Archiv der Kategorie: Musik/Music

Lärmoyant

Ingo Metzmacher dirigiert das DSO mit Werken von Messiaen und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Man kann es so oder so sehen: Wenn bestimmte Werke immer uns immer wieder auf den Konzertprogrammen auftauchen, lässt sich das, nicht ganz zu Unrecht, als Einschränkung des Repertoires interpretieren, als Vernachlässigung der Vielfalt aufführenswerter Musik, als Kotau vor dem Publikumsgeschmack. Oder man nimmt es als Chance, freut sich – so man denn Konzertgänger in Klassikmetropolen wie Berlin, München oder Wien ist, darüber, unterschiedliche Lesarten des gleichen Werks erleben zu dürfen. Ein Erlebnis , das in Berlin nicht selten ist. Und doch kommt es nicht oft vor, dass zwei Spitzenorchester innerhalb nur einer Woche ein und dasselbe Opus aufs Programm setzen. So jetzt geschehen mit Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 13, seiner düsteren Vokalsymphonie über fünf Gedichte des einstigen sowjetischen Dichtersuperstars Jewgeni Jewtuschenko. Und der Unterschied ist vom ersten Moment zu hören: Wo Juraj Valčuha mit dem Konzerthausorchester Berlin vor Wochenfrist auf Reduktion setzte, den Schrecken sich subkutan hervorwühlen ließ, die Ambivalenz des Werkes, das auf einem schmalen politischen Grat zu wandern hatte, deutlich machte, wählt  Ingo Metzmacher beim DSO den entgegengesetzten Weg: Bei ihm ist vom ersten Takt an alles an der Oberfläche und deutlich sichtbar, die Dunkelheit, der Schrecken, die menschlichen Abgründe – alles im Bildvordergrund.

Ingo Metzmacher (Bild: Harald Hoffmann)

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Zutiefst menschlich

Marek Janowski dirigiert ein Bruckner-Programm bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Eigentlich passen sie ja gar nicht zusammen: der immer griesgrämig dreinschauende, radikal rationale Sachlichkeitsfanatiker und Partituranalytiker Marek Janowski und der Wagner-Verehrer, kosmische Bögen Spanner und Personifizierung der Hochromantik Anton Bruckner. Und irgendwie tun sie es denn doch: hier der alle Schnörkel rückstandslos wegätzende Disziplin- und Genauigkeitspädenat, dort der streng gläubige Katholik, der Großmeister heiligen musikalischen wie geistigen Ernstes, sich selbst wie seinem Werk gegenüber so streng wie menschlich überhaupt möglich. Janowskis Bruckner-Abende sind fast immer etwas besonderes. Das war schon beim RSB so, das er, konsequent wie er ist, nach Ende seiner Zeit  als Chefdirigent nicht mehr dirigiert, und das gilt nun auch für seine neue Berliner Gastwohnung, die ortsansässigen Philharmoniker höchstselbst. Und weil ihm Bruckner so wichtig ist, bestreitet er diesmal ein Programm ganz mit Werken des Linzer Meisters. Dass er dabei Sakrales mit Weltlichem verschränkt, ist dem Weltenwanderer Bruckner mehr als angemessen.

Marek Janowski dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Ins Totenreich

Juraj Valčuha dirigiert das Konzerthausorchester Berlin mit Werken von Schubert und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Es gibt Konzertprogramme, die Fragezeichen auslösen. Ein solches dirigiert jetzt Juraj Valčuha beim Konzerthausorchetser, dessen erster Gastdirigent der Slowake seit der vergangenen Spielzeit ist. Franz Schuberts jugendlich leichtes Frühwerk seiner dritten Sinfonie gepaart mit Dmitri Schostakowitschs blut- und angstgetränkter 13. – wie geht das zusammen? Vielleicht stellten sich auch viele potenzielle Konzertgänger*innen diese Frage – zumindest am ersten Abend bleiben doch etliche Plätze unbesetzt. Das ist schade, denn es gelingt, aus dieser zunächst ungewöhnlich wirkenden Mischung einen starken und stimmigen  Konzertabend zu machen. Das hat auch damit zu tun, dass Valčuha Schostakowitsch klar ins Zentrum des Programms rückt und ihn zu dessen Ausgangs- und Fluchtpunkt macht. Das hat natürlich Auswirkung auf Schuberts Dritte.

Juraj Valčuha (Bild: Konzerthaus Berlin)

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Im Labor

Mariss Jansons und Jewgenij Kissin zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Mariss Jansons am Pult der Berliner Philharmoniker: Einmal im Jahr, meist nahe seines Anfangs, hat das Berliner Publikum Ehre und Freude, den Letten, der schon lange mindestens zu den besten seiner Zunft zählt, zu erleben. Und es sit fast so etwas wie ein Familientraffen: Bald 48 Jahre ist es her, dass Jansons erstmals hier gastierte, seit letztem Jahr ist der schüchtern lächelnde Herr Ehrenmitglied des Orchesters. Auch sein Solist ist ein alter Bekannter: Mit 17 spielte Jewgenij Kissin erstmals mit den Philharmonikern – Karajan selbst hatte das „Wunderkind“ eingeladen. Auch das ist jetzt mehr als 30 Jahre her. Auch wenn die Besuche rarer geworden sind – zuletzt war Kissin Silvester 2011 zu Gast – eine solche Konstellation ist wie ein Treffen alter Freunde. Bei dem man auch schon mal von etablierten Regeln abweichen kann. So stellt Jansons das längste, bekannteste (und jüngste) Werk an den Anfang und beendet das Programm mit dem kürzesten, einer Ouvertüre zudem. Mariss Jansons‘ Humor ist so fein wie seine Subversivität – kaum merklich, doch umso wirkungsvoller.

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Mariss Jansons dirigiert die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Offen geblieben

Kirill Petrenko dirgiert das Bundesjugendorchester in der Berliner Philharmonie

Von Sascha Krieger

Noch ist er nicht im Amt, da setzt Kirill Petrenko bereits Zeichen. Das Bundesjugendorchester, seit Jahrzehnten eine bewährte und wichtige Institution zur Förderung des Musiker*innen-Nachwuchses, steht seit 2013 unter der Patenschaft der Berliner Philharmoniker, deren Chefdirigent Petrenko ab der kommenden Spielzeit sein wird. Jugendarbeit im weitesten Sinne war ein Schwerpunkt der Arbeit seines Vorgängers Sir Simon Rattle. Seine Education-Projekte sind legendär, die Orchester-Akademie hat in seiner Amtszeit eher noch an Bedeutung gewonnen und die Patenschaft für das Bundesjugendorchester fällt ebenfalls in seine Ära. Wenn sein Nachfolger nun mehr als ein halbes Jahr vor seinem Amtsantritt das Orchester dirigiert, ist das auch ein Statement, nämlich, dass er sich Rattles Engagement verpflichtet fühlt und gewillt ist, es fortzusetzen. Dafür steht auch, dass er ausgerechnet Igor Strawinskys Le Sacre du printemps in den Mittelpunkt seines ersten Programms stellt, das Werk, das die Basis bildete für jenes Schüler*innen-Projekt von 2003, das im Film Rhythm Is It! verewigt wurde und längst Symbol der in die Gesellschaft greifende Rolle eines Spitzenorchesters geworden ist, wie Rattle es sich vorstellte.

Kirill Petrenko (Bild: Stephan Rabold)

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Kein Kehraus

Das Silvesterkonzert 2018 der Berliner Philharmoniker mit Daniel Barenboim als Dirigent und Solist

Von Sascha Krieger

Die Berliner Philharmoniker befinde sich in einem Übergangsjahr. Der alte Chefdirigent (Sir Simon Rattle) ist weg, der neue (Kirill Petrenko) noch nicht da. Das wird nirgends deutlicher als beim traditionellen Silvesterkonzert, das naturgemäß Chefsache ist. Gut, dass man Daniel Barenboim hat. Der Dirigent und Pianist ist dem Orchester seit 1964 eng verbunden und dies auch geblieben, obwohl er zweimal bei der Chefdirigentenwahl leer ausging. Das ist nicht selbstverständlich (man denke an Lorin Maazel). Schon einmal dirigierte Barenboim zum Jahreswechsel, das war 2001, in Claudio Abbados letzter Spielzeit in der Philharmonie. Dass trotz ausgebliebener offizieller Weihen dieses Orchester längst auch seines ist, zeigt sich an diesem Silvesterabend, vor den Augen und Ohren einiger versammelter Prominenz – vom Oscar-Gewinner (Christoph Waltz) bis zur Kanzlerin.

Daniel Barenboim dirigiert das Silvesterkonzert 2018 der Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Besser scheitern

Chefdirigent Andris Nelsons dirigiert die Konzerte zum Jahreswechsel des Gewandhausorchesters Leipzig mit Beethovens Neunter

Von Sascha Krieger

Zu den Konzepten, die in den vergangenen Jahren eine spürbare Aufwertung erfuhren, zählt zweifellos auch das Scheitern. In „Fail Nights“ erzählen Menschen Geschichten misslungener Ideen wie Erfolgsstories, in der Startup-Szene werden Entrepreneure längst schief angeschaut, wenn sie nicht mindestens eine Firma in den Sand gesetzt haben und im Sport ist das Comeback seit jeher interessanter als der unaufhaltsame Aufstieg in die Spitze. Das Beckettsche Motto, es immer wieder zu versuchen und immer besser zu scheitern, hat sich auch Andris Nelsons auf die Fahnen geschrieben. Was bleibt ihm auch anderes übrig? Der Lette gehört längst zu den besten Dirigenten unserer Zeit – doch ein wichtiges Puzzleteil fehlt ihm noch: Bislang gelang es ihm nicht, sich als ernsthafter Beethoven-Interpret zu etablieren. Nur leider ist der Mann mittlerweile Gewandhaus-Kapellmeister in Leipzig und zu dessen Aufgaben gehört ein jährlich wiederkehrendes Ritual, das den Leipzigern längst alle Welt nachmacht: die Konzerte zum Jahreswechsel. Mit der neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven.

Andris Nelsons und das Gewandhausorchester Leipzig (Bild: Gert Mothes)

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Die Welt ein Lied

Iván Fischer und Christian Gerhaher zu Gast bei den Berliner Philharmonikern mit Werken von Dvořák, Wolf und Schubert

Von Sascha Krieger

Der Berliner Kulturrezipient nimmt ja so manches als selbstverständlich ist: Die Breite und Qualität des täglichen Kunst- und Kulturangebotes gibt es so nur an ganz wenigen anderen Orten der Welt. Und doch braucht es eine besonders ungewöhnliche Konstellation, damit sich auch der Dauertheater- und -konzertgänger daran erinnert, wie gut er es hat. Denn an aufeinander folgenden Abenden sowohl die Berliner als auch die Wiener Philharmoniker erleben zu dürfen, ist selbst in der deutschen Hauptstadt nicht Alltag. Und wenn es dann auch noch zwei atemberaubende Konzertprogramme sind (hier geht’s zur Besprechung von Franz Welser-Mösts Gastspiel mit den Wiener Philharmonikern), dann könnte sich schon die Frage stellen, womit der für seine Grummeligkeit bekannte und berüchtigte Berliner dies verdient hätte. Doch dann entscheidet sich zumindest dieser, sein Glück einfach anzunehmen und zunächst in der berückenden Schönheit der Legenden Nr. 6 und 10 von Antonín Dvořák zu schwelgen. Als lyrischere Gegenstücke zu seinen berühmten Slawischen Tänzen konzipiert, entfalten sie unter dem Dirigat des Dvořák-Experten Iván Fischer eine so berauschende Strahlkraft, dass der Rezensent für einen kurzen Moment nie wieder etwas anderes hören zu wollen glaubt.

Christian Gerhaher und Iván Fischer mit den Berliner Philharmonikern (Bild: Monika Rittershaus)

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Geerdetes Glück

Die Wiener Philharmoniker zu Gast im Konzerthaus Berlin mit Franz Welser-Möst und Werken von Brahms

Von Sascha Krieger

Am Ende weht gar ein Hauch Neujahrskonzert durch den bekanntlich vom Goldenen Saal des Wiener Musikvereins inspirierten Großen Saal des Berliner Konzerthauses, zur Wieder- bzw. Neueröffnung im Jahr 1984 in historisierendem Zuckerbäckerklassizismus errichtet. Franz Welser-Möst hat das berühmteste aller Konzerte im Klassikbetrieb bislang zweimal geleitet und er weiß, was man von den Wienern hören will. Mit „Rosen aus dem Süden“ spielt das Orchester als erste Zugabe einen Walzer von Johann Strauss (Sohn), der auch am ersten Januar dieses Jahre zu hören war, gefolgt von einer diesem Rezensenten unbekannten schnellen Polka aus der Strauss-Familie. Feinnervig, hochpräzisa, energisch und mit einer Klangkultur versehen, wie sie nur die Wiener zu schaffen im Stande sind. Und die sich – nach dem reichlich lärmenden Gastspiel des Orchesters unter Riccardo Muti am Dienstag – ohne Trübungen den ganzen Abend genießen lässt. Der ganz Johannes Brahms gewidmet ist – ein Komponist, der  dem Orchester eng verbunden war und seine zweite (die in diesem Programm erklingt) und dritte Sinfonie mit ihnen zur Uraufführung brachte.

Franz Welser-Möst (Bild: Roger Mastroianni)

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Lizenz zum Dröhnen

Die Wiener Philharmoniker zu Gast im Konzerthaus Berlin mit Riccardo Muti, Karl-Heinz Schütz sowie Werken von Mozart und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wolfgang Amadeus Mozart, so erfahren wir aus dem Programmheft, mochte die Flöte nicht besonders. Trotzdem komponierte er für sie, er brauchte schließlich Geld. Das G-Dur-Konzert ist sicher eine seiner besseren Kompositionen – eine Sternstunde des Mozartschen Schaffens ist es nicht. Das scheint auch Karl-Heinz Schütz zu spüren, Soloflötist der Wiener Philharmoniker, der die nicht ganz dankbare Aufgabe hat, das Gastspiel seines Orchesters im Rahmen der diesjährigen Hommage des Berliner Konzerthauses, die eben diesem Klangkörper gewidmet ist, mit selbigem Werk zu eröffnen. Seine Anspannung ist im anzusehen – und anzuhören. Als wolle er es rasch hinter sich bringen, rast er regelrecht durch die ersten Takte seiner Partie und wirkt auch im weiteren Verlauf recht unentspannt. Nur selten, etwa in der Kadenz des Kopfsatzes, gibt er der Musik etwas Raum zum Atmen, findet gar den Mut zur Stille. Ansonsten zeigt er sich sichtlich bemüht, als wolle er dem Werk gegen dessen Willen seine Substanz belegen. Da ist immer ein Zu-Viel, stets ein Eindruck von Anstrengung, er presst die Melodiebögen heraus, aber lässt sein Instrument nicht singen. Dadurch neigt sein Spiel zur Überdeutlichkeit, wo es leicht sein sollte, zur Affirmativität, wo Zwischentöne gefragt werden.

Riccardo Muti (Bild: Todd Rosenberg / Photography by courtesy of http://www.riccardomutimusic.com)

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