Archiv der Kategorie: Musik

Eine „Notlösung“ voller Spannung

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Anne-Sophie Mutter, Werken von Penderecki und Schostakowitsch – und zwei kurzfristigen Dirigentenwechseln

Von Sascha Krieger

Die Enttäuschung kommt in Scheibchen. Geplant war ein Paukenschlag kurz vor Spielzeitende: Zwei wahrhafte Legenden sollten das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das in der öffentlichen Wahrnehmung immer etwas im Schatten heller scheinender Klangkörper steht, beehren – Krzysztof Penderecki, einer der bedeutendsten Komponisten der letzten 50 Jahre, der seit 15 Jahren nicht mehr beim RSB gastiert hatte, und Anne-Sophie Mutter, die zu den größten Geigerinnen unserer Zeit zählt und ihr Debüt bei diesem Orchester geben sollte. Gemeinsam wollten sie Pendereckis 2. Violinkonzert „Metamorphosen“ aufführen, das der Komponist der Virtuosin einst widmete und diese 1995 uraufführte. Zwei Tage vor dem Konzert wurde plötzlich bekannt, dass der 85-Jährige das Dirigat des zweiten Konzertteils, Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 15, seine letzte, aus nicht benannten Gründen an den russischen Kollegen Andrey Boreyko abgegeben hatte. Und nur wenige Stunden vor Konzertbeginn gab das Orchester dann bekannt, dass Penderecki auch sein eigenes Werk nicht dirigieren würde – begründet wurde dies mit seiner Gesundheit. Also steht nun sein langjähriger Assistent Maciej Tworek am Pult und wurde aus einem Highlight zum Saisonabschluss eine programmatische Notlösung. Kein gutes Omen also für diesen Abend.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Bild: Molina Visuals)

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Wenn Musik entsteht

Der designierte Chefdirigent Kirill Petrenko und Yuja Wang zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Alles auf Abschied bei den Berliner Philharmonikern: In zwei Monaten endet die 18-jährige Amtszeit von Chefdirigent Sir Simon Rattle, der im Mai und Juni noch einen fulminanten Konzert Schlussspurt hinlegen wird. Aber weil jedem Ende bekanntlich ein Anfang innewohnt, schaut vorher kurz die Zukunft vorbei: Kirill Petrenko, der Sir Simon 2019 nach einer Übergangsspielzeit ohne Chefdirigenten beerben wird, gibt sein einiges Gastspiel 2017/2018 mit einem Programm, dass wie all seine raren Auftritte seit der Wahl vor drei Jahren nach programmatischen Hinweisen abgeklopft wird. Und tatsächlich bietet er auch jetzt ein paar Schlussfolgerungen an: Zum einen weist die Mischung aus je einem deutschen, französischen und russischen Komponisten daraufhin, dass der Schwerpunkt seiner Amtszeit nicht weit außerhalb der das Kernrepertoire des Orchestern ausmachenden Musiktraditionen liegen dürfte. Allerdings zeigt er auch, dass er bereit ist, innerhalb dieser jenseits der großen und kanonisierten Werke nach Schätzen zu suchen. Mit Paul Dukas‘ „Poème dansé“ La Péri und Franz Schmidts vierter Symphonie bildeten zwei Werke das Rückgrat des Abends, die man auf Konzertprogrammen eher selten findet. Ersteres war 1961 zuletzt bei den Philharmonikern zu hören, letzteres 1960.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Der Klang des Zwischenraums

Martha Argerich und die Staatskapelle Berlin unter Daniel Bareboim spielen Werke von Debussy bei den Festtagen 2018

Von Sascha Krieger

Claude Debussy, das ist doch der Impressionist, der mit dem Nachmittag dieses Fabelwesens (wie hieß es doch gleich?) und dem Meer, oder? Der Stimmungsmaler, bei dem sich die Töne so schön in Bilder übersetzen lassen? Hübsche Farbspiele, nicht zu lang, immer nett als Farbtupfer in einem Konzertprogramm. Moment, ein ganzer Abend nur mit Debussy? Geht das? Ja, meisten Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin anlässlich ihrer diesjährigen Festtage. Damit kann man sogar in die Verlängerung gehen und die meist festgefügten zwei Stunden ein gutes Stück überschreiten. So lange hält man es kaum selbst in der besten Impressionisten-Ausstellung aus. Wird das nicht ein bisschen langweilig. Nein, will der Rezensent in heiligem Zorn herausbrüllen, wird es nicht! Zumindest nicht dann, wenn man es so macht wie Barenboim, sein Orchester, sein Chor und ein paar herausragende Solistinnen. Den bekannten frühen Debussy, ja, den, dem man so gern, nicht immer wohlwollend, das Etikett „Impressionist“ aufgedrückt hat, kombiniert der Musikalische Leiter der Staatsoper mit dem weniger bekannten späten. Wobei er auch bei ersterem nicht auf die „Hits“ setzt. Stattdessen steht die „Fantaisie“ auf dem Zettel, Debussys einziges Werk für Klavier und Orchester. Als Unterstützung dabei hat er seine alte Freundin Martha Argerich, Stammgast bei den Festtagen. da kann eigentlich nichts schiefgehen, oder? Tut es auch nicht.

Daniel Barenboim (Bild: Holger Kettner)

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Musikalisches Wimmelbild

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2018 der Staatsoper Unter den Linden

Von Sascha Krieger

So langsam kann man die Uhr danach stellen: Sind die Wiener Philharmoniker in der Stadt, ist bald Ostern und die Festtage der Berliner Staatsoper beginnen. Dass die Wiener einem ihrer Lieblingsdirigenten, dem musikalischen Leiter der Staatsoper Daniel Barenboim, den Wunsch erfüllen, „seine“ Festtage zu eröffnen, ist mittlerweile Tradition. Dass sie dabei Gewichtiges dabei haben, auch. Vor zwei Jahren stand Gustav Mahlers neunte Symphonie auf dem Programm, in diesem Jahr ist es seine lange übersehene Siebte. Dabei scheint es Barenboims Ziel, die vielen Jahre der Vernachlässigung, die mit der Mahler-Renaissance in den 1960er-Jahren noch lange nicht vorbei war, an einem Abend wieder gut zu machen. Was für ein Ereignis ist dieser Kopfsatz, so, wie die Wiener ihn spielen! Ein musikalisches, klangliches, rhythmisches Universum, eine funkelnde Galerie aus Millionen Sternen. Mit nervöser Energie preschen sie aus den Startlöchern, die Hornrufe beinahe aggressiv, der Klang rasiermesserscharf, vor allem Holzbläser und Streicher tendieren immer wieder ins Schrille, Schneidende. Hier ist von Beginn an Kampf, ein Ringen um Dominanz, darum gehört zu werden. Tausend Farben erfüllen den Raum, ebenso viele Stimmen, jede gleichwertig. Ein Durcheinander, musikalisches Chaos, ein Urgrund, aus dem Welten entstehen können.

Daniel Barenboim (Bild: Monika Rittershaus)

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Himmel und Hölle

Chgefdirigent Robin Ticciati dirigiert das DSO mit Werken von Lindberg, Berg und Bruckner

Von Sascha Krieger

Keine Angst vorm Kernrepertoire: Natürlich sollen Chefdirigent*innen ihre eigenen Akzente und Schwerpunkte setzen, aber wer am Pult eines deutschen Spitzenorchesters – welches das Deutsche Symphonie-Orchester ohne Zweifel ist – steht, muss sich auch im klassischen und romantischen Repertoire der deutsch-österreichischen Musiktradition zu Hause fühlen. Für den Engländer Robin Ticciati, seit Beginn dieser Spielzeit „Chef“ beim DSO, gilt das ohne Abstriche. Schon bei seinem ersten Auftritt an deren Pult hatte er Anton Bruckner auf dem Programm, die Vierte, ein mutiges Statement für einen Debütanten. Jetzt eröffnet er sein erstes volles Kalenderjahr in Berlin mit der Sechsten, jener, die „selten gespielt“ zu nennen, sich eingebürgert hat, aber mittlerweile kaum mehr als Koketterie ist. Ticciati, das ist jetzt schon klar, ist ein Freund thematischer Programmgestaltung. Und da Bruckner einmal sagte, der Gesang sei das Wesen der Musik, strickt er seinen Abend um das gesangliche.

Robin Ticciati am Pult des DSO (Bild: Kai Bienert)

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Musik, die lebt

Mariss Jansons und Daniil Trifonov mit Werken von Schumann und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons mag einer der meisten gefeierten Dirigenten der Gegenwart sein, einer, der das Rampenlicht, die Aufmerksamkeit sucht, ist der Lette nicht. Dabei hätte er gerade allen Grund dazu: Nicht nur gilt er als der besten seiner Zunft, hat von ihm geleitete Klangkörper – allen voran das Royal Concertgebouw Orchestra und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – in ungeahnte neue Höhen geführt, der bescheidene Maestro wurde vor wenigen Tagen 75 Jahre alt und gerade mit der Ehrenmitgliedschaft der Berliner Philharmoniker. Doch Jansons ist keiner, der sich im Mittelpunkt stehend gefällt. Dorthin gehören für ihn andere. An diesem Abend zum Beispiel Daniil Trifonov. Der 26-Jährige gilt bereits als der große neue Tastenstar. Nicht zu unrecht: Der Russe ist ein begnadeter Virtuose und einer der leidenschaftlichsten Pianisten unserer Zeit. Technische Perfektion paart er mit Mut zu emotionalem, ausdrucksstarken Speil, und es gelingt ihm auch bei den schwersten Werken, beide Aspekte kongenial miteinander zu verknüpfen.

Bild: Bayerischer Rundfunk

Mariss Jansons (Bild: Bayerischer Rundfunk)

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Black Box Beethoven

Rudolf Buchbinder und die Sächsische Staatskapelle mit zwei Klavierkonzerten von Ludwig van Beethoven in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Das Berliner Gastspiel von Rudolf Buchbinder und der Sächsischen Staatskapelle Dresden ging auf Nummer sicher: einer der wichtigsten Beethoven-Spezialisten unserer Zeit, zwei populäre Werke des Meisters, ein Spitzenorchester, das wie kaum ein anderes zu Hause ist im klassischen und romantischen deutschen Repertoire. Was kann da schief gehen. Nichts. Und alles. Natürlich ist der Applaus warm, wenn auch nicht übermäßig enthusiastisch, lächeln die Gesichter, geht man mit dem wohligen Gefühl nach Hause, die knapp zwei Stunden nicht verschwendet zu haben. Man wirft Dirigenten und Orchestern zuweilen vor, populäre Komponisten als „Crowdpleaser“ aufs Programm zu setzen, um das Publikum in den Konzertsaal zu locken und sie mit einem positiven Gefühl wieder nach Hause zu schicken. Dieser Abend ist 100 Prozent „Crowdpleaser“ und die „Crowd“ ist zufrieden. Das kritische Ohr ist es nicht, denn was Buchbinder und die Staatskapelle hier bieten, ist zwei Stunden in der Komfortzone. Risikofrei, routiniert und sterbenslangweilig.

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Die Magie des Dialogs

Manfred Honeck und Jan Vogler mit einer Uraufführung zu Gast beim DSO

Von Sascha Krieger

Enthusiastisch war der Beifall in der fast ausverkauften Berliner Philharmonie nicht, als der scheu lächelnde Dai Fujikura von Dirigent Manfred Honeck und Cellist Jan Vogler auf das Podium geholt wurde. Erleichterung, die Uraufführung seines Cellokonzerts überstanden zu haben, war nicht nur bei ihm zu spüren, sondern auch beim Publikum. Die dritte Inkarnation des Werks – Fujikura hatte es zunächst als Werk für Solo-Cello verfasst, dann zum Konzert für Voloncello und Ensemble erweitert und nun erstmals die Orchesterversion vorgestellt – stieß bestenfalls auf Wohlwollen. Was auch der Länge geschuldet sein mag: Mit 25 Minuten überschreitet es deutlich die Dauer, die Orchester ihrem Publikum mit zeitgenössischen Werken meist zumuten, zumal auch der Beginn, Claude Debussys Six épigraphes antiques in der 2014 von Alan Fletcher erstellten Orchesterfassung es den Zuhörer*innen kaum leicht machten und ihnen wenig gaben, woran sie sich festhalten konnten. Nein, es dem Publikum leicht zu machen, ist Honecks Sache an diesem Abend nicht. Er fordert die Anwesenden und lädt sie ein, sich einzulassen, genauer zuzuhören. Wer das tut, erlebt ein streckenweise außergewöhnliches Konzert.

Manfred Hoeck (Bild: Felix Broede)

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Dekonstruktion und Dialog

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und Staatskapelle Berlin: Zweimal Beethovens neunte Symphonie zum Jahreswechsel

Von Sascha Krieger

Mit Traditionen ist das so eine Sache. Sie verleihen den Menschen ein Gefühl der Verlässlichkeit und Sicherheit, können Wohlfühloase sein und Auffangnetz. Begrifflichkeiten, die in der Kunst normalerweise eher wenig zu suchen haben. Gilbt es hier Traditionen, sind sie daher mit besonderer Vorsicht zu genießen. Diejenige, zum Jahreswechsel, Ludwig van Beethovens neunte Symphonie aufzuführen, bildet da keine Ausnahme. Groß ist die Gefahr, das Werk folkloristisch zu verkleinern und seine Aufführung zu leerer Routine erstarren zu lassen. Eine Gefahr, der sich Vladimir Jurowski, neuer Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, bewusst ist. Und der er gegenübertritt, indem er so viel anders macht gegenüber seinem Vorgänger Marek Janowski, wie irgend möglich ist, ohne gleich das ganze Werk vom Spielplan zu werfen. Er will die „Neunte“ neu hörbar machen und sicher auch seine eigene Duftmarke setzen. ersteres ist löblich, letzteres verständlich, das Ergebnis eher zwiespältig.

Vladimir Jurowski (Bild: Bettina Stöß)

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Keine Erlösung

Alan Gilbert dirigiert die Konzerte zum Jahreswechsel des Gewandhausorchesters Leipzig mit Beethovens Neunter

Von Sascha Krieger

Es passiert nicht oft, dass diese Ehre einem zuteil wird, der nie Chefdirigent dieses Orchesters war: Die traditionellen Silvesterkonzerte des Leipziger Gewandhausorchesters sind normalerweise Chefsache. Denn die Tradition wiegt schwer: Bald sind es 100 Jahre, dass Arthur Nikisch begann, zum Jahreswechsel Beethovens neunte Symphonie spielen zu lassen – eine Anregung, der mittlerweile überall auf der Welt gefolgt wird. Doch das Original – seit Jahrzehnten live im Fernsehen übertragen – findet in Leipzig statt. Nun also darf Alan Gilbert ran, nachdem sich Neu-Chef Andris Nelsons im Vorjahr etwas verhoben hatte. Der New Yorker steckt gerade zwischen Jobs – seine Amtszeit beim New York Philharmonic ist zu Ende, die Position beim NDR Elbphilharmonieorchester noch nicht angetreten – er hat also Zeit. Und Lust, wie es scheint. Und keine Scheu vor der großen Aufgabe. Die er beeindruckend unsentimental angeht, mit dem klaren Willen, sich dem Werk auf eigene Weise zu nähern, ohne zu viel Respekt vor der Tradition, dafür um so mehr vor dem musikalischen Monstrum, das es zu bändigen gilt.

Das Leipziger Gewandhaus (Bild: Jens Gerber)

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