Archiv der Kategorie: Musik/Music

Am Rand

Sir Simon Rattle, Jonathan Kelly und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Richard Strauss und Ludwig van Beethoven

Von Sascha Krieger

Das Schöne an Jubiläumsjahren ist, dass man auch einmal Werke zu Gehör bekommt, um die Dirigent*innen wie Orchester meist einen Bogen machen. Ludwig van Beethovens Oratorium Christus am Ölberge ist eines dieser Werke, das nun im Beethoven-Jahr mal wieder auf Spielplänen auftaucht. Die Berliner Philharminiker haben es in ihrer Geschichte nur einmal gespielt, im Jahr 1970. Nun erbarmt sich Ex-Chefdirigent Sir Simon Rattle und führt das frühe Werk gemeinsam mit dem Rundfunkchor Berlin auf. Und siehe da: es langweilt nicht. Das liegt vor allem am Einsatz der Beteiligten: Rattle pumpt sein Ex-Orchester voll mit Energie. Jede dynamische Wendung, jeder Tempiwechsel, jede rhythmische Nuance ist klar ausgestellt, ohne effekthascherisch zu wirken, vielmehr arbeitet Rattle das Grundprinzip des auf dramatischen Kontrasten aufgebauten werkes klar heraus. Das gibt ihm Lebendigkeit und betont seine Anklänge an die Oper (theamatisch und motivisch bedient sich Beethoven ja auch vor allem bei Mozarts Musikdramatik).

Jonathan Kelly, Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker (Bild. Monika Rittershaus)

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Am Haken

Florentina Holzinger: TANZ. Eine sylphidische Performance in Stunts, Tanzquartier Wien / Sophiensaele, Berlin / Münchner Kammerspiele / Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main u.a. (Konzept, Performance, Choreografie: Florentina Holzinger) – eingeladen zum Theatertreffen 2020

Von Sascha Krieger

Nein, leicht fällt es nicht hinzuschauen, wenn einer Performerin, dokumentiert in nichts verzeihender Nahaufnahme, drei Haken in den Rücken implantiert werden, das Blut fließt und sie sich später an selbigen in die Höhe ziehen lässt, lächelnd Pirouetten und Ballettfiguren vollführt, den Schmerz in erster Linie in der Vorstellung der Zuschauer*in platzierend. Es ist der drastische Höhepunkt dieses Abschlusses von Florentina Holzingers Körpertrilogie, in dem es um die Disziplinierung, die Abrichtung des menschlichen Körpers, ausgehend von jener Dressur-Tortur namens klassisches Ballett geht. Weit ist der Abend an diesem Punkt bereits gekommen, dessen erster Akt – wir erfahren später, dass hier die Struktur des romantischen Balletts mit einem ersten Akt in der Realität und einem zweiten in einer Fantasiewelt widerspiegelt – in einem Ballettstudio zu spielen scheint. Die legendäre Tänzerin Beatrice Cordua leitet eine Reihe jüngerer Kolleginnen an, freundlich streng, mit wachsender Begeisterung über die Dressur- und Leistungsfähigkeit des Körpers aber auch zunehmend übergriffig, bis hin zu sexueller Belästigung, wenn das Training der Ballettfiguren ansatzlos in „Vaginainspektionen“ übergeht.

Bild: Eva Würdinger

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Auflösung und Neuanfang

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker spielen Mahlers sechste Symphonie

Von Sascha Krieger

Man kann Kirill Petrenko, seit dieser Spielzeit Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, wahrlich nicht vorwerfen, sich dem Erbe „seines“ Orchesters nicht zu stellen. Die Werke Gustav Mahlers gehören spätestens seit der Amtszeit Claudio Abbados zum Kern des Klangkörpers. Abbado, einer der größten Mahler-Dirigenten überhaupt, hat das Orchester auch zu einem der besten Interpreten des Spätromantikers geformt, und sein Nachfolger Sir Simon Rattle versuchte sein möglichstes, die Tradition fortsusetzen: Nicht nur bildete sein großer Mahler-Zyklus so etwas wie das Herzstück seiner Amtszeit, er gab einst seinen Einstand mit Mahlers Sechster und verabschiedete sich mit eben diesem Werk auch als „Chef“. Wenn Petrenko nun ausgerechnet dieses Werk in seiner Debüt-Saison auf den Spielplan hievt und damit seinen Mahler-Einstieg als Chefdirigent gibt, ist das sicher kein Zufall, sondern sagt: Ich führe die Tradition fort und scheue den Vergleich mit meinen Vorgängern nicht. Ein durchaus mutiger Schritt, der dem Selbstbewusstsein eines Dirigenten entspricht, der das vielleicht beste Orchester der Welt über Jahre oder gar Jahrzehnte hinaus leiten will.

Kirill Petrenko (Bild: Monika Rittershaus)

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Lebensexplosion

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes mit Werken von Mozart und Bruckner zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Ein Abend in Es-Dur – und in rot-weiß-rot. Und ein nordischer: 92 Jahre alt ist Herbert Blomstedt mittlerweile, ein Alter, dass man dem ewig lächelnden Schweden nicht ansieht, vor allem dann nicht, wenn er mit der Energie eines viel Jüngeren seiner Leidenschaft nachgeht: seinen Teil zu leisten, das Besondere zu erzeugen, Musik, die Lebt, den Raum füllt, nachklingt. An seiner Seite diesmal ein Norweger, Leif Ove Andsnes, ein Pianist, bei dem man, hört man ihn, nie versteht, warum er nicht zu den medial hochgelobten Superstars seiner Zunft gehört. Wohl weil er, wie Blomstedt, auch ein Meister des Understatements ist. Er schwitzt und schüttelt und tanzt sich nicht durch die Tastatur, ihm ohne Ton zuzuschauen, muss zum Langweiligsten gehören, das man sich antun jkann. Aber was er seinem Instrument entlockt, ist atemberaubend – nicht in virtuoser Überwältigung, aber in analytischer Schärfe und intellektueller wie emotionaler Wirkung. Das gilt auch für Wolfgang Amadeus Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert, das eigentlich wegen seiner Bedeutungsverschiebung der Holzbläser als musikgeschichtlicher Meilenstein gilt.

Herbert Blomstedt und Leif Ove Andsnes zu Gast bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Frederike van der Straeten)

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Gipfeltreffen ohne Gipfel

Kirill Petrenko, Daniel Barenboim und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Suk und Beethoven

Von Sascha Krieger

Es ist so etwas wie ein Gipfel-, ja, auch ein Generationentreffen der Berliner Philharmoniker. Am Pult steht der neue Chefdirigent Kirill Petrenko, Solist ist Daniel Barenboim, mehrfach schon im Gespräch für die Position, treuester Freund des Orchesters und immer wieder – zuletzt etwa zum Jahreswechsel 2018/19, als die Philharmoniker keinen „Chef“ hatten – ein Partner für Übergangsphasen. Und im Publikum sitzt Sir Simon Rattle, Petrenkos Vorgänger, einziger lebender Ex-Chefdirigent des Orchesters, und lauscht dem, was sein Nachfolger aus dem Orchester herauszuholen vermag. Besser lässt sich dessen Traditionsverständnis nicht symbolisieren: Der Stab wird weitergereicht, die Geschichte um neue Facetten bereichert, aber sie bleibt immer Teil der Gegenwart, inspiriert sie, treibt sie an. Und neue Facetten fügt Petrenko ohne Zweifel hinzu. Er hat sich auf die Fahnen geschrieben, auch halb vergessene Komponisten aufs Programm zu setzen, vermeintliche Vertreter aus der „zweiten Reihe“, Solitäre in ihrer Zeit. Wie etwa Josef Suk, den Schüler und Schwiegersohn Antonín Dvořáks, desen einstündige Asrael-Symphonie er jetzt dirigiert, den ersten Teil eines Symphonie-Zyklus, den Suk, sehr ungewöhnlich in der Musikgeschichte, als Ganzes verstand. Und Petrenko tut das vor einem Bruder im Geiste: Es war Rattle, der das Werk hier zuletzt dirigierte, 1992, in der ersten Phase seiner Amtszeit.

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Im falschen Film

Kirill Petrenko dirigiert sein erstes Silvesterkonzert bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Nein, Schubladen mag der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker nicht. Klar, ist der in Russland Geborene auch im Repertoire der Heimat seiner Vorfahren firm, doch ein Spezialist fürs „russische Fach“ will Kirill Petrenko nicht sein. Und so ist es sicher auch ein Statement, wenn er für sein erstes Silvesterkonzert in Berlin einen weg wählt, der wie der genaue Gegenentwurf zum vielleicht Erwartbaren wirkt. es war der Brite Sir Simon Rattle, der zum Jahreswechsel mit Slawischen und Ungarischen Tänzen gen Osten Blickte – Petrenko schaut in die Gegenrichtung und landet am Broadway – bei Gershwin, Bernstein, Weill, Rodgers oder Sondheim. Ein „leichtes“ Programm ist das dabei keineswegs – Petrenko geht die schwungvolle Kost mit der gleichen Akribie und Ernsthaftigkeit an wie jedes andere Werk. Nur dass das diesen Stücken nicht recht gut tun will. Das zeigt sich schon in der Ouvertüre von George Gershwins Girl Crazy. Mit unnachgiebiger Transparenz und unerbittlicher rhythmischer Strenge entwickelt er eine Schärfe in Klang und Rhythmus, die weniger zum Mit-Swingen animiert als dass sie zuweilen zu schmerzen vermag. Die Holzbläser schmeicheln, das Blech schreit, angenehmes Entertainment klingt anders.

Diana Damrau, Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker beim Silvesterkonzert 2019 (Bild: Monika Rittershaus)

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Wenn Tod und Leben sich die Hand reichen

Mit Verdis Requiem gibt Teodor Currentzis sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Bei den Berliner Philharmonikern debütieren zu dürfen ist für jede*n Dirigent*in etwas ganz Besonderes. Neben den Wiener Philharmonikern zählt das Orchester zum Höchsten, was sich erreichen lässt, wer hier am Pult steht, ist in der Spitzenklasse angekommen. Da ist es egal, wie sehr man vielleicht schon ein „Star“ sein mag – ohne ein Dirigat in der Philharmonie oder im Wiener Musikverein fehlt etwas. Ein Star ist Teodor Currentzis zweifellos. Der gebürtige Grieche hat sich in der russischen Provinz einen Namen gemacht, er gibt als extrovertierter Revolutionär, der – in Interpretation, Aufführungspraxis, auftreten – gern Dinge anders machen will als andere. Und der sich der Verantwortung, die Berliner Philharmoniker dirigieren zu dürfen, bei seinem Debüt durchaus bewusst ist. Die Stiefel mit den roten Schnürsenkeln bleiben denn auch zugunsten des schwarzen Lackschuhs im Schrank, die Musiker*innen dürfen sitzen, äußerlich passt sich Currentzis seinem Orchester an, nicht umgekehrt. Das ist auch ein Zeichen. Dafür, dass er diesen Einstand ernst nimmt – nicht dafür, dass er sich nicht treu bliebe.

Teodor Currentzis dirigiert Verdis Requiem bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Stephan Rabold)

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Keine Ruhe

Zubin Mehta dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Bruckners achter Symphonie

Von Sascha Krieger

Allein physisch ist dieser Abend ein Kraftakt: 85 Minuten ist Bruckners Achte lang, übertroffen in der Gattungsgeschichte nur durch ein paar von Gustav Mahlers Werken. 83 Jahre alt ist Zubin Mehta mittlerweile, benötigt einen Stuhl zur Unterstützung, und doch lässt ihn die Liebe zu diesem Werk nicht los. Auch als das Orchester es vor sieben Jahren zum letzten Mal spielte, dirigierte das Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker. Es ist ein Liebes-, ein Seelenwerk für den in Bombay geborenen und das spürt man auch an diesem Abend in fast jedem Moment. Mehta dirigiert ohne Partitur, doch von Routine oder abgeklärter Glättung keine Spur. Stattdessen stürzt er sich mit einer Neugier in diesen musikalischen Ozean, die sein Alter Lügen zu strafen scheint. Erdig klingt das, die Füße ganz auf dem Boden verhaftet, die durchaus ins Universelle strebende Musik des gläubigen Katholiken Bruckner tief im Irdischen wurzelnd. Überraschend der raue Klang, der sich über die fast eineinhalb Stunden hält und der die vielen Verschiebungen von Registern, Klangbild und Ausdruck zusammenhält.

Zubin Mehta und die Berliner Philharmoniker (Bild: Monika Rittershaus)

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Deutschland, eine Geisterbahn

Nach Heiner Müller: Germania, Volksbühne Berlin (Regie: Claudia Bauer)

Von Sascha Krieger

„Der Mund entsteht mit dem Schrei“. Heiner Müllers Exkurs, der Edvard Munchs berühmtes Gemälde mit den Schrecken des diesem folgenden Jahrhunderts, bezogen auf und ausgehend auf des autors Heimatland Deutschland, assoziiert, steht, wie er sollte, am Ende dieses dreistündigen Abends, an dem Claudia Bauer nahezu Unmögliches versucht. Nicht nur will sie seine beiden monströsen Germania-Stücke, jenes frühere sich am Stalismus abarbeitende, und das aus der Nachwendezeit, das nochmal den Bogen ganz weit zurückschlägt in die in die Gegenwart wirkende deutsch-preußische Geschichte, zusammenbringen. Nein, ihr schwebt auch vor, das Müllersche Geschichtsverständnis, seine Ansichten zur Menschheit und ihrer vermeintlichen Entwicklung, die in diesen Arbeiten besonders am Werk sind und auch thematisiert werden, in Theater zu übersetzen. Das kann nur scheitern, die Frage ist nur, auf welchem Niveau. Der Aufwand den Bauer in ihrer ersten Volksbühnen-Regie betreibt, ist beträchtlich: Neben dem achtköpfigen Ensemble stehen ein Orchester, drei Sängerinnen, ein Chor und eine Hand voll Puppenspieler*innen auf der Bühne. Totaltheater nennt man das wohl, spartenübergreifend, allumfassend.

Bild: Julian Röder

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„Kinder, macht Neues!“

Robin Ticciati dirigiert das DSO mit Werken von Walton und Mahler

Von Sascha Krieger

Vielleicht haben das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und sein Chefdirigent Robin Ticciati an Richard Wagner gedacht, als sie ihr aktuelles Konzertprogramm konzipierten. Getreu dem Motto „Kinder, macht Neues!“ probieren sie etwas, wofür zumindestest dieser Rezensent noch keinen Beleg fand, dass es schon einmal probiert wurde: eine freie Orchesterimprovisation: Da stehen die Musiker*innen locker verteilt auf der Bühne und warten. Erste Geräusche entstehen, jemand probiert eine Melodie, man stimt ein, antwortet auf einander, versucht sich zusammenzufindet, strebt auseinander. Es ist durchaus spannend zu beobachten, wie die Musiker*innen einander beäugen, neugierig auf die anderen lauschen, scheu Eigenes vorschlagen.  Musikalisch ergibig ist das nicht, auch wenn die Idee, dieses freie Suchen direkt in William Waltons mit dem Eindruck des Improvisatorischen spielenden Violoncellokonzert übergehen zu lassen – noch während improvisiert wird, betreten Ticciati, Solist Nicolas altstaedt und die restlichen Musiker*innen die Bühne und sortiert man sich in herkömmlicher Sitzordnung – durchaus Charme hat. Aber auch schnell vergessen ist.

Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Bild: Kai Bienert)

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