Archiv der Kategorie: Nis-Momme Stockmann

Hunde im Orkan

Autorentheatertag 2015 – Nis-Momme Stockmann: Phosphoros, Ruhrfestspiele Recklinghausen / Residenztheater München (Regie: Anne Lenk)

Von Sascha Krieger

Ja, ja, Selbstbild und Fremdbild, nie wollen sie zusammenpassen: Lew Katz ist ein Physikprofessor, der die reine Wissenschaft hochhält und mit seinem Narzissmus, seiner Hypochondrie und seinem Zynismus doch nur um Aufmerksamkeit buhlt und mit seinem vermeintlichen Missverstandensein kokettiert. Der Kontrabassist Basil schwadroniert von der hehren Kunst, muss in Provinzhotels auftreten und kompensiert dies durch den Missbrauch seiner Freundin als „Assistentin“, die das schwere Instrument durch die Republik schleppt. Die junge Marlene, die ohne eingeschrieben zu sein Physikvorlesungen besucht und ansonsten als Brezelverkäuferin im ICE jobbt, glaubt die Welt zu durchschauen, sieht sich als analytisch scharfe Rebellin und schleudert noch nur ihren persönlichen Frust als Hass in die Welt. Doch den Genügsamen geht es nicht besser. Lews Ehefrau Anne etwa: Stoisch erträgt sie die Gleichgültigkeit des Gatten, nur um die erste Gelegenheit zu nutzen, ihre Macht auszuspielen. Und Rezeptionist Schröder, hochintelligent und musikalisch talentiert, behauptet, seinen Job zu lieben und interpretiert ihn doch als Freibrief für Intrigantestem und Grausamkeit.  Hier will jeder hoch hinaus, findet sich und sein Leben ungenügend und tritt wütend um sich.

Foto: Andreas Kohlmann

Foto: Andreas Pohlmann

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Das verknotete Ich

Nis-Momme Stockmann: Der Freund krank, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Milan Peschel)

Von Sascha Krieger

Ein einzelner Akkord und dann hebt sie an: das strenge prozessionsartige Allegretto aus Beethovens siebter Symphonie, ganz leise erst und sich dann zu voller Stärke entfaltend. Milan Peschel wird das düster-meditative Stück zu einem der beiden musikalischen Leitmotive seiner Inszenierung von Nis-Momme Stockmanns Endzeit-Meditation Der Freund krank machen. Sein Gegenstück ist „Go Your Own Way“, der trotzig-optimistische Pop-Klassiker von Fleetwood Mac, der die zweite Hälfte des Abends dominiert. Zwischen diesen beiden Polen – hier das trauermarschähnliche, auf kirchenmusikalischen Traditionen fußende Moll, dort die hoffnungsvolle Feier der zu erklimmenden Festung Zukunft – bewegt sich nicht nur Peschels Perspektive auf das vor zwei Jahren uraufgeführte Stück um einen in den Ort seiner Jugend zurückkehrenden Mann, der erkennen muss, dass er in eine sterbende Welt gekommen ist. Diese Dichotomie ist auch in Stockmanns Text – immerhin 160 Seiten lang – angelehnt.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Nis-Momme Stockmann: Die Ängstlichen und die Brutalen, Deutsches Theater Berlin/Kammerspiele (Regie: David Bösch)

Es dauert lange, zu lange, bis dieser Abend in Fahrt kommt. Die Ängstlichen und die Brutalen, das 2010 in Frankfurt seine Uraufführung feierte, ist Nis-Momme-Stockmanns Debüt auf einer der beiden Hauptbühnen des Deutschen Theaters – mit seinem Erfolgsstück Kein Schiff wird kommen war sewrneue deutschsprachige Dramatiker-Star bisher nur in der DT-Box präsent. David Bösch inszeniert, Christoph Franken und Werner Wölbern spielen die beiden Rollen in diesem Zwei-Personen-Stück.

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