Archiv der Kategorie: P14

Sprühsahne statt Suizid

Leiden ohne Liebe (aua aua, OHWEH OHWEH), P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Marlene Knobloch)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist dies ja der Tag der Rache. Acht junge Menschen zahlen es dem Peiniger all der jungen Generationen der vergangenen Jahrzehnte heim, der sie quälte, ihnen die Lust an Literatur und ihrem bekanntesten Vertreter deutscher Zunge verleidete, Konzepte von der Liebe und dem Leiden an ihr, durch sie vermittelte, die sich nicht so leicht abschütteln lassen. Der Werther ist’s, der schmachtende, suizidale Künstler, der an einer unerfüllten Liebe zu zerbrechen glaubte und sich selbst zerbrach. Ihm können sie es jetzt zeigen, ihm die Leviten lesen, ihn einem Exorzismus unterziehen, der sich gewaschen hat. Und wenn Menschen, die gerade die Tür zur Pubertät zu geschlagen haben oder vielleicht sogar noch im Türrahmen stehen, eines wissen, dann, dass Lächerlichkeit eine der schärften Waffen ist, die ein Mensch in seinem Arsenal haben kann. Also ziehen die angepissten Acht alles durch den Kakao, was sie mit dem Werther! und dem Kult um das Leiden, das zum Lieben gehöre, verbinden, durch den Kakao. Oder in diesem Fall die reichlich eingesetzte Sprühsahne.

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Wider die Eindeutigkeit

Nach „Franziska“ von Frank Wedekind: Betrunken am Highway, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Charlotte Brandhorst)

Von Sascha Krieger

Willkommen in der Zeitkapsel. P14, die Jugendtheatergruppe der Volksbühne, ist ja so etwas wie das Gallische Dorf des Hauses. Ganz Volksbühnenland ist von den „Neoliberalen“ besetzt? Nein, eine Enklave harrt aus, lässt die Fahne der viel beweinten und vermissten guten alten Castorf-Zeit flattern, wenn auch ein wenig versteckt im 3. Stock („Wir wussten gar nicht, dass das hier existiert“ ist ein Satz, der vor gefühlt jeder Vorstellung zu hören ist). Und Caesar alias Chris Dercon? Der hat gar keine Absicht, auch diesen letzten Winkel zu erobern, lässt P14 die gleiche Autonomie wie Castorf. Gut fürs Feindbild ist das nicht. Dafür umso besser fürs Spiel, ohne das Theater ja bekanntlich nicht kann. Wo an anderen Häusern Jugendliche eingeladen werden zum Theatermachen, laden sie sich hier selbst ein, schreiben ihre Stücke, führen Regie, machen Bühne, Kostüme und Licht. Unterstützung gibt es, wenn sie sie wünschen. Sie haben das Sagen und das macht diesen Ort so besonders. Mitunter auch besonders anstrengend.

Betrunken am Highway - P14

Bild: Jakob Fliedner

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Jenseits von Holywood

Elias Geißler, Josefin Fischer, Pauline Wedler: Prolls auf Pferden *there will be noise complaints, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Elias Geißler, Josefin Fischer, Pauline Wedler)

Von Sascha Krieger

Die Volksbühne unter Frank Castorf war ein Theater der Selbstüberschätzung, der Überforderung – für Künstler wie Publikum – des Zuviel. Eines, das überfloss vor Assoziationen, losen Ende, Metaebenen und allem anderen, was die Theatermaschinerie zu bieten hatte. Ein Theater der dauernden Grenzüberschreitung, aber auch der Lust am Scheitern. Man kann trefflich darüber diskutieren, welche dieser Punkte sich in welcher Reinkarnation an Chris Dercons „neuer“ Volksbühne wiederfinden – an einem Ort ist die Castorf-Bühne noch nicht Geschichte. Ein gallisches Dorf ist im Reich des Cäsaren Dercon geblieben (man entschuldige diese überaus schiefen Asterix-Vergleiche) und leistet, nun ja, Widerstand: das P14 Jugendtheater mit seiner Spielstätte im 3. Stock, nach wie vor autonom, unabhängig und mit einem Rest Anarchie gesegnet. Und einem gehörigen Schuss Castorfscher Selbtsüberschätzung. Der neue Abend, der zweite nach dem Intendanzwechsel, ist dafür ein Paradebeispiel. Unverschämt schon der Anspruch: 50 Jahre Filmgeschichte in einem vierstündigen Theaterabend“ wolle man darstellen, ein Versprechen, das man dann nicht ganz einhält – der Abend endet nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden. Ansonsten wird geklotzt: Ein dreiköpfioges Autor*innen- und Regisseur*innen-Team packt nicht weniger als 19 (!) Darsteller*innen auf die eigentlich viel zu kleine Bühnen, nicht gerechnet die dreiköpfige Band in ihrem Verschlag, halb verdeckt von einem Lamättavorhang.

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Leichenschmaus in Pink

Lolita will nicht sterben, P14 – Jugendtheater der Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Zelal Yesilyurt)

Von Sascha Krieger

Es beginnt mit einer Warnung: Auf an die Türen geklebten Zetteln im knallogen Rot der neuen Volksbühne wird das Publikum darauf hingewiesen, dass es  in der folgenden Aufführung um Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und den „Tod der Eltern“ ginge (den Mord verschweigt man geflissentlich). Nicht dass sich jemand gestört fühlt. Theater als Wohlfühloase und Servicebetrieb? Es ist spannend zu beobachten, wie die neue Intendanz immer wieder die an sie gerichteten Vorurteile erfüllt. Dabei ist das, was anschließend zu sehen ist, so bedrohlich nicht. Und auch nicht neu. Denn bei allem Gerede vom radikalen Bruch, einer vermeintlichen Auslöschung der jüngeren Volksbühnengeschichte gibt es sie, die Enklaven, in denen man einfach weitermacht, weitermachen darf. Wie bei P14: Die Jugendtheaterabteilung der Volksbühne besteht nicht nur fort, sie macht auch genauso autonom und mit vielen der Beteiligten weiter, die schon unter Castorf dabei waren. Kontinuität statt Neuanfang. Auch das geht also unter Chris Dercon.

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„Es lebe der Kitsch!“

Theatertreffen der Jugend 2016 – Nach Georg Büchner: Lena und Leonce. Wie der Kosmos das Chaos suchte und nicht fand. P14 Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Martha von Mechow, Leonie Jenning)

Von Sascha Krieger

Die Langeweile: Sie ist natürlich die heimliche Hauptfigur in Georg Büchners als Lustspiel verkleideter Satire Leonce und Lena. Wer sie auf die Bühne bringt, muss sich mit ersterer auseinandersetzen, bekanntlich der Erzfeind des Theaters. Ein Stück über Langeweile, das nicht langweilig ist? Wie unterhaltsam kann Langeweile sein? Fragen, die sich die 19-jährigen Martha von Mechow und Leonie Jenning gestellt haben, als sie sich des Stoffs als Grundlage für ihre erste Inszenierung am Volksbühnen-Jugendclub P14 angenommen haben. Dieses Gefühl der Sinn- und Bedeutungslosigkeit, das den Büchnerschen Prinzen Leonce umtreibt, ist es nicht der Grundzustand pubertierender Jugendlicher? Was lässt sich dagegen tun? Theater spielen zum Beispiel. Also rauf auf die Bühne und ordentlich Lärm gemacht.

Bild: Elias Geißler

Bild: Elias Geißler

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So ein Theater

Nach „Die Frösche“ von Aristophanes: Wenn Du mein Filius wärst, würde ich Dir das Rauchen verbieten, P14 – Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Luis August Krawen)

Von Sascha Krieger

Luis August Krawen ist für Volksbühnenkenner ein bekanntes Gesicht: Seit Jahren spielt er in vielen Produktionen am P14, dem Jugendtheater des Hauses, an dem er jetzt zum ersten Mal Regie führt. Dass er auch bereits auf der großen Bühne stand, jeweils in Inszenierungen von René Pollesch, ist für das Verständnis seiner ersten Regiearbeit wenn nicht unerlässlich, so doch hilfreich. Nicht nur der lange, sperrige Titel, der natürlich mit dem Inhalt des Abends nichts zu tun hat, klingt nach Pollesch, der gut einstündige Abend schein direkt aus der Werkstatt des Meisters des Diskurstheaters zu stammen, wenngleich aus einem Nebenraum. Da werden diskursive Haken geschlagen und Schleifen gedreht, bis dem Zuschauer schwindlig wird. Oder werden sollte, denn irgendwie hebt der Diskursballon nie ab, bleibt das Wort- und Gedankengewitter aus. Stattdessen gibt es eitel Sonnenschein und ein bisschen (Bühnen)-Nebel.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Sprechende Körper

Nach Franz Kafka: Die Verwandlung, P14 – Jugendtheater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Friederike Hirz)

Von Sascha Krieger

Körper in einem Kletternetz: Sie reiben sich an-, winden sich umeinander, pulsieren in einem kollektiven Sich-Selbst- und Einander-Finden und –Entdecken, ein tastendes Ein- und ausatmen des Körperlichen. Sie verlassen die vergleichsweise Sicherheit des klar begrenzten Ortes, ergießen sich im Bühnen-Universum, vergewissern sich, tastend, schlingend, schlagend, des eigenen Körpers, winden sich an der Wand, um das zu spüren, was da draußen ist, die Umwelt, das Fremde, das nicht man selbst du nicht anderer Körper ist. P14, das Jugendtheater der Berliner Volksbühne, hat Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung, in der Gregor Samsa eines Morgens als Käfer aufwacht, nun nutzlos geworden zunehmend von der Familie ausgeschlossen wird und am Ende pflichtschuldigst stirbt, als Körpertheater reinterpretiert, in dem wir Körpern dabei zusehen, wie sie versuchen, mit sich selbst etwas anzufangen, sich nutzbar zu machen und doch an der eigenen Unzulänglichkeit verzweifeln. Kafkas Erzählung lässt sich lesen als Parabel auf die Reduktion von Mensch und Körper auf seine Nützlichkeit, als Metapher auf das Funktionierenmüssen in der Gesellschaft und auf das, was passiert, wenn man dies nicht tut.

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