Archiv der Kategorie: Milo Rau

Wenn die Toten hören

Milo Rau & Ensemble: Die Wiederholung, International Institute of Political Murder (IIPM) / Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / Münchner Kammerspiele / NTGent / Théâtre Vidy-Lausanne und andere (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

„Das ist Theater“, sagt Johan Leysen, Veteran der belgischen Bühne. Gerade hat er im Bühnennebel Hamlets Vater gegeben. Ganz klassisch, die vorübergehende Aufgabe des Nicht-Glaubens demonstrierend, die das Theater, so erzählte man es über Jahrhunderte ausmachte. Ein Schauspieler tritt auf, spielt eine Rolle. Die hat uns zu interessieren,nicht der Spieler, schließlich, so Leysen, geht es beim Pizza-Boten ja auch um die Pizza, nicht den Boten. „Was habe ich getan? Ich bin aufgetreten“, sind die ersten Worte des Abends. So simpel, so einfach, so problematisch. Denn was heißt dieses Auftreten, was dieses Spielen, was macht, soll, kann, darf dieses Theater? Fragen, die den Schweizer Milo Rau seit vielen Jahren umtreiben. Re-enactments hat man seine Stücke genannt, als „Dokumentartheatermacher“ wird er oft bezeichnet. Etiketten, Schubladen, die abgrenzen vom „richtigen Theater“, die einordnen, sortieren und vereindeutigen. Haben wir einmal „verstanden“, was da passiert, müssen wir es nicht mehr hinterfragen. Doch dann kommt einer wie Rau und macht Theaterabende, die nichts anderen tun, als zu hinterfragen. Ihr Medium, sich selbst, ihre Produktionsbedingungen, ihre Grenzen. Und plötzlich passt dieses ganze Bühnen-Gedöns, das ganze fein säuberlich zurechtgelegte Konglomerat aus Texttreue und Postdramatik und Regietheater und all dem anderen nicht mehr hinein in die Schubladen. Was nun?

Bild: Hubert Amiel

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Ein Untergang

Milo Rau & Ensemble: Lenin, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Das Thema liegt ja auf der Hand. In wenigen Wochen jährt sich mit der russischen Oktoberrevolution eine der einschneidensten Zeitenwenden der jüngeren Menschheitsgeschichte zum hundertsten Mal. Dass ein so hochpolitischer Theatermacher wie Milo Rau, der als Sohn eines Trotzkisten zudem eigenen einschlägiges Gepäck mit sich herumschleppt, sich dieses Jubiläum nicht entgehen lassen würde, war erwartbar. Dass daraus gleich ein theatral aktionistisches Triptychon werden würde vielleicht weniger. Rau ist einer, der mit seiner Arbeit direkt in politische Debatten hineinwirken will und so lädt er am ersten November-Wochenende zur „General Assembly“ in die Berliner Schaubühne, einem alternativen Weltparlament, das den nicht Gehörten eine Stimme verleihen sollt, dem neuen „globalen dritten Stand“, der durchs Roster der Demokratie gefallen sei. Eine Anknüpfung also an eine der Triebfedern für die revolutionären Bewegungen vor hundert Jahren. Und weil Rau noch immer auch für seine Reenactments bekannt ist, spielt er in der Folge den Sturm aufs Winterpalais am Berliner Reichstag nach. Nun ist die Schaubühne aber in erster Linie ein (Repertoire-)Theater und benötigt Futter für den Spielplan. Womit wir bei Punkt eins von Raus Oktoberrevolutions-Dreigestirn sind. Ein Theaterabend namens Lenin über den lange ikonischen und längst ausrangierten Revolutions- und Staatsführer. Die Pflicht steht eben auch für einen Theatermacher vor der Kür.

Bild: Thomas Aurin

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Mit offenen Augen

Das Theatertreffen 2017 gibt seine Auswahl bekannt

Von Sascha Krieger

Natürlich lässt sich auch über den neuesten Theatertreffen-Jahrgang trefflich herziehen. Einfach macht es die Jury dem Nörgler jedoch nicht. Die Zahl der übergangenen Inszenierungen, die es unbedingt ins Festspielhaus hätten schaffen müssen, ist überschaubar. Eigentlich fehlt nur Christoph Marthalers Volksbühnen-Abschied wirklich, auch wenn Sebastian Hartmanns Berlin Alexanderplatz oder Thomas Ostermeiers Professor Bernhardi vermutlich keine Proteststürme ausgelöst hätten. Das Spektrum ästhetischer Ansätze ist groß, vier Debütanten sind dabei, zwei Häuser, die erstmals eingeladen sind, die angebliche „Provinz“ ist ebenso dabei wie die „neuen Länder“ und die freie Szene. sogar zwei fremdsprachige internationale Produktionen haben es geschafft, so manche Stückentwicklung ebenso. Einen geografischen weißen Fleck gibt es: Aus Österreich ist diesmal keine Inszenierung eingeladen. Eigentlich schön, dass die Jury offenbar wenig Proporzdenken an den Tag legte. Einzige Leerstelle: Weibliche Regisseurinnen, in den letzten Jahren das Rückgrat des Theatertreffens, fehlen diesmal fast ganz. Ein Makel, sicher, aber einer, den so manches an der Auswahl aufwiegt.

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

Die Jury bei der Bekanntgabe der Auswahl (Bild: Sascha Krieger)

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„Dann beginnt die Tragödie“

Milo Rau: Empire, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin / International Institute of Political Murder (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Wo findet Geschichte eigentlich statt? Auf den Schlachtfeldern, in den „Situation Rooms“, in den Trümmerlandschaften zerbombter Städte und den Schreckensbildern atemloser Nachrichtensender, in dem, was wir die Öffentlichkeit nennen? Wie schon in den ersten beiden Teilen seiner Europa-Trilogie, The Civil War und The Dark Ages, beginnt Milo Rau auch Empire in diesem Außen, das wir für die Welt halten. Eine ausgebrannte Hausfront ist es diesmal, die Rau in die Mitte der Bühne gestellt hat. Sie könnte aus Berlin stammen, anno 1945, oder dem Aleppo des Jahres 2016. Doch kaum geht das Licht an, machen sich schon vier Menschen daran, die Fassade umzudrehen und ihre Rückseite preiszugeben. Eine Küche sehen wir, den Nachbau jener der Mutter von Ramo Ali, syrisch-kurdischer Schauspieler, und einer der Protagonisten dieses Abends. Milo Raus Trilogie ist buchstäblich ein Blick hinter die Kulissen, hinter das, was wir sehen, wenn wir den Fernseher anmachen oder ein Geschichtsbuch aufschlagen. Er bringt uns dorthin, wo der Krieg wütet, wo die wunden geschlagen, die Toten beweint, die Gräber geschaufelt werden. Nach einem belgischen Wohnzimmer und dem Büro eines bosnischen Menschenrechtsaktivisten nun also eine selbst geschreinerte Küche im türkisch-irakisch-syrischen Grenzland, selbst eine wunde, zugefügt von dem „Empire“, das hier gemeint ist, Europa, das einst die Welt zerschnitt, um seine Macht zu festigen. Die kugeln, die es damals abschoss, fliegen noch heute.

Bild: Marc Stephan

Bild: Marc Stephan

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Was Theater kann – und was es darf

Milo Rau: Five Easy Pieces, IIPM – International Institute of Political Murder / CAMPO Gent / Sophiensaele, Berlin (Regie: Milo Rau) – eingeladen zum Theatertreffen 2017

Von Sascha Krieger

Natürlich dürfe man das nicht machen – da waren sich belgische Medien und die deutsche Bild-Zeitung schnell einig, als Näheres zu Milo Raus erstem Projekt mit Kindern bekannt wurde. Eine Theaterarbeit zu Marc Dutroux, dem berüchtigten belgischen Kindermörder, der sechs Mädchen entführte, gefangen hielt, missbrauchte und vier von ihnen ermordete, bestritten von sieben Mädchen und Jungen zwischen acht und 13 Jahren. Milo Rau, gefeierter Star des Dokumentartheaters, geht dahin, wo es weh tut: Er hat Abende über Bürgerkrieg gemacht, über Genozid, die dunkle Rolle der westlichen in der so genannten dritten Welt, über die Menschenrechte in Russland oder über den norwegischen Terroristen Anders Breivik. Dass seine erste Arbeit mit Kindern, kein harmloses Stück über das Erwachsenwerden sein würde, werden die Verantwortlichen von CAMPO Gent, spezialisiert auf Theaterprojekte mit Kindern, gewusst haben, als sie Rau zur Zusammenarbeit einluden. Aber ausgerechnet Dutroux? Wie kann man Kindern ein solches Thema zumuten? Darf Theater das?

Bild: Phile Deprez

Bild: Phile Deprez

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Der verloren gegangene Kontinent

F.I.N.D. 2016 – Milo Rau: The Dark Ages, Residenztheater, München (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Es sind fröhliche Bilder, die uns Milo Rau zu Beginn von The Dark Ages, dem zweiten Teil seiner Trilogie zu Zustand, Befindlichkeiten und Komplexen dieses seltsamen Kontinents namens Europa zeigt. Eine Hochzeitsgesellschaft, strahlende, feiernde Menschen verewigt in die leicht verschneiten Bildern und verwaschenen Farben einer Videoaufnahme aus den frühen 1990er-Jahren. Vor den Bildern sitzt Sudbin Musić, ein bosnischer Menschenrechtsaktivist, der mit 18 knapp einem Massaker in seinem Heimatort entging und anschließend ein serbisches Konzentrationslager überlebt hat. Jetzt hilft er ehemaligen Leidensgenossen bei ihrer schwersten Aufgabe: weiterzuleben. Er sitzt in einem Nachbau seines Büros, voller Akten, Bücher, Bilder, Karten, Erinnerungsstützen und erzählt mit ruhiger Stimme und traurigem Blick vom Entwurzeltwerden, von den fröhlich Feiernden, von denen kaum einer noch lebt, von dem Tag, an dem er hätte sterben sollen und durch einen Zufall gerettet wurde, vom ermordeten Vater, dessen Bergung aus einem Brunnen er Jahre später beiwohnte und dessen Schädel er in den Händen hielt, von der Heimatlosigkeit des von einem Flüchtlingslager zum anderen Weitergereichten.

Bild: Thomas Dashuber

Bild: Thomas Dashuber

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Falsches Mitleid, echter Müll

Milo Rau: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Reden wir über Realität auf der Bühne. Das sind ja alles Moden, sagt Ursina Lardi. Früher gab es Chöre von Arbeitslosen, dann Behinderte. Heute halt Flüchtlinge. Um „völlige Gegenwart“ ginge es, doch kann diese mehr sein als Behauptung? Schon ihre Gegenwart ist brüchig: Da trennt sich der ernsthafte Blick ihres Gesichts auf der riesigen Leinwand von der real vor ihr stehenden sich selbst skeptisch anblickenden Lardi. Alles falsch: die Behauptung von Wirklichkeit im Theater, die Betroffenheitsmechanismen, das Mitleid. Das auch nicht so recht funktionieren will: Emotionslos hält sie das um die Welt gegangene Bild des ertrunkenen syrischen Jungen in die Kamera, staunt über die Effektivität der Durchgangslager an der griechisch-mazedonischen Grenze und darüber, dass alle Flüchtlingen aussähen wie Hipster. Wo das Mitleid Konsens ist, hat es keine Bedeutung.

Bild: Daniel Seiffert

Bild: Daniel Seiffert

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Im Namen der Väter

F.I.N.D. 2015 – Milo Rau: The Civil Wars, International Institute of Political Murder (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Die Realität ist eine scharfe Waffe, auch und gerade im Theater. Davon ist der Schweizer Theatermacher überzeugt und bringt immer wieder, oft in Form von „Re-Enectments“ die Wirklichkeit in den behaglichen Schutzraum Theater. Er hat die Prozesse gegen Pussy Riot ebenso auf die Bühne gebracht wie die terroristische Logik eines Anders Breivik, er hat anhand hetzerischer Radiosendungen aus Ruanda die Anatomie eines Genozids veranschaulicht. Wahrscheinlich schwebte ihm ähnliches vor, als er sich aufmachte, das verstörende Phänomen junger, inmitten unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft aufgewachsener Menschen zu erkunden, die sich entschlossen haben, in den „heiligen Krieg“ zu ziehen, weit weg, in Syrien oder im Irak. Doch dann passierte etwas Seltsames: Je länger er diesen Geschichten zuhörte, desto weniger fremd erschienen sie ihm, desto alltäglicher, normaler. Und so ist aus einer Seismographie des Terrors ein ganz anderer Abend geworden, eine verstörende Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, die fragiler ist als wir es uns eingestehen wollen, die zwischen Gewalt und Wahnsinn schwankt und in der die klaren Antworten, welche die islamistischen Anstachler geben, ein willkommener Ausweg sind, ein Sehnsuchtsort gar für ein Leben jenseits der Beliebigkeit.

Foto: Marc Stephan

Foto: Marc Stephan

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Wenn Worte töten

Theatertreffen 2012 – Milo Rau: Hate Radio, International Institute of Political Murder / Kigali Genocide Memorial Centre / Hebbel am Ufer, Berlin u. a. (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Zwischen April und Juli 1994 fand im zentralafrikanischen Ruanda der größte Völkermord seit Ende des 2. Weltkriegs statt: Innerhalb von gerade 100 Tagen starben unterschiedlichen Schätzungen zufolgen zwischen 800.000 und über einer Million Menschen – vor allem Angehörige der Tutsi-Minderheit, aber auch moderate Angehörige der Hutu-Mehrheit. Nachbarn töteten Nachbarn, quälten und zerhackten ihre Opfer auf bestialischste Weise, vergewaltigten Hunderttausende Frauen, ermordeten Kinder vor den Augen ihrer Eltern. Bewaffnet waren die Mörder dabei nicht nur mit Messern und Macheten – ihre ideologische Munition erhielten sie von einigen Massenmedien, insbesondere einem Radiosender namens RTLM (Radio Télévision Libre des Mille Collines), der erst 1993 gegründet wurde und eine wesentliche Rolle bei Vorbereitung wie Durchführung des Genozids spielte. Der Schweizer Theatermacher Milo Rau hat mit seinem  International Institute of Political Murder aus mehr als tausend Stunden Archivmaterial einen verstörenden knapp zweistündigen Abend gemacht, in dessen Zentrum eine nachgestellte Sendung des RTLM steht. In Echtzeit lässt er sein Publikum erleben, wie Propaganda funktioniert und wie Worte und Musik zu tödlichen Waffen werden können.

Milo Rau (Foto: Nina Wolters)

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