Archiv der Kategorie: Musikfest Berlin

Bis zum Atemstillstand

Musikfest Berlin 2018 – Die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev spielen letzte Werke von Zimmermann und Bruckner

Von Sascha Krieger

Hach, Bruckners Neunte. So langsam entwickelt sie sie zu einem Sorgenkind des Musikfest Berlin. Verblüffte der mittlerweile nach Missbrauchsvorwüfen geschasste Daniele Gatti im vergangenen Jahr im Gastspiel des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam mit einer eigentlichen Unmöglichkeit, einem langweilenden Bruckner, setzt Valery Gergiev mit den Münchner Philharmonikern in der diesjährigen Ausgabe fast noch einen drauf: eine Bruckner 9, die mit expliziter Beliebigkeit dahinplätschert, bis der verwunderte Zuhörer die Augen reibt. was, schon vorbei? War was? Nein, eigentlich nicht. Obwohl das Programm auf dem Papier überzeugt: zwei letzte Werke gläubiger Katholiken, beide stark religiös geprägt (Bruckner widmete die Neunte „dem lieben Gott“), beide sich den letzten und größten Dingen widmend. Leben, Tod, Menschsein. Doch unterschiedlicher könnten sie kaum sein: Dort die ozeanische Musik des Kosmos-Komponisten Bruckner, hier Bernd Alois Zimmermanns beinahe zum Hörspiel reduziertes Vokalwerk, in dem das Orchester nahe daran ist, sich überflüssig zu machen. Am Ende steht ein Abend, der weder vor noch nach der Pause Türen öffnet zum Nachdenken über Sein und Existenz, zu dem beide Werke doch einladen wollen (Zimmermann) oder nach gängiger Expertenmeinung sollen (Bruckner).

Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker (Bild: Kai Bienert)

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Gegen die Dunkelheit

Musikfest Berlin 2018 – Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra zu Gast mit Mahlers dritter Symphonie

Von Sascha Krieger

Der Abend, an dem das Boston Symphony Orchestra, unter ihrem seit 2014 agierenden Chefdirigenten Andris Nelsons so reisefreudig wie nie, beim Berliner Musikfest gastiert, beginnt mit einer guten Nachricht: Nachdem Spitzenorchester wie das Rotterdam Philharmonic und selbst das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam vor fast leerem Haus gespielt hatten, bleiben nur wenige Plätze in der Philharmonie frei. Nelsons, der bei der Wahl zum Rattle-Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern als Favorit galt, ist in der Stadt immer noch gern gesehen. Insbesondere, wenn er sein Kernrepertoire im Gepäck hat, zu dem zweifellos die Symphonien Gustav Mahlers zählen. An diesem Abend steht die monumentale Dritte auf dem Programm, ein Monster von mehr als eineinhalb Stunden Länge, das genau die Mischung aus positiver Grundeinstellung, Zuversicht und Selbstvertrauen erfordert, die Andris Nelsons mitbringt.Ein Monster, das der Lette nicht nur zu zähmen imstande sondern auch gewillt ist.

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Andris Nelsons dirigiert das Boston Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin 2018 (Bild: Kai Bienert)

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Inneres Leuchten

Musikfest Berlin 2018 – Manfred Honeck dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es her, da führte das ehrwürdige eine Kritiker-Umfrage durch, um das nach Ansicht der Experten beste Orchester der Welt zu ermitteln. Ein wenig überraschend erklommen die üblichen Verdächtigen, die Philharmoniker aus Berlin und Wien zwar das Podium, aber nicht den Spitzenplatz. Dieser ging nach Amsterdam, ans Royal Concertgebouw Orchestra unter dem damaligen Chefdirigenten Mariss Jansons. Eine Wahl, die trotz überraschter Reaktionen, kaum jemand für wirklich falsch hielt. Viel ist seitdem passiert: Jansons hat seine Amtszeit beendet, sein Nachfolger Daniele Gatti nicht nur ein schweres Erbe anzutreten, sondern auch mit Vorwürfen eines künstlerischen Niedergangs zu kämpfen. Dass diese nicht ganz aus der Luft gegriffen gewesen sein könnten, musste auch das Berliner Publikum beim Musikfest Berlin 2017 erfahren. Und nun, kurz vor Beginn der neuen Spielzeit, der Super-GAU: Nach zahlreichen Vorwürfen sexuellen Missbrauchs handelte das Orchester und warm Gatti mit sofortiger Wirkung raus. Unmittelbar vor Saisoneröffnung stand der Klangkörper ohne Chefdirigenten dar. Der Tiefpunkt. Ersatz musste her: Ex-Chef Bernard Haitink übernahm einige Konzerte und wurde bejubelt, Manfred Honeck, als ehemaliges Mitglied der Wiener Philharmoniker auch ein Insider, was die Dynamiken in einem Spitzenorchester angeht, andere.

Manfred Honeck (Bild: Felix Broede)

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Vom Atom zum Kosmos

Musikfest Berlin 2018 – Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Rotterdam Philharmonic Orchestra

Von Sascha Krieger

Oft sind seine Werke nicht zu hören in deutschen Konzertsälen: Bernd Alois Zimmermann war immer ein unzeitgemäßer Komponist. In seiner Jugend in Nazi-Deutschland abgeschnitten von den Entwicklungen der zeitgenössischen Musik fand – und suchte – er nie den weg in eine der bestimmenden musikalischen Bewegungen seiner Zeit. Die konstruktivistische, mathematisch inspirierte Musik der 1950er und 1960er Jahre blieb ihm ebenso fremd wie der vermeintliche Traditionalismus der tonalen Schulen jener Zeit. Ein Wanderer zwischen den Welten, mit dem Anhänger beider Pole wenig anfangen konnten. Das Musikfest Berlin erlaubt in diesem Jahr einen kurzen, kursorischen Blick auf sein Werk, auf seine collagenhafte Musik der Schichtungen, der Zitate, der Zusammenfügung des Disparaten. Den Anfang machen Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra. Dabei ist dieses Wiederhören auch ein Abschiednehmen: Soeben hat der Kanadier seine zehnjährige Zerit als Rotterdamer Chefdirigent beendet, jetzt gehen beide auf eine letzte Tournee und in eine neue Phase der Zusammenarbeit – Nézet-Séguin ist seit Neuestem Ehrendirigent des Orchesters.

Yannick Nezet-Seguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra (Bild: Bob Bruyn)

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Mathematik und Distanz

Eröffnungskonzert des Musikfest Berlin 2018 mit der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Die Musik von Pierre Boulez ist für Daniel Barenboim seit jeher Herzenssache. Mehrfach wird beim anschließenden Eröffnungsempfang des diesjährigen Musikfests Berlin – auch von Barenboim selbst – darauf hingewiesen, dass der junge Dirigent Boulez und der noch viel jüngere Pianist Barenboim einst im ersten Jahr des Bestehens der Philharmonie hier auftraten. Barenboim hat immer wieder die Werke des Älteren dirigiert, hat seine eigenen Staatsoper-Festtage dem Freund und Mentor gewidmet, der von ihm maßgeblich initiierte neue Konzertsaal im Herzen Berlin trägt Boulez‘ Namen. Der längst legendäre Dirigent will, dass Boulez`Musik gehört und, mehr noch, verstanden wird. Und so lässt er es sich nicht nehmen, vor der Aufführung des gut zwanzig minütigen Rituel, einst von Boulez dessen früh verstorbenem Freund und Kollegen Bruno Maderna gewidmet, etwa genau so lange das zu hörende Werk zu erlältern. Er erklärt die – in seinen späteren Jahren von Boulez selbst angeregte – Verteilung der acht Instrumentengruppen, jede mit eigenem Schlagzeuger, im gesamten Raum der Philharmonie, die Unterscheidung der statischen ungeraden und der rhythmisch getriebenen geraden Abschnitten, die klangliche Wendung nach dem 14. und lässt manche Hörprobe hören. Die Verbindung von mathematisch genauer Konstruktion und klanglicher Freiheit – die riesige Partitur, vor der der nicht gerade groß gewachsene Dirigent steht, enthält etliche aleatorische Passagen – erschließt sich so auch dem weniger geübten Zuhörer.

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Daniel Barenboim dirigiert Rituel von Pierre Boulez (Bild: Kai Bienert)

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Darf’s ein bisschen mehr sein?

Im Rahmen des Musikfest Berlin 2017 gibt Vladimir Jurowski sein Antrittskonzert beim Rundfunk-Sinfonieorchester Belrin

Von Sascha Krieger

Welch schöne Dramaturgie: Am Vorabend stand hier Marek Janowski am Pult und dirigierte die Berliner Philharmoniker. 15 Jahre lang stand er dem Rundgunk-Sinfonieorchester Berlin vor, das er zu einem Ausnahmeklangkörper weiter entwickelt, der es in analytischer Schärfe und Detailgenauigkeit mit so ziemlich jedem Klangkörper der Welt aufnehmen kann. Janowski war und ist ein Meister der leisen Töne, der Zwischenräume, der ernsthaften Erkundung von Klang und musikalischer Substanz. Nun steht hier ein anderer: Vladimir Jurowski heißt er, gehört zu den gefragteren Dirigenten weltweit und gibt sein Antrittskonzert als Chefdirigent des RSB. Eine natürlich immer programmatische Affäre, die der geborene Moskauer auch als solche begreift. So reicht das Spektrum dieses Debüts weit: von der Wiener Klassik über die Zweite Wiener Schule bis in die Gegenwart. Er verbeugt sich in Richtung Kernrepertoire (Beethoven, auch die deutsche Spätromantik wird gestreift – dazu später mehr), widmet sich großen Namen von Moderne und Gegenwart (Schönberg, Nono) und wagt Ungewöhnlicheres in Form des südkoreanischen Komponisten Isang Yun, schließlich gilt Jurowski als experimentierfreudig. Ein wohl durchdachtes Programm, keine Frage.

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Vladimir Jurowski bei seinem Antrittskonzert (Bild: Kai Bienert)

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Der Klangraum-Erkunder

Musikfest Berlin 2017 – Marek Janowski dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Pfitzner und Bruckner

Von Sascha Krieger

Es ist alles so gewohnt und doch irgendwie neu. Der Blick auf den Resthaar-umkränzten Hinterkopf, die knapp bemessenen Gesten, die Strenge, die diese Figur ausstrahlt. Hunderte Male war sie hier zu sehen, doch die, die vor ihr saßen, waren andere. 15 Jahre lang war Marek Janowski Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und häufig in der Philharmonie zu Gast. Gleichzeitig war er in den letzten Jahren der einzige der Chefdirigenten der anderen Spitzenorchester der Stadt, der nie die Berliner Philharmoniker dirigierte. Zwanzig Jahre war es her seit seinem letzten Dirigat, als er vor ein paar Monaten für einen erkrankten Kollegen einsprang. Die Auszeit war eine gewollte, genauso wie die Entscheidung des Opernspezialisten, keine inszenierten Opern mehr zu dirigieren. Jetzt, da er seine Amtszeit in Berlin beendet hat, steht er wieder im Orchestergraben – und am Pult der Philharmoniker. Drei Konzerte dirigiert er, am Tag nach dem dritten leitet sein Nachfolger sein Antrittskonzert beim RSB. An gleicher Stelle. Als hätte Janowski es so geplant.

Marek Janowski (Bild: Felix Broede)

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Musik ohne Nebenwirkungen

Musikfest Berlin 2017 – Riccardo Chailly, Leonidas Kavakos und Filarmonica della Scala mit Werken von Brahms und Verdi

Von Sascha Krieger

Es soll ja Musikliebhaber geben, die wollen in ein Konzert gehen, sich zurücklehnen, den Kopf ausschalten und sich von der Musik entspannen lassen. Die suchen Schönheit, die nicht anstrengt, nichts von ihnen fordert, die einfach nur da ist. Die sie finden, etwa bei „Klassik-Sendern“ im Radio, Liebhaberkonzerten, unambitionierten Einspielungen, die Werke zugänglich machen, ohne sie groß interpretieren zu wollen, „Klassik-Hits“-Sammlungen. Da mag der selbst ernannte Musikkenner noch so sehr die Nase rümpfen: Auch für solche „Klassik light“ gibt es nicht nur einen Markt, sie kann sogar dazu beitragen, Menschen, die sich bislang nicht mit großen Teilen der Musiktradition befasst haben, den Zugang zu ermöglichen. Nun stehen Musiker wie der vielfach ausgezeichnete Geiger Leonidas Kavakos , Top-Dirigenten wie Riccardo Chailly oder Spitzenorchester wie das der Mailänder Scala nicht im Verdacht, Fahrstuhl-Klassik zu produzieren. Aber auch sie stehen in einem Wettbewerb um die Zuschauergunst, insbesondere auf Gastspielreisen, wo es gilt, neue Zuhörer*innen zu gewinnen. Tour-Programme sind daher oft um Populäres herum gebaut, vielfach geprobt und damit oft glatter, perfekter, abgeschliffener als Konzert-„Heimspiele“.

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Leonidas Kavakos, Riccardo Chailly und die Filarmonica della Scala beim Musikfest Berlin 2017 (Bild: Kai Bienert)

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Der Geist aus der Holzkiste

Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin mit Mahlers fünfter Symphonie beim Musikfest Berlin 2017

Von Sascha Krieger

Gäbe es einen Preis für den ungewöhnlichsten Konzertbeginn, das Gastspiel des Konzerthausorchesters Berlin im Rahmen des Musikfests Berlin hätte gute Chancen, ihn zu gewinnen. Das Orchester ist vollständig versammelt, auch Chefdirigent Iván Fischer ist da und setzt sich neben sein Pult. Davor steht ein Flügel und vor diesem ein hölzerner Kasten. Es ist ein Welte-Mignon-Apparat, ein um die vorletzte Jahrhundertwende entwickelter Vorläufer moderner Tonaufnahmetechnologien. Bevor sich Töne wirklich aufnehmen und abspielen ließen, entwickelte die Freiburger Firma Welte & Söhne ein Verfahren, mit dem es möglich war, das Klavierspiel inklusive Anschlagstechnik, Dynamik und Tempo nach dem Lochkartenprinzip aufzuzeichnen und mit Hilfe besagten Apparats auf einem echten Klavier wieder abzuspielen. Zu denen, die im Leipziger Aufnahmestudio derartige Aufnahmen einspielten, gehörte Gustav Mahler. An einem Novembertag des Jahres 1905 spielte er unter anderem den Kopfsatz seiner 5. Symphonie auf dem Klavier ein. Diese Aufnahme ist nun in der Philharmonie zu hören, bevor sich Fischer und sein Orchester dem Werk widmen.

Iván Fischer (Bild: Marco Borggreve)

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Träumen und fragen

Die Berliner Philharmoniker mit Susanna Mälkki und Gil Shaham sowie Werken von Busoni, Bartók und Sibelius

Von Sascha Krieger

Das Musikfest Berlin ist ja nicht gerade bekannt dafür, Programme zusammenzustellen, die dem Publikumsgeschmack schmeicheln. Auch wenn die Ausgabe 2017 mit Schwerpunkten auf Komponisten wie Monteverdi oder Bruckner nicht zu den sperrigeren gehört, ist ein wenig Walzerseligkeit nach gut einer Woche Festival willkommen. Doch Vorsicht: Nicht nur hat Ferruccio Busonis Tanz-Walzer op. 53 so manchen doppelten Beden, Dirigentin Susanna Mälkki treibt dem Werk auch schnell jeden Rest von Johann-Strauss-Nostalgie aus. Mälkki öffnet zunächst den Klangraum weit, lässt höchste Transparenz walten, die Klangfarben funkeln, gibt den Soloinstrumenten, vor allem den Holzbläsern viel Platz zur Entfaltung, um allsbald die unterschiedlichen Charaktere der vier Walzer mit maximaler Deutlichkeit auszustellen. Leichtfüßig hüpfendem Schwung steht rhythmische Schärfe entgegen, samtigem Streicherfluss, explosive Energieschübe. Die Helligkeit weiß stets um das Dunkle, die freudige Oberfläche verbirgt nicht den gähnenden Abgrund. Immer wieder konzentriert Mälkki das Orchesterspiel, pumpt es mit Energie voll, macht die Berliner Philharmoniker zu einem Tiger, der zu spielen scheint, aber stets auf dem Sprung ist. Hellwach, höchst lebendig, energisch und lebensfroh, ohne einen Tick, Angst, der Spaß könnte bald vorbei sein, interpretiert die Finnin den Italiener. Und setzt damit den Ton für diesen Konzertabend.

Susanna Mälkki dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Musikfest Berlin 2017 (Bild: Monika Rittershaus)

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