Archiv der Kategorie: Moritz Rinke

Narzissmus als Staatsform

Moritz Rinke: Westend, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Moritz Rinkes neues Stück ist kein Freund des Subtilen. Es stürzt sich mitten hinein in das, was der Autor für das gehobene (Bildungs?)Bürgertum der späten Bundesrepublik hält. Sinnentöleert, zynisch und dekadent geht es zu bei Schönheitschirurg (!) Eduard, seiner Frau Charlotte, einer eingeschränkt erfolgreichen Sängerin (Kunst!) und den Nachbarn Marek, ein erfolgreicher Filmregisseur (mehr Kunst!) und hauptberuflicher Möchtegern-Casanova, der aktuellen Freundin Eleonora, einer glücklosen Schauspielerin (noch mehr Kunst!) und der orientierungslosen Tochter Lilly, die aus lauter Rebellion Medizin (!) studiert. Und damit die ganze Wohlstandsverwahrlosung auch beim Publikum ankommt – und um die Balance zwischen Künstlertum und Medizin, der bürgerliche Berufsstand par excellence, herzustellen – bricht dann noch Michael, genannt Mick (ja, um die Rolling Stones geht es auch irgendwie) ein, ein Studienkollege und Freund Eduards, der gerade aus Afghanistan zurückkehrt, wo er für Ärzte ohne Grenzen arbeitete – also das idealistische Gegenstück des zynischen Eduard.

Bild: Arno Declair

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Hamsterrad im Bewusstseinsraum

Autorentheatertage 2013 – Moritz Rinke: Wir lieben und wissen nichts, Theater Bern (Regie: Mathias Schönsee)

Von Sascha Krieger

So ganz neu ist die Konstellation nicht: Zwei Paare treffen sich und schon bald nach Austausch der ersten Höflichkeitsfloskeln, fliegen die Fetzen, entstehen volatile, sich immer wieder verschiebende Konstellationen, werden Geheimnisse und Lebenslügen hervorgespült, die harmonische Fassade eingerissen. Edward Albees Who’s Afraid of Virginia Woolf? ist noch immer der Meister aller Klassen dieses Sub-Sub-Genres, Yasmina Reza feierte vor einigen Jahren damit in ihrem Gott des Gemetzels einen Welterfolg. Nun nimmt sich Moritz Rinke dieser Konstellation an und feiert mit Wir lieben und wissen nichts nach sieben Jahren Pause seine Rückkehr auf die Theaterbühne. Vieles ist bekannt: Angesiedelt ist das Stück in der gehobenen Mittelschicht, zumindest ein paar hat den üblichen Akademikerhintergrund, auch hier würfeln sich die Paare munter durcheinander, gibt es Geheimnisse aufzudecken, selbst ein (noch) nicht existierendes Kind spielt eine Schlüsselrolle. Hinzu kommt der Konflikt alt gegen jung, Konservativismus gegen Moderne aus Tschechow und auch Ibsens Lebenslügendramen dürften eine Rolle gespielt haben. Das kommt an: Schon wenige Monate nach der Frankfurter Uraufführung wird es munter auf deutschsprachigen Bühnen nachgespielt.

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