Archiv der Kategorie: NTGent

Wenn die Toten hören

Milo Rau & Ensemble: Die Wiederholung, International Institute of Political Murder (IIPM) / Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / Münchner Kammerspiele / NTGent / Théâtre Vidy-Lausanne und andere (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

„Das ist Theater“, sagt Johan Leysen, Veteran der belgischen Bühne. Gerade hat er im Bühnennebel Hamlets Vater gegeben. Ganz klassisch, die vorübergehende Aufgabe des Nicht-Glaubens demonstrierend, die das Theater, so erzählte man es über Jahrhunderte ausmachte. Ein Schauspieler tritt auf, spielt eine Rolle. Die hat uns zu interessieren,nicht der Spieler, schließlich, so Leysen, geht es beim Pizza-Boten ja auch um die Pizza, nicht den Boten. „Was habe ich getan? Ich bin aufgetreten“, sind die ersten Worte des Abends. So simpel, so einfach, so problematisch. Denn was heißt dieses Auftreten, was dieses Spielen, was macht, soll, kann, darf dieses Theater? Fragen, die den Schweizer Milo Rau seit vielen Jahren umtreiben. Re-enactments hat man seine Stücke genannt, als „Dokumentartheatermacher“ wird er oft bezeichnet. Etiketten, Schubladen, die abgrenzen vom „richtigen Theater“, die einordnen, sortieren und vereindeutigen. Haben wir einmal „verstanden“, was da passiert, müssen wir es nicht mehr hinterfragen. Doch dann kommt einer wie Rau und macht Theaterabende, die nichts anderen tun, als zu hinterfragen. Ihr Medium, sich selbst, ihre Produktionsbedingungen, ihre Grenzen. Und plötzlich passt dieses ganze Bühnen-Gedöns, das ganze fein säuberlich zurechtgelegte Konglomerat aus Texttreue und Postdramatik und Regietheater und all dem anderen nicht mehr hinein in die Schubladen. Was nun?

Bild: Hubert Amiel

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„Nicht aufhören zu spielen“

Foreign Affairs 2016 – Frank Van Laecke, Alain Platel, Steven Prengels: En avant, marche!, NT Gent / les ballets C de la B (Regie: Frank Van Laecke, Alain Platel)

Von Sascha Krieger

Ein alter, bärtiger Mann schleppt sich auf die leere Bühne. Er setzt sich auf einen hölzernen Klappstuhl und schaltet einen CD-Player ein. Leise erklingt das sehnsuchtsvolle Lohengrin-Vorspoiel von Richard Wagner. Der Mann hat die Augen geschlossen, scheint versunken in die Musik. Bevor er plötzlich erwacht, ungeduldig vorspult bis nahe ans Ende. Denn da kommt, worauf er wartet: drei Beckenschläge, die einzigen des Stücks. Der Mann erhebt sich und betätigt sein Instrument, ernsthaft, ein wenig traurig. Welch ein Beginn, den Alain Platel für sein neues „Ritual“ – als solche sieht er seine Arbeiten bekanntlich – gewählt hat. Ganz beiläufig, wie improvisiert entsteht hier der Abend in nuce: eine ironische, spielerische Feier der Musik, der Kunst, des Lebens – in einem Moment tieftraurig und berührend, im nächsten hochkomisch, verschmitzt, ein fortwährendes Augenzwinkern. Wim Opbrouck ist dieser einsame Spieler, ein Bär von einem Mann und zugleich ein verspieltes, lebenshungriges Kind. Sein namenloser „Held“ ist eigentlich Posaunist, doch lässt ihn eine nicht näher spezifizierte Krankheit sein Instrument nicht mehr spielen. Sein Leben ist so rostig und todesnah wie die Kulissenwand mit ihren leeren Fensterhöhlen.

Bild: Phile Deprez

Bild: Phile Deprez

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Das Klagen der Untoten

Nach Anton Tschechow: Platonow, NTGent (Regie: Luk Perceval) – Gastspiel im Hebbel am Ufer/HAU1, Berlin

Von Sascha Krieger

Ein Stöhnen, schmerzerfüllt, sehnsüchtig, klagend, schwebend über mäandernden Klavierklängen, herübersehend aus einer Gegenwart, die keine Worte mehr kennt, weil sie keinen Sinn mehr hat, den des zu benennen lohnte. Und doch finden sich welche, lange Zeit, nachdem die Klage von Jens Thomas‘ Stimme und Klavier eine leblose Wüste, bevölkert nur noch von den Überresten einstiger Lebensversuche, auf die leere Bühne gemalt hat, wo nur noch ein einsames Klavier ins Nirgendwo fährt. Und von wo sie nicht weg können, die Untaten, die da verteilt im Raum stehen, in eingefrorenen Posen und Gesichtsausdrücken, die ins Nichts starren, sich mechanisch bewegen, langsam, ziellos, blasse Abzüge einstigen Lebens. Beziehungslos im Raum verloren sind sie zunächst, später bilden sie eine Linie am Bühnenrand, zwischendurch formen sie sich gar zu Paaren, die zusammenfinden, sich auflösen, neu ordnen. Man berührt einander, mehr noch sich selbst, Erinnerungen nur an Illusionen von Nähe. Keiner nimmt den anderen mehr wahr, keiner dieser „überflüssigen Menschen“, die hier, unter den Händen Luk Percevals, Schatten vergangener Träume sind. „Mir ist langweilig“, sind die ersten Worte, die ertönen. Elsie de Brauw spricht sie, die in diesem Puppentotentanz die Anna Petrowna zu spielen vorgibt.

Schauplatz des Berliner Gastspiels von Platonov: das Hebel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Schauplatz des Berliner Gastspiels von Platonow: das Hebel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

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