Archiv der Kategorie: Maxim Gorki

Familien-Bande

Maxim Gorki: Die Letzten, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

„Die Familie, das ist unser Schutz vor allen Feinden.“ Und Feinde sieht Iwan überall außerhalb der „Feste“, welche die Familie sei. Terroristen, Demokraten, Liberale. Egal. Am besten einmauern. Maxim Gorkis Die Letzten, im vorrevolutionären Russland verboten und 1910 in Berlin von Max Reinhardt uraufgeführt, ist das Porträt einer toten Gesellschaft, die aussperrt, um sich schlägt, wütet im Todeskampf, repräsentiert in der gesellschaftlichen Kerneinheit Familie. Willkommenes Futter für das Theater, das den Namen des Autors trägt und den ungarischen Regisseur András Dömötör, der sich mir Vorliebe an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, vor allem den demokratiegefährdenden abarbeitet. Und sehen wir nicht dieses Zurückschagen des Autokratischen, des Patriarchalen, dieses alles Außenstehende zu Feinden erklärende, gerade wieder? In den USA, in Europa, nicht zuletzt im Heimatland des Regisseurs – in dem des Autors sowieso? Ein Zurückschlagen, von dem derzeit allerdings alles andere als sicher ist, dass es ein letztes Aufbäumen ist.  Die Hoffnung, so heißt es, sterbe zuletzt. Aber tut sie es am Ende nicht vielleicht doch?

Bild: Esra Rotthoff

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Nach Sonnenuntergang

Maxim Gorki: Sommergäste, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Daniela Löffner)

Von Sascha Krieger

Am Anfang geht die Sonne unter. Das heißt, eigentlich geht sie auf. Ein einzelner Scheinwerfer erstrahlt in gleißend warmem Gelb und entschwindet auf Nimmerwiedersehen durch die Bühnendecke. Was bleibt, ist Zwielicht. In ihm eine erstarrte Gesellschaft, gefangen im rostigen Kasten ihrer Existenz (Bühne: Claudia Rohner), untergegangen schon, bevor wir ihnen begegnen. Maxim Gorkis Sommergäste erblickte das fahle Licht seiner Welt im Jahr 1904. Im Jahr darauf scheiterte die erste russische Revolution – der Anfang vom Ende einer totgelaufenen Welt, die zwölf Jahre später endgültig zusammenbrach. Die Endzeitstimmung ist überall zu spüren in Gorkis Stück und Daniela Löffner, die zuletzt mit ihrem Turgenjew-Abend Väter und Söhne brillierte, macht sie zum Kern ihrer Inszenierung. Die Figuren können nicht raus aus dem Kasten, bleiben da, selbst wenn sie gerade nicht in der Szene sind. Warten, ob sie gerade handeln oder nicht, tun nichts anderes, „überflüssige Menschen“ par excellence. Man kennt das noch von den Arbeiten Jürgen Goschs, dessen Regieassistentin Löffner war: Auch bei ihm verharrten die Darsteller oft die ganze Zeit auf der Bühne, auch bei ihm waren sie eingepfercht in meist noch viel engeren Bühnenkästen, gebaut von Johannes Schütz, den Rohner hier deutlich zitiert.

Bild: Arno Declair

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Endstation Abflussrohr

Maxim Gorki: Nachtasyl, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Ganz unten: Michael Thalheimer nimmt die soziale Verrottung der Bewohner von Maxim Gorkis Nachtasyl wörtlich. Seine Gestrauchelten, Gefallenen und Gestrandeten, seine aus der Gesellschaft Aussortierten stecken fest dort, wo sie keiner sehen muss, in einem riesigen Kanalrohr, Ausgeschiedene der Leistungsgesellschaft, die nicht mehr Gebrauchten, menschliche Abfälle allesamt. Wenn Thalheimers 90-minütige Kondensation von Gorkis Vierakter beginnt, ist die Spülung längst betätigt, die Kanalisation verstopft mit all jenen, die auf der Strecke geblieben sind. Gorkis sozialkritische Komponente fehlt weitgehend bei Thalheimer, sie gehört zur Vorgeschichte, die längst passiert ist. Was wir sehen, ist das Ergebnis einer sozialen Auslese, die streng darauf bedacht ist, die Verlierer möglichst unsichtbar zu halten. Hier ist der sozialen Gosse, bleiben sie unter sich, lebende Tote, in der Vergangenheit gefangen oder den eigenen Fieberträumen, was letztlich egal ist. Da ist kein Leben mehr, nur der immer zwanghaftere Drang danach, der sich schon lange nicht mehr erfüllen lässt.

Foto: Katrin Ribbe

Foto: Katrin Ribbe

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Keine Eier

Maxim Gorki: Wassa Schelesnowa, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Es ist kalt im Deutschen Theater an diesem Abend. Das Thermometer, gäbe es eines,  zeigte es vermutlich nicht an, und doch sitzt das Publikum inmitten einer Eislandschaft. Das beginnt mit dem Stahlträger-Bühnenskelett von Katja Haß und setzt sich sogleich fort in der Darstellung der Familie, um die es hier geht: Kernzelle der Gesellschaft, Quell ihres Überlebens, Grundeinheit der Wirtschaftsordnung und zugleich kaum noch qualmende Ruine. Maxim Gorki erzählt in Wassa Schelesnowa von einer untergehenden Gesellschaft – in Stephan Kimmigs Inszenierung scheint der bevorstehende Zusammenbruch noch näher. Zwischen dem nackten Stahl laufen Gestalten in Bademantel und Unterwäsche herum. Nein, die Fassade, hier sei noch etwas zu retten oder gar intakt, ist längst niedergerissen in dieser Niedergangsgeschichte eines Familienunternehmen, die doch so vielmehr sein soll – und hier, am Deutschen Theater, auch ist. Wenn sich die Familie zunächst versammelt, um ein Wiegenlied zu singen, lullt das niemanden mehr ein, sie selbst am wenigsten.

Spielort von Amphitryon und sein Doppelgänger beim Theatertreffen 2014: das Deutsche Theater (Foto: Sascha Krieger)

Foto: Sascha Krieger

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Grau ist die Hoffnung

Maxim Gorki: Kinder der Sonne, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Wenn das Bühnenlicht angeht in Nurkan Erpulats Inszenierung von Maxim Gorkis Kinder der Sonne ist der Lack eigentlich schon ab, die Fassade gebröckelt. Zentimeterdick ist die Staubschicht, die den Bühnenboden bedeckt, alles Mobiliar ist abgestellt und mit schwarzen Tüchern abgedeckt. Da muss erst Sema Poyraz als Dienerin Antonowna kommen und die Bühne fegen, da kümmern sich acht Statisten in grauer Handwerkerkleidung darum, die Abdeckungen zu entfernen und die Kronleuchter hochzuziehen. Und sie bleiben auf der Bühne: Per Hand halten sie die Leuchter in Position, stemmen sie die fußlose Tischplatte. Nur solange sie ihre Rolle spielen – und erst wenn sie ihren Job angetreten haben – kann die versammelte Gemeinschaft der Wissenschaftler und Künstler und gelangweilten Bourgeoisen sich ihrem Debattieren und Nörgeln, ihrem endlosen Geschwätz und ziellosen Handeln, ihrem ewigen Um-Sich-Selbst-Kreisen hingeben. Wenn gegen Mitte des Abends die stummen Statisten Pause machen, kommt das Geschehen minutenlang zum erliegen. Ohne sie geht hier nichts, muss die elitäre Gesellschaft warten.

Drinnen wie draußen herrscht Winter: das Maxim Gorki Theater (Foto: Sascha Krieger)

Drinnen wie draußen herrscht Winter: das Maxim Gorki Theater (Foto: Sascha Krieger)

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Langeweile mit Retriever

Maxim Gorki: Sommergäste, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Alvis Hermanis)

Von Sascha Krieger

Gut, sprechen wir zunächst über diese Bühne. Kristīne Jurjāne hat Alvis Hermanis das Innere einer verfallenen Villa gebaut, von der sich ahnen lässt, dass sie einst glanzvoll, prächtig, eindrucksvoll und einladend gewesen sein muss. Ein riesiger, ausladender (Ball?)Saal, mit großen Glasfronten, einer vollverglasten Galerie und einem den Saal mit Sone flutenden Oberlicht. Allerdings: Das ist lange her. Jetzt bedecken Efeu und Moos die Wände, blättert der Putz, sind die Scheiben milchig-verdreckt oder gar herausgebrochen, dringt durch die das Glasdach bedeckenden Blätter und Moos nur noch wenig Licht hinein. Der Boden wurde schon lange nicht mehr gesäubert, in der Mitte steht ein ranziges Sofa, in einer Ecke ein Bettengerippe, in einer anderen eine alte Badewanne, überall sind Bücher verstreut. Irgendwann hat mal jemand einen Sicherungskasten angebracht, von dem die Kabel herunterhängen. Jurjāne und Hermanis sind Spezialisten für Bühnenbilder, die Hyperrealismus und Symbolik auf kongeniale Weise verbinden und sie haben für Sommergäste vielleicht ihr Meisterwerk geschaffen. Das Porträt einer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und intellektuuellen Elite, die schon längst jede Form von Ziel, Sinn und Verantwortung verloren und aufgegeben hat und nur noch mechanisch dahinvegetiert – besser, prägnanter, eindrucksvoller lässt es nicht visualisieren.

Foto: Thomas Aurin

„Ganz schön langweilig, unser Picknick!“ (Foto: Thomas Aurin)

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Maxim Gorki: Kinder der Sonne, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Kinder der Sonne, geschrieben in Folge und unter dem Einfluss der gescheiterten russischen Revolution von 1905, ist ein Stück über Gegensätze. Auf der einen Seite die „Kinder der Sonne“, die russische Intelligenz, erfüllt vom Glauben, für das Wohl der breiten Masse zu arbeiten, aber eingeschnürt in ihrer eigenen kleinen Realität. Auf der anderen steht der Pöbel, stumpf, unidealistisch, gewalttätig. Aus dieser Spannung zieht das Drama seine Energie, seine Wirkung. Nur vor dem Hintergrund des Außen, der wahren Welt, sind die narzisstischen, um sich selbst drehenden Diskussionen der Möchtegern-Weltverbesserer zu verstehen, nur vor ihm haben sie eine dramatische Funktion. Kinder der Sonne ist ein zutieft pessimistisches Stück: Weder die Elite, noch das Proletariat erscheinen hier als Motoren eines Wandels zum Besseren.

Stephan Kimmig nimmt zwei zentrale Änderungen vor: Erstens verlegt er das Geschehens in die heutige Zeit (wie Gorki es in die Vergangenheit schob), zweitens blendet er den Pöbel, das einfache Volk fast vollständig aus. Übrig bleibt nur der Hausmeister Jegor, der ein bisschen pöbeln darf, einige clowneske Momente hat, aber eher lächerlich als bedrohlich wirkt. Einmal darf er mit einem Hammer den von Katja Haß gebauten Stangenwald malträtieren. Ein Bild der Bedrohung der fragilen Innenwelt durch die Gewalt der Realität, dass in seiner Einfalls- und Hilflosigkeit seinesgleichen sucht.

Mit der Beschneidung des Personals und dem Bühnenbau endet dann auch die Regiearbeit Kimmigs weitgehend. Er stellt einfach ein Ensemble auf die Bühne, das jeden Theaterliebhaber mit der Zunge schnalzen lässt. Ulrich Matthes, Nina Hoss, Sven Lehmann oder Katharina Schüttler, so meint er, werden schon etwas draus machen. Und natürlich tun sie das, jeder für sich. Matthes spielt den Protassow als weltfremden lächerlichen Jammerlappe weit jenseits der Grenze zur Parodie, Nina Hoss spielt jede Schattierung des Gelangweiltseins durch, Lehmann probiert jede Nuance aus, die seine schnarrende Stimme hergibt und ergeht sich ansonstem in einem spöttischen Lächeln, das den Eindruck erweckt, es gelte der Inszenierung selbst. Nur Katharina Schüttler fühlt sich sichtlich unwohl und erscheint irritiert ob des behaupteten Weltschmerz, den sie darstellen soll. Ihre Lisa ist in der Verweigerung des oberflächlichen Leidens vielleicht die authentischste Figur.

Ansonsten spielt man vor sich hin und nebeneinander her, wird von Zeit zu Zeit zu bedeutungsschwangeren Tableaus aufgestellt, die eher das Niveau eines Fotoshootings für „Germany’s Next Topmodel“ haben, und wartet ansonsten auf den Vorhang. Da ist keine Spannung, zum einen weil der Reibungspunkt der feindlichen Außenwelt, der „echten“ Realität fehlt, aber auch weil sich Kimmig weigert, das ganze wenigstens als Kammerspiel, als Drama einer hermetisch abgeschotteten Parallelwelt, zu inszenieren, wenn nicht als Tragödie, dann wenigstens als Farce. Aber es ist nicht einmal eine ironische Darstellung einer überdrehten Mittelklasse von heute. Was da auf der Bühne zu sehen ist, sind Aufwärmübungen eines Schauspiel-Workshops. Machen Sie mal einen weltfremden Professor. Sehr schön. Und jetzt ist Mittagspause.

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