Archiv der Kategorie: Musik/Music

Just like Johnny Cash

Paavo Järvi dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Brahms und Lutosławski

Von Sascha Krieger

Es gibt Dirigenten, bei denen es schwer ist, unter all der Show die Substanz zu entdecken. Es gibt die Sachlichen, Trockenen, die ernsthaften Partiturarbeiter, bei denen unter lauter Tiefenschürfen die Freude an der Musik zu verschwinden droht. Es gibt solche, die mit großer Gestik auf den maximalen Effekt zielen und jene, die tief schürfen, analysieren, die Partitur zum Forschungsobjekt machen und den Konzertsaal zum Labor. Und dann gibt es Paavo Järvi. Der Este ist einer, der zum Punkt kommt, nicht lange fackelt, für den Effekt und Analyse einander bedingen, ein Wirkungsdirigent, der in der Partitur gräbt, und für den es nur eines nicht gibt: alles, was keine musikalische Funktion erfüllt. Ein „no-bullshit conductor“, könnte man im für solche nicht beleidigende Direktheit besser geeigneten Englisch sagen. Und nein, „Bullshit“ gibt es an diesem Abend mit den Berliner Philharmonikern nicht zu hören. Keine zwei Stunden, das mittlerweile fast obligatorische Limit, dauert er. Dann ist alles gesagt. „When my song’s done, it’s done“, hat Johnny Cash einmal gesagt. Paavo Järvi, der Johnny Cash unter den Dirigenten? Ja, vielleicht auch das.

Paavo Järvi (Bild: Julia Bayer)

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Musik in 3D

Chefdirigent Robin Ticciati dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin mit Werken von Debussy, Auerbach und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wenn Robin Ticciati eines gezeigt hat in seiner kurzen Amtszeit als Chefdirigent des DSO, dann, dass er in der Lage ist, wohldurchdachte und sinnige Konzertprogramme zusammenzustellen. Das ist auch beim zweiten Konzert seiner zweiten Spielzeit nicht anders. Es ist ein Blick zurück auf einen Wendepunkt der Musik, mit dem Augen der Gegenwart. Nur gut zehn Jahre sind sie auseinander, die Werke, die den Abend rahmen: Doch während Anton Bruckners siebte Symphonie ein Höhepunkt der Spätromantik ist, Kulminationspunkt der symphonischen Entwicklung seit Haydn und zugleich der Ort, an dem der Wagnerismus endgültig mit der symphonischen Traditionslinie zusammenfließt, gilt Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune als ein Stück, das die Tore zur Moderne weit aufstieß. Dazwischen steht, praktisch als Standpunkt des Abends, ein sehr heutiges Werk: die deutsche Erstaufführung von Lera Auerbachs viertem Klavierkonzert, uraufgeführt im vorjahr vom New York Philharmonic Orchestra mit Widmungsträger Leonid Kavakos als Solisten, der das Werk auch hier in der Philharmonie interpretiert. Und der Blick aus dem Hier und Jetzt, aus der konkreten Realität der Gegenwart, ist in jedem Moment des Abends zu spüren. Keine Verklärung, keine Mystifizierung, kein ehrfurchtsvoller, distanzierter Blick. Ticciati wuchtet die Werke auf diese Bretter, stellt sie in diesen Raum und betrachtet sie mit den wachen Augen eines Künstlers, der die gut 100 Jahre Musikgeschichte, die seitdem vergangen sind, mit im Gepäck hat.

Robin Ticciati mit dem DSO (Bild: Kai Bienert)

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Bis zum Atemstillstand

Musikfest Berlin 2018 – Die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev spielen letzte Werke von Zimmermann und Bruckner

Von Sascha Krieger

Hach, Bruckners Neunte. So langsam entwickelt sie sie zu einem Sorgenkind des Musikfest Berlin. Verblüffte der mittlerweile nach Missbrauchsvorwüfen geschasste Daniele Gatti im vergangenen Jahr im Gastspiel des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam mit einer eigentlichen Unmöglichkeit, einem langweilenden Bruckner, setzt Valery Gergiev mit den Münchner Philharmonikern in der diesjährigen Ausgabe fast noch einen drauf: eine Bruckner 9, die mit expliziter Beliebigkeit dahinplätschert, bis der verwunderte Zuhörer die Augen reibt. was, schon vorbei? War was? Nein, eigentlich nicht. Obwohl das Programm auf dem Papier überzeugt: zwei letzte Werke gläubiger Katholiken, beide stark religiös geprägt (Bruckner widmete die Neunte „dem lieben Gott“), beide sich den letzten und größten Dingen widmend. Leben, Tod, Menschsein. Doch unterschiedlicher könnten sie kaum sein: Dort die ozeanische Musik des Kosmos-Komponisten Bruckner, hier Bernd Alois Zimmermanns beinahe zum Hörspiel reduziertes Vokalwerk, in dem das Orchester nahe daran ist, sich überflüssig zu machen. Am Ende steht ein Abend, der weder vor noch nach der Pause Türen öffnet zum Nachdenken über Sein und Existenz, zu dem beide Werke doch einladen wollen (Zimmermann) oder nach gängiger Expertenmeinung sollen (Bruckner).

Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker (Bild: Kai Bienert)

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Gegen die Dunkelheit

Musikfest Berlin 2018 – Andris Nelsons und das Boston Symphony Orchestra zu Gast mit Mahlers dritter Symphonie

Von Sascha Krieger

Der Abend, an dem das Boston Symphony Orchestra, unter ihrem seit 2014 agierenden Chefdirigenten Andris Nelsons so reisefreudig wie nie, beim Berliner Musikfest gastiert, beginnt mit einer guten Nachricht: Nachdem Spitzenorchester wie das Rotterdam Philharmonic und selbst das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam vor fast leerem Haus gespielt hatten, bleiben nur wenige Plätze in der Philharmonie frei. Nelsons, der bei der Wahl zum Rattle-Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern als Favorit galt, ist in der Stadt immer noch gern gesehen. Insbesondere, wenn er sein Kernrepertoire im Gepäck hat, zu dem zweifellos die Symphonien Gustav Mahlers zählen. An diesem Abend steht die monumentale Dritte auf dem Programm, ein Monster von mehr als eineinhalb Stunden Länge, das genau die Mischung aus positiver Grundeinstellung, Zuversicht und Selbstvertrauen erfordert, die Andris Nelsons mitbringt.Ein Monster, das der Lette nicht nur zu zähmen imstande sondern auch gewillt ist.

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Andris Nelsons dirigiert das Boston Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin 2018 (Bild: Kai Bienert)

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Inneres Leuchten

Musikfest Berlin 2018 – Manfred Honeck dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es her, da führte das ehrwürdige eine Kritiker-Umfrage durch, um das nach Ansicht der Experten beste Orchester der Welt zu ermitteln. Ein wenig überraschend erklommen die üblichen Verdächtigen, die Philharmoniker aus Berlin und Wien zwar das Podium, aber nicht den Spitzenplatz. Dieser ging nach Amsterdam, ans Royal Concertgebouw Orchestra unter dem damaligen Chefdirigenten Mariss Jansons. Eine Wahl, die trotz überraschter Reaktionen, kaum jemand für wirklich falsch hielt. Viel ist seitdem passiert: Jansons hat seine Amtszeit beendet, sein Nachfolger Daniele Gatti nicht nur ein schweres Erbe anzutreten, sondern auch mit Vorwürfen eines künstlerischen Niedergangs zu kämpfen. Dass diese nicht ganz aus der Luft gegriffen gewesen sein könnten, musste auch das Berliner Publikum beim Musikfest Berlin 2017 erfahren. Und nun, kurz vor Beginn der neuen Spielzeit, der Super-GAU: Nach zahlreichen Vorwürfen sexuellen Missbrauchs handelte das Orchester und warm Gatti mit sofortiger Wirkung raus. Unmittelbar vor Saisoneröffnung stand der Klangkörper ohne Chefdirigenten dar. Der Tiefpunkt. Ersatz musste her: Ex-Chef Bernard Haitink übernahm einige Konzerte und wurde bejubelt, Manfred Honeck, als ehemaliges Mitglied der Wiener Philharmoniker auch ein Insider, was die Dynamiken in einem Spitzenorchester angeht, andere.

Manfred Honeck (Bild: Felix Broede)

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Vom Atom zum Kosmos

Musikfest Berlin 2018 – Yannick Nézet-Séguin dirigiert das Rotterdam Philharmonic Orchestra

Von Sascha Krieger

Oft sind seine Werke nicht zu hören in deutschen Konzertsälen: Bernd Alois Zimmermann war immer ein unzeitgemäßer Komponist. In seiner Jugend in Nazi-Deutschland abgeschnitten von den Entwicklungen der zeitgenössischen Musik fand – und suchte – er nie den weg in eine der bestimmenden musikalischen Bewegungen seiner Zeit. Die konstruktivistische, mathematisch inspirierte Musik der 1950er und 1960er Jahre blieb ihm ebenso fremd wie der vermeintliche Traditionalismus der tonalen Schulen jener Zeit. Ein Wanderer zwischen den Welten, mit dem Anhänger beider Pole wenig anfangen konnten. Das Musikfest Berlin erlaubt in diesem Jahr einen kurzen, kursorischen Blick auf sein Werk, auf seine collagenhafte Musik der Schichtungen, der Zitate, der Zusammenfügung des Disparaten. Den Anfang machen Yannick Nézet-Séguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra. Dabei ist dieses Wiederhören auch ein Abschiednehmen: Soeben hat der Kanadier seine zehnjährige Zerit als Rotterdamer Chefdirigent beendet, jetzt gehen beide auf eine letzte Tournee und in eine neue Phase der Zusammenarbeit – Nézet-Séguin ist seit Neuestem Ehrendirigent des Orchesters.

Yannick Nezet-Seguin und das Rotterdam Philharmonic Orchestra (Bild: Bob Bruyn)

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Mathematik und Distanz

Eröffnungskonzert des Musikfest Berlin 2018 mit der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Die Musik von Pierre Boulez ist für Daniel Barenboim seit jeher Herzenssache. Mehrfach wird beim anschließenden Eröffnungsempfang des diesjährigen Musikfests Berlin – auch von Barenboim selbst – darauf hingewiesen, dass der junge Dirigent Boulez und der noch viel jüngere Pianist Barenboim einst im ersten Jahr des Bestehens der Philharmonie hier auftraten. Barenboim hat immer wieder die Werke des Älteren dirigiert, hat seine eigenen Staatsoper-Festtage dem Freund und Mentor gewidmet, der von ihm maßgeblich initiierte neue Konzertsaal im Herzen Berlin trägt Boulez‘ Namen. Der längst legendäre Dirigent will, dass Boulez`Musik gehört und, mehr noch, verstanden wird. Und so lässt er es sich nicht nehmen, vor der Aufführung des gut zwanzig minütigen Rituel, einst von Boulez dessen früh verstorbenem Freund und Kollegen Bruno Maderna gewidmet, etwa genau so lange das zu hörende Werk zu erlältern. Er erklärt die – in seinen späteren Jahren von Boulez selbst angeregte – Verteilung der acht Instrumentengruppen, jede mit eigenem Schlagzeuger, im gesamten Raum der Philharmonie, die Unterscheidung der statischen ungeraden und der rhythmisch getriebenen geraden Abschnitten, die klangliche Wendung nach dem 14. und lässt manche Hörprobe hören. Die Verbindung von mathematisch genauer Konstruktion und klanglicher Freiheit – die riesige Partitur, vor der der nicht gerade groß gewachsene Dirigent steht, enthält etliche aleatorische Passagen – erschließt sich so auch dem weniger geübten Zuhörer.

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Daniel Barenboim dirigiert Rituel von Pierre Boulez (Bild: Kai Bienert)

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Das Versprechen des Kirill Petrenko

Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker mit ihrem zukünftigen Chefdirigenten Kirill Petrenko und Werken von Strauss und Beethoven

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist es eine eigentümliche Phase, die jetzt bei den Berliner Philharmonikern beginnt. Eine Zwischenzeit, ein Jahr ohne Chefdirigenten. Das gab es bei dem selbstverwalteten Orchester zuleltzt nach dem plötzlichen Tod Herbert von Karajans im Jahr 1989. Doch vieles ist anders jetzt. Der Nachfolger Sir Simon Rattles, der 18 Jahre lang das Orchester in die Stadt und die Welt trug und mit unverbrüchlicher Neugier die Musiker herausforderte, das Publikum begeisterte und zuweilen auch spaltete, steht längst fest. Kirill Petrenko wird in einem Jahr übernehmen, eine Zeit, die er sich ausbedungen hatte, um seine Verpflichtungen mit dem geliebten Bayerischen Staatsorchester zu erfüllen. Ein Dirigent, der nichts halberherzig tut, soll er sein. Auch daran ist nach seinem Saisoneröffnungskonzert kein Zweifel. Auch weil er klar anzeigt, dass die Ära Petrenko jetzt beginnt: Er eröffnet die Spielzeit, er nimmt das Orchester gleich auf seine erste Tournee, er nimmt die Verantwortung an. Und am Ende dieses Abends ist wohl jeden im Saal klar: Die Wahl Petrenkos, so schwierig sie einst gewesen sein mag, war die richtige Wahl. Eine neue Zeit beginnt jetzt und im September 2019. Und die Chance, dass es eine großartige sein wird, stehen äußerst gut.

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker beim Saisoneröffnungskonzert 2018 (Bild: Monika Rittershaus)

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Der Kreis schließt sich

Sir Simon Rattle dirigiert sein letztes Konzertprogramm als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker in der Philharmonie

Von Sascha Krieger

Am Ende stellt er sich noch einmal. Das Orchester hat die Bühne verlassen, einige stehen noch an den Ausgängen herum, um ihren „Chef“ nicht ganz allein zu lassen. Das Publikum ist auf den Füßen, ein letztes Mal. Der weißhaarige Lockenkopf greift zum Mikrofon, bedankt sich bei „meinem Berliner Publikum“ und geht. Das letzte Konzertprogramm als Chefdirigent in dem Haus, das 16 Jahre lang „seines“ war, ist dirigiert. Jetzt folgt noch das Waldbühnenkonzert samt öffentlicher Generalprobe am Vortag, dann ist es vorbei, der Marathon zum Abschluss samt letzter Tournee – fast schien es, als wollte er nicht loslassen – geschafft. Andere sollen Bilanz ziehen, was von der Ära Rattle – immerhin die viertlängste der Orchestergeschichte – bleiben wird. Der geschätzte Kollege Frederik Hanssen etwa hat das in einem lesenswerten Essay, abgedruckt in den letzten zwei Programmheften, getan. Rattle selbst lässt noch einmal die Musik sprechen.

Sir Simon Rattle (Bild: Stephan Rabold)

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Musik der Gegenwart – Gegenwart der Musik

Sir Simon Rattle, Krystian Zimerman und die Berliner Philharmoniker mit einem Reigen zeitgenössischer Musik

Von Sascha Krieger

Wenn im Programmheft eines „normalen“ Symphoniekonzerts neben dem üblichen Text zur Musik des Abends ein Essay zu Bilanz einer Chefdirigenten-Dienstzeit abgedruckt ist, dann weiß der geneigte Konzertbesucher: das ende ist nah. Die Ära Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern befindet sich nicht mehr nur auf der Zielgeraden, der finale Zielsprint hat längst begonnen. Allerorten wird Bilanz gezogen und so gibt es nach dem letzten Konzert von Rattles vorletztem Programm noch eine besondere seiner „Late Nights“, ein Dankeschön vieler Mitstreiter*innen. Und auch seine Programme zum Abschied haben Bilanzcharakter: Zuletzt verschränkte er Kernrepertoire (Bruckner, Brahms) mit Musik des 20. Jahrhunderts und Uraufführungen – Miniaturversionen seines Schwerpunkts als Chefdirigent. Und für alle, für die sein Fokus auf zeitgenössischer Musik vielleicht immer noch nicht klar genug war, widmet er ihr jetzt noch einen eigenen Abend, der sich klar auf die noch nicht überall kanonisierte Phase ab der Hälfte des letzten Jahrhunderts konzentrierte – das älteste Werk stammt von 1949. Und noch etwas Rattle-Typisches betont der Abend: Der längst zum Ritter geschlagene hatte nie Scheu vor der „Massenkultur“, dem Populären.

Die Berliner Philharmoniker und sir Simon Rattle in der Philharmonie (Bild: Stephan Rabold)

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