Archiv der Kategorie: Münchner Kammerspiele

Zurück ins Schneckenhaus

Zur Auswahl des Theatertreffens 2018

Von Sascha Krieger

Was war das für ein Theatertreffen-Jahrgang 2017. Starke, richtungweisende Regiekonzepte, radikale Ästhetiken, Rahmen sprengende Erzählweisen, theatrale Grenzgänge und -erfahrungen. Eine Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters ohne Scheuklappen, die nach vorne wies und in die Welt hinaus. Internationale Arbeiten waren dabei, große wie kleine Häuser, reihenweise Neulinge, ein atemberaubendes Spektrum theatraler Ausdrucksformen. Die Latte lag hoch für die diesjährige Jury. Würde sie dort anknüpfen, wohin sie das Theatertreffen, das in der Vergangenheit viel zu oft Nabelschau der großen Bühnen und Namen war, Hort des Staats- und Stadttheaters, Besitzstandswahrer der Subventionskönige? Nicht selten ist es im Leben so, dass auf zwei Schritte nach vorn einer zurück folgt, doch so brutal, wie die diesjährige Jury das Theatertreffen-Vehikel an die Wand fuhr, stockt dem eigentlich geneigten Beobachter der Atem. Wo ist der Geist des Aufbruchs, die Neugier, die Experimentierfreude, welche die letztjährige Auswahl auszeichnete?

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Die Jury des Theatertreffens 2018 (Bild: Iko Freese / drama-berlin.de)

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Die drei Kuscheltiere

Monster Truck: Siegfried, Sophiensaele, Berlin / FFT Düsseldorf / Münchner Kammerspieler / Ringlokschuppen Ruhr, Mülheim

Von Sascha Krieger

Wer ist Siegfried? Um es gleich zu verraten: Diese Frage beantwortet der neue einstündige Abend von Monster Truck nicht. Am Ende ist nicht einmal unwiderlegbar klar, ob er sie überhaupt stellt. Denn sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Das am berühmt-berüchtigsten Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften gegründete Kollektiv befasst sich am liebsten mit Klischees und Vorurteilen, dreht sie von innen auch außen, untergräbt sie mit einem multidisziplinären Mix, der provoziert und Deutungen zulässt. Dabei geht man meist von irgend einem mehr oder minder konkreten, aber irgendwie fassbarem Thema aus. Kolonialismus. Nationalismus. Soziale Ausgrenzung. Siegfried ist da radikaler. Benannt nach dem Urmythos deutscher Identitätsphantasie tritt der Abend ein paar Schritte zurück und fragt nach der Sicherheit oder Illusion von Identität. Wenn Siegfried mythischer Held ist und glitzerbedeckter Zauberkünstler, Identitätsikone und Illusionsverkäufer, was ist er dann nicht? Und kann einer, der alles ist, überhaupt etwas sein?

Bild: Monster Truck

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Monster im Ozean

She She Pop & zeitkratzer: The Ocean is Closed, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin / Münchner Kammerspiele

Von Sascha Krieger

Zuweilen fragt man sich ja, wenn an Theaterabenden von erhöhter Lautstärke die rede ist und Ohrstöpsel ausgegeben werden, wie empfindlich manche Gehöre sein müssen – oder ob man selbst bereits am Ertauben ist. An diesem Abend, den das Performancekollektiv She She Pop mit dem avantgardististischen Musikensemble zeitkratzer bestreitet, ist der Besucher gut beraten, vorher in die Schalen mit den kleinen Gehörschützern zu greifen. Dabei schält sich zunächst ganz sacht eine anfangs kaum hörbare zarte Klangwolke aus der vollkommenen Stille, schwillt behutsam an, immer auf dem einzigen Ton verweilend, angetrieben von Schlagzeug, Cello, Klavier, Horn, Posaune, und sich stetig emporschwingend, bis die Klangfäche ohne eingesetzte Stöpsel die Schmerzgrenze bei den meisten überschritten hätte. Von der Stille zum Lärm – durchaus ein Motto für das ungewöhnliche Ensemble, das sich gerade in der Noise-Musik zu Hause fühlt und Stücke unterschiedlichster Provenienz dekonstruiert, seine Klangbestandteile auseinanderbaut und neu zusammensetzt, Musik physisch begreift, wie einen Baukasten, einen Werkzeugsatz, Klang als Präsenz in den Raum gestellt. Da wird schon mal mit einem Schlägel auf die Klaviersaiten eingeprügelt, ein Becken mit Geigenbogen bearbeitet oder selbiger auf dem Cello zum Schlaginstrument umfunktioniert.

Bild: Sascha Krieger

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„Eine Mischung aus Predigt und Darkroom“

She She Pop: 50 Grades of Shame. Ein Bilderbogen nach Wedekinds “Frühlings Erwachen”, Münchner Kammerspiele / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Was ist verboten? Mit dieser Frage beginnt She She Pops neuer Abend 50 Grades of Shame. Dass es dabei um Sexualität und ihr Ausleben geht, muss gar nicht explizit dazugesagt werden. Welcher andere Lebensbereich ist schließlich so sehr mit Regeln, Verhaltenkodizes, mit Tabus und Svhweigegeboten belegt wie der intimste, persönlichste und nicht nur biologisch betrachtet essenziellste. Und so sprudeln die Antworten nur so, reichen von gesetzlichen Verboten (Sex mit unter 16-Jährigen) über kuriose Benimmregeln (bei Sex in der Studenten-WG die zimmertür schließen) bis zum Selbstverständlichen (kein Jogging ohne Hose!). Gegen Ende des Abends wird dann die Gegenfrage gestellt: Was ist erlaubt? Plötzlich müssen die Darsteller*innen (drei Performer*innen von She She Pop, örtliche Schauspieler*innen und stets ein „echter Teenager“) improvisieren, stammeln unsicher antworten hervor, versuchen das Mikro weiterzureichen? Was ist zwischen den beiden Fragen passiert, was unterscheidet sie? Es ist das Thema des Abends: die Scham, jedes seltsame, gesellschaftlich eingepflanzte Gefühl der Verunsicherung, ja, der Schuld, das aktiviert werden soll, wann immer es um das goldene Kalb sozialer Sanktionierung geht, die Sexualität eben.

Bild: Judith Buss

Bild: Judith Buss

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Der Klang der Erinnerung

Theatertreffen 2016 – Mittelreich. Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler, Münchner Kammerspiele (Regie: Anna-Sophie Mahler)

Von Sascha Krieger

Es ist das Theatertreffen der Untoten. In Tyrannis werden zwei Figuren ermordet und stehen kurz darauf diabolisch grinsend vor dem Publikum. In John Gabriel Borkman reckt die gerade verschiedene Titelfigur den Arm zum Victory-Zeichen empor. Mittelreich beginnt mit einem Begräbnis, an dessen Ende der zu Grabe Getragene wieder aufsteht und singt. Da braucht es schon wie in Schiff der Träume eine Einäscherung, um sicher zu gehen, dass die Toten nicht wiederkommen. Die Vergangenheit lebt, ihre Schrecken, ihre Schuld. Auch in Josef Bierbichlers 2011 erschienenem Roman, der sich am Schicksal einer bayerischen Wirts- und Bauernfamilie durch das Dickicht des 20. Jahrhundert schlägt. In ihrer Bühnenfassung konzentriert sich Anna-Sophie Mahler ganz auf die Familie und vor allem auf zwei Generationen: den „jungen Seewirt“, der, nachdem der ältere Bruder aufgrund einer Kriegsverletzung ausfällt, die Sängerkarriere aufgibt und den Hof übernimmt, und seinen Sohl, der mit der Familie fremdelt und im Internat missbraucht wird. Verdrängung (auch der Vater schleppt aus seinem, dem zweiten Weltrkrieg, eine große Schukd mit sich herum) und Schuld sind die Kernthemen dieser Geschichte und natürlich sind sie auch jene des ganzen, „deutschen“ 20. Jahrhunderts.

Bild: Judith Buss

Bild: Judith Buss

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Tanz den Tolstoi

Gob Squad: War an Peace, Münchner Kammerspiele / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Von Sascha Krieger

Es ist alles sehr schön freundlich bei Gob Squad. Die vier Darsteller*innen (an diesem Abend Sean Patten, Tatiana Saphir, Laura Tonke und Bastian Trost), gehüllt in seltsam fleischfarbene Kleider im Stil des späten 19. Jahrhunderts stellen einige Zuschauer einzeln vor und begrüßen sie zu ihrem Salon. Drei der so Präsentierten dürfen gleich vorn am Bühnenrand an einer Tafel Platz nehmen. Gemeinsam geht es hinein in die Tolstoische Welt der Salons – der Abend ist eine Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden – und des schönen Scheins. Man plaudert – etwa darüber, ob man seine Partygäste nach dem Kriterium auswählen sollte, ob sie den Gastgeber gut aussehen lassen; Laura Tonke testet das gleich mit ihrem chilenischen Gesprächspartner und kommt zu der Schlussfolgerung, dass er akzeptabel sei als Gast. Dabei übt und exemplifiziert man die von Tolstoi vorgeführte „Kunst des Gesprächs“, liest sich ein wenig aus dem Buch vor. Ein wunderbar leichter, spielerischer Beginn, der über Sein und Schein, über die Realitsverweigerung einer Gesellschaft, die sich selbst genügt, während um sie herum die Hölle losbricht. Der Frieden, der hier zu sehen ist, wurde erkauft mit dem Sterben der anderen, er ist ein Frieden des Wegschauens. Vollkommen unzeitgemäß ist ein solcher Blick nicht.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Neue Stimmen

Das Theatertreffen 2016 feiert die Vielfalt

Von Sascha Krieger

Es ist eines der beliebtesten Rituale im deutschsprachigen Theaterbetrieb: Kaum sind die Nominierungen für das Theatertreffen bekanntgegeben, lässt sich genüsslich schimpfen und kritisieren. Natürlich ist auch 2016 keine Ausnahme: Favorisierte Inszenierungen und hochgehandelte Namen fehlen, die freie Szene ebenso und auch die „neuen Länder“ glänzen allein durch Abwesenheit. Das Stadt- und Staatstheater feiert fröhliche Urständ und sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr. Und die wenigen Häuser, die konsequent die Realität einer multimedialen und zunehmend virtuellen Wirklichkeit aufnehmen und sich an ihr reiben, wie etwa das Theater Dortmund, wurden erneut ignoriert. Die Auswahl der zehn Inszenierungen lässt sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln kritisieren und zumeist mit einigem Recht.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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„Die Wahrheit spricht nicht.“

Autorentheatertage 2015 – Elfriede Jelinek: Das schweigende Mädchen, Münchner Kammerspiele (Regie: Johan Simons)

Von Sascha Krieger

Es ist eine spannende Konstellation: Die sprachbesesessene Elefriede Jelinek schreibt ein Stück über eine Frau, die sich der Sprache versagt. Das Schweigen als Sujet und Mittelpunkt eines 220-seitigen Sprachflusses. In Das schweigende Mädchen nähert sich die Literaturnobelpreisträgerin Beate Zschäpe, der Hauptangeklagten des Münchner NSU-Prozesses, und sie tut es natürlich nicht. Ihr Text kreist um die sprachliche Leerstelle, die schnell Ausdruck einer viel größeren, lägst nicht mehr persönlichen Leere wird. Das Schweigen, insbesondere das kollektive, ist nicht zum ersten Mal ihr Thema, schon in Rechnitz (Der Würgeengel) ging es um das Verdrängen, Hinausdrängen, Ausstoßen durch Sprachverweigerung und –deformation. Die Sprache als Sinneröffnerin, -verdreherin, -möglichmacherin ist bei Jelinek stets auch ihr größter Feind und doch der einzige Weg, sich dem zu stellen, auch entgegenzustellen, was der Mensch in der Lage ist sich selbst anzutun. Ihre Vorliebe für Wortkaskaden, die sich gegenseitig in selbiges fallen, für Wortspiele, die schnell zu Worternst werden, für weitläufige Assoziationsketten, die oft über die sprachlich-phonetische Ebene laufen, sind teil einer Suchbewegung nach dem, was das Schweigen oder eben der totalitär utilitaristische Einsatz von Sprache verdecken.

Die Münchner Kammerspiele (Foto: Sascha Krieger)

Die Münchner Kammerspiele (Foto: Sascha Krieger)

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Hinter den Masken

Rainer Werner Fassbinder: Warum läuft Herr R. Amok?, Münchner Kammerspiele (Regie: Susanne Kennedy) – eingeladen zum Theatertreffen 2015

Von Sascha Krieger

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Frage, die Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler im Titel ihres 1970 erschienen Films stellen, beantwortet auch Susanne Kennedy in ihrer Theaterbearbeitung nicht. Und hät sie wohl auch für weitgehend unbeantwortbar.Was nicht heißt, das sie keine Hinweise gäbe. Das Drama des Herrn R. ist bei ihr eines der fehlgeschlagenen Identitätsfindung. R. ist ein respektierter Familienvater mit Frau und Kind, einem Job mit Aufstiegschancen, einem sauber geordneten bürgerlichen Leben. Dass etwas fehlt, merkt er selbst wohl erst häppchenweise. Kennedy entdeckt eine Szene im Plattenladen – im Film bestenfalls ein Nebengedanke – als heimliches Zentrum der Geschichte. R. will eine Platte kaufen mit einem Lied, das er kürzlich im Radio gehört hat, dessen Titel er aber nicht kennt. Kennedy spaltet die Szene fragmentarisch auf und verteilt die Bruchstücke über den Abend. Mal versucht R. den Verkäuferinnen das Stück zu erklären, dann wiederum zitiert er nur die erinnerte rhythmische Struktur. Dieses „di-da-da“ wird zur Chiffre einer Sehnsucht, die R. selbst nicht benennen kann, die aber nicht weniger ist als jene nach einem Leben, das seinen Sinn aus sich – und letztlich aus ihm – heraus zu schöpfen vermag. Entdeckt er das Lied endlich, gleitet er einige Augenblicke leicht dahin, entkrampft sich sein angebahnter Körper, ist für Momente nur ein anderes Leben denkbar, das ganz allein seins wäre.

Gastiert im Mai beim Berliner Theatertreffen: Warum läuft Herr R. Amok? (Foto: JU/Ostkreuz)

Gastiert im Mai beim Berliner Theatertreffen: Warum läuft Herr R. Amok? (Foto: JU/Ostkreuz)

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„Aus ist’s“

Martin Sperr: Jagdszenen aus Niederbayern, Münchner Kammerspiele (Regie: Martin Kušej)

Von Sascha Krieger

„Aus ist’s“: Es sind die ersten Worte, die wir hören in Martin Kušejs Inszenierung von Martin Sperre dramatischem Erstling Jagdszenen aus Niederbayern, den der aus der bayerischen Provinz stammende Autor und Schauspieler mit gerade einmal 21 Jahren fertigstellte. Und es werden auch seine letzten sein. Der Abend ist Teil eins des Münchner Intendatentausch: Residenztheaterchef Kušej inszeniert an den Kammerspielen, deren Intendant Johan Simons revanchiert sich am „Reis“. Leichte Kost hat sich ersterer wahrlich nicht ausgesucht. Sperrs „kritisches Volksstück“ seziert die dörfliche Gemeinschaft als Miniatur einer Gesellschaft, die ihren Lebenssaft aus der Abgrenzung zieht, aus dem Ausschluss derer, die nicht dazu gehören. Und die mit mindestens der gleichen Energie, mit der die Mehrheitsgesellschaft die „Anderen“ jagt, die suchen, die noch schwächer sind als sie. Der Weg in die Gemeinschaft führt für sie über den Ausschluss noch weniger den Vorstellungen von „Normalität“ entsprechender. Bei Sperr spielen diese Rolle zu Beginn Barbara und Volker, Bäuerin und Knecht, die zusammen leben, obwohl Barbaras Ehemann – wir schreiben das Jahr 1948 – noch nicht für tot erklärt wurde. Ihr Glücksfall heißt Abram: Gerade hat er eine Haftstrafe wegen Homosexualität abgesessen – ein besseres Feindbild für die alles Abweichende hassende Dorfgemeinschaft lässt sich nicht denken. Und ebenso kein besseres Mittel für Barbara und Volker, endlich dazuzugehören.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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