Archiv der Kategorie: PACT Zollverein

Theater im Kopf

Forced Entertainment: Dirty Work (The Late Shift), PACT Zollverein, Essen / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin (Regie: Tim Etchells)

Von Sascha Krieger

Was alles an diesem Abend passiert: Atombomben explodieren, Autos krachen ineinander, tausende Schmetterlinge schwirren durch den Raum, ein Mann entleert seinen Darm auf die Bühne, es gibt politische Attentate, Selbst- und andere Morde, wir schauen einer Leiche bei ihrer Zersetzung zu, die Wright Brothers fliegen davon und die Righteous Brothers singen dazu, es gibt Schockierendes und Weltbewegendes, aber auch Alltägliches und Berührendes. Ein Panoptikum des Lebens. All das und viel, viel mehr ist zu bestaunen, ist zu sehen in den fünf Akten der neuen Arbeit von Forced Entertainment, einer Weiterentwicklung ihres Abends Dirty Work aus dem Jahr 1998. Zu sehen? Ja, aber nur, wenn der Zuschauer den Blick abwendet von der Bühne, ihn nach innen richtet, oder – besser, aber auch gefährlicher aufgrund des Risikos wegzunicken – die Augen schließt. Denn der Blick auf die Bühne offenbart: nichts.

Das Hebbel am Ufer/HAU1 (Bild: Sascha Krieger)

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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Das Huhn des Absurden

Forced Entertainment: Real Magic, PACT Zollverein, Essen / Hebbel am Ufer (HAU2), Berlin (Leitung: Tim Etchells) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Ein Mikrofon, drei Darsteller*innen. Eine(r), der Moderator, steht am Mikro, eine(r) sitzt links auf einem Stuhl, die Augen verbunden, und muss erraten, woran der oder die dritte, rechts stehend, denkt, das Wort auf einem Pappschild gen Publikum haltend. Das ist die Grundkonstellation von Real Magic, dem neuen Abend des britischen Kollektivs Forced Entertainment. Abgesehen von drei kurzen „Tanz“-Einlagen passiert etwa eineinhalb Stunden lang nichts anderen. Drei Versuche hat jeder, dann werden die Rollen gewechselt. Doch egal in welcher Konstellation, die drei geratenen Wörter sind immer die gleichen: zuerst „electricity“, dann „hole“, am Ende „money“. Und sie sind immer falsch, denn zu erraten sind im Wecsel: „caravan“, „algebra“ und „sausage“. Unzählige Male geht das so, der Ausgang ist immer der gleiche: drei falsche Antworten, Kandidat oder Kandidation ist raus, weiter geht’s. Schauplatz ist ein schmaler grüner Teppich, um ihn herum sechs vertikale Leuchtstoffröhren in einem angedeuteten Halbkreis. Das Skelett eines Fernsehstudios oder eines Zirkuszelts. Die einstige Illusionswelt ist noch zu erahnen, aber hat ihre Funktion längst verloren. Eine Showbiz-Variante von Becketts kahlem Baum.

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Eingeladen zum Theatertreffen 2017: Real Magic (Bild: Hugo Glendinning)

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