Archiv der Kategorie: Peter Kleinert

Die Lächerlichkeit des Seins

Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Peter Kleinert)

Von Sascha Krieger

Bertolt Brecht ist an diesem Abend wenig mehr als ein altes dickes Buch, von dem mehrfach demonstrativ der Staub geblasen wird. Und eine Stimme, die aus dem Off in herrischem Duktus und mit rollendem „R“ Regieanweisungen gibt, die dann gleich mit höchstem Lächerlichkeitseffekt umgesetzt werden. Dass sich Regisseur Peter Kleinert und die Spieler*innen der Ernst-Busch-Hochschule dem vielgespielten Stoff ironisch nähern, machen sie gleich von Beginn an klar. Schwarz gekleidet und behaubt stimmen sie dissonant dilettantische Klänge auf dem Bandpodium auf der linken Bühnenseite an. Dass die Parabel von der Dienstmagd Grusche, die das Kind der Gouverneurin nach deren egoistischer Flucht rettet und aufzieht und am Ende vom korrupten Stadtrichter Azdak recht bekommt, weil Dinge – oder, etwas kontroverser aber nicht weiter beachteter Gedanke, Menschen – zu denen gehören sollten, die sich um sie kümmern und sorgen, hier nicht ernst genommen wird, setzt das Ensemble gleich zu Beginn.

Bild: Gianmarco Bresadola

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Terror, glutenfrei

Georg Büchner: Dantons Tod, Schaubühne am Lehniner Platz (Studio), Berlin (Regie: Peter Kleinert)

Von Sascha Krieger

Die Revolution ist ein Rocksong. Punkrock, um genau zu sein, oder doch besser eine schöne Bluesnummer? Wie wäre es mit etwas Elektropop? Ach ja, ein Klavier ist auch da. Sprechen wir doch einfach durch die Musik. Was, die Angebetete versteht „Ich liebe dich wie mein Grab“ nicht als Kompliment? Moment, schnell die Gitarre hervorgeholt, einen Song geschrieben und schon sagt sich alles viel besser. Und selbst wenn die Angesprochene noch immer schmollt – dann haben wir immerhin einen coolen Song gehört. Und schreit „French Revolution 1989“ nicht gerade nach einem Rap oder einem schmissigen Gitarren-Riff? Neun Studierende der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ versuchen sich an Georg Büchners Revolutionsdrama Dantons Tod und machen es zum Rockkonzert. Mit zuweilen mehr Enthusiasmus als Talent – das Gitarrenspiel Jonas Dasslers oder die Klavierkünste Esra Schreiers mal ausgenommen – schrammelt man sich durch Gesellschaftliches und Persönliches. Die Idee, den zaudernden Danton jedesmal zur Gitarre greifen zu lassen, wenn er eigentlich handeln sollte, ist nett, Musik als eskapistische Verweigerung einer Entscheidung, einer Handlung, einer Parteinahme. Das ist hübsch gedacht und wäre um einiges wirksamer, wenn der Abend diese Bewegung nicht selbst nachvollzöge.

Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

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Laue Nacht

Erich Kästner: Fabian – Der Gang vor die Hunde, Schaubühne am Lehniner Platz (Studio), Berlin (Regie: Peter Kleinert)

Von Sascha Krieger

Klar, wir befinden uns im Jahr 1931. Die Weimarer Republik ist am Ende, die Frage ist nicht mehr, ob sie von einer Dikatur abgelöst wird, sondern nur noch wann und von welcher. Aber eigentlich sind wir auch und in erster Linie im Hier und Jetzt. Zu Beginn hält, eingefangen per handy-Kamera, ein Bus vor der Schaubühne und spült eine Gruppe junger Leute aus der (wengleich noch jungen) Berliner Nacht vor ein, wie mehrfach angemerkt wird, doch ein wenig saturierteres Publikum. Natürlich, so sagt uns die launige Eröffnungsansprache, die ein wenig überflüssigerweise die theatrale Situation verankert, wird hier 1931 gespielt und ist doch 2015 gemeint. Immer wieder werden die Darsteller, allesamt Studierende der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, vermeintlich aus der Rolle fallen, über Flüchtlingspolitik, Feminismus und die prekäre Situation junger Menschen am Beispiel des Schauspielberufs sprechen, mal ironisch, dann mit kaum unterdrückter Wut, doch stets angenehm im Ungefähren bleibend, so dass an diesem unterhaltsamen Abend nichts wirklich weh tut.

Foto: Gianmarco Bresadola

Foto: Gianmarco Bresadola

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Revolution in der Badewanne

Peter Weiss: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Peter Kleinert)

Von Sascha Krieger

Willkommen bei der Arbeit! Während das Publikum seine Plätze sucht, füllt sich langsam auch die Bühne. Einzeln und in kleinen Grüppchen kommen die Darsteller herein, begrüßen einander, ziehen sich um und das Publikum und räumen die Requisiten an die richtige Stelle. Alles klar, wir wohnen also einer Probe bei, einer öffentlichen, wie es scheint. Und einer doppelten noch  dazu. Denn Felix, Andine, Sebastian oder Max sprechen sich nicht nur mit echtem Namen an, sie sind hier Darsteller wie Figuren. Und stellen gleichzeitig andere Spieler dar, namenlose Insassen einer Nervenheilanstalt der napoleonischen Zeit, die wiederum im Bad ihrer Einrichtung ein Stück aufführen oder dies zumindest versuchen. Peter Weiss‘ zumeist als Marat/Sade abgekürztes Stück von 1964 spielt mit den Zeit- und Realitätsebenen, behandelt im schnellen Galopp durch die Zeiten Thesen von der Möglichkeit und Sinnhaftigkeit gesellschaftlicher Rebellion und thematisiert gleich noch die Rolle des Theaters, indem es Theater in seiner Entstehung vorführt und das Spiel als solches entlarvt. Peter Kleinert hat dieses seltsame Konglomerat, in dem Weiss zu allem Überfluss auch noch in Versen sprechen lässt, mit zwei Ensemblemitgliedern (in den Titelrollen) und Studenten der Hochschule für Schauspiel „Ernst Busch“ an der Schaubühne inszeniert und zumindest in der ersten halben Stunde gelingt ihm ein erfrischend leichtes Balancespiel auf, mit und zwischen den Ebenen, in denen Revolutionsthematik, Meta-Theater und perspektivische Wechsel erfrischend aufeinanderprallen und miteinander spielen. Das hält die Inszenierung leider nicht durch, ist aber im Ansatz ebenso unterhaltsam wie anregend.

Marat Sade Peter Weiss Schaubuehne

These und Antithese in der Badewanne (Foto: Gianmarco Bresadola)

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