Archiv der Kategorie: Maxim Gorki Theater

„Zurück auf Anfang“

Necati Öziri gegen Heinrich von Kleist: Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch, Maxim Gorki Theater (Container) / Schauspielhaus Zürich, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

In Heinrich von Kleists Die Verlobung in St. Domingo ist die Welt aus den Fugen – und gleichzeitig noch in bester Ordnung. Die Sklaverei im heutigen Haiti ist abgeschafft, das Land versinkt in der Gewalt und Gegengewalt des Freiheitskampfs der ehemaligen Sklaven – und doch ist das Bild klar: hier die kultivierten Weißen, dort die blutrünstigen, auf Rache sinnenden Schwarzen. Das mag man differenzierter sehen – und die Literaturwissenschaft bemüht sich sein vielen Jahren darum – für Necati Öziri ist das Stück Ausdruck einer traditionell rassistisch geprägten Weltsicht. Weswegen er nun gegen den Text und die abstruse Liebesgeschichte zwischen Toni, Tochter eines Weißen und einer Schwarzen, und einem Schweizer Offizier, der von Toni und ihrer Mutter in eine tödliche Falle gelockt wird, Widerspruch einlegt. Zu einfach ist ihm ein Blick auf die Welt, der in Schubladen denkt, in Kategorien, in die der Mensch zu passen hat und die alles negieren, was nicht in ihnen Platz finden will. Dabei hat er in Regisseur Sebastian Nübling einen kongenialen Partner, der diese Sicht teilt und der diese Art der Einteilung zunächst lustvoll dekonstruiert, indem er mit ihr spielt. Die fünf Darsteller*innen mischen wild Identitätsvorgaben: Falilou Seck, der den schwarzen Rebellenführer gibt, ist behängt mit Strassbändern, die vielleicht an Zuckerkristalle erinnern, um Zucker geht es in seinen Reden stets. Kein martialischer Rebellenführer, sondern ein seltsames Glitzerwesen. Dominic Hartmann als Schweizer Offizier von Ried ist weiß geschminkt – und steckt in einem roten Pailettenkleid, während Dagna Litzenbergers französischer Revolutionsarmee-General im Federkopfschmuck einer brasilianischen Sambatänzerin auftritt.

Bild: Esra Rotthoff

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Verzweifeln als Chance

Heiner Müller: Herzstück, Maxim Gorki Theater (Container), Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Grau steht er da, der „Container“, neue Ausweicvh- und zusätzliche temporäre Nebenspielstätte des Maxim Gorki Theaters, in wenigen Wochen aufgebaut, nachhaltig, die Technik geliehen, die Baustoffe recyclebar. Ein Muster an Effizienz. Das Sebastian Nübling zur Eröffnung mit einer kleinen, unterhaltsamen, radikalen Ode an die Nicht-Effizienz bespielt, an die Verweigerung des Zielführenden. Eine solche ist auch Heiner Müllers kürzestes Stück, das Herzstück, 14 Zeilen gegen den Strich gebürstetes Liebesklischee. Das mit einer schönen Volte endet: Das Herz, das der erste Clown dem zweiten zu Füßen legen will, ist ein Ziegelstein, Symbol von Arbeit, Aufbauen, Produktivität. Und weil auch noch der  Satz „Arbeiten und nicht verzweifeln“ im kurzen Text steht, nimmt Nübling ihn als Ausgangspunkt für eine poetische Clownerie über die Arbeit und ihre Verweigerung. Statt zwei stehen nun sieben Clowns auf der leeren Bühne. oder eigentlich erst einmal einer. Dominic Hartmann versucht die Unterhaltunsmaschine in Gang zu bringen, bewegt sich breit grinsend zu zirzensisch jazzigen Musikfetzen, versucht die Mitstreiter*innen dazu zu bewegen, es ihm gleichzutun. Dabei ist er als Bühnen-Arbeiter „nur“ Imitator, was er später in einer Feedback-Runde auch zugibt. Einer, der den anderen ihre Posen und Bewegungen abschaut und sie spiegelt. Theater als Imitationsarbeit, als immer wieder scheiterndes Als-Ob.

Bild: Esra Rotthoff

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„Babba zahlt die Wurscht“

Nora Abdel-Maksoud: The Making-of, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Nora Abdel-Maksoud)

Von Sascha Krieger

Eine Riesensache sei das, das Projekt des Jahrhunderts: Stella Hilb grinst angestrengt von der Rampe, als sie das sagt, aus dem schwarzen Rechteck, das nicht zufällig an einen Bildschirm oder eine Filmleinwand erinnert und sich mit Hilfe eines herunterziehbaren Streifens in einen analogen Splitscreen verwandeln lässt. Wir befinden uns mitten in der Marketing-Hölle der modernen Filmwirtschaft: dem Making-Of, jenem Extra, das einen „Blick hinter die Kulissen“ und eine heile Welt harmonisch gemeinsamer künstlerischer Arbeit vorgaukeln soll. Ein Gottesdienst der Authentizität. Hier ist, wie man heute sagt, alles fake. Vier Darsteller*innen sitzen in ihren Rollen als Regisseurin und Stars einer in Bottrop spielenden Batman-Bearbeitung vor einer imaginären Kamera und spielen sich – oder genauer: ihre Rollen, wie diese sich selbst spielen. Oder so ähnlich. Authentizität, das weiß man im Geschäft, ist harte Arbeit. Da darf keiner aus der Reihe tanzen und vom Script abweichen. Deutungshoheit ist das Kapital, das zum anderen, echten, dem Geld führt, um das hier alles geht. Und so lächeln sie aggressiv von der Rampe und erzählen die ihnen vorgegebene Sicht der Dinge. Mit einem Fingerschnipsen erstreiten sie sich das Rederecht und schneiden dem Anderen das Wort ab. Der „ehrliche“ Blick hinter die Kulissen ist ein brutaler Machtkampf, ausgetragen über die tödlichste Waffe von allen: den Schnitt, für den Regisseurin Nora Abdel-Maksoud hier eine geniale analoge Entsprechung findet.

Bild: Esra Rotthoff

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Theater ohne Haltung

Jugend ohne Gott, ein Projekt von Nurkan Erpulat und Ensemble nach dem Roman von Ödön von Horváth, Bühnenfassung von Tina Müller: Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Ödön von Horváths Roman Jugend ohne Gott erschien 1937. In ihm beschrieb er die Verrohung einer Jugend unter Einfluss einer Gesellschaft, die jeder humanistischer Werte Verlust gegangen war. Er tat das aus Sicht eines Lehrers, der sich selbiger Werte noch erinnerte, aber längst zu opportunistisch geworden war, um sie offensiv zu verteidigen. Der kollektive Wertverlust ist auch heute wieder ein Thema, die Rolle der Jugend in der Gesellschaft pätestens seit Fridays for Future wieder in aller Munde und die in der Romanwelt als selbstverständlich geltenden rassistischen Einstellungen längst zurück auf dem Weg gesellschaftlicher Akzeptanz. Zeit also für einer Vergegenwärtigung? Damit fängt die Crux von Nurkan Erpulats neuem Abend schon an. Horváth erzählt von einer Gesellschaft, die bereits durch und durch totalitär und rassenideologisch verseucht ist, die jegliche Verbindungen zu demokratischem und humanistischem Gedankengut gekappt hat. Bei aller berechtigten Besorgnis: davon ist unsere Gegenwart noch weit entfernt, die Jugend, die sich zum Erstaunen und zur Scham der „Alten“ neuerdings wieder massenhaft in selbstständigem Denken und politischer Aktivität ergeht, erst recht. Da mag Jugend ohne Gott als Mahnung aus der Vergangenheit dienen oder als dystopische Zukunftsvision. Zur Beschreibung gegenwärtiger Zustände taugt das Buch kaum.

Bild: Esra Rotthoff

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Die Stunde der Mikrobrigade

Rimini Protokoll (Stefan Kaegi): Granma. Posaunen aus Kuba, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Stefan Kaegi)

Von Sascha Krieger

Wer ins Theater geht, kann etwas lernen. Zumindest, wenn eine Arbeit von Rimini Protokoll auf dem Spielplan steht. Zum Beispiel, was eine Mikrobrigade ist. So nennt man in Kuba Gruppen von Menschen, die gemeinsam ein Haus bauen. Laien, die so etwas noch nie gemacht haben, angeleitet von einem Profi. So begegnete man einst der Wohnungskrise im vom US-Embargo gebeutelten Land. Auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters kommt nun auch eine solche zum Einsatz. Ein Haus muss sie nicht bauen, das steht ja schon länger. Stattdessen lernt sie Posaune zu spielen. Profi-Musikerin Diana Sainz Mena hat ihre vier Mittstreiter*innen Milagro Àlvarez Leliebre, Daniel Cruces-Pérez und Christian Paneque Moreda angeleitet und jetzt, kurz nach der Premiere, klingt das schon ganz gut. Mit der Kuba-eigenen Mischung aus Zuversicht und Improvisation blasen und pusten sie sich durch 60 Jahre kubanische Revolution. Benannt ist der Abend nach der legendären Jacht, auf der Fidel Castro und Genossen 1956 von Mexiko übersetzten, um die Revolution zu starten. Was mit einem Massaker begann – von den 82 Gelandeten schafften es nur 22 durch den blutigen Empfang der Regimetruppen – endete mit der Machtübernahme vor ziemlich genau 60 Jahren.

Bild: Esra Rotthoff

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Recyclinghof mit Schlagseite

Yael Ronen & Ensemble: Third Generation – Next Generation, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Das Maxim Gorki Theater ist so etwas wie das gute Gewissen der deutschsprachigen Theaterlandschaft: Ethnisch divers, postmigrantisch, queer, feministisch macht es sichtbar, was und wen man auf anderen Bühnen auch im Jahr 2019 nicht tagtäglich findet. Auch wenn die Katalysatorwirkung der Bühne, deren Arbeit weit über die Berliner Grenzen hinausstrahlt, nicht zu bestreiten ist, lässt sich dem Eindruck, dass sich so manches andere Theater zurücklehnt im wohligen Wissen, „das Gorki“ mache das ja alles schon, dann müssen wir das nicht auch noch, nicht immer widersprechen. Nicht jedes Theater würde – wie im vorliegenden Fall – eine Premiere sausen lassen, damit die weiblichen Mitarbeiter*innen an einem „feministischen Streik“ teilnehmen können. Und weil das Gorki – Markenbildung kann man am Festungsgraben auch – immer vorn dabei ist, wenn es um gesellschaftliche Themen der Stunde geht, ist es auch besonders nachhaltig. Hier kommt nichts weg, was sich noch verwerten ließen. Das gilt auch für Inszenierungen.  In der letzten Spielzeit legte Nurkan Erpulat einen alten Hit vom Ballhaus Naunynstraße neu auf, jetzt tut es ihm Kollegin Yael Ronen gleich: Die dritte Generation an der Schaubühne war 2009 ihr erstes großes Erfolgsstück auf deutschsprachigen Bühnen.

Bild: Esra Rotthoff

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Schrödingers Mensch

Nach Motiven der Erzählung von Franz Kafka: Eine Bericht für eine Akademie, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Der kroatische Theatermacher Oliver Frljić ist nicht gerade dafür bekannt, sich zu mäßigen. Er liebt die Provokation, mag drastische Bilder und nutzt lieber den Vorschlaghammer als das Skalpell. In seinen Inszenierungen werden schon mal der Papst oral befriedigt oder Schauspieler Folter per Waterboarding unterzogen. Das verfehlt seine Wirkung selten: Wer Frljićs Namen googlet, wird schnell auch auf das Wörtchen „Skandal“ stoßen. Wenn er nun ausgerechnet am Berliner Maxim Gorki Theater arbeitet, diesem Hort der Diversität und Toleranz, an dem schon mal eine Premiere verschoben wird, damit sich die weiblichen Mitarbeiterinnen einem bundesweiten Frauentagsstreik anschließen können, ist er unter Freunden, Skandale eher nicht zu erwarten. Auch wenn er es nicht ganz lassen kann zu provozieren – im missglückten Einstieg schließt Sesede Terziyan mit heiligem Ernst als J .M. Coetzees Elisabeth Costello mal eben Shoa und Massentierhaltung kurz – weiß Frljić, dass er hier anders zu Werke gehen, sein Gift über andere Wege in die bürgerliche Seele träufeln muss.

Bild: Esra Rotthoff

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Eine Tüte Zweifel

Nach dem Roman von Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

„Irgendwo soll es doch bleiben. Wie es war. Wenigstens noch eine kleine Zeit.“ Es sind die letzten Worte, die Dimitrij Schaad an diesem Abend spricht. Und es könnten auch seine ersten sein. In Erich Maria Remarques Roman Die Nacht von Lissabon trifft ein mittelloser deutscher Emigrant in Lissabon, im Zweiten Weltkrieg für viele letzter Fluchtpunkt in Europa auf dem Weg nach Amerika, auf einen Österreicher, der ihm sein begehrtes Visum anbieten. Einzige Bedingung: Er muss sich eine ganze Nacht lang dessen Geschichte anhören. Die er so zumindest kurzzeitig bewahren will. Denn so wie das Vergessen irgendwann sein Leben tilgen wird, hat es die Emigration längst getan. Sein Leben ist ein Nichts, er ein Niemand. Ohne Heimat, ohne Namen, ohne Identität. Stets im Wartesaal, immer dazwischen. Nicht drinnen und nicht draußen, so wie die Parider Ringautobahn, auf der einst der Bataclan-Attentäter seinen Bus fuhr. Leere erfüllt auch die Bühne in Hakan Savaş Micans Bearbeitung im Berliner Gorki Theater. Ein Nirgends dieser Raum, dessen einziges Mobiliar – abgesehen von einem Aufbau für die vierköpfige Band – rechts vorn ein kleines Schreibtischchen mit Stuhl ist. Hier schreibt, erinnert, erfindet sich der Erzähler diese Leben im Zwielicht herbei, die verdrängten, nicht beleuchteten, an den Rand gedrängten.

Bild: Esra Rotthoff

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Bonbons der Selbstabschaffung

Thomaspeter Goergen nach Oscar Wilde (mit Texten von Orit Nahmias): Salome, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

So genannte abendländische Kultur, wir müssen reden. dein Frauenbild, weißt du. Das geht ja schon da los, wo wir immer vermuten, dass du deinen Ausgang hättest, geschichtsvergessen, wie wir in die Welt, die du schufst, Hinterhergeworfenen sind. Dieses Werk ohne Autor, dieses Buch mit den zwei Testamenten. Adam und Eva und so. Die Frau als Ursünderin, als Instinkt und Irrationales und zu bezwingende Natur. Ja, deine konstituierenden Frauengestalten gehen nicht mehr so recht. Es wird höchste Zeit, dass du und dein großes schwarzes Buch mal ihren #MeToo-Moment bekommen. Nehmen wir Salome. Stieftochter des Herodes, Mörderin des Täufers. Die verschmähte Liebende, die irrational impulsive Rächerin, die Verführerin, destruktive „Natur“ durch und durch. Gut gehalten hat sie sich, auch wenn die Oscar Wildes und Richard Strauss‘ dieser Welt die Geschichte neu interpretieren – die Titelfigur blieb, was ihr von Beginn an unterstellt wurde. Dabei hätte sie ihre eigenen #MeToo-Geschichten zu erzählen, ist sie doch Spielball, Opfer, Sündenbock widerstreitender Mächte, männlicher ideengeschichtlicher Blöcke, Opfer sexuellen Missbrauchs und seelischer Demütigung, eine Benutzte und Weggeworfene, vom männlichen Blick Definierte und aller eigenen Wertigkeit Beraubte.

Bild: Esra Rotthoff

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Kreuzigung per Hashtag

Nora Abdel-Maksoud: The Sequel, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Nora Abdel-Maksoud)

Von Sascha Krieger

George Orwells Roman 1984 entwickelt sich derzeit zu einer Art Lieblingsbuch der so genannten „Neuen Rechten“. Die dort stalinistischem Vorbild entspringende Gedankenpolizei, die Denk- und Sprechverbote, die „Neusprech“ genannte Umwidmung der Sprache im Dienste der Ideologie, die Umdeutung der Lüge zur Wahrheit, die Ausblendung und Verleugnung unbequemer Tatsachen, die Neuschaffung einer konstruierten Vergangenheit: All das sehen die Vorkämpfer der aktuellen Rechtsextremismus von AfD und Pegida über die „Identitären“ bis hin zu offen neonazistischen Bewegungen derzeit in den westlichen Gesellschaften am Werk. Ihr Hassobjekt Nummer eins: die so genannten „political correctness“, präsent in „Auswüchsen“ wie Gender Studies und diskriminierungsfreier Sprache, Feminismus, Antirassismus, Kampf gegen Hass auf LGBTIQ*. Entwicklungen, die in den Augen dieser Ideologen (absichtlich nicht gegendert) eine Meinungsfreiheit behindern, die für sie nur den Freibrief für Hetze und die Mundtotmachung politischer Gegner meint, also das genaue Gegenteil freier Meinungsäußerung und damit selbst ein Musterbeispiel Orwellscher Wahrheitsumkehrung.

Bild: Esra Rotthoff

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