Archiv der Kategorie: Philip Tiedemann

Vergangenheit ohne Schatten

Rolf Hochhuth: Der Stellvertreter, Schlosspark Theater, Berlin (Regie: Philip Tiedemann)

Von Sascha Krieger

Vor wenigen Wochen jährte sich die Konferenz von Évian zum 80. Mal Damals trafen sich Vertreter zahlreicher Regierungen, um über die Situation der verfolgten Juden im Einflussbereich Nazideutschlands zu beraten und vor allem über die Frage, wie ihnen zu helfen sei. Was schnell zum Kernthema führte: Wer war bereit, eine so große Zahl flüchtender Menschen aufzunehmen? Die Antwort war erschütternd. Am Ende gingen die Teilnehmer auseinander, die Grenzen ihrer Länder dicht, die Juden ihrem Schicksal überlassen. Auch jetzt ist Europa dabei, sich in der Abschottung zusammenzufinden, auch jetzt werden Grenzen dicht gemacht, die Augen geschlossen vor der Not, dem Leid, dem tausendfachen Tod flüchtender Menschen. Und auch jetzt gelten die gleichen Argumente: Würde man so viele „Kulturfremde“ aufnehmen, verlöre man nicht das eigene Land, wäre man nicht irgendwann selbst die Minderheit? Solche Sätze wurden damals offen geäußert und sie sind heute in immer mehr Ländern wieder Regierungspolitik. Dass das Évian-Jubiläum angesichts der gegenwärtigen Lage so wenig Beachtung fand, ist zweifellos symptomatisch. Die „rechtschaffenen“ Nationen mauern sich ein, überlassen Menschen in Not ihrem Schicksal, nehmen massenhaften Tod in Kauf. Und fühlen sich dabei auch noch im Recht.

Bild: DERDEHMEL/Urbschat

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