Archiv der Kategorie: Maxim Gorki Theater

Der Wundenöffner

Oliver Frljić: Damned Be the Traitor of His Homeland!, Mladinsko Theatre, Ljubljana / Gastspiel im Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Acht Jahre alte ist Oliver Frljićs Damned Be the Traitor of His Homeland! mittlerweile, seine theatrale Abrechung mit den Folgen und Ursachen und Traumata und den nach wie vor glimmenden Lunten der gewaltsamen Auflösung Jugoslawiens, mit dem Erbe einer verlorenen und vielleicht schon immer illusorischen Heimat, den Wunden, die Vorurteile schlugen und wieder erzeugten, dem Hass auf andere und sich selbst, den Narben, die nicht verheilen, weil sie sorgsam verborgen werden. Der gerade 75-minütige Abend hebt an mit einem Konzert der Toten. Verstreut liegen sie auf der Bühne und spielen eine melancholische Melodie, die sanft anschwillt und sacht erstirbt, als eine*r nach der*m  Anderen die Bühne verlässt. Am Ende ruft nur noch einsam die Trompete in die Leere hinein. Dann bricht die Stimmung. Die Schauspieler*innen erzählen Todesmeldungen, fiktive, ihre eigenen, die des Autors. Sie kulminieren alle in einer Masturbationsszene eines Frljić-Stückes. Das Theater, die subversive Provokation der Bühne als Urgrund alles Leidens. Willkommen in der bitterbösen Frljićschen Ironie!

Das Maxim Gorki Theater (Bild: Sascha Krieger)

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Im Ende ist das Wort

Nach dem Roman von Sasha Marianna Salzmann: Außer sich, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Ein Zwischenraum, eine Transitzone ist der Ort, an dem Sebastian Nübling seine Dramatisierung von Sasha Marianna Salzmanns, ihres Zeichen Hausautorin am Maxim Gorki Theater, spielen lässt. Wie das Buch beginnt er am Istanbuler Flughafen. Mit einer Identitätskrise: „Ob ich ich bin“, spürt Hauptfigur Ali, die einmal Alissa hieß, den Grenzbeamten sich fragen. Eine Frage, die Salzmanns Buch durchzieht, die Geschichte eines Zwillingspaares, das von der späten Sowjetunion nach Deutschland verpflanzt wird, sich verliert und vielleicht wiederfindet. Eine Suche voller Ambivalenzen, in der Identität schon immer ein fragiles Wesen ist: die jüdische Familie, welche die russische Heimat verlässt, um im neuen Zuhause nie anzukommen. Alkohol und Depression, Leistungsdruck und Verdrängung sind die Mechanismen, die die älteren Generationen einsetzen, um die Möglichkeit einer definierbaren Identität behaupten zu können. Die Jungen haben einander und doch nicht sich selbst. Die Verdoppelung ist Kompensation für die fehlende Individualität, die/der Andere notwendig, um das Ich denken zu können. Wenn sie/er verschwindet, was bleibt dann von einer*m?

Bild: Esra Rotthoff

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Test bestanden

Marta Górnicka: Grundgesetz. Ein chorischer Stresstest am Brandenburger Tor im Rahmen des Tages der Deutschen Einheit 2018, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Marta Górnicka)

Von Sascha Krieger

Das Wort „Stresstest“ ist ein relativ neuer Eintrag im kollektiven Wörterbuch. Es trat in der Folge der Finanzkrise von 2008 ins öffentliche Bewusstsein und bezeichnete die intensive Überprüfung der Fähigkeit von Finanzinstituten, zukünftige Krisen zu überstehen. Einem solchen wollte das Gorki Theater nun auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland unterziehen, ein Dokument, das zuletzt wohl stärker hinterfragt wurde als jemals zuvor in seiner Geschichte – mit der möglichen Ausnahme der Zeit um die deutsche Wiedervereinigung herum, als es starke Bestrebungen gab, das einst als Provisorium gedachte Dokument durch eine neue, gemeinsam erarbeitete deutsche Verfassung zu ersetzen. Es hat diese Herausforderung überstanden. Unbeschadet? Die polnische Regisseurin Marta Górnicka, die für ihre intensiven chorischen Arbeiten bekannt ist, nimmt sich das Büchlein mit seinen 202 Artikeln nun vor. Nicht irgendwann, sondern am Tag der deutschen Einheit. Und nicht irgendwo, sondern am Brandenburger Tor, Symbolort von Teilung und Mauerfall, derzeit teilweise bedeckt von einer Installation des Street-Art-Künstlers JR mit Bildern von 1989.

Bild: Sascha Krieger

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Die Fragen, mein Freund, kennt nicht einmal der Nebel

Albert Camus: Die Gerechten, Maxim Gorki Theater (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

In Albert Camus‘ Drama Die Gerechten stellt der Autor unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, ein „gerechter“ aus Sicht der Alliierten, die Frage nach der Rechtfertigung politischer Gewalt bis hin zum Attentat und Tyrannenmord. Ist die Tötung von Menschen gerechtfertigt, wenn sie der Idee einer besseren Welt folgt und womöglich den Weg zu ihr ebnet? Eine Frage, die in Zeiten von Selbstmordattentaten und weltweitem Terror längst beantwortet scheint. Und die doch ungemein relevant ist, denn entsprechen die Gründe, welche Camus‘ Protagonisten – das Stück ist im vorrevolutionären Russland des Jahrs 1905 angesiedelt – für ihre Taten vorbringen, nicht weitgehend den Selbstrechtfertigungen von Al-Qaida, IS und Co.? Und stellt sich angesichts einer zunehmenden Gefahr für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte selbst im Herzen Europas nicht auch perspektivisch wieder die Frage, wie weit man gehen dürfe, um höher stehende Werte zu verteidigen? Was muss passieren, damit die friedlichen Freiheits- und Demokratieverteidiger, die Kämpfer gegen Rassismus und Diskrimieriung zu militanteren Mitteln greifen? Kann das und vor allem darf das geschehen?

Bild: Esra Rotthoff

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Die Kunst, nein zu sagen

Yael Ronen & Ensemble: Yes but No, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Auf geht’s: Spielzeit Nummer sechs der Ära Langhoff/Hillje am Maxim Gorki Theater. Und was hat das in zwei der fünf Jahre zum Theater des Jahres gewählte Haus schon alles an gesellschaftlich relevanten Themen abgearbeitet. Orit Nahmias zählt sie auf: von Homphobie bis Rassismus, von der Verfolgung der Roma und Sinti bis Balkankonflikt, von Antisemitismus bis geflüchtete Menschen. Afrika sei noch nicht dran gewesen, wirft Taner Şahintürk ein, Asien auch nicht und Lateinamerika. Stoff für drei weitere Spielzeiten also, antwortet Nahmias. Der Eröffnungsabend der neuen Spielzeit am großen Haus beginnt mit einer Beruhigung: Wie gehen nicht so schnell wieder weg. Die nicht lang dauert, denn es geht um ein Thema, das Chemnitz, Maaßen und Co. erfolgreich verdrängt zu haben schienen: #MeToo, der Hashtag und die Bewegung, welche die Alltäglichkeit systemischer sexualisierter Gewalt, Belästigung und Unterdrückung vor allem (wenn auch nicht nur) gegenüber Frauen in den Blickpunkt rückte. Die überall auf der Welt erdebenartig durch die Gesellschaft zuckte und so manchen prominenten Täter entlarvte. Außer in Deutschland: Nach vielen tausend Tweets und Geschichten, gibt es aus kaum prominente Namen und nur sehr zaghafte Auswirkungen. Die Strukturen, die männlichen Machtmissbrauch befördern, wurden nicht erschüttert – auch und gerade am Theater nicht.

Bild: Esra Rotthoff

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Familien-Bande

Maxim Gorki: Die Letzten, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

„Die Familie, das ist unser Schutz vor allen Feinden.“ Und Feinde sieht Iwan überall außerhalb der „Feste“, welche die Familie sei. Terroristen, Demokraten, Liberale. Egal. Am besten einmauern. Maxim Gorkis Die Letzten, im vorrevolutionären Russland verboten und 1910 in Berlin von Max Reinhardt uraufgeführt, ist das Porträt einer toten Gesellschaft, die aussperrt, um sich schlägt, wütet im Todeskampf, repräsentiert in der gesellschaftlichen Kerneinheit Familie. Willkommenes Futter für das Theater, das den Namen des Autors trägt und den ungarischen Regisseur András Dömötör, der sich mir Vorliebe an aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, vor allem den demokratiegefährdenden abarbeitet. Und sehen wir nicht dieses Zurückschagen des Autokratischen, des Patriarchalen, dieses alles Außenstehende zu Feinden erklärende, gerade wieder? In den USA, in Europa, nicht zuletzt im Heimatland des Regisseurs – in dem des Autors sowieso? Ein Zurückschlagen, von dem derzeit allerdings alles andere als sicher ist, dass es ein letztes Aufbäumen ist.  Die Hoffnung, so heißt es, sterbe zuletzt. Aber tut sie es am Ende nicht vielleicht doch?

Bild: Esra Rotthoff

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Heidenspaß und Albtraum

András Dömötör, Kornél Laboda und Albert Benedek: Mephistoland, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

Zwei Jahre ist sie alt, András mDömötörs Arbeit im Studio des Maxim Gorki Theaters. Entstanden als Reaktion auf die Ereignisse in seinem Heimatland Ungarn. Dort hatte sich die rechte Órban-Regierung aufgemacht, die Gesellschaft nach ihrem Gusto umzugestalten und wie die, wie der Ministerpräsident es nennt, „liberale Demokratie“ abzuschaffen. Neben Medien, Bildung oder Justiz stand und steht dabei auch die Kunst im Fokus, nicht zuletzt das Theater. Órban und Co. schwebt ein nationalistisches, religiöses Erbauungstheater vor, keine, das den Finder auf Wunden der Gegenwart legt, sondern eines, das die im traditionellen faschistischen Sinn als homogen gedachte „Volksgemeinschaft“ zusammenschweißt. Das wichtigste Signal dieser Umwälzung war die Inthronisation des Órban-Vertrauten Attila Vidnyánszky als Intendant des Ungarischen Nationaltheaters im Jahr 2013. Seitdem ist das Theater immer mehr auf Parteilinie gebracht, sehen sich kritische Regisseure wie Árpád Schilling kaum mehr im Stande zu arbeiten, wagt die jüngere Generation, zu der auch Dömötör gehört, den Exodus. Ein die nationalen Werte betonendes, durchideologisiertes Theater, wie es in Deutschland etwa der AfD vorschwebt: In Ungarn ist es längst Realität.

Bild: Esra Rotthoff

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Der Rollator des Sisyphos

Daniil Charms: Elizaveta Bam. Ein Projekt des Exil Ensemble, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Die Welt, in der sich Daniil Charms wiederfand, war, um einen anderen passablen Dramatiker zu zitieren, „aus den Fugen“. „Ich bin kein politisch denkender Mensch, sondern die Frage, die mir nahesteht, ist: die Literatur.“ Das sagte er 1931, unmittelbar nach seiner ersten Verhaftung. Doch gerade dieses Eintreten für die Freiheit und Unabhängigkeit der Kunst, insbesondere der Literatur, war in der Sowjetunion des sich etablierenden Stalismismus eine zutiefst politische Haltung und Handlung. Gerade die gewollte Emanzipation vom Politischen betrachtete die Macht als ultimativen Akt des Widerstands. Wo das Denken staatlich vorgegeben ist, stellt die Insistenz auf dessen Ungebundenheit einen Akt existenzieller Subversion dar. Es ist eine schiefe, gekippte Welt, eine, welche die Fassade des „Normalen“, Vernünftigen noch aufrechterhält, deren Maßstäbe und Normen sich jedoch längst verschoben haben. Julia Oschatz` Bühne ist denn auch ein Sinnbild solch verzerrter Normalität: ein heimeliges Intérieur, detailreich, realistisch, stinknormal. In Ihm wird Tee gekocht und Suppe, telefoniert, gelebt. Und doch ist es nur Illusion, Kulissenmalerei, zweidimensionale Pseudorealität Potemkinscher Prägung. Und mehr noch: Schief steht sie in der Welt, diese russische Wohnküche, die Wirklichkeit ist längst gekippt, auch wenn und gerade weil das niemand wahrnehmen will.

 

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Bild: Esra Rotthoff

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Nummernrevue der Verweigerung

Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu: Lö Grand Bal Almanya, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Vor acht Jahren hatten sich Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu schon einmal zusammengetan, um sich in Form eines Liederabends mit der türkischen Migrations- und Integrationsgeschichte zu befassen. Lö Bal Almanya hieß das damals und hatte am Ballhaus Naunynstraße Premiere. Mittlerweile ist Erpulat mit der damaligen Ballhaus-Intendantin Shermin Langhoff zusammen weitergezogen ins Maxim Gorki Theater, wo alles ein bisschen größer und schöner ist. Folgerichtig heißt die Neuauflage Lä Grand Bal Almanya. Viel ist seitdem passiert: die NSU-Enthüllungen, die Willkommenskultur von 2015 und die häßliche Fratze der deutschen Wut, die auf sie folgte. Das vergiftete Willkommen steht denn auch im Mittelpunkt des gut zweistündigen Abends, der sich jedoch anfühlt, als hätte er Castorfsche Länge. Dreimal gibt es ein Willkommen: bei einmillionsten Gastarbeiter, beim exemplarischen „Ossi“ nach den Mauerfall, beim Geflüchteten mit Schwimmfeste, Rettungsdecke und Aldi-Beutel. Dreimal gibt es Konfetti und dreimal ist die Gastfreundschaft schnell vorbei: Dem „Gast“ wird ein Besen statt des versprochenen Motorrads überreicht, den auch der „Neufünfländer“ bekommen wird, nachdem der „Ausländer“ gewaltsam aus der „Wir-sind-ein-Volk“-Seligkeit herausgedrängt wurde. Der Geflüchtete schließlich wird einfach per Pistolenschuss entsorgt, die gerade geöffneten Mauern schnell wieder hochgezogen.

Bild: Esra Rotthoff

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Der Text eine klaffende Wunde

Heiner Müller: Die Hamletmaschine. Ein Projekt des Exil Ensemble, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

„Mein Drama findet nicht mehr statt“, sagt Hamlet in Heiner Müllers Über-, Zu-, Nach- und Gegenschreibung non William Shakespeares Klassiker. Die Aufstände sind gescheitert, Europa in Ruinen, von Gräbern bedeckt, Kunst und Denken gegen die Wand gefahren. Bevor es das – durchaus positiv gemeinte – Wort vom „Ende der Geschichte“ gab, rief Müller es aus. Das Ende des Fortschritts, des Dramas, der Hoffnung. Ein (post)apokalyptisches Geschichts- und Geschichtenende. Doch er lag falsch. „Am 3. Februar, 12 Uhr fand mein Drama vor dem Präsidentenpalast statt“, hält Ayham Majid Agha dagegen. Der Syrer ist Leiter des Exil Ensembles des Maxim Gorki Theaters, das auch derzeit sieben Mitgliedern besteht, die aus Syrien, Afghanistan und Palästina stammen. Er hat drei „Kommentare“ zu Müllers zehnseitigem Theatermonolith beigesteuert, Texte, die den starren, abweisenden Text in die Gegenwart holen und mit dieser konfrontieren, die das hermetische Gedankengebilde ankratzen, seine Schale aufbrechen, es zwingen, sich einer Realität zu stellen, mit der er mehr zu tun hat als es Heiner Müller wohl lieb wäre.

Bild: Esra Rotthoff

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