Archiv der Kategorie: Musik/Music

Offen geblieben

Kirill Petrenko dirgiert das Bundesjugendorchester in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Noch ist er nicht im Amt, da setzt Kirill Petrenko bereits Zeichen. Das Bundesjugendorchester, seit Jahrzehnten eine bewährte und wichtige Institution zur Förderung des Musiker*innen-Nachwuchses, steht seit 2013 unter der Patenschaft der Berliner Philharmoniker, deren Chefdirigent Petrenko ab der kommenden Spielzeit sein wird. Jugendarbeit im weitesten Sinne war ein Schwerpunkt der Arbeit seines Vorgängers Sir Simon Rattle. Seine Education-Projekte sind legendär, die Orchester-Akademie hat in seiner Amtszeit eher noch an Bedeutung gewonnen und die Patenschaft für das Bundesjugendorchester fällt ebenfalls in seine Ära. Wenn sein Nachfolger nun mehr als ein halbes Jahr vor seinem Amtsantritt das Orchester dirigiert, ist das auch ein Statement, nämlich, dass er sich Rattles Engagement verpflichtet fühlt und gewillt ist, es fortzusetzen. Dafür steht auch, dass er ausgerechnet Igor Strawinskys Le Sacre du printemps in den Mittelpunkt seines ersten Programms stellt, das Werk, das die Basis bildete für jenes Schüler*innen-Projekt von 2003, das im Film Rhythm Is It! verewigt wurde und längst Symbol der in die Gesellschaft greifende Rolle eines Spitzenorchesters geworden ist, wie Rattle es sich vorstellte.

Kirill Petrenko (Bild: Stephan Rabold)

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Kein Kehraus

Das Silvesterkonzert 2018 der Berliner Philharmoniker mit Daniel Barenboim als Dirigent und Solist

Von Sascha Krieger

Die Berliner Philharmoniker befinde sich in einem Übergangsjahr. Der alte Chefdirigent (Sir Simon Rattle) ist weg, der neue (Kirill Petrenko) noch nicht da. Das wird nirgends deutlicher als beim traditionellen Silvesterkonzert, das naturgemäß Chefsache ist. Gut, dass man Daniel Barenboim hat. Der Dirigent und Pianist ist dem Orchester seit 1964 eng verbunden und dies auch geblieben, obwohl er zweimal bei der Chefdirigentenwahl leer ausging. Das ist nicht selbstverständlich (man denke an Lorin Maazel). Schon einmal dirigierte Barenboim zum Jahreswechsel, das war 2001, in Claudio Abbados letzter Spielzeit in der Philharmonie. Dass trotz ausgebliebener offizieller Weihen dieses Orchester längst auch seines ist, zeigt sich an diesem Silvesterabend, vor den Augen und Ohren einiger versammelter Prominenz – vom Oscar-Gewinner (Christoph Waltz) bis zur Kanzlerin.

Daniel Barenboim dirigiert das Silvesterkonzert 2018 der Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Besser scheitern

Chefdirigent Andris Nelsons dirigiert die Konzerte zum Jahreswechsel des Gewandhausorchesters Leipzig mit Beethovens Neunter

Von Sascha Krieger

Zu den Konzepten, die in den vergangenen Jahren eine spürbare Aufwertung erfuhren, zählt zweifellos auch das Scheitern. In „Fail Nights“ erzählen Menschen Geschichten misslungener Ideen wie Erfolgsstories, in der Startup-Szene werden Entrepreneure längst schief angeschaut, wenn sie nicht mindestens eine Firma in den Sand gesetzt haben und im Sport ist das Comeback seit jeher interessanter als der unaufhaltsame Aufstieg in die Spitze. Das Beckettsche Motto, es immer wieder zu versuchen und immer besser zu scheitern, hat sich auch Andris Nelsons auf die Fahnen geschrieben. Was bleibt ihm auch anderes übrig? Der Lette gehört längst zu den besten Dirigenten unserer Zeit – doch ein wichtiges Puzzleteil fehlt ihm noch: Bislang gelang es ihm nicht, sich als ernsthafter Beethoven-Interpret zu etablieren. Nur leider ist der Mann mittlerweile Gewandhaus-Kapellmeister in Leipzig und zu dessen Aufgaben gehört ein jährlich wiederkehrendes Ritual, das den Leipzigern längst alle Welt nachmacht: die Konzerte zum Jahreswechsel. Mit der neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven.

Andris Nelsons und das Gewandhausorchester Leipzig (Bild: Gert Mothes)

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Die Welt ein Lied

Iván Fischer und Christian Gerhaher zu Gast bei den Berliner Philharmonikern mit Werken von Dvořák, Wolf und Schubert

Von Sascha Krieger

Der Berliner Kulturrezipient nimmt ja so manches als selbstverständlich ist: Die Breite und Qualität des täglichen Kunst- und Kulturangebotes gibt es so nur an ganz wenigen anderen Orten der Welt. Und doch braucht es eine besonders ungewöhnliche Konstellation, damit sich auch der Dauertheater- und -konzertgänger daran erinnert, wie gut er es hat. Denn an aufeinander folgenden Abenden sowohl die Berliner als auch die Wiener Philharmoniker erleben zu dürfen, ist selbst in der deutschen Hauptstadt nicht Alltag. Und wenn es dann auch noch zwei atemberaubende Konzertprogramme sind (hier geht’s zur Besprechung von Franz Welser-Mösts Gastspiel mit den Wiener Philharmonikern), dann könnte sich schon die Frage stellen, womit der für seine Grummeligkeit bekannte und berüchtigte Berliner dies verdient hätte. Doch dann entscheidet sich zumindest dieser, sein Glück einfach anzunehmen und zunächst in der berückenden Schönheit der Legenden Nr. 6 und 10 von Antonín Dvořák zu schwelgen. Als lyrischere Gegenstücke zu seinen berühmten Slawischen Tänzen konzipiert, entfalten sie unter dem Dirigat des Dvořák-Experten Iván Fischer eine so berauschende Strahlkraft, dass der Rezensent für einen kurzen Moment nie wieder etwas anderes hören zu wollen glaubt.

Christian Gerhaher und Iván Fischer mit den Berliner Philharmonikern (Bild: Monika Rittershaus)

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Geerdetes Glück

Die Wiener Philharmoniker zu Gast im Konzerthaus Berlin mit Franz Welser-Möst und Werken von Brahms

Von Sascha Krieger

Am Ende weht gar ein Hauch Neujahrskonzert durch den bekanntlich vom Goldenen Saal des Wiener Musikvereins inspirierten Großen Saal des Berliner Konzerthauses, zur Wieder- bzw. Neueröffnung im Jahr 1984 in historisierendem Zuckerbäckerklassizismus errichtet. Franz Welser-Möst hat das berühmteste aller Konzerte im Klassikbetrieb bislang zweimal geleitet und er weiß, was man von den Wienern hören will. Mit „Rosen aus dem Süden“ spielt das Orchester als erste Zugabe einen Walzer von Johann Strauss (Sohn), der auch am ersten Januar dieses Jahre zu hören war, gefolgt von einer diesem Rezensenten unbekannten schnellen Polka aus der Strauss-Familie. Feinnervig, hochpräzisa, energisch und mit einer Klangkultur versehen, wie sie nur die Wiener zu schaffen im Stande sind. Und die sich – nach dem reichlich lärmenden Gastspiel des Orchesters unter Riccardo Muti am Dienstag – ohne Trübungen den ganzen Abend genießen lässt. Der ganz Johannes Brahms gewidmet ist – ein Komponist, der  dem Orchester eng verbunden war und seine zweite (die in diesem Programm erklingt) und dritte Sinfonie mit ihnen zur Uraufführung brachte.

Franz Welser-Möst (Bild: Roger Mastroianni)

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Lizenz zum Dröhnen

Die Wiener Philharmoniker zu Gast im Konzerthaus Berlin mit Riccardo Muti, Karl-Heinz Schütz sowie Werken von Mozart und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wolfgang Amadeus Mozart, so erfahren wir aus dem Programmheft, mochte die Flöte nicht besonders. Trotzdem komponierte er für sie, er brauchte schließlich Geld. Das G-Dur-Konzert ist sicher eine seiner besseren Kompositionen – eine Sternstunde des Mozartschen Schaffens ist es nicht. Das scheint auch Karl-Heinz Schütz zu spüren, Soloflötist der Wiener Philharmoniker, der die nicht ganz dankbare Aufgabe hat, das Gastspiel seines Orchesters im Rahmen der diesjährigen Hommage des Berliner Konzerthauses, die eben diesem Klangkörper gewidmet ist, mit selbigem Werk zu eröffnen. Seine Anspannung ist im anzusehen – und anzuhören. Als wolle er es rasch hinter sich bringen, rast er regelrecht durch die ersten Takte seiner Partie und wirkt auch im weiteren Verlauf recht unentspannt. Nur selten, etwa in der Kadenz des Kopfsatzes, gibt er der Musik etwas Raum zum Atmen, findet gar den Mut zur Stille. Ansonsten zeigt er sich sichtlich bemüht, als wolle er dem Werk gegen dessen Willen seine Substanz belegen. Da ist immer ein Zu-Viel, stets ein Eindruck von Anstrengung, er presst die Melodiebögen heraus, aber lässt sein Instrument nicht singen. Dadurch neigt sein Spiel zur Überdeutlichkeit, wo es leicht sein sollte, zur Affirmativität, wo Zwischentöne gefragt werden.

Riccardo Muti (Bild: Todd Rosenberg / Photography by courtesy of http://www.riccardomutimusic.com)

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Weltumfassend

Andris Nelsons dirigiert Mahlers Zweite Symphonie bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Gut, beginnen wir mit Gustav Mahlers berühmtester und, ja, viel zu oft zitierter Aussage: „Aber Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.“ Über die Zweite, dieses 90-minütige Monumentalwerk mit zwei (!) Vokalsätzen, zu sprechen, ohne dieses Diktum im Ohr zu haben, scheint unmöglich. Und für Andris Nelsons gilt das auch auch, wenn es darum geht, es zu dirigieren. Kaum ein anderes Werk gibt sich so weltumfassend, so kosmisch, so alle Fragen menschlicher Existenz stellend wie die c-Moll-Symphonie, die man auch „Auferstehung“ nennt, inspiriert von den von Mahler ergänzten Klopstock-Versen am Ende des mehr als halbstündigen Finalsatzes. Zu Gott geht es da, zu einer Vision von Urgrund, von Quelle, von Fundament, von Sinngebung – nach einem langen, hartem, schmerzvollen Kampf mit den Untiefen von Schmerz, Sehnsucht, Tod, Vergänglichkeit.

Andris Nelsons dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Singend in die Welt

Teodor Currentzis und Orchestra MusicAeterna mit einem Mahler-Abend zu Gast in Berlin

Von Sascha Krieger

Die größte Überraschung an diesem Abend ist, wie wenig ungewöhnlich er beginnt: keine rituelle Aufstellung, sitzende Musiker, fast könnte man meinen, man säße in einem ganz normalen Symphoniekonzert. Aber nein, da sind wenigstens sie: die Stiegfel mit den roten Scxhnürsenkeln, Markenzeichen des griechischen Dirigenten Teodor Currentzis, der von manchen als Messias gefeiert, von anderen als Scharlatan verunglimpft wird. Wenn dieser Abend in der Berliner Philharmonie mit dem von ihm in seiner Wahlheimant im russischen Perm gegründeten Orchestra MusicAeterna zu Ende ist, scheint vor allem eines klar: Der 46-Jährige ist ein sehr interessanter, hochtalentierter, äußerst intelligenter und überaus talentierter Dirigent, Interpret und Analytiker vermeintlich längst bekannter Musik. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Dass die Stringenz, mit der er seine Konzerte programmiert, zuweilen das Plakative streift, ist nichts Neues. Er stellt gern ein Werk in den Mittelpunkt und nutzt die Zeit vor der Pause dazu, zu diesem hinzuleiten. Das ist auch hier nicht anders. Gustav Mahlers vierte Symphonie steht auf dem Programm, die letzte seiner so genannten „Wunderhorn“-Symphonien, kulminierend in einem Vokalsatz über ein Lied aus von Arnims und Brentanos berühmter Sammlung. Also gibt es vor der Pause was zu hören: elf Lieder aus Mahlers „Wunderhortn“-Zyklus natürlich. Was auch sonst?

Teodor Currentzis (Bild: Anton Zavjyalov)

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Die Magie des Lebendigen

Jan Lisiecki und die Academy of St Martin in the Fields spielen die Klavierkonzerte Nr. 2 und 4 von Beethoven im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Das Wort „Magie“ verwenden Kritiker gern, wenn sie nicht weiter wissen, wenn sie einen besonderen Moment vermitteln möchten, aber nicht recht wissen wie. Taucht es in einer Rezension auf, spricht es nicht selten vom zumindest temporären Unvermögen des schreibenden zu analysieren, einzuordnen, zu bewerten. Und womöglich ist auch diese Rezension Zeugnis selbigen Versagens, denn sie wird ohne dieses Wort nicht auskommen können. Denn es schleicht sich ein, beißt sich fest, will nach außen dringen, wenn immer zumindest dieser Zuhörende dem Spiel des kanadischen Pianisten Jan Lisiecki begegnet. Das ist in diesem seinem zweiten Abend eines Zyklus aller fünf Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens im Berliner Konzerthaus (dessen dritten und letzten Teil am Donnerstag, dem 6.12. der Rezensent leider verpassen muss) nicht anders. Es gibt keinen Beitrag über Lisiecki, der nicht darauf hinweist, dass der durchaus noch jünger wirkende Mann gerade 23 Jahre alt ist. Der Zusatz „für sein Alter“ ist bei Aussagen über seine Fähigkeiten trotzdem schon lange unaangebracht. Wenn dieser Zyklus eines klar stellt, dann, dass dieser freundlich lächelnde Schlaks einer der besten Pianisten unserer Zeit ist. Egal welchen Alters.

Jan Lisiecki (Bild: Holger Hage / DG)

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Der Tast(en)künstler

Jan Lisiecki und die Academy of St Martin in the Fields spielen die Klavierkonzerte Nr. 1 und 3 von Beethoven im Konzerthaus Berlin

Von Sascha Krieger

Und plötzlich ist da diese Kadenz: ewig lang, durch unzählige musikalischen Welten und Modi wandernd, ohne Netz und doppelten Boden. Und Jan Lisiecki, dieser schlaksige, hoch aufgeschossene Blondschopf, dem man noch nicht einmal seine unfassbar jungen 23 Jahre ansieht, wandelt und rast und schwebt und taumelt und fliegt durch das Dickicht mit einer Unaufhaltsamkeit, einer Unbedingtheit und einer Bereitschaft, alles und sich selbst in Frage zu stellen, die den Zuschauer den Atem anhalten lässt. es hat ein wenig gedauert, bis tief in die zweite Hälfte des Kopfsatzes von Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 (das eigentlich sein zweites ist), bis Jan Lisiecki wirklich angekommen ist. Leicht und perlend sein Einstieg, bevor er sich ein wenig verlor im Beethovenschen Zwielicht, Schwierigkeiten hatte, die Spannung zu halten, seinen Weg zu finden durch das Labyrinth dieses hochkomplexen Gebildes. Und wenig Hilfe hatte: Die Academy of St. Martin in the Fields, dirigentenlos, offiziell geleitet vom Konzertmeister Tomo Keller, bietet Lisiecki wenig Spielraum und macht ihm kaum Gesprächsangebote. Der dramatische Grundgestus der Ouvertüre zu Die Geschöpfe des Prometheus, das kompakte, farbarme Klangbild, der Hang zur muskulösen Massierung und zur Überbetonung dynamischer Kontraste und die Tendenz, sich im Zweifel für das viel zu Viel zu entscheiden, lassen den Solisten über weite Strecken allein, seine Dialogversuche unbeantwortet.

Jan Lisiecki (Bild: Holger Hage / DG)

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