Archiv der Kategorie: Nora Schlocker

Im „Licht der Aufmerksamkeit“

Junges DT – Nach dem Roman von Peter Høeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Nora Schlocker)

Von Sascha Krieger

Wo geht er hin, der Blick? Ins Helle, ins Dunkle, ins Nichts? Oder nur auf die Wand, die sie einschließt, umfasst, Orientierung sein will und Grenze ist? Reglos mit dem Rücken zum Publikum stehen sie, aufgereiht vor den hölzernen Schulbänken, ein Tableau perfekter Ordnung, ein sprachloses Kollektivwesen in weißen Hemden, grauen Hosen und schwarzen Schuhen. Die Dunkelheit bezwungen und eingehegt. Wie auch an den Wänden: Unten Holzvertäfelung, oben weißgetüncht. Doch halt? Ist nicht das hölzerne Braun voller Wärme, Nuancen, Leben, das nüchterne Weiß antiseptische Abweisung? Regisseurin Nora Schlocker, Bühnenbildnerin Jessica Rockstroh und Kostümbildnerin Caroline Rössle Harper durchsetzen Peter Høegs Parabel von der totalitären Gewalt gleichmacherischer Ordnung, die Schlocker dem Programmheft zufolge in der normierten Leistungsgesellschaft unserer aufgeklärteren Zeit wiederzufinden meint, mit vielen solcher Zeichen, die zunächst klar erscheinen, sich aber zunehmend als ambivalent erweisen.

Bild: Arno Declair

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Krabbelgruppe des Erwachsenwerdens

Nach dem Roman von Bov Bjerg. Auerhaus, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Nora Schlocker)

Von Sascha Krieger

Birth – school – work – death. Mehr ist nicht. Zumindest erscheint ihnen das so, diesen sechs 18-Jährigen, die sich irgendwann in den 1980er-Jahren zu einer mehr oder weniger spontanen WG versammeln. Frieder, der einen Selbstmordversuch hinter sich hat und nicht nach Hause will. Höppner, der freund, der dazu kommt, weil Frieders Eltern den Sohn nicht allein wohnen lassen wollen und der die Gelegenheit wahrnimmt, dem verhassten Stiefvater zu entkommen. Vera kommt hinzu, Höppners Freundin, und Schulfreundin Cäcilia, die wenig Lust hat, einfach nur als reiche Erbin aufzuwachen. Später stoßen noch zwei weitere zur Gruppe: Harry, Schwuler, Stricher, Dealer, und Pauline, eine Brandstifterin, die Frieder aus der Psychiatrie kennt. Eine Zweckgemeinschaft, die nur eines eint: dem eingangs beschriebenen Teufelskreis zu entkommen. Sie alle leben im „Auerhaus“, benannt nach dem Song „Our House“ der Band Madness. „Auerhahn, Auerochse, Auerhaus“, meint ein älterer Nachbar. Eine neue Spezies im Dorf, eine, die aussterben wird. Aber zunächst lebt sie – in Bov Bjergs 2015 erschienenem Bestseller und nun auch auf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters.

Bild: Arno Declair

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Selbstporträt mit Schweinen

Nach Lewis Carroll: Alice, Deutsches Theater/Kammerspiele (Junges DT), Berlin (Regie: Nora Schlocker) – eingeladen zum Theatertreffen der Jugend 2015

Von Sascha Krieger

Welches ist denn nun das Wunderland? Sicherlich der quietschrosa Bühnenkasten, in den sich aus ein schwarzen Papploch sukzessive 16 Alices schälen, große und kleine, weibliche und männliche, solche, die ihre Pubertät noch vor und andere, die sie bereits hinter sich haben. Doch dann erhellt sich eine andere Dunkelheit, die des Zuschauerraums, plumpst das Publikum quasi durch das Carrollsche Loch und sieht sich bestaunt von den sechzehn, die sich mit großen Augen wundern über die seltsamen Gestalten, die scheu  und frech unsere Gesten und Haltungen nachahmen und ausprobieren, die im Gegenüber das eigene Selbst suchen. Sind wir Alice oder sie, sind wir Herzkönigin und Humpty Dumpty oder jene auf der Bühne, sind wir gar die Bühne und sie der Zuschauerraum? Oder sind alle potenziell alles und damit zunächst einmal nichts? Es ist ein ganz starker Anfang, der das Thema des Abends, das sich in der nur einfach klingenden Frage „Wer bin ich?“ zusammenfassen lässt, vollkommen wortlos durchdekliniert und als kaum durchdringbares Dickicht erscheinen lässt, jenes Dickicht, durch das sich jeder kämpft, der den langen Weg ins Erwachsensein antritt.

Alice wurde eingeladen zum Theatertreffen der Jugend 2015 (Foto: Arno Declair)

Alice wurde  zum Theatertreffen der Jugend 2015 eingeladen (Foto: Arno Declair)

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