Archiv der Kategorie: MusicAeterna

Singend in die Welt

Teodor Currentzis und Orchestra MusicAeterna mit einem Mahler-Abend zu Gast in Berlin

Von Sascha Krieger

Die größte Überraschung an diesem Abend ist, wie wenig ungewöhnlich er beginnt: keine rituelle Aufstellung, sitzende Musiker, fast könnte man meinen, man säße in einem ganz normalen Symphoniekonzert. Aber nein, da sind wenigstens sie: die Stiegfel mit den roten Scxhnürsenkeln, Markenzeichen des griechischen Dirigenten Teodor Currentzis, der von manchen als Messias gefeiert, von anderen als Scharlatan verunglimpft wird. Wenn dieser Abend in der Berliner Philharmonie mit dem von ihm in seiner Wahlheimant im russischen Perm gegründeten Orchestra MusicAeterna zu Ende ist, scheint vor allem eines klar: Der 46-Jährige ist ein sehr interessanter, hochtalentierter, äußerst intelligenter und überaus talentierter Dirigent, Interpret und Analytiker vermeintlich längst bekannter Musik. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Dass die Stringenz, mit der er seine Konzerte programmiert, zuweilen das Plakative streift, ist nichts Neues. Er stellt gern ein Werk in den Mittelpunkt und nutzt die Zeit vor der Pause dazu, zu diesem hinzuleiten. Das ist auch hier nicht anders. Gustav Mahlers vierte Symphonie steht auf dem Programm, die letzte seiner so genannten „Wunderhorn“-Symphonien, kulminierend in einem Vokalsatz über ein Lied aus von Arnims und Brentanos berühmter Sammlung. Also gibt es vor der Pause was zu hören: elf Lieder aus Mahlers „Wunderhortn“-Zyklus natürlich. Was auch sonst?

Teodor Currentzis (Bild: Anton Zavjyalov)

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Ästhetik des Dagegenseins

Musikfest 2017 – Chorus und Orchestra MusicAeterna unter Teodor Currentzis mit Mozarts Requiem

Von Sascha Krieger

Mit dem Starrummel im Klassikbetrieb ist es ja so eine Sache. Einerseits  widerspricht die Idee von „Stars“ eigentlich dem Anspruch auf künstlerische Substanz und der Auseinandersetzung mit dem eigentlichen „Star“, der Partitur. Wo aber ein Stern strahlt, ist selten Platz für einen zweiten. Andererseits steht auch der Klassikbetrieb im Wettbewerb um die Investitionen der Ticket- und Plattenkäufer, braucht es zugkräftige Argumente, gerade Jüngere zu begeistern für die Musik, von der ihnen gesagt wird, sie sei so viel wertvoller, als das, was bei ihnen durch die Kopfhörer rauscht. Aber auch der Klassikfan selbst will verführt werden, schließlich soll er wissen, warum er unbedingt eine bestimmte von unzähligen Einspielungen des gleichen Werken kaufen und zur Referenz erklären soll. Da hilft es, Musikerpersönlichkeiten zu haben, die herausstechen. Teodor Currentzis ist so einer. Gebürtiger Grieche, seit langem Wahlrusse, hat er dafür gesorgt, dass man längst auch im Westen weiß, dass es in Russland eine Stadt namens Perm gibt. Hier ist er seit Jahren aktiv, hat seine eigenen Ensembles gegründet, die er MusicAeterna nennt, verknüpft Alte und Neue Musik in Programmen, die immer mehr wollen, als „nur“ die einzelnen Werke zu interpretieren. Ihm geht es um Bezugslinien, um Verbindungen, um das ganz große Ganze. Und damit jeder weiß, wie ungewöhnlich das ist, was er tut, steckt er seine Musiker*innen in Mönchskutten, lässt sie stehend spielen, gönnt sich selbst hautenge Hosen und Stiefel mit roten Schnürsenkeln.

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Teodor Currentzis dirigiert den Chorus MusicAeterna beim Musikfest Berlin (Bild: Kai Bienert)

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