Archiv der Kategorie: Mikael Torfason

Menschen, Ratten, Götter

Nach Homer, neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason: Eine Odyssee, Volksbühne Berlin (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson)

Von Sascha Krieger

Dem isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson, seit dieser Spielzeit für die kommenden zwei Jahre Schauspieldirektor der Berliner Volksbühne, haben es die Mythen, die großen Ursprungserzählungen unserer Welt angetan. Am Schauspiel Hannover hat er die seiner Heimat, Die Edda, zu einer vielschichtigen theatralen Reglexions-, Bilder- und Zeitmaschine transformiert, große Bögen über noch größere Menschheitsfragen geschlagen. An der Volksbühne ist es nun eine Erzählung, die zu den Kernnarrativen (auch mittel)europäischer Kultur gehört: jene von den Irrfahrten des Heerführers, der im Alleingang und mittels einer List den trojanischen Krieg gewann, jenen, der alle Kriege beenden sollte – ein an diesem Abend mehrfach fallender Satz, der bekanntlich einst auch den Weltkrieg beschreiben sollte, den wir heute den ersten nennen. Und der, wie wir heute wissen, nur der Anfang war. Auch bei Homer: Denn wo der Krieg endete, mit der Ilias, begann die Irrfahrt, das Verlaufen der Menschheit, die bis heute den Weg zurück in ihr friedliches Zuhause finden konnte.

Bild: Vincenzo Laera

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Die Welt ist eine Frage

Die Edda. Neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason, Schauspiel Hannover (Regie: Thorleifur Örn Arnarsson)

Von Sascha Krieger

Das Timing ist exzellent: Gerade wurde Thorleifur Örn Arnarsson als neuer Schauspieldirektor der Volksbühne vorgestellt, da kommt er schon mit seiner wohl am meisten gefeierten Arbeit aus Hannover zum Gastspiel vorbei. Zumal es in ihr schwerpunktmäßig ebenfalls um die Zeit geht. Zeitlos, überzeitlich – solches sagt man wohl über Sagenkomplexe wie den der Edda, die isländische  Nationalmythik, jenes Konvolut, in dem die nordischen Mythenwelt wohl am eindrucksvollsten ausgebreitet wurde und das – man denke nur an die Nibelungen – auch hierzulande mehr als nur Spuren hinterlassen hat. In der halbstündigen Pause erläutert denn auch ein „Experte“ das Konzept der Zeit, den Widerspruch zwischen zyklischer Zeit, wie sie sich in den alten Mythenwelten, aber auch bis heute etwas in der Agrarwirtschaft findet, und der linearen, die mit dem Christentum Einzug hielt. Er verortet die Edda an der Schnittstelle zwischen beiden, Ziel und Wiederkehr, alte Zeit und Neue, Wiederholung und Fortschritt. Ein Zwischenreich, wie es Arnarsson denn auch auf die Bühne stellt. Die ihm Wolfgang Menardi gebaut hat. Eine schneebedeckte Fläche, die dezidiert Theaterort ist. An den Wänden stehen allerlei Requisiten, kulturelle Artefakte auch, die römische Wölfin etwa oder der des Kreuzes verlustig gewordene Jesus. Ein Ort, der Werden und Vergehen sieht, Präsenz und Illusion. Ein Welttheater.

Spielort des Berliner Gastspiels: die Volksbühne Berlin (Bild: Sascha Krieger)

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