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Leihbonbons an Salatsoße

Theatertreffen 2019 – PeterLicht nach Molière: Tartuffe oder das Schwein der Weisen, Theater Basel (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

Wenn am Ende das eine oder andere Buh durch den riesigen Zuschauerraum des Hauses der Berliner Festspiele hallt, weiß die Theatertreffen-Jury meist, dass sie etwas richtig gemacht hat. Eine Festival-Ausgabe ohne leidenschaftlich gespaltene Publika wäre eine triste Veranstaltung. Die Parade der „bemerkenswertesten“ Inszenierungen eines Theaterjahr ist auch deshalb so bedeutend geblieben, weil sie immer wieder Kontroversen, Streit, Debatten ausgelöst hat, weil sich über nichts so trefflich diskutieren lässt wie darüber, ob die gerade erlebten zwei, drei, vier, zehn Stunden das Großartigste war, was man je sehen durfte – oder der letzte Sargnagel für das deutschsprachige Theater. Nach diesen Kriterien ist Claudia Bauer und PeterLichts Molière-Überschreibung ein würdiger Theatertreffen-Kandidat. Die Gefahr, Zuschauer*innen kalt oder indifferent zu lassen, besteht kaum. Im Guten wie im Schlechten.

Bild: Priska Ketterer

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>PeterLicht nach Molière: Der Geizige, Maxim-Gorki-Theater, Berlin (Regie: Jan Bosse)

>Ein perspektivischer, sich stark verjüngender, vollkommen verspiegelter Raum, ein riesiger Tisch, daran Gestalten in überbetont barocker Kleidung: Das ist das „Familiengemälde) so der Untertitel, das Jan Bosse mit seinem Bühnenbildner Stéphane Laimé auf die Bühne des Maxim-Gorki-Theater gebracht hat. Musiker PeterLicht hat ihm dazu einen Text gebastelt, der sich nur soweit an Molières noch immer populärstes Stück anlehnt, wie es nötig is, um die gewünschten ssoziationsketten zu ermöglichten.

Das Ergebnis ist tatsächlich ein Gemälde, ein statisches Tableau, das keine Entwicklung zu lässt, weil hier niemand bereit ist sich zu bewegen. Wenn Cléanthe seinen Vater um Geld anbettelt, geschieht das in einem so elliptischen Gespräch, dass die Sprache den Ausgang bereits vorwegnimmt. Andere Dialoge entspinnen sich in einem gewollt primitiven, bestimmten Bereichen der Jungendsprache entlehnten Jargon, der sich selbst genug ist.

Man lästert über die „Alten“, die auf ihrem Geld sitzen, spricht aber genauso darüber, wer den Tisch deckt und den Müll herausbringt (Cléanthe: „Ich bin nicht dran!), philosophiert über Weichmachern in Mineralwasser, erzählt über Hosen, die nicht gewaschen werden dürfen oder gibt seinen Wirbeln Namen. Die Jungen, das sind nicht mehr die Lebenshungrigen, die sich gegen den lebensfeindlichen Vater wehren – das sind die gelangweilten, selbstverliebten, antriebslosen Egoisten.

Der einzige, der hier so etwas wie Ideale, Prinzipien, Wünsche hat ist Harpagon, der das Reine sucht, das er im Geld gefunden zu haben glaubt. Auch er bleibt von einer gewissen ironischen Brechung nicht gänzlich verschont, aber er ist der einzige, bei dem man ein Rückgrat vermutet, das noch gebrochen werden könnte.

Auch Musik – das ist bei PeterLicht nicht verwunderlich – spielt eine Rolle, und überhaupt ist der Rhythmus der Inszenierung ein durch und durch musikalischer. Das Ende wird nicht gespielt – wie sollte es auch, kann doch ein Gemälde kein Ende haben? – sondern erzählt, oder besser erfunden. Jeder kriegt alles, keiner verliert, und so sitzen sie denn wohl noch heute, fragen sich „Was geht?“ und „Wie bist du denn drauf?“ und antworten: „Häh?“.

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