Archiv der Kategorie: Michel Houellebecq

Der Westen ist ein Hanswurst

Michel Houellebecq: Unterwerfung, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Karin Beier)

Von Sascha Krieger

Am 7. Februar 2015 erschien in Frankreich ein Roman. Nein, nicht irgendeiner, sondern das neue Buch von Michel Houellebecq, zerrissenes Genie, Enfant terrible der internationalen Literatur, Provokateur, einer, der genüsslich Finger in Wunden legt, mit vermeintlichen Tabus spielt, Chronist des Lebens- und Weltekels des westlichen Intellektuellen, Endzeitprophet einer ob ihrer selbstgewählten Schwäche kollabierenden Gesellschaft. In Unterwerfung tut sie genau dies: Sie fällt in sich zusammen, kapituliert gegenüber einem klar umrissenen Wertesystem, einfachen Antworten, einer Weltsicht, die attraktiv scheint, weil sie das Unübersichtliche einer postmodernen Welt in ein leicht konsumierbares Erklärungskorsett presst. Dass es sich dabei um den Islamismus handelt, ist da beinahe zweitranging. Oder doch nicht. Der Roman wurde als Schreckensvision gelesen oder als Sehnsucht nach einer Rückkehr der Werte, als liebäugelnd mit einem „gemäßigten“ Islamismus und als islamophob. Zumal am 7. Febriar 2015 noch etas anderes passierte: Islamistische Attentäter ermordeten elf Menschen in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, deren gerade erschienene Ausgabe eine Karikatur Houellebecqs zierte. Ein Angriff auf die offene westliche Gesellschaft und die Meinungsfreiheit.

Bild: Klaus Lefebvre

Bild: Klaus Lefebvre

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„Politisiert wie ein Handtuch“

Nach Michel Houellebecq: Unterwerfung, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Das muss man auch erst einmal hinbekommen: Da wuchtet Regisseur Stephan Kimmig mit Michel Houellebecqs Vision einer muslimischen Machtübernahme im Land von Liberté, Égalité und Fraternité einen der kontroversesten Romane der vergangenen Jahre auf die Bühne, einen, der seit seinem Erscheinen angesichts islamistischen Terrors und einer Zunahme islamfeindlichen Rechtspopulismus‘ an noch mehr Aktualität gewonnen hat, als er ohnehin schon besaß, und die brennendste Frage, die sich dem mehr oder weniger geneigten Zuschauer nach gut zwei Stunden stellt, ist: War was? Aus einem Stoff wie diesem, aus einer so scharfen wie bitteren Anklage der vom Autor als rückgratlos diagnostizierten und weitgehend wertentleerten westlichen Gesellschaft, einen derart harmlosen und nichtssagenden Theaterabend zu extrahieren, macht Kimmig und dem deutschen Theater so schnell keiner nach.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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So klein der Mensch

Nach Michel Houellebecq: Les particules élémentaires (Regie: Julien Gosselin)

Von Sascha Krieger

Wer hätte das gedacht? Eigentlich, so erzählt uns der gerade 27-jährige französische Theatermacher Julien Gosselin ganz am Ende, ist der Roman Les particules élémentaires (Elementarteilchen) von Michel Houellebecq eine Würdigung des Menschen, mitsamt seiner Fehler, des ewigen Widerstreits von Vernunft und Trieb, der Zufälligkeit genetischer Disposition. Da stehen sie, die neuen, perfekten, Fortpflanzung und Individualität erhobenen Wesen auf der Bühne des Festivals „Foreign Affairs“ – wir schreiben das Jahr 20176 – und prosten der Menschheit zu. Es ist ein versöhnliches, beinahe optimistisch zu nennendes Ende, das der Intention des Autors, der seine irgendwo zwischen Utopie und Dystopie schlingernde Zukunftsvision durchaus ernst gemeint hat, womöglich nicht so ganz entspricht – dem Abend und der künstlerischen Interpretation des Stoffen durch den jungen Regisseur ist es durchaus angemessen.

Foto: Simon Gosselin

Foto: Simon Gosselin

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In der reproduzierten Welt

Autorentheatertage 2012 – Karte und Gebiet (nach dem Roman von Michel Houellebecq), Düsseldorfer Schauspielhaus (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Möchte man eine Romanadaption rezensieren, ist der erste Reflex, den Roman zum Vergleich heranzuziehen. Und schnell wird klar: Da fehlen wichtige Handlungsstränge, die Komplexität wird vermisst, Erzählstrenge und Figurenzeichnungen zu stark vereinfacht und so weiter. Natürlich ist das auch so, wenn Falk Richter Michel Houellebecqs letzten Roman dramatisiert. Es lässt sich trefflich streiten, ob ein solcher Ansatz zielführend ist, in jedem Fall gibt es eine Alternative: Man sieht das, was auf der Bühne passiert, einfach als eigenständiges Werk an und stellt an dieses die Frage, was es dem Zuschauer zu sagen vermag und ob das auch funktioniert. Dabei lässt sich die Herkunft selten verleugnen: Romanadaptionen tendieren zum Episodenhaften und Epischen und das ist auch bei Karte und Gebiet so. Und trotzdem funktioniert der Abend ziemlich lange gut, obwohl oder gerade weil er den Roman radikal auf wenige Personen, Handlungsstränge und Themen reduziert. Was Richter auf die Bühne bringt, ist das fragmentarische Porträt eines in der Welt Verlorenen, der am Ende seine Verlorenheit annimmt, ohne seinem Leben mehr Sinn geben zu können. Hinzu kommt eine Auseinandersetzung mit der Produktion von Werten, Bedeutung, Leben, am Beispiel des Kunstbetriebs. Richter gelingt eine enge Verzahnung der Themenkomplexe, ohne die fiktive Biografie zu opfern oder auch in eine bloße Persiflage abzukippen. Mit zunehmender Dauer des Abends dünnt sich die anfängliche Dichte der Inhalte und theatralen Mittel spürbar aus und es verfestigt sich der Eindruck, die Inszenierung hätte nichts mehr zu sagen bis hin zum Abdriften in Gemeinplätze und eher plumpen Kulturpessimismus. Ein weitgehend gelungener Abend, dem jedoch insbesondere nach der Pause deutlich die Luft ausgeht.

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