zu wissen, welche der zahllosen Weggabelungen denn zum Ziel führt.

Foto: Sascha Krieger

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Ein Wal namens Bewusstsein

René Pollesch und Dirk von Lowtzow: Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Das ewige Menschheitsthema Liebe hat der theatrale Diskursgroßmeister, Kapitalismusanalytiker und Realitätshinterfrager René Pollesch ja schon seit einigen Volksbühnen-Abenden für sich entdeckt. Da ist der Schritt ins Weltumspannende, Universelle nur konsequent. Und so schleudert uns der wunderbar irreführend Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte betitelte Abend (Gentrifizierung und derlei Dinge gehören zu den wenigen Themen, die er nicht streift) nicht nur Polleschs Interpretation der Menschheits- und Evolutionsgeschichte um die Ohren, sondern verzahnt gleich noch Sprech- und Musiktheater zur ganz großen Pop-Diskurs-Oper. Darunter macht es auch keinen Spaß, wenn Diskurs-Theater (Pollesch) auf Diskurs-Pop (Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow) trifft. Da braucht es dann drei Schauspieler, einen beeindruckende Höhen (auch im Wortsinn, doch dazu später mehr) erklimmenden Bariton (Martin Gerke), einen bühnenfüllenden Kinderchor (den des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums) und das Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Oliver Pohl. Sogar eine Ouvertüre hat der Abend zu bieten. Das kann nur ganz großes Kino, nein, Theater werden und tatsächlichen werden diesbezügliche Erwartungen nicht enttäuscht.

Foto: Sascha Krieger

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Ein fliehendes Haus

René Pollesch: House for Sale, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist ja alles wie immer bei René Pollesch. Bert Neumann hat dem Diskurssüchtigen des deutschsprachigen Theaters eine halbkreisförmige Bühne gebaut, die ein Vorhang abschließt, der diesmal aus roter Folie besteht, und vor dem ein paar Schauspieler Theorie referieren, eifrig zitieren, Spielszenen und Figuren ausprobieren und ebenso trefflich wie eklektisch und gern auch komisch die Existenz des modernen Menschen sezieren, zerfleddern und die Bruchstücke genüsslich herumwerfen. Das ist bei House for Sale nicht anders, auch der tiefe Griff in die popmusikalische Schatztruhe ist da, genauso die metatheatrale Ebene und die gern genutzte Kunst des Selbstzitats. Immerhin hat es diesmal, im Gegensatz etwa zu Gasoline Bill, zu einer neuen Bühne gereicht. Und doch ist etwas anders: Wo sich bei anderen Pollesch-Arbeit ein mehr oder weniger klar definierbares Thema oder zumindest ein mitunter auch ausfransendes Spielfeld, auf dem der Diskurs stattfindet abgrenzen lässt, will sich ein solcher Rahmen hier nicht so recht greifen lassen, zieht Pollesch seine Themenangebote gleich wieder zurück, überschreibt sie mit anderen und bläst sie wie gegen Ende das herumliegende Herbstlaub durch den theatralen Schornstein. Die Frage, was bleibt, steht Am Ende dieses Abends im Mittelpunkt und will sich nicht beantworten lassen.

Lasst uns doch mal philosophieren! (Foto: Lenore Blievernicht)

Lasst uns doch mal philosophieren! (Foto: Lenore Blievernicht)

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Von Delfinen und Mitmenschen

Autorentheatertage 2014 – René Pollesch: Gasoline Bill, Münchner Kammerspiele (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Eigentlich schreibt René Pollesch ja immer nur das gleiche Stück weiter. Polleschs Werk ist ein fortdauernder Diskurs über Authentizitätslüge, Ich-Versprechen und das Individualismuskonstrukt der kapitalistischen Gesellschaft. Das greift natürlich viel zu kurz, klingt auch irgendwie falsch, aber das gilt wohl für alle Beschreibungen des Polleschschen Kosmos. Da steht – oder sitzt – der Zuschauer – inmitten einer Sprach- und Assoziations- und Theoriewolke und stochert im Nebel nach Fetzen, an denen er sich festhalten kann. Wenn er denn mal einen hat, ist Pollesch meist schon drei Schritte weiter. Das kann anregen und ermüden, ist mal erdrückend und mal aufregend, die Marke Pollesch jedoch ist stets wiedererkennbar. Denn natürlich ist Pollesch selbst Teil der Label- und Image- und Erwartungsmaschinerie, die er zerlegt, hat auch er seinen Marktwert. Gasoline Bill  ist da keine Ausnahme: Pollesch recycelt einfach Bert Neumanns Lamettavorhang-Bühnenbild aus seinem Berliner Balzac-Abend. Das mag man als Statement sehen, dass die Eingangsthese vom ewigen Pollesch-Stück so gewollt ist, oder als praktische Sparmaßnahme, schließlich werden die Münchner die Berliner Inszenierung kaum gesehen haben – wahrscheinlich ist es beides und nichts davon. So einfach kommt man Pollesch nicht bei.

"Innehalten!" ist das Motto der Autorentheatertage 2014 in Berlin (Foto: Sascha Krieger)

„Innehalten!“: Das Motto der Autorentheatertage 2014 scheint bei René Pollesch fehl am Platz. (Foto: Sascha Krieger)

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Der mit dem Ballon tanzt

René Pollesch: Glanz und Elend der Kurtisanen, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

„Es geht um die Schönheit der Geste im öffentlichen Raum“, sagt Martin Wuttke einmal während der gut eineinhalb Stunden des neuen Pollesch-Abends an der Volksbühne. Ein Schlüsselsatz sicher. Wie auch dieser: „Wenn etwas wirkungsvoll sein soll, kann es doch nicht von innen kommen.“ Auch diesen Satz spricht Wuttke, so etwas wie Polleschs Sprachrohr an diesem Abend. Natürlich geht es um klassische Pollesch-Themen: die Mär von der Authentizität, der moderne Zwang, in allem sein „Selbst“ ausdrücken zu müssen, das Diktat der Innerlichkeit. Theoretisch hat Pollesch diesmal Richard Sennett an Bord, als Materialsteinbruch nutzt er vor allem Godards Film „Die Außenseiterbande“, ein virtuos ironisches Spiel mit der amerikanischen B-Movie-Tradition, mit zum Vorbild erkorenen fiktionalen Rollenmustern, die als Folie für das eigene Handeln, ja, die eigene Selbstdefinition dienen. Er bricht eine Lanze für die Geste als Ausdruck äußerlicher gesellschaftlicher Codes und Regeln – hier liegt wohl auch der primäre Bezug zu Balzacs Roman, dem Pollesch ansonsten wenig mehr als den Stücktitel entlehnt hat.

Martin Wuttke und Birgit Minichmayr (Foto: Leonore Blievernicht)

Martin Wuttke und Birgit Minichmayr (Foto: Leonore Blievernicht)

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