Archiv der Kategorie: Maxim Gorki Theater

„Babba zahlt die Wurscht“

Nora Abdel-Maksoud: The Making-of, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Nora Abdel-Maksoud)

Von Sascha Krieger

Eine Riesensache sei das, das Projekt des Jahrhunderts: Stella Hilb grinst angestrengt von der Rampe, als sie das sagt, aus dem schwarzen Rechteck, das nicht zufällig an einen Bildschirm oder eine Filmleinwand erinnert und sich mit Hilfe eines herunterziehbaren Streifens in einen analogen Splitscreen verwandeln lässt. Wir befinden uns mitten in der Marketing-Hölle der modernen Filmwirtschaft: dem Making-Of, jenem Extra, das einen „Blick hinter die Kulissen“ und eine heile Welt harmonisch gemeinsamer künstlerischer Arbeit vorgaukeln soll. Ein Gottesdienst der Authentizität. Hier ist, wie man heute sagt, alles fake. Vier Darsteller*innen sitzen in ihren Rollen als Regisseurin und Stars einer in Bottrop spielenden Batman-Bearbeitung vor einer imaginären Kamera und spielen sich – oder genauer: ihre Rollen, wie diese sich selbst spielen. Oder so ähnlich. Authentizität, das weiß man im Geschäft, ist harte Arbeit. Da darf keiner aus der Reihe tanzen und vom Script abweichen. Deutungshoheit ist das Kapital, das zum anderen, echten, dem Geld führt, um das hier alles geht. Und so lächeln sie aggressiv von der Rampe und erzählen die ihnen vorgegebene Sicht der Dinge. Mit einem Fingerschnipsen erstreiten sie sich das Rederecht und schneiden dem Anderen das Wort ab. Der „ehrliche“ Blick hinter die Kulissen ist ein brutaler Machtkampf, ausgetragen über die tödlichste Waffe von allen: den Schnitt, für den Regisseurin Nora Abdel-Maksoud hier eine geniale analoge Entsprechung findet.

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Werbeanzeigen

Theater ohne Haltung

Jugend ohne Gott, ein Projekt von Nurkan Erpulat und Ensemble nach dem Roman von Ödön von Horváth, Bühnenfassung von Tina Müller: Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Ödön von Horváths Roman Jugend ohne Gott erschien 1937. In ihm beschrieb er die Verrohung einer Jugend unter Einfluss einer Gesellschaft, die jeder humanistischer Werte Verlust gegangen war. Er tat das aus Sicht eines Lehrers, der sich selbiger Werte noch erinnerte, aber längst zu opportunistisch geworden war, um sie offensiv zu verteidigen. Der kollektive Wertverlust ist auch heute wieder ein Thema, die Rolle der Jugend in der Gesellschaft pätestens seit Fridays for Future wieder in aller Munde und die in der Romanwelt als selbstverständlich geltenden rassistischen Einstellungen längst zurück auf dem Weg gesellschaftlicher Akzeptanz. Zeit also für einer Vergegenwärtigung? Damit fängt die Crux von Nurkan Erpulats neuem Abend schon an. Horváth erzählt von einer Gesellschaft, die bereits durch und durch totalitär und rassenideologisch verseucht ist, die jegliche Verbindungen zu demokratischem und humanistischem Gedankengut gekappt hat. Bei aller berechtigten Besorgnis: davon ist unsere Gegenwart noch weit entfernt, die Jugend, die sich zum Erstaunen und zur Scham der „Alten“ neuerdings wieder massenhaft in selbstständigem Denken und politischer Aktivität ergeht, erst recht. Da mag Jugend ohne Gott als Mahnung aus der Vergangenheit dienen oder als dystopische Zukunftsvision. Zur Beschreibung gegenwärtiger Zustände taugt das Buch kaum.

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Die Stunde der Mikrobrigade

Rimini Protokoll (Stefan Kaegi): Granma. Posaunen aus Kuba, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Stefan Kaegi)

Von Sascha Krieger

Wer ins Theater geht, kann etwas lernen. Zumindest, wenn eine Arbeit von Rimini Protokoll auf dem Spielplan steht. Zum Beispiel, was eine Mikrobrigade ist. So nennt man in Kuba Gruppen von Menschen, die gemeinsam ein Haus bauen. Laien, die so etwas noch nie gemacht haben, angeleitet von einem Profi. So begegnete man einst der Wohnungskrise im vom US-Embargo gebeutelten Land. Auf der Bühne des Maxim Gorki Theaters kommt nun auch eine solche zum Einsatz. Ein Haus muss sie nicht bauen, das steht ja schon länger. Stattdessen lernt sie Posaune zu spielen. Profi-Musikerin Diana Sainz Mena hat ihre vier Mittstreiter*innen Milagro Àlvarez Leliebre, Daniel Cruces-Pérez und Christian Paneque Moreda angeleitet und jetzt, kurz nach der Premiere, klingt das schon ganz gut. Mit der Kuba-eigenen Mischung aus Zuversicht und Improvisation blasen und pusten sie sich durch 60 Jahre kubanische Revolution. Benannt ist der Abend nach der legendären Jacht, auf der Fidel Castro und Genossen 1956 von Mexiko übersetzten, um die Revolution zu starten. Was mit einem Massaker begann – von den 82 Gelandeten schafften es nur 22 durch den blutigen Empfang der Regimetruppen – endete mit der Machtübernahme vor ziemlich genau 60 Jahren.

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Recyclinghof mit Schlagseite

Yael Ronen & Ensemble: Third Generation – Next Generation, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Das Maxim Gorki Theater ist so etwas wie das gute Gewissen der deutschsprachigen Theaterlandschaft: Ethnisch divers, postmigrantisch, queer, feministisch macht es sichtbar, was und wen man auf anderen Bühnen auch im Jahr 2019 nicht tagtäglich findet. Auch wenn die Katalysatorwirkung der Bühne, deren Arbeit weit über die Berliner Grenzen hinausstrahlt, nicht zu bestreiten ist, lässt sich dem Eindruck, dass sich so manches andere Theater zurücklehnt im wohligen Wissen, „das Gorki“ mache das ja alles schon, dann müssen wir das nicht auch noch, nicht immer widersprechen. Nicht jedes Theater würde – wie im vorliegenden Fall – eine Premiere sausen lassen, damit die weiblichen Mitarbeiter*innen an einem „feministischen Streik“ teilnehmen können. Und weil das Gorki – Markenbildung kann man am Festungsgraben auch – immer vorn dabei ist, wenn es um gesellschaftliche Themen der Stunde geht, ist es auch besonders nachhaltig. Hier kommt nichts weg, was sich noch verwerten ließen. Das gilt auch für Inszenierungen.  In der letzten Spielzeit legte Nurkan Erpulat einen alten Hit vom Ballhaus Naunynstraße neu auf, jetzt tut es ihm Kollegin Yael Ronen gleich: Die dritte Generation an der Schaubühne war 2009 ihr erstes großes Erfolgsstück auf deutschsprachigen Bühnen.

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Schrödingers Mensch

Nach Motiven der Erzählung von Franz Kafka: Eine Bericht für eine Akademie, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Der kroatische Theatermacher Oliver Frljić ist nicht gerade dafür bekannt, sich zu mäßigen. Er liebt die Provokation, mag drastische Bilder und nutzt lieber den Vorschlaghammer als das Skalpell. In seinen Inszenierungen werden schon mal der Papst oral befriedigt oder Schauspieler Folter per Waterboarding unterzogen. Das verfehlt seine Wirkung selten: Wer Frljićs Namen googlet, wird schnell auch auf das Wörtchen „Skandal“ stoßen. Wenn er nun ausgerechnet am Berliner Maxim Gorki Theater arbeitet, diesem Hort der Diversität und Toleranz, an dem schon mal eine Premiere verschoben wird, damit sich die weiblichen Mitarbeiterinnen einem bundesweiten Frauentagsstreik anschließen können, ist er unter Freunden, Skandale eher nicht zu erwarten. Auch wenn er es nicht ganz lassen kann zu provozieren – im missglückten Einstieg schließt Sesede Terziyan mit heiligem Ernst als J .M. Coetzees Elisabeth Costello mal eben Shoa und Massentierhaltung kurz – weiß Frljić, dass er hier anders zu Werke gehen, sein Gift über andere Wege in die bürgerliche Seele träufeln muss.

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Eine Tüte Zweifel

Nach dem Roman von Erich Maria Remarque: Die Nacht von Lissabon, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

„Irgendwo soll es doch bleiben. Wie es war. Wenigstens noch eine kleine Zeit.“ Es sind die letzten Worte, die Dimitrij Schaad an diesem Abend spricht. Und es könnten auch seine ersten sein. In Erich Maria Remarques Roman Die Nacht von Lissabon trifft ein mittelloser deutscher Emigrant in Lissabon, im Zweiten Weltkrieg für viele letzter Fluchtpunkt in Europa auf dem Weg nach Amerika, auf einen Österreicher, der ihm sein begehrtes Visum anbieten. Einzige Bedingung: Er muss sich eine ganze Nacht lang dessen Geschichte anhören. Die er so zumindest kurzzeitig bewahren will. Denn so wie das Vergessen irgendwann sein Leben tilgen wird, hat es die Emigration längst getan. Sein Leben ist ein Nichts, er ein Niemand. Ohne Heimat, ohne Namen, ohne Identität. Stets im Wartesaal, immer dazwischen. Nicht drinnen und nicht draußen, so wie die Parider Ringautobahn, auf der einst der Bataclan-Attentäter seinen Bus fuhr. Leere erfüllt auch die Bühne in Hakan Savaş Micans Bearbeitung im Berliner Gorki Theater. Ein Nirgends dieser Raum, dessen einziges Mobiliar – abgesehen von einem Aufbau für die vierköpfige Band – rechts vorn ein kleines Schreibtischchen mit Stuhl ist. Hier schreibt, erinnert, erfindet sich der Erzähler diese Leben im Zwielicht herbei, die verdrängten, nicht beleuchteten, an den Rand gedrängten.

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Bonbons der Selbstabschaffung

Thomaspeter Goergen nach Oscar Wilde (mit Texten von Orit Nahmias): Salome, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

So genannte abendländische Kultur, wir müssen reden. dein Frauenbild, weißt du. Das geht ja schon da los, wo wir immer vermuten, dass du deinen Ausgang hättest, geschichtsvergessen, wie wir in die Welt, die du schufst, Hinterhergeworfenen sind. Dieses Werk ohne Autor, dieses Buch mit den zwei Testamenten. Adam und Eva und so. Die Frau als Ursünderin, als Instinkt und Irrationales und zu bezwingende Natur. Ja, deine konstituierenden Frauengestalten gehen nicht mehr so recht. Es wird höchste Zeit, dass du und dein großes schwarzes Buch mal ihren #MeToo-Moment bekommen. Nehmen wir Salome. Stieftochter des Herodes, Mörderin des Täufers. Die verschmähte Liebende, die irrational impulsive Rächerin, die Verführerin, destruktive „Natur“ durch und durch. Gut gehalten hat sie sich, auch wenn die Oscar Wildes und Richard Strauss‘ dieser Welt die Geschichte neu interpretieren – die Titelfigur blieb, was ihr von Beginn an unterstellt wurde. Dabei hätte sie ihre eigenen #MeToo-Geschichten zu erzählen, ist sie doch Spielball, Opfer, Sündenbock widerstreitender Mächte, männlicher ideengeschichtlicher Blöcke, Opfer sexuellen Missbrauchs und seelischer Demütigung, eine Benutzte und Weggeworfene, vom männlichen Blick Definierte und aller eigenen Wertigkeit Beraubte.

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Kreuzigung per Hashtag

Nora Abdel-Maksoud: The Sequel, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Nora Abdel-Maksoud)

Von Sascha Krieger

George Orwells Roman 1984 entwickelt sich derzeit zu einer Art Lieblingsbuch der so genannten „Neuen Rechten“. Die dort stalinistischem Vorbild entspringende Gedankenpolizei, die Denk- und Sprechverbote, die „Neusprech“ genannte Umwidmung der Sprache im Dienste der Ideologie, die Umdeutung der Lüge zur Wahrheit, die Ausblendung und Verleugnung unbequemer Tatsachen, die Neuschaffung einer konstruierten Vergangenheit: All das sehen die Vorkämpfer der aktuellen Rechtsextremismus von AfD und Pegida über die „Identitären“ bis hin zu offen neonazistischen Bewegungen derzeit in den westlichen Gesellschaften am Werk. Ihr Hassobjekt Nummer eins: die so genannten „political correctness“, präsent in „Auswüchsen“ wie Gender Studies und diskriminierungsfreier Sprache, Feminismus, Antirassismus, Kampf gegen Hass auf LGBTIQ*. Entwicklungen, die in den Augen dieser Ideologen (absichtlich nicht gegendert) eine Meinungsfreiheit behindern, die für sie nur den Freibrief für Hetze und die Mundtotmachung politischer Gegner meint, also das genaue Gegenteil freier Meinungsäußerung und damit selbst ein Musterbeispiel Orwellscher Wahrheitsumkehrung.

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Der Wundenöffner

Oliver Frljić: Damned Be the Traitor of His Homeland!, Mladinsko Theatre, Ljubljana / Gastspiel im Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Acht Jahre alte ist Oliver Frljićs Damned Be the Traitor of His Homeland! mittlerweile, seine theatrale Abrechung mit den Folgen und Ursachen und Traumata und den nach wie vor glimmenden Lunten der gewaltsamen Auflösung Jugoslawiens, mit dem Erbe einer verlorenen und vielleicht schon immer illusorischen Heimat, den Wunden, die Vorurteile schlugen und wieder erzeugten, dem Hass auf andere und sich selbst, den Narben, die nicht verheilen, weil sie sorgsam verborgen werden. Der gerade 75-minütige Abend hebt an mit einem Konzert der Toten. Verstreut liegen sie auf der Bühne und spielen eine melancholische Melodie, die sanft anschwillt und sacht erstirbt, als eine*r nach der*m  Anderen die Bühne verlässt. Am Ende ruft nur noch einsam die Trompete in die Leere hinein. Dann bricht die Stimmung. Die Schauspieler*innen erzählen Todesmeldungen, fiktive, ihre eigenen, die des Autors. Sie kulminieren alle in einer Masturbationsszene eines Frljić-Stückes. Das Theater, die subversive Provokation der Bühne als Urgrund alles Leidens. Willkommen in der bitterbösen Frljićschen Ironie!

Das Maxim Gorki Theater (Bild: Sascha Krieger)

Weiterlesen

Im Ende ist das Wort

Nach dem Roman von Sasha Marianna Salzmann: Außer sich, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Ein Zwischenraum, eine Transitzone ist der Ort, an dem Sebastian Nübling seine Dramatisierung von Sasha Marianna Salzmanns, ihres Zeichen Hausautorin am Maxim Gorki Theater, Romans spielen lässt. Wie das Buch beginnt er am Istanbuler Flughafen. Mit einer Identitätskrise: „Ob ich ich bin“, spürt Hauptfigur Ali, die einmal Alissa hieß, den Grenzbeamten sich fragen. Eine Frage, die Salzmanns Buch durchzieht, die Geschichte eines Zwillingspaares, das von der späten Sowjetunion nach Deutschland verpflanzt wird, sich verliert und vielleicht wiederfindet. Eine Suche voller Ambivalenzen, in der Identität schon immer ein fragiles Wesen ist: die jüdische Familie, welche die russische Heimat verlässt, um im neuen Zuhause nie anzukommen. Alkohol und Depression, Leistungsdruck und Verdrängung sind die Mechanismen, die die älteren Generationen einsetzen, um die Möglichkeit einer definierbaren Identität behaupten zu können. Die Jungen haben einander und doch nicht sich selbst. Die Verdoppelung ist Kompensation für die fehlende Individualität, die/der Andere notwendig, um das Ich denken zu können. Wenn sie/er verschwindet, was bleibt dann von einer*m?

Bild: Esra Rotthoff

Weiterlesen

Werbeanzeigen