Archiv der Kategorie: Maxim Gorki Theater

Jenseits von Zarah Leander

Yael Ronen & Ensemble: Roma Armee, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Wer nach einem langen und schönen Urlaub nach Hause kommt, freut sich meistens über wenig. Aber wenn es dann schon sein muss, dann will man wenigstens das wohlige Gefühl des Zuhauseseins empfinden, sich im Schoße des Gewohnten und Geliebten geborgen fühlen. Es ist ein Verlangen, das auch der regelmäßige Theaterbesucher kennt, wenn die für ihn zu langen, für so manchen Theatermitarbeiter sicherlich viel zu kurzen Theaterferien enden. Da will man zu den zurückkehren, das man mag und in dem man sich wieder zurechtfinden, sich seiner eigenen Position versichern kann. Langjährige Stammgäste der Berliner Volksbühne haben diese Sicherheit in diesem Jahr nicht, was womöglich einen (kleinen) Teil der derzeit zu beobachtenden – und von Tag zu Tag erschreckenderen – Reaktionen auf den dortigen Intendanzwechsel erklären mag. Für die Gemeinde, die das Maxim Gorki Theater in den letzten Jahren aufgebaut hat, gilt das nicht. Sie können weiterhin sicher sein, dass die ein sicherer aber auch ungeheuer auf- und anregender Ort für Identitätssuchen und das Verhandeln so genannter Minderheitenidentitäten sein wird.

Bild: Esra Rotthoff

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Im Anfang war der Marsch

Marta Górnicka: Hymne an die Liebe, Teatr Polski w Poznaniu, Poznan / Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Marta Górnicka)

Von Sascha Krieger

Am Anfang steht der Marschbefehl. Stakkatohaft beginnt Hymne an die Liebe, die neueste Arbeit der polnischen Theatermacherin Marta Górnicka, mit nur einem Wort: „Noch“. Immer und immer wieder wiederholt kommen bald weitere hinzu, setzt sich aus ihnen, langsam, bruchstückhaft, der Beginn der polnischen Nationalhymne zusammen: „Noch ist Polen nicht verloren“. Es ist logisch, mit dem vielleicht verzweifeltsten Beginn einer Nationalhymne überhaupt anzufangen, wenn man sich in 50 Minuten dem heutigen Polen und seiner zunehmenden Einmauerung in einem erschreckend rückwärts gewandten Nationalismus annähern will. Polen, der Spielball innereuropäischer Machtkämpfe, der seine Nationalstaatlichkeit immer wieder verlor und sich erst seit gut 25 Jahren an der Findung einer souveränen Identität innerhalb eines komplexen und fluiden Kontinents versuchen darf. Der Selbstzweifel, der resignative Pessimismus gepaart mit trotziger Selbstbehauptung, die aus den Anfangszeilen spricht: In ihnen liegt vielleicht der Schlüssel zu der seltsamen Mischung aus Modernisierung und Konservatismus, die das Land zu einem der erfolgreichsten Länder des ehemaligen Ostblocks gemacht hat und es zugleich zunehmend isoliert.

Das Maxim Gorki Theater (Foto: Sascha Krieger)

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Jenseits der Provokation

Nach Stanisław Wyspiański: Der Fluch, Teatr Powszechny, Warschau (Regie: Oliver Frljić) (Gastspiel am Maxim Gorki Theater, Berlin)

Von Sascha Krieger

Es passiert ja eher selten, dass Theateraufführungen außerhalb der Feuilleton-Nischen Schlagzeilen machen, Titelseiten belegen, zu hitzigen gesellschaftlichen Debatten herausfordern oder gar die Politik auf den Plan rufen. Wenn es in der europäischen Theaterwelt derzeit einen Regisseur gibt, der dazu in der Lage ist, ist es der Kroate Oliver Frljić. Und wenn Provokation und Herausforderung des gesellschaftlichen Konsens Kernelemente seiner Arbeit sind, dann ist Der Fluch so etwas wie sein Meisterstück. Denn der Sturm, den seine Warschauer Premiere im Februar dieses Jahres hervorrief, war mit Orkanstärke noch zu vorsichtig beschrieben. Die Rergierungspartei sah Polen beleidigt, die katholische Kirche sich selbst, der konservative Teil der Gesellschaft ging auf die Barrikaden. Zensuraufrufe machten die Runde, Priester hetzten von der Kanzel, Schauspieler*innen wurden geächtet, Proteste erschütterten das Theater, eine (weitere) Verschärfung der bereits jetzt äußerst nationalistisch ausgeprägten Kulturpolitik, eine Ausweitung der – ebenfalls bereits gängigen – Beschneidung von Meinungs- und Kunstfreiheit wurden gefordert.

Das Maxim Gorki Theater, Ort des Berliner Gastspiels (Foto: Sascha Krieger)

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Erzählen ist Leben

Necati Öziri: Get deutsch or die tryin‘, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Eine zusammengestückelte Welt, Räume, die sich zu neuen öffnen und gleichzeitig verengen, jedes Zimmer hat ein Hinterzimmer, kleiner, niedriger, enger. Pastellfarben „zieren“ die Wände, ausgebleicht, wie ein Patchwork versuchter Leben, ein bisschen Seidentapetenimitat ist auch dabei. Ein Heim, eine Heimat? Nein. Eher eine Abfolge von Versuchen des Ankommens, eine Serie des Scheiterns. Unspektakulär ist Magda Willis Bühne, banal, normal, und doch von berührender Gespächigkeitr. Im Hintergrund ein (Kunst-?)Ledersessel, vorn ein Köhlschrank, ein Heizkörper, ein Spiegel steht waagerecht auf dem Boden. Das eigene Leben einrichten? Abgebrochen. Darin Arda, ein 18-jähriges Exemplar der Bevölkerungsgruppe, die wir „Deutschtürken“ nennen, eine Identität des ewigen Dazwischen. Ein Beobachter zunächst. Stumme gestalten huschen über die Bühne, in fein choreografierten und in einer Art Dauerschleife wiederholten Miniaturen von hedonistischer Jugendlichkeit, wütend-frustrierterer Gewalt, verzweifelten Alkoholismus. Ardas Welt, Ardas Geschichte. Eine Schlagzeugerin (Almut Lustig) gibt einen treibenden Rhythmus vor, der nach Unplugged-Techno klingt, irgendwo zwischen fordernder Lebenssehnsucht und panischem Getriebensein, zwischen eigenständigem Handeln und dem vom unkontrollierbaren Außen Hin-und-hergeworfensein.

Bild: Esra Rotthoff

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Whitney Houston auf der Abraumhalde

Falk Richter: Verräter. Die letzten Tage, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Es gab mal eine Zeit, da glaubte man an gesellschaftlichen Fortschritt. Daran, dass alles mehr oder weniger linear voranschreite, die Menschheit, wenn sie sich auch nicht stets zum Besseren weiterentwickelte, zumindest aus ihren Fehlern lernte und von Um- und Abwegen wieder auf die Straße ins morgen zurückkehrte. So funktionierten Ideologien wie jene des untergegangenen „real existierenden Sozialismus'“ und eigentlich funktionieren auch Wahlversprechen auf diese Weise – bis heute. Damit verbunden war auch die Überzeugung, dass bestimmte Konzepte und Begrifflichkeiten, einmal obsolet geworden, nicht wiederkehrten. Und dann kommen wir an im Hier und Jetzt, in einer Zeit, in der das Gestern, das Überwundengeglaubte mit vollster Kraft zurückschlägt, alte Antworten und Lösungen alles andere als fröhliche Urständ feiern, Feindbilder wieder aktiv werden, sich den dominierenden gesellschaftlichen Strömungen plötzlich machtvolle Gegenbewegungen in den Weg stellen, die zurück streben, ungeschehen machen wollen, darauf aus sind, Räder zurück zu drehen. Gerade hat dieser Gegendrang eine Wahl im mächtigsten Land der Erde gewonnen, in anderen war er nicht weit entfernt davon. Wo kommt das her und wie kommen wir aus der Nummer wieder heraus?

Bild: Esra Rotthoff

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Trockenes Toilettenpapier? Danke, Merkel!

Yael Ronen und Exil Ensemble: Winterreise, Maxim Gorki Theater (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Warum ist deutsches Toilettenpapier so trocken? Warum nennen diese Demonstranten die deutsche Kanzlerin auf ihren Plakaten Fatima? Und warum hat der Bus eine von ausgestattete Küche, wenn man sie nicht benutzen darf? Es ist ein seltsames Land, in dem sich diese sechs wiederfinden. Künstler, Schauspieler*innen aus Syrien, Afghanistan, den palästinensischen Gebieten. Sogar ein palästinensischer Syrer – oder ist er syrischer Palästinenser? – der schon im „eigenen“ Land nicht verständlich machen kann, wer er ist. Überhaupt: verstehen. Einfach ist das nicht, wenn so vieles auf den ersten Sinn keinen Sinn zu ergeben scheint. Wie dieser Deutsche, auch Schauspieler, Niels heißt er. Deutsch, sich ängstlich an Regeln haltend, aber immer zu spät kommend. Seltsam. Winterreise ist die erste Arbeit des Exil Ensembles. Zu diesem hat das Maxim Gorki Theater professionelle, nach Deutschland geflüchtete Schauspieler*innen verpflichtet, die gemeinsam als Gruppe und in Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Künstlern in den kommenden mindestens zwei Jahren  Theater machen werden. Das erste feste Ensemble aus Geflüchteten an einem deutschsprachigen Stadttheater – allein dafür gebührt dem Gorki und den unterschiedlichen Förderern, denen Intendantin Shermin Langhoff am Ende der Premiere dankt, Bewunderung und Anerkennung.

Bild: Esra Rotthoff

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Lasst die Körper sprechen!

Sasha Marianna Salzmann: Zucken, Maxim Gorki Theater, Berlin / junges theater basel, Basel (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Ein junges Mädchen chattet. Der Kommunikationspartner scheint ein junger Mann zu sein. Nur langsam wird klar, dass er anderes im Sinn hat als einen harmlosen Flirt. Er schickt dem Mädchen Songs, arabische, in denen es um Allah geht, kritisiert ihre Smiley-Flut, lenkt die Konversation in ernsthaftere Bahnen. Sie kotzt sich aus über die Eltern, darüber, nicht wahr und ernst genommen zu werden, keine Perspektive zu sehen, kein Ich, das ihr zusagt. er, so glaubt sie, hat die Antwort. „Das gefällt mir, dass du klare Antworten gibst“, sagt sie. „Ja und nein.“ Sie legt ihr Standard-Teenahger-Outfit ab, kleidet sich in Schwarz. Und will zu ihm. In den Dschihad. Als sie gestoppt wird und der Whatsapp-Chat-Partner nicht mehr antwortet, nimmt sie sich ein Messer und geht zum Bahnhof. Eine Radikalisierungsstory im Zeitraffer. Nüchtern, schnörkellos, einfach. Und kaum will sich der Zuschauer ein ganz klein wenig über die Simplizität dieser Verknappung einer solchen ins Radikalste führenden Sinnsuche ärgern, interveniert einer der Darsteller. „Das ist doch unterkomplex!“, ruft er und fordert einen Neustart. Ein schöner Kniff, der jetzt Multiperspektivik erwarten lässt, vielleicht auch eine Hinterfragung, warum die Simplizität der gerade gesehenen Geschichte uns westlichen Augen so plausibel erscheint.

Bild: Esra Rotthoff

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Das Chaos und das Nichts

Nach Bertolt Brecht: Dickicht, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Das „Dickicht der Städte“: In Sebastian Baumgartens Inszenierung wirkt es kaum wie ein Ort, in dem man sich verlieren könnte, vor dem man Angst haben müsste. Robert Lippoks Bühne besteht aus ein paar Miniatur-Wohnblocks, wohlgeordnete Menschen-Silos, kein Dschungel, sondern die anonyme, gleichmachende Ordnung moderner Großstadt-Architektur. Hunderte Wohneinheiten, Lebensräume glitzern freundlich. Doch dann, aus der Dunkelheit, treten schwarzgekleidete Gestalten, urbane Überlebenskämpfer, die sich in Worten aus Bertolt-Brechts Städtebewohner-Handbuch zuflüsteren, die Spuren zu verwischen. Unsichtbarkeit ist das Überlebensgeheimnis. Und so bleiben sie über weitere Strecken unsichtbar, die acht Spielerinnen, die sich im Bühnenhintergrunsversammeln. Über ihnen beginnt eine Leinwand Brechts frühe, rätselhaft-expressionistische Kampfparabel – die gar keine Parabel sein mag – Im Dickicht der Städte zu erzählen. In greller Überzeichnung erinnern die Filmszenen mal an expressionistische Stummfilme, mal an Gangsterstreifen der Noir-Tradition, später kommt eine gehörige Prise Horrorgenre hinzu.

Dickicht_(c)Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Die Welt ist ein Horrorhaus

Nach Sophokles: Antigone und Ödipus, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Die Familie als Schoß allen Übels. Am Deutschen Theater spürt Sebastian Hartmann in seiner Ibsen-Strindberg-Heine-Collage Gespenster gerade den dunklen Abgründen dieser essenziellsten aller sozialen Einheiten nach, (fast) nebenan am Gorki tut Ersan Mondtag in seiner ersten Regiearbeit in seiner Heimatstadt Ähnliches. Schon in seinem gefeierten – und geschmähten – Theatertreffen-Debüt Tyrannis entwickelte er ein dystopisches Schauermärchen aus der Erstarrung familiärer Rollen- und Machtverhältnisse heraus. Da ist der Schritt zur vielleicht dysfunktionalsten aller Familien der Literaturgeschichte, den Labdakiden (ja, der Atriden-Clan um Agamemnon und Co. ist ein würdiger Rivale) nicht weit. Ödipus, der als Säugling verstoßene Königssohn, der alles richtig machen will und gerade dadurch zum Vatermörder und Mutterschänder wird, seine Söhne, die sich im Machtkampf gegenseitig töten, die Schwester, die um der Brüder und der Tradition willen das Gesetz des Onkels missachtet: Sie alle presst der Regisseur in gut 90 Minuten, legt sie unter ein Mikroskop, das das Kleinste, Lächerlichste vergrößert und plötzlich zum bitter-fatalisten Gesellschaftsbild aufpumpt.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Make Theatre Great Again

Nach Dorothy M. Johnson: Der Mann, der Liberty Valance erschoss, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Alles Show hier. Nett anzusehen ist es ja, das Hauptsträßchen in dem kleinen Westernststädtchen, das, wie uns die praktischen Lettern über derBühne verraten, Two Trees heißt. Aber natürlich sind die Kulissen ein bisschen zu billig, beginnt sich die Bühne bald zu drehen und zeigt die Rückseitze der Fassade. Da ist: nichts, kein Inneres, keine Substanz. Die Oberfläche, schnell hingezimmert, ist alles. Ein schönes B-Movie-western-Filmset mit Störelementen. Klar, da sind der Saloon und der Pferdeparkbalken und die Strohballen, aber da gibt es eben auch Neonschriften und Hinweisschilder zu Motels. Der wilde Westen ist denn eben doch nicht allein im Jahr 1880 anzusiedeln, er gehört (auch) in das Amerika von heute. „This is not America“: Den David-Bowie-Text spricht Bösewicht Liberty Valance einmal über ein wildes Bilder-Potpourri vom Schönen und Hässlichen der USA, über Vorstadt-Idylle und Kriegsgräueln. Er wird es später noch einmal anstimmen, wie eine Drohung, denn natürlich ist das Amerika, ist das „Land der Freien“ immer auch sein eigenes Gegenteil.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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