Archiv der Kategorie: Münchner Kammerspiele

„Dann geht’s halt nicht“

Lola Arias in Zusammenarbeit mit Raeed Al Kour: What They Want to Hear, Münchner Kammerspiele (Regie: Lola Arias)

Von Sascha Krieger

Das BAMF, mit vollem Namen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge,findet sich derzeit immer wieder in den Schlagzeilen. Zuletzt sorgte ein „Skandal“ in Bremen für Empörung: Da war einigen Menschen möglicherweise zu Unrecht Asyl gewährt worden. Der Aufschrei war groß, es wird ermittelt, die BAMF-Chefin musste gehen. Dass die überwältigende Mehrheit aller fehlerhaften Asylbescheide zu Ungunsten der Antragsteller ergehen, war den Medien und erst recht den sich echauffierenden Politikern meist nicht einmal eine Fußnote wert. Wie es in den Mühlen der Asylbürokratie tatsächlich aussieht, hat sich die argentinische Regisseurin Lola Arias genauer angeschaut. Sie hat sich einen realen Fall, den des Syrers Raeed Al Kour, herausgesucht und rollt ihn mit den syrischen Schauspielern des Open Border Ensemble akribisch auf. Man könnte fast sagen: mit bürokratischer Genauigkeit.

Bild: Thomas Aurin

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Alles gleich – alles anders

Theatertreffen 2018 – Mittelreich. Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler nach der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler, Münchner Kammerspiele (Regie: Anta Helena Recke)

Von Sascha Krieger

Dass die politische Partei namens AfD, die als „rechtspopulistisch“ zu bezeichnen ihre eigene rechtsextreme Realität längst verbietet, kein Fan staatlich subventionierter Kunst und Kultur in diesem Land ist, stellt keine Neuigkeit dar. Und doch sollte dies jene überraschen, die mal einen genaueren Blick auf die Bühnen der deutschen Stadt- und Landestheater werfen. Viel ist da von Diversität die Rede, von einer heterogenen Gesellschaft, die Unterschiede als Bereicherung (auch so ein Hasswort der Rechten) begreift. Und doch trifft der Zuschauerblick meist nur Menschen, die gar nicht so anders auszusehen scheinen, als man selbst. „Multi-Kulti“ hin, Vielfalt her: Die Bühnen dieses Landes sind in ihrer großen Mehrheit noch immer genauso in weißer Hand wie die Zuschauerräume. Schauspieler of Colour dürfen zuweilen mal Geflüchtete spielen oder „opfer“ aller Art, womöglich ist mal ein Othello drin. „Farbenblindes“ Casting funktioniert als Einbahnstraße: Ein weißer Othello? Kein Problem! Ein schwarzer bayerischer Bergbauer? Um Gottes Willen! Der weiße Durchschnittszuschauer ist eben nicht „farbenblind“, wenn es um People of Colour geht. Sieht er einen Schwarzen auf der Bühnen, stellen sich sofort Assoziationen und Zuschreibungen ein, die von der äußerlichsten aller menschlichen „Eigenschaften“ ausgehen: der Hautfarbe.

Bild: Judith Buss

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Alles Theater?

Von/nach Bertolt Brecht: Trommeln in der Nacht, Münchner Kammerspiele (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ein schöne Geschichte: Als erstes Stück Bertolt Brechts erblickte Trommeln in der Nacht im Jahr 1922 das Bühnenlicht – an den Münchner Kammerspielen. Einige Wochen später war es erstmals in Berlin zu sehen – am Deutschen Theater. Christopher Rüpings Münchner Inszenierung schließt jetzt beide Kreise: Herausgebracht an den Kammerspielen erlebt sie ihr Theatertreffen-Gastspiel an dem Ort, an dem Brechts Theater zum ersten Mal in Berlin zu sehen war. Das ist keine Vorgeschichte, sondern bereits der Kern den Abends. Nils Kahnwald erzählt die Geschichte, ein gelangweilter Conférencier, in einen von der Decke hängendes Mikrofon sprechend. Ein Die-Vergangenheit-Herbei-Erzähler. Und während er so spricht und die Uraufführungsinszenierung beschreibt ersteht das Bühnenbild, von dem er gerade berichtete, bauen Bühnenarbeiter*innen eine angedeutete Wohnzimmeridylle auf, dahinter expressionistisch verzerrte Großstadt-Silhouetten aus Pappe, darüber der berühmte rote Mond. Das Theater als Zeitmaschine, die flüchtigste aller Kunstformen als Instrument der Erinnerung, der Bewahrung des längst Vergangenen.

Bild: Julian Baumann

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Viel Horch und etwas Guck

Rimini Protokoll (Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel): Top Secret International (Staat 1), Münchner Kammerspiele / Haus der Kulturen der Welt, Berlin

Von Sascha Krieger

In ihrer „Staat“-Tetralogie, die jetzt in Berlin erstmals vollständig zu erleben war, stellen Rimini-Protokoll die Frage, wer in vermeintlich postdemokratischen Zeitalter in unserer Welt eigentlich die Strippen zieht. Dass da die undurchsichtige Welt der Geheimdienste auf der Liste stehen würde, ist sicher keine Überraschung. Und so eröffnete das Berliner Kollektiv seine Reihe denn auch bis einem Blick auf die Nachrichtendienste und ihre Tätigkeit. Dazu schicken sie den Besucher ins Museum. In München war es die Glyptothek, in Berlin ist es das Neue Museum, ja, das mit der Nofretete. Jeder Teilnehmer bekommt Kopfhörer und ein Notizbuch, in dem sich ein Handy verbirgt. Das ist praktisch, denn lässt er sich jederzeit orten. Denn bei der Tour durchs Museum geht es weniger um die Exponate als um die Perspektive des Besuchers. Das Relevanteste am Setting ist, dass es sich um einen öffentlichen Ort handelt, die Bezüge zum Ausgestellten wirken meist überaus gezwungen und weit hergeholt. Eine Synergie mit dem Ort stellt sich nicht ein. Erster Minuspunkt.

Bild: Kevin Fuchs

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Schrein oder Nichtsein

Nach Jeffrey Eugenides: Die Selbstmord-Schwestern, Volksbühne Berlin / Münchner Kammerspiele (Regie: Susanne Kennedy)

Von Sascha Krieger

Der Tod ist schwarz und trist. Stirbt jemand, wird getrauert, geweint, gelitten. In ehrfurchtsvoller Stille. Der Umgang mit dem Tod gehört zu den ältesten und am festesten gefügten Säulen des gesellschaftlichen Kompromisses, den wir Kultur zu nennen pflegen. Die abendländische, um genau zu sein. Doch da fängt es schon an: Auch in diesem so genannten Okzident ist diese Art, sich dem Letzten, Unvermeidlichen zu stellen – oder eben auch nicht – alles andere als konsensfähig. Und wie anders sieht es aus, wenn wir uns einmal eingestehen – in Zeiten, in denen Heimatminister ernannt werden, keine ganz einfache Aufgabe – dass die Welt nicht an der so genannten „europäischen Außengrenze“ endet. Tut man das, erkennt man schnell, wie anders der Tod in vielen Teilen der Erde wahrgenommen wird. Als neue Etappe, als Begleiter, als Freund. Zumal der pietätvolle Umgang mit dem Sterben auch hierzulande oft nur Heuchelei ist. Die westliche Massenkultur ist eine einzige Feier des Todes, oder eher seine Ausbeutung und auch in Kunst und Literatur ist seine Verherrlichung und Verkitschung kein neues Phänomen. Auch Theaterregisseurin Susanne Kennedy hat sich in den vergangenen Jahren des öfteren mit dem Lebensende befasst. In Die Selbstmord-Schwestern stellt sie sich dem Gevatter so frontal und direkt, wie es in ihrem antitheatralen Theater, das davon träumt, einmal ganz ohne den Menschen auszukommen, möglich ist.

Bild: David Baltzer

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Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Die drei Kuscheltiere

Monster Truck: Siegfried, Sophiensaele, Berlin / FFT Düsseldorf / Münchner Kammerspieler / Ringlokschuppen Ruhr, Mülheim

Von Sascha Krieger

Wer ist Siegfried? Um es gleich zu verraten: Diese Frage beantwortet der neue einstündige Abend von Monster Truck nicht. Am Ende ist nicht einmal unwiderlegbar klar, ob er sie überhaupt stellt. Denn sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Das am berühmt-berüchtigsten Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften gegründete Kollektiv befasst sich am liebsten mit Klischees und Vorurteilen, dreht sie von innen auch außen, untergräbt sie mit einem multidisziplinären Mix, der provoziert und Deutungen zulässt. Dabei geht man meist von irgend einem mehr oder minder konkreten, aber irgendwie fassbarem Thema aus. Kolonialismus. Nationalismus. Soziale Ausgrenzung. Siegfried ist da radikaler. Benannt nach dem Urmythos deutscher Identitätsphantasie tritt der Abend ein paar Schritte zurück und fragt nach der Sicherheit oder Illusion von Identität. Wenn Siegfried mythischer Held ist und glitzerbedeckter Zauberkünstler, Identitätsikone und Illusionsverkäufer, was ist er dann nicht? Und kann einer, der alles ist, überhaupt etwas sein?

Bild: Monster Truck

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Monster im Ozean

She She Pop & zeitkratzer: The Ocean is Closed, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin / Münchner Kammerspiele

Von Sascha Krieger

Zuweilen fragt man sich ja, wenn an Theaterabenden von erhöhter Lautstärke die rede ist und Ohrstöpsel ausgegeben werden, wie empfindlich manche Gehöre sein müssen – oder ob man selbst bereits am Ertauben ist. An diesem Abend, den das Performancekollektiv She She Pop mit dem avantgardististischen Musikensemble zeitkratzer bestreitet, ist der Besucher gut beraten, vorher in die Schalen mit den kleinen Gehörschützern zu greifen. Dabei schält sich zunächst ganz sacht eine anfangs kaum hörbare zarte Klangwolke aus der vollkommenen Stille, schwillt behutsam an, immer auf dem einzigen Ton verweilend, angetrieben von Schlagzeug, Cello, Klavier, Horn, Posaune, und sich stetig emporschwingend, bis die Klangfäche ohne eingesetzte Stöpsel die Schmerzgrenze bei den meisten überschritten hätte. Von der Stille zum Lärm – durchaus ein Motto für das ungewöhnliche Ensemble, das sich gerade in der Noise-Musik zu Hause fühlt und Stücke unterschiedlichster Provenienz dekonstruiert, seine Klangbestandteile auseinanderbaut und neu zusammensetzt, Musik physisch begreift, wie einen Baukasten, einen Werkzeugsatz, Klang als Präsenz in den Raum gestellt. Da wird schon mal mit einem Schlägel auf die Klaviersaiten eingeprügelt, ein Becken mit Geigenbogen bearbeitet oder selbiger auf dem Cello zum Schlaginstrument umfunktioniert.

Bild: Sascha Krieger

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„Eine Mischung aus Predigt und Darkroom“

She She Pop: 50 Grades of Shame. Ein Bilderbogen nach Wedekinds “Frühlings Erwachen”, Münchner Kammerspiele / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Was ist verboten? Mit dieser Frage beginnt She She Pops neuer Abend 50 Grades of Shame. Dass es dabei um Sexualität und ihr Ausleben geht, muss gar nicht explizit dazugesagt werden. Welcher andere Lebensbereich ist schließlich so sehr mit Regeln, Verhaltenkodizes, mit Tabus und Svhweigegeboten belegt wie der intimste, persönlichste und nicht nur biologisch betrachtet essenziellste. Und so sprudeln die Antworten nur so, reichen von gesetzlichen Verboten (Sex mit unter 16-Jährigen) über kuriose Benimmregeln (bei Sex in der Studenten-WG die zimmertür schließen) bis zum Selbstverständlichen (kein Jogging ohne Hose!). Gegen Ende des Abends wird dann die Gegenfrage gestellt: Was ist erlaubt? Plötzlich müssen die Darsteller*innen (drei Performer*innen von She She Pop, örtliche Schauspieler*innen und stets ein „echter Teenager“) improvisieren, stammeln unsicher antworten hervor, versuchen das Mikro weiterzureichen? Was ist zwischen den beiden Fragen passiert, was unterscheidet sie? Es ist das Thema des Abends: die Scham, jedes seltsame, gesellschaftlich eingepflanzte Gefühl der Verunsicherung, ja, der Schuld, das aktiviert werden soll, wann immer es um das goldene Kalb sozialer Sanktionierung geht, die Sexualität eben.

Bild: Judith Buss

Bild: Judith Buss

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Der Klang der Erinnerung

Theatertreffen 2016 – Mittelreich. Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler, Münchner Kammerspiele (Regie: Anna-Sophie Mahler)

Von Sascha Krieger

Es ist das Theatertreffen der Untoten. In Tyrannis werden zwei Figuren ermordet und stehen kurz darauf diabolisch grinsend vor dem Publikum. In John Gabriel Borkman reckt die gerade verschiedene Titelfigur den Arm zum Victory-Zeichen empor. Mittelreich beginnt mit einem Begräbnis, an dessen Ende der zu Grabe Getragene wieder aufsteht und singt. Da braucht es schon wie in Schiff der Träume eine Einäscherung, um sicher zu gehen, dass die Toten nicht wiederkommen. Die Vergangenheit lebt, ihre Schrecken, ihre Schuld. Auch in Josef Bierbichlers 2011 erschienenem Roman, der sich am Schicksal einer bayerischen Wirts- und Bauernfamilie durch das Dickicht des 20. Jahrhundert schlägt. In ihrer Bühnenfassung konzentriert sich Anna-Sophie Mahler ganz auf die Familie und vor allem auf zwei Generationen: den „jungen Seewirt“, der, nachdem der ältere Bruder aufgrund einer Kriegsverletzung ausfällt, die Sängerkarriere aufgibt und den Hof übernimmt, und seinen Sohn, der mit der Familie fremdelt und im Internat missbraucht wird. Verdrängung (auch der Vater schleppt aus seinem, dem zweiten Weltrkrieg, eine große Schuld mit sich herum) und Schuld sind die Kernthemen dieser Geschichte und natürlich sind sie auch jene des ganzen, „deutschen“ 20. Jahrhunderts.

Bild: Judith Buss

Bild: Judith Buss

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