Archiv der Kategorie: Peter Stein

Absichten eines Clowns

Samuel Beckett: Das letzte Band, Stiftung Schloss Neuhardenberg / Berliner Ensemble (Regie: Peter Stein)

Von Sascha Krieger

Peter Stein sieht sich ja ein wenig als den letzten Aufrechten, der sich dem Tod des Theaters entgegenstemmt, als den er das so genannte Regietheater betrachtet. In BE-Intendant Claus Peymann hat er zwar einen Bruder im Geiste, doch gibt jener eben jenem verteufelten Wesen am eigenen Haus Raum, wie zuletzt in Gestalt von Leander Haußmanns Woyzeck. Da bleibt es dann eben doch an Stein hängen, den Berlinern zu zeigen, wie man Theater richtig macht, „texttreu“, versteht sich. Also schnappt er sich seinen Langzeitmitstreiter Klaus-Maria Brandauer, der allein durch seinen Namen sicherstellt, dass sich das Ganze auch rechnet und geht Buchstabe für Buchstabe durch die Regieanweisungen: vom massiven, vor Schubladen strotzenden Schreibtisch über die einsame Deckenlampe bis zum Outfit der einzigen Figur Krapp und seinen Bewegungen. Und weil es ja doch so etwas wie eine Haltung braucht, findet er in einer frühen Fassung von Becketts Monolog einen Hinweis auf die clowneske Gestalt Krapps, lässt Brandauer ein enormes Monstrum von Knollennase anpappen – fertig ist der buchstabengetreue Beckett. Nun ist das mit der Texttreue so eine Sache: Sie setzt voraus, dass das Theater schon im Text vorhanden ist. Dummerweise entsteht es aber eben dann doch auf der Bühne, im Zusammenspiel von Raum, Darstellung, Requisite, Kostüm, Licht, Ton und, ja, auch Regie. Und plötzlich haben wir ein werktreues Theater, das nicht weiter von Intention und Geist jenes entfernt sein könnte, der den Text schrieb, dem hier doch Genüge getan werden soll.

Foto: Sascha Krieger

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Sophokles: Ödipus auf Kolonos, Berliner Ensemble (Regie: Peter Stein)

Wenn Peter Stein und Klaus-Maria Brandauer Theater machen und ihnen Claus Peymann seine Bühne zur Verfügung stellt, geht es immer um mehr, als ein Stück zu inszenieren. Es geht um nicht mehr und weniger als die Rettung des Theaters, um seine Befreiung aus den Klauen des Ungeheuers, das da heißt „Regietheater“. Das Ergebnis ist meist ein unnachgiebiger Konservatismus, der das Theater zum rechten Weg zurückführen soll, zum Primat des Stücks, und zum Schauspieler als dem wichtigsten Interpreten des Stücks. Was Regisseure wie Peymann und Stein einst selbst begannen, ist längst, so glauben sie, in eine Sackgasse geraten, in der Regisseure nurmehr sich selbst inszenieren, in der die Stücke zerstört, die Schauspieler erniedrigt, das Theater in den Dreck gezogen werden.

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