Archiv der Kategorie: Musik/Music

Der Kreis schließt sich

Sir Simon Rattle dirigiert sein letztes Konzertprogramm als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker in der Philharmonie

Von Sascha Krieger

Am Ende stellt er sich noch einmal. Das Orchester hat die Bühne verlassen, einige stehen noch an den Ausgängen herum, um ihren „Chef“ nicht ganz allein zu lassen. Das Publikum ist auf den Füßen, ein letztes Mal. Der weißhaarige Lockenkopf greift zum Mikrofon, bedankt sich bei „meinem Berliner Publikum“ und geht. Das letzte Konzertprogramm als Chefdirigent in dem Haus, das 16 Jahre lang „seines“ war, ist dirigiert. Jetzt folgt noch das Waldbühnenkonzert samt öffentlicher Generalprobe am Vortag, dann ist es vorbei, der Marathon zum Abschluss samt letzter Tournee – fast schien es, als wollte er nicht loslassen – geschafft. Andere sollen Bilanz ziehen, was von der Ära Rattle – immerhin die viertlängste der Orchestergeschichte – bleiben wird. Der geschätzte Kollege Frederik Hanssen etwa hat das in einem lesenswerten Essay, abgedruckt in den letzten zwei Programmheften, getan. Rattle selbst lässt noch einmal die Musik sprechen.

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

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Musik der Gegenwart – Gegenwart der Musik

Sir Simon Rattle, Krystian Zimerman und die Berliner Philharmoniker mit einem Reigen zeitgenössischer Musik

Von Sascha Krieger

Wenn im Programmheft eines „normalen“ Symphoniekonzerts neben dem üblichen Text zur Musik des Abends ein Essay zu Bilanz einer Chefdirigenten-Dienstzeit abgedruckt ist, dann weiß der geneigte Konzertbesucher: das ende ist nah. Die Ära Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern befindet sich nicht mehr nur auf der Zielgeraden, der finale Zielsprint hat längst begonnen. Allerorten wird Bilanz gezogen und so gibt es nach dem letzten Konzert von Rattles vorletztem Programm noch eine besondere seiner „Late Nights“, ein Dankeschön vieler Mitstreiter*innen. Und auch seine Programme zum Abschied haben Bilanzcharakter: Zuletzt verschränkte er Kernrepertoire (Bruckner, Brahms) mit Musik des 20. Jahrhunderts und Uraufführungen – Miniaturversionen seines Schwerpunkts als Chefdirigent. Und für alle, für die sein Fokus auf zeitgenössischer Musik vielleicht immer noch nicht klar genug war, widmet er ihr jetzt noch einen eigenen Abend, der sich klar auf die noch nicht überall kanonisierte Phase ab der Hälfte des letzten Jahrhunderts konzentrierte – das älteste Werk stammt von 1949. Und noch etwas Rattle-Typisches betont der Abend: Der längst zum Ritter geschlagene hatte nie Scheu vor der „Massenkultur“, dem Populären.

Die Berliner Philharmoniker und sir Simon Rattle in der Philharmonie (Bild: Stephan Rabold)

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Ein bisschen Spaß darf sein

Dresdner Musikfestspiele 2018 – Bill Murray, Jan Vogler & Freunde zu Gast in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Manche Ideen gebiert der Zufall. Dieser Abend gehört zu ihnen: Vor einigen Jahren begegneten sich zwei Reisende auf einem Flug nach New York, kamen ins Gespräch, verstanden sich gut, eine Freundschaft entstand. Eine von ihnen war der gefeierte Comedien und Comedy-Star Bill Murray, der andere der ebenso brillante wie umtriebige Cellist Jan Vogler. Irgendwann begann man darüber zu sprechen, „mal etwas zusammen zu machen“, und voilà: „New Worlds“ war geboren, ein gemeinsamer Abend mit Literatur und Musik. 2017 hatte er Premiere, zunächst in Wolfsburg, was damit zusammenhängen mag, dass ein großer Autokonzern das Projekt zu einem nicht unwesentlichen Teil mitfinanzierte, dann in Dresden, wo Vogler die dortigen renommierten Musikfestspiele leitet. Diese veranstalten als kleine Werbemaßnahme seit einigen Jahren je ein Konzert in Berlin und so kam es, dass Murray Vogler und Freunde – die Violinistin und Voglers Ehefrau Mira Wang und die venezolanische Pianistin Vanessa Perez – nach einer kleinen Welttournee endlich auch in der Philharmonie Station machten. Wo das anwesende Publikum sie zwar sehnsüchtig erwartete, die Stadt als ganze jedoch weniger – der große Saal war weit entfernt davon, ausverkauft zu sein.

Bill Murray, Jan Vogler und Freunde bei der Dresdner Premiere ihres Programms im Rahmen der Musikfestspiele 2017 (Bild: Oliver Killig)

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Mit feiner Klinge und Holzhammer

Die Berliner Philharmoniker und ihr scheidender Chefdirigent Sir Simon Rattle gehen mit Brahms, Lutosławski und Widmann auf die Schlussgeraden

Von Sascha Krieger

Vier Wochen noch. Das heißt: vier Konzertprogramme in der Philharmonie, eine letzte Tournee, dazu der Spielzeitabschluss in Waldbühne, in diesem Jahr mit öffentlicher Generalprobe – dann ist Schluss.  Dann sind sie vorbei, die 16 Jahre Sir Simon Rattles als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, die immer viertlängste Amtszeit der Orchestergeschichte (hinter Karajan, Nikisch und Furtwängler). Zum Abschied sage man, so behauptet es der wiener, leise Servus. Das war Rattles Sache nie. Und so klotzt er noch einmal und macht auch programmatisch klar, wofür seine Ära stand. Exemplarisch daher auch die Zusammenstellung des Programms: ein werk des Kernrepertoires, Johannes Brahm, die erste Symphonie), Musik des 20. Jahrhunderts (Witold Lutosławskis Dritte) und Uraufführungen (ein neues Werk Jörk Widmanns). 16 Jahre Rattle in zwei Stunden.

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

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Eine „Notlösung“ voller Spannung

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Anne-Sophie Mutter, Werken von Penderecki und Schostakowitsch – und zwei kurzfristigen Dirigentenwechseln

Von Sascha Krieger

Die Enttäuschung kommt in Scheibchen. Geplant war ein Paukenschlag kurz vor Spielzeitende: Zwei wahrhafte Legenden sollten das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das in der öffentlichen Wahrnehmung immer etwas im Schatten heller scheinender Klangkörper steht, beehren – Krzysztof Penderecki, einer der bedeutendsten Komponisten der letzten 50 Jahre, der seit 15 Jahren nicht mehr beim RSB gastiert hatte, und Anne-Sophie Mutter, die zu den größten Geigerinnen unserer Zeit zählt und ihr Debüt bei diesem Orchester geben sollte. Gemeinsam wollten sie Pendereckis 2. Violinkonzert „Metamorphosen“ aufführen, das der Komponist der Virtuosin einst widmete und diese 1995 uraufführte. Zwei Tage vor dem Konzert wurde plötzlich bekannt, dass der 85-Jährige das Dirigat des zweiten Konzertteils, Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 15, seine letzte, aus nicht benannten Gründen an den russischen Kollegen Andrey Boreyko abgegeben hatte. Und nur wenige Stunden vor Konzertbeginn gab das Orchester dann bekannt, dass Penderecki auch sein eigenes Werk nicht dirigieren würde – begründet wurde dies mit seiner Gesundheit. Also steht nun sein langjähriger Assistent Maciej Tworek am Pult und wurde aus einem Highlight zum Saisonabschluss eine programmatische Notlösung. Kein gutes Omen also für diesen Abend.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Bild: Molina Visuals)

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Wenn Musik entsteht

Der designierte Chefdirigent Kirill Petrenko und Yuja Wang zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Alles auf Abschied bei den Berliner Philharmonikern: In zwei Monaten endet die 18-jährige Amtszeit von Chefdirigent Sir Simon Rattle, der im Mai und Juni noch einen fulminanten Konzert Schlussspurt hinlegen wird. Aber weil jedem Ende bekanntlich ein Anfang innewohnt, schaut vorher kurz die Zukunft vorbei: Kirill Petrenko, der Sir Simon 2019 nach einer Übergangsspielzeit ohne Chefdirigenten beerben wird, gibt sein einiges Gastspiel 2017/2018 mit einem Programm, dass wie all seine raren Auftritte seit der Wahl vor drei Jahren nach programmatischen Hinweisen abgeklopft wird. Und tatsächlich bietet er auch jetzt ein paar Schlussfolgerungen an: Zum einen weist die Mischung aus je einem deutschen, französischen und russischen Komponisten daraufhin, dass der Schwerpunkt seiner Amtszeit nicht weit außerhalb der das Kernrepertoire des Orchestern ausmachenden Musiktraditionen liegen dürfte. Allerdings zeigt er auch, dass er bereit ist, innerhalb dieser jenseits der großen und kanonisierten Werke nach Schätzen zu suchen. Mit Paul Dukas‘ „Poème dansé“ La Péri und Franz Schmidts vierter Symphonie bildeten zwei Werke das Rückgrat des Abends, die man auf Konzertprogrammen eher selten findet. Ersteres war 1961 zuletzt bei den Philharmonikern zu hören, letzteres 1960.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Der Klang des Zwischenraums

Martha Argerich und die Staatskapelle Berlin unter Daniel Bareboim spielen Werke von Debussy bei den Festtagen 2018

Von Sascha Krieger

Claude Debussy, das ist doch der Impressionist, der mit dem Nachmittag dieses Fabelwesens (wie hieß es doch gleich?) und dem Meer, oder? Der Stimmungsmaler, bei dem sich die Töne so schön in Bilder übersetzen lassen? Hübsche Farbspiele, nicht zu lang, immer nett als Farbtupfer in einem Konzertprogramm. Moment, ein ganzer Abend nur mit Debussy? Geht das? Ja, meisten Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin anlässlich ihrer diesjährigen Festtage. Damit kann man sogar in die Verlängerung gehen und die meist festgefügten zwei Stunden ein gutes Stück überschreiten. So lange hält man es kaum selbst in der besten Impressionisten-Ausstellung aus. Wird das nicht ein bisschen langweilig. Nein, will der Rezensent in heiligem Zorn herausbrüllen, wird es nicht! Zumindest nicht dann, wenn man es so macht wie Barenboim, sein Orchester, sein Chor und ein paar herausragende Solistinnen. Den bekannten frühen Debussy, ja, den, dem man so gern, nicht immer wohlwollend, das Etikett „Impressionist“ aufgedrückt hat, kombiniert der Musikalische Leiter der Staatsoper mit dem weniger bekannten späten. Wobei er auch bei ersterem nicht auf die „Hits“ setzt. Stattdessen steht die „Fantaisie“ auf dem Zettel, Debussys einziges Werk für Klavier und Orchester. Als Unterstützung dabei hat er seine alte Freundin Martha Argerich, Stammgast bei den Festtagen. da kann eigentlich nichts schiefgehen, oder? Tut es auch nicht.

Daniel Barenboim (Bild: Holger Kettner)

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Musikalisches Wimmelbild

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2018 der Staatsoper Unter den Linden

Von Sascha Krieger

So langsam kann man die Uhr danach stellen: Sind die Wiener Philharmoniker in der Stadt, ist bald Ostern und die Festtage der Berliner Staatsoper beginnen. Dass die Wiener einem ihrer Lieblingsdirigenten, dem musikalischen Leiter der Staatsoper Daniel Barenboim, den Wunsch erfüllen, „seine“ Festtage zu eröffnen, ist mittlerweile Tradition. Dass sie dabei Gewichtiges dabei haben, auch. Vor zwei Jahren stand Gustav Mahlers neunte Symphonie auf dem Programm, in diesem Jahr ist es seine lange übersehene Siebte. Dabei scheint es Barenboims Ziel, die vielen Jahre der Vernachlässigung, die mit der Mahler-Renaissance in den 1960er-Jahren noch lange nicht vorbei war, an einem Abend wieder gut zu machen. Was für ein Ereignis ist dieser Kopfsatz, so, wie die Wiener ihn spielen! Ein musikalisches, klangliches, rhythmisches Universum, eine funkelnde Galerie aus Millionen Sternen. Mit nervöser Energie preschen sie aus den Startlöchern, die Hornrufe beinahe aggressiv, der Klang rasiermesserscharf, vor allem Holzbläser und Streicher tendieren immer wieder ins Schrille, Schneidende. Hier ist von Beginn an Kampf, ein Ringen um Dominanz, darum gehört zu werden. Tausend Farben erfüllen den Raum, ebenso viele Stimmen, jede gleichwertig. Ein Durcheinander, musikalisches Chaos, ein Urgrund, aus dem Welten entstehen können.

Daniel Barenboim (Bild: Monika Rittershaus)

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Himmel und Hölle

Chgefdirigent Robin Ticciati dirigiert das DSO mit Werken von Lindberg, Berg und Bruckner

Von Sascha Krieger

Keine Angst vorm Kernrepertoire: Natürlich sollen Chefdirigent*innen ihre eigenen Akzente und Schwerpunkte setzen, aber wer am Pult eines deutschen Spitzenorchesters – welches das Deutsche Symphonie-Orchester ohne Zweifel ist – steht, muss sich auch im klassischen und romantischen Repertoire der deutsch-österreichischen Musiktradition zu Hause fühlen. Für den Engländer Robin Ticciati, seit Beginn dieser Spielzeit „Chef“ beim DSO, gilt das ohne Abstriche. Schon bei seinem ersten Auftritt an deren Pult hatte er Anton Bruckner auf dem Programm, die Vierte, ein mutiges Statement für einen Debütanten. Jetzt eröffnet er sein erstes volles Kalenderjahr in Berlin mit der Sechsten, jener, die „selten gespielt“ zu nennen, sich eingebürgert hat, aber mittlerweile kaum mehr als Koketterie ist. Ticciati, das ist jetzt schon klar, ist ein Freund thematischer Programmgestaltung. Und da Bruckner einmal sagte, der Gesang sei das Wesen der Musik, strickt er seinen Abend um das gesangliche.

Robin Ticciati am Pult des DSO (Bild: Kai Bienert)

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Musik, die lebt

Mariss Jansons und Daniil Trifonov mit Werken von Schumann und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons mag einer der meisten gefeierten Dirigenten der Gegenwart sein, einer, der das Rampenlicht, die Aufmerksamkeit sucht, ist der Lette nicht. Dabei hätte er gerade allen Grund dazu: Nicht nur gilt er als der besten seiner Zunft, hat von ihm geleitete Klangkörper – allen voran das Royal Concertgebouw Orchestra und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – in ungeahnte neue Höhen geführt, der bescheidene Maestro wurde vor wenigen Tagen 75 Jahre alt und gerade mit der Ehrenmitgliedschaft der Berliner Philharmoniker. Doch Jansons ist keiner, der sich im Mittelpunkt stehend gefällt. Dorthin gehören für ihn andere. An diesem Abend zum Beispiel Daniil Trifonov. Der 26-Jährige gilt bereits als der große neue Tastenstar. Nicht zu unrecht: Der Russe ist ein begnadeter Virtuose und einer der leidenschaftlichsten Pianisten unserer Zeit. Technische Perfektion paart er mit Mut zu emotionalem, ausdrucksstarken Speil, und es gelingt ihm auch bei den schwersten Werken, beide Aspekte kongenial miteinander zu verknüpfen.

Bild: Bayerischer Rundfunk

Mariss Jansons (Bild: Bayerischer Rundfunk)

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