Archiv der Kategorie: Maxim Gorki Theater

An Schnüren in die Welt

William Shakespeare: Hamlet, Maxim Gorki Theater (Container), Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

„Es ist etwas faul im Staate Germany.“ Moment, Germany? Ja, bei Christian Weise spielt sich das Drama um den Dänenprinzen in einem expressionistisch abstrahierten Deutschland statt, das durchgängig in der nicht gerade akzentfrei verzerrten englischen Variante benannt wird. Das ist „unser“ Land und ist es nicht, sind wir und sind es natürlich nicht. Ein lustvolles Spiel der Ebenen, das die drei Stunden recht kurzweilig erscheinen lässt – bei einem so bekannten und durchgenudelten Stoff an sich schon eine bemerkenswerte Leistung. Julia Oschatz hat eine mehrzimmrige Bühne geschaffen in blaugrau verzerrter Mischung aus Realismus und Expressionismus, ein Cartoon-Land moderner Einrichtungshölle, ein Spielplatz für Fantasien und theatrales Ausprobieren. Svenja Liesau, die einmal damit kokettiert, eigentlich die geborene Nebendarstellerin zu sein, ist Hamlet. Oder ist, die Hamlet spielt. Oder die spielt, dass sie Hamlet spielt. Oder so. Und sie tut es in jedem ihr zur Verfügung stehenden Modus. Immer wieder weist sie Musiker Jens Dohle an, jetzt doch bitte das Genre zu wechseln. Dann wird Horrorfilm gegeben oder hohe Tragödie oder Musical.

Bild: Esra Rotthoff

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Jenseits von John Wayne

Falk Richter & Ensemble: In my Room, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

„Mein Vater, dieses fremde Wesen“: Es sind einige der ersten Worte, die an Falk Richters neuestem Abend am Gorki fallen. Und sie beschreiben recht präzise, was in den folgenden fast zweieinhalb Stunden passiert: eine Annäherung an die Väter, die des Regisseurs, die des Ensembles und das Konzept des Vaters, Ernährers, Erziehers, Bestimmers allgemein. Jonas Dassler spricht sie, zu Beginn eines langen Monologs über einen Patriarchen, der nach der freiwilligen Frühverrentung nichts mehr mit sich anzufangen weiß, der sich als Familienoberhaupt inszeniert, keine Nähe zum Sohn aufbaut, auf dessen Homosexualität mit einer Gewalt antwortet, die spätere queerfeindliche Gewalterfahrungen vorwegnimmt. Und der Kriegstraumata mit sich führt, in einer sich steigernden Wutrrede vom „Sohn“ Besitz ergreift und die Wiederkehr derer anklagt, die im selbst die Jugend raubten. Die AfD und die Wiedererstarkung der Rechten sind bei Richter nie weit und das gilt auch an diesem Abend. Die Macht der Vergangenheit, sie findet sich im ewig währenden Kampf der Söhne mit den Vätern im Individuellen, aber eben auch im Gesamtgesellschaftlichen. Und so steigert sich der Vater hinein in seine Tirade wider die Wiederkehr des Bösen, wird ununterscheidbar vom sich von ihm emanzipierenden Sohn, ein Knäuel aus Freiheitskämpfen, die nie enden.

Bild: Esra Rotthoff

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Ungewürzter Eintopf

Sibylle Berg: Hass-Triptychon. Wege aus der Krise, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Wenn sie doch auch im wahren Leben so einfach zu erkennen wären: die Trolle, die mit online vergossenem Hass seit geraumer Zeit das gesellschaftliche Klima vergiften und die fragile Balance der Demokratie kippen zu lassen drohen. In seiner Uraufführung von Sibylle Bergs Hass-Triptychon lässt Ersan Mondtag die „Mittelmäßigen“, die ihre Unsichtbarkeit in Wut und Hassrede umwandeln, als ihre märchenhaften Namensgeber auftreten, mit spitzen Ohren, wirren Frisuren und unförmigen Körpern. Dabei sind sie zunächst gar nicht so trollhaft: der todtraurige, resignierte schwule Ex-Kindergärtner, den Bruno Cathomas mit berührender Verlorenheit spielt, die in stiller Panik erstarrte „Teilzeit-Alkoholikerin“ der Çiğdem Teke, die von Johannes Meier und Jonas Grunder-Culeman gespielten orientierungslosen Aggro-Jugendlichen. Einzig Aram Tafreshian (Abak Safaei-Raeds Figur bleibt leider weitgehend abwesend) ist als Content-Mitarbeiter der Wasserwerke bereits von Beginn an mit der Mischung aus toxischer Männlichkeit und Minderwertigkeitskomplex ausgestattet, die man mit Wut- und Hut- und anderen Bürgern meist assoziiert.

Bild: Esra Rotthoff

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Die Sehnsucht, ein Tier zu sein

Sivan Ben Yishai: Oder: Du verdienst deinen Krieg (Eight Soldiers Moonsick), Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Sasha Marianna Salzmann)

Von Sascha Krieger

Das Schlüsselwort in Sivan Ben Yishais neuem, von Autor*innen-Kollegin Sasha Marianna Salzmann, auf die Studio-Bühne des Maxim Gorki Theaters gebrachten Stück, zählt gerade vier Buchstaben und steht im Titel: Oder. An diesem Kürzel der Alternativen, der Widersprüche, der (Un)Möglichkeiten hangelt, streckt, tatstet sich die Geschichte empor, welche die in Berlin lebende israelische Autorin als Bewegung einer sprachlichen Selbstermächtigung, einer Suche nach Sprachlichkeit, nach Stimme und Ausdruck, sich in die (Theater-)Welt hineinkriecht, wie die Realität, die sie beschreibt, eine verdrängte, unmögliche, nicht sagbare. Um acht Soldatinnen geht es, acht namenlose 18-Jährige, sich zusammenkauernd in einem Tarnzelt, verschmelzend miteinander und den ihnen anvertrauten Waffen, ein ununterscheidbares Knäuel der verzweifelten Widerständigkeit gegen eine toxisch männliche Welt, die sie ausnutzt, negiert, missbraucht, wegwirft. In Träumen entladen sich die unaussprechlichen Erfahrungen von Ohnmacht und Auslöschung, Albträumen, die immer wieder mit Toden enden: der Hinrichtung einer Soldatin, die das Gewehr vergaß, die Ermordung einer anderen nach erfolgter Vergewaltigung durch einen Kameraden, die unbeabsichtigte (?) Selbsttötung beim Versuch, die Waffe zu reinigen. Die Frauen sind Opfer, das ist ihre Funktion im System menschlicher Macht.

Bild: Esra Rotthoff

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Puppen des Patriarchats

Euripides: Medea, Slowenisches Nationaltheater Maribor / Gastspiel im Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Gutbürgerlich ist dieser griechische Königshof, habe das Mobiliar ist in Folien verpackt, eine ebensolche Rückwand kann die Abgrenzung zur Außenwelt bestenfalls andeuten. Die Fassade trügt nicht nur, sie ist gar nicht wirklich vorhanden. Schmerzverzerrte Gesichter werden diabolisch von Scheinwerfern beleuchtet, die die Schauspieler*innen in den Händen halten, später gruppieren sie sich hasserfüllt um eine Frau, Medeas Dienerin, sie anzischend, ansabbernd in farcenhafter Verzerrung. Eine feministische Sicht versucht Regisseur Oliver Frljić auf die Geschichte von der verlassenen Ehefrau, die zur Mörderin ihrer Kinder wird. Seine Medea ist eine, die sich von den dämonischen Fratzen des Patriarchats umringt sieht, die sie angeifern, zu erdrücken suchen und auf die sie mit deren Waffen antwortet. Nataša Matjašec Rošker spielt sie als wandelbare Rollenspielerin, die stets die ist, die sie sein muss, soll, als die sie erwartet wird oder die ihren Interessen Vorschub leistet. Von der Seite tritt sie an die Hass-Gruppe heran, deutlich machend, dass sie nicht bereit ist, Opfer zu sein und bereit ist, Täterin zu werden.

Das Maxim Gorki Theater während des 4. Berliner Herbstsalons (Bild: Sascha Krieger)

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Spiel mit Grenzen

Ein Projekt von Lola Arias: Futureland, Maxim Gorki Theater (Container), Berlin (Regie: Lola Arias)

Von Sascha Krieger

Da wollen sie hin: Futureland, eine Sehnsuchtskulisse voller Hochhäuser und Magnetschwebebahnen, ein Ort der Verheißung, der in bewährter Videospieloptik mittels der ausgefeilten 3D-Grafiken von Luis August Krawen über den Vorgang des Bühnenkastens flimmert . Sie, das sind acht minderjährige Geflüchtete, die ohne ihre Familien nach Deutschland gekommen sind, hier bleiben dürfen, bis sie 18 sind. Danach? Unsicherheit. Sie wollen mitspielen, hinein in die Kulisse, laufen los in Form ihrer schwarz gekleideten Avatare, abgesetzt aus einem Flugzeug – und treffen schnell auf Hindernisse. Diese haben die Form überlebensgroßer Computergesichter, die für die Autoritäten ihren Ankunftslandes stehen. Für Asylbehörden, Lehrer*innen, die Bürokratie, die aufnimmt, Bedingungen stellt, abweist. Fragen müssen sie beantworten, den Namen nennen. Erst dann gibt es ein roboterhaftes „Willkommen“. Das nicht lang anhält. Sie müssen sich fotografieren lassen, bekommen ihr Alter willkürlich festgelegt, werden gezwungen zum Spracherwerb, untergehen Anhörungen, begegnen Misstrauen. Immer und immer wieder.

Bild: Esra Rotthoff

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Ohne Tampon zur Urmutter

Yael Ronen & Ensemble: Rewitching Europe, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Stückankündigungen mit einer Prise Skepsis zu begegnen, ist eigentlich immer eine gute Idee. An diesem Abend, Yael Ronens neuem am Gorki, ist es essenziell, die Erwartungshaltung schnell vom Text auf der Theater-Website wegzulenken. Denn da ist von einer Auseinandersetzung mit der europäischen Hexenverfolgung in Europa die Rede, die in dieser Inszenierung nur insofern vorkommt, als Lea Draeger die dadurch ausgelöste Erwartungshaltung als ihre eigene thematisiert, zu einer Erzählung über das Thema ansetzt und schnell in der Kakophonie paralleler Geschichten untergeht. Stattdessen beginnt der Abend mit dem, das, wie uns die Website sagt, durch die Hexenverbrennungen verloren gegangen sei: einem elaborierten Ritual samt Animationen mit Schlangen, die zu Frauen, die zu Bäumen, die abgeholzt werden, von Männern mit Äxten. Ein Endzeitszenario wird aufgebaut, die Verbindung zur Natur, zur Erde, der Mutter beklagt, die verloren gegangen sei. Am Ende wird diese Schleife rückwärts wiederholt, als Vision einer Rückkejr, eines Neuanfangs.

Bild: Esra Rotthoff

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Wider die Eindeutigkeit

Marta Górnicka unter Verwendung neuer Texte von Katja Brunner: Jedem das Seine, Maxim Gorki Theater, Berlin / Münchner Kammerspiele (Regie: Marta Górnicka)

Von Sascha Krieger

Natürlich, der Titel. Einst ein Motto, ein Aufruf, für Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Solidarität, lässt er sich heute nicht ohne Buchenwald denken, ohne die Perversion der zynischen Umdeutung durch die Nationalsozialisten, die ihn befleckten und umdrehten zu einem zynischen Slogan ihrer Vernichtungsideologie. Und selbstverständlich hängt diese Umdeutung wie ein Damoklesschwert über diesem Abend, ist sie seine Schwäche, auch weil sich Regisseurin Marta Górnicka weigert, den Diskurs über ihren Titel wirklich zu führen. Ja, der Name Dachau fällt, der Hinweis, dass das KZ ein Ort war, an dem Frauen nicht „nur“ eingesperrt und vernichtet, sondern auch sexuell ausgebeutet wurden, dass sexistische Unterdrückung eben auch ein Aspekt totalitärer Systeme und ausgrenzender Ideologien ist, doch es bleibt nur ein Exkurs, ein kurzer etwas erzwungen wirkender Ausflug – wie die Trump-Episode, in der Anne Ratte-Polle mit entsprechender Perücke die Freauenfeindlichkeit des US-Präsidenten mit ein wenig zu viel Unterhaltungswert parodiert. Je konkreter der Abend wird, desto eindeutiger ist er, und das tut ihm weniger gut.

Bild: David Baltzer

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Auf dem Holzgleis

Nach Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski: Anna Karenina oder Arme Leute, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Eigentlich gibt es an diesem Abend kein Oben und kein Unten. Die Adligen aus Lew Tolstois Anna Karenina und die Hungerleidenden in Fjodor Dostojewskis Arme Leute bewegen sich auf der gleichen Ebene. Ihre Lebenswege verlaufen an den gleichen hölzernen Gleisen, die sich auf Igor Pauškas Bühne kreuzen, sie fahren auf den gleichen Draisinen an die Rampe, ins Licht, und verschwinden wieder von beidem. Und doch ist nichts zwischen ihnen identisch: Die einen tragen Strickjacken und kämpfen um jeden Fetzen Brot, die anderen sind in Mattgold gekleidet, bedecken die Bühne mit Laiben, trampeln im Wortsinn auf ihnen herum, nutzen sie gar im Liebensspiel, mit einer Leichtigkeit, die dem Zuschauer im Halse stecken bleiben sollte. Es ist die vielleicht subtilste Aktualisierung dieser Verschränkung zwier so unterschiedlicher Romane – hier Tolstois ausladendes Sittengemälde, dort Dostojewskis karge, hoffnungslose Milieuminiatur. Die Gleichheit an Chancen und Rechten, die unsere Gesellschaft so gern für sich einfordert – sie ist Makulatur, so lange die Schere der Habenden und der Nichtshabenden immer weiter auseinandergeht.

Bild: Esra Rotthoff

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„Zurück auf Anfang“

Necati Öziri gegen Heinrich von Kleist: Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch, Maxim Gorki Theater (Container) / Schauspielhaus Zürich, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

In Heinrich von Kleists Die Verlobung in St. Domingo ist die Welt aus den Fugen – und gleichzeitig noch in bester Ordnung. Die Sklaverei im heutigen Haiti ist abgeschafft, das Land versinkt in der Gewalt und Gegengewalt des Freiheitskampfs der ehemaligen Sklaven – und doch ist das Bild klar: hier die kultivierten Weißen, dort die blutrünstigen, auf Rache sinnenden Schwarzen. Das mag man differenzierter sehen – und die Literaturwissenschaft bemüht sich sein vielen Jahren darum – für Necati Öziri ist das Stück Ausdruck einer traditionell rassistisch geprägten Weltsicht. Weswegen er nun gegen den Text und die abstruse Liebesgeschichte zwischen Toni, Tochter eines Weißen und einer Schwarzen, und einem Schweizer Offizier, der von Toni und ihrer Mutter in eine tödliche Falle gelockt wird, Widerspruch einlegt. Zu einfach ist ihm ein Blick auf die Welt, der in Schubladen denkt, in Kategorien, in die der Mensch zu passen hat und die alles negieren, was nicht in ihnen Platz finden will. Dabei hat er in Regisseur Sebastian Nübling einen kongenialen Partner, der diese Sicht teilt und der diese Art der Einteilung zunächst lustvoll dekonstruiert, indem er mit ihr spielt. Die fünf Darsteller*innen mischen wild Identitätsvorgaben: Falilou Seck, der den schwarzen Rebellenführer gibt, ist behängt mit Strassbändern, die vielleicht an Zuckerkristalle erinnern, um Zucker geht es in seinen Reden stets. Kein martialischer Rebellenführer, sondern ein seltsames Glitzerwesen. Dominic Hartmann als Schweizer Offizier von Ried ist weiß geschminkt – und steckt in einem roten Pailettenkleid, während Dagna Litzenbergers französischer Revolutionsarmee-General im Federkopfschmuck einer brasilianischen Sambatänzerin auftritt.

Bild: Esra Rotthoff

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