Archiv der Kategorie: Maxim Gorki Theater

Erzählen ist Leben

Necati Öziri: Get deutsch or die tryin‘, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Eine zusammengestückelte Welt, Räume, die sich zu neuen öffnen und gleichzeitig verengen, jedes Zimmer hat ein Hinterzimmer, kleiner, niedriger, enger. Pastellfarben „zieren“ die Wände, ausgebleicht, wie ein Patchwork versuchter Leben, ein bisschen Seidentapetenimitat ist auch dabei. Ein Heim, eine Heimat? Nein. Eher eine Abfolge von Versuchen des Ankommens, eine Serie des Scheiterns. Unspektakulär ist Magda Willis Bühne, banal, normal, und doch von berührender Gespächigkeitr. Im Hintergrund ein (Kunst-?)Ledersessel, vorn ein Köhlschrank, ein Heizkörper, ein Spiegel steht waagerecht auf dem Boden. Das eigene Leben einrichten? Abgebrochen. Darin Arda, ein 18-jähriges Exemplar der Bevölkerungsgruppe, die wir „Deutschtürken“ nennen, eine Identität des ewigen Dazwischen. Ein Beobachter zunächst. Stumme gestalten huschen über die Bühne, in fein choreografierten und in einer Art Dauerschleife wiederholten Miniaturen von hedonistischer Jugendlichkeit, wütend-frustrierterer Gewalt, verzweifelten Alkoholismus. Ardas Welt, Ardas Geschichte. Eine Schlagzeugerin (Almut Lustig) gibt einen treibenden Rhythmus vor, der nach Unplugged-Techno klingt, irgendwo zwischen fordernder Lebenssehnsucht und panischem Getriebensein, zwischen eigenständigem Handeln und dem vom unkontrollierbaren Außen Hin-und-hergeworfensein.

Bild: Esra Rotthoff

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Whitney Houston auf der Abraumhalde

Falk Richter: Verräter. Die letzten Tage, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Es gab mal eine Zeit, da glaubte man an gesellschaftlichen Fortschritt. Daran, dass alles mehr oder weniger linear voranschreite, die Menschheit, wenn sie sich auch nicht stets zum Besseren weiterentwickelte, zumindest aus ihren Fehlern lernte und von Um- und Abwegen wieder auf die Straße ins morgen zurückkehrte. So funktionierten Ideologien wie jene des untergegangenen „real existierenden Sozialismus'“ und eigentlich funktionieren auch Wahlversprechen auf diese Weise – bis heute. Damit verbunden war auch die Überzeugung, dass bestimmte Konzepte und Begrifflichkeiten, einmal obsolet geworden, nicht wiederkehrten. Und dann kommen wir an im Hier und Jetzt, in einer Zeit, in der das Gestern, das Überwundengeglaubte mit vollster Kraft zurückschlägt, alte Antworten und Lösungen alles andere als fröhliche Urständ feiern, Feindbilder wieder aktiv werden, sich den dominierenden gesellschaftlichen Strömungen plötzlich machtvolle Gegenbewegungen in den Weg stellen, die zurück streben, ungeschehen machen wollen, darauf aus sind, Räder zurück zu drehen. Gerade hat dieser Gegendrang eine Wahl im mächtigsten Land der Erde gewonnen, in anderen war er nicht weit entfernt davon. Wo kommt das her und wie kommen wir aus der Nummer wieder heraus?

Bild: Esra Rotthoff

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Trockenes Toilettenpapier? Danke, Merkel!

Yael Ronen und Exil Ensemble: Winterreise, Maxim Gorki Theater (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Warum ist deutsches Toilettenpapier so trocken? Warum nennen diese Demonstranten die deutsche Kanzlerin auf ihren Plakaten Fatima? Und warum hat der Bus eine von ausgestattete Küche, wenn man sie nicht benutzen darf? Es ist ein seltsames Land, in dem sich diese sechs wiederfinden. Künstler, Schauspieler*innen aus Syrien, Afghanistan, den palästinensischen Gebieten. Sogar ein palästinensischer Syrer – oder ist er syrischer Palästinenser? – der schon im „eigenen“ Land nicht verständlich machen kann, wer er ist. Überhaupt: verstehen. Einfach ist das nicht, wenn so vieles auf den ersten Sinn keinen Sinn zu ergeben scheint. Wie dieser Deutsche, auch Schauspieler, Niels heißt er. Deutsch, sich ängstlich an Regeln haltend, aber immer zu spät kommend. Seltsam. Winterreise ist die erste Arbeit des Exil Ensembles. Zu diesem hat das Maxim Gorki Theater professionelle, nach Deutschland geflüchtete Schauspieler*innen verpflichtet, die gemeinsam als Gruppe und in Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Künstlern in den kommenden mindestens zwei Jahren  Theater machen werden. Das erste feste Ensemble aus Geflüchteten an einem deutschsprachigen Stadttheater – allein dafür gebührt dem Gorki und den unterschiedlichen Förderern, denen Intendantin Shermin Langhoff am Ende der Premiere dankt, Bewunderung und Anerkennung.

Bild: Esra Rotthoff

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Lasst die Körper sprechen!

Sasha Marianna Salzmann: Zucken, Maxim Gorki Theater, Berlin / junges theater basel, Basel (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Ein junges Mädchen chattet. Der Kommunikationspartner scheint ein junger Mann zu sein. Nur langsam wird klar, dass er anderes im Sinn hat als einen harmlosen Flirt. Er schickt dem Mädchen Songs, arabische, in denen es um Allah geht, kritisiert ihre Smiley-Flut, lenkt die Konversation in ernsthaftere Bahnen. Sie kotzt sich aus über die Eltern, darüber, nicht wahr und ernst genommen zu werden, keine Perspektive zu sehen, kein Ich, das ihr zusagt. er, so glaubt sie, hat die Antwort. „Das gefällt mir, dass du klare Antworten gibst“, sagt sie. „Ja und nein.“ Sie legt ihr Standard-Teenahger-Outfit ab, kleidet sich in Schwarz. Und will zu ihm. In den Dschihad. Als sie gestoppt wird und der Whatsapp-Chat-Partner nicht mehr antwortet, nimmt sie sich ein Messer und geht zum Bahnhof. Eine Radikalisierungsstory im Zeitraffer. Nüchtern, schnörkellos, einfach. Und kaum will sich der Zuschauer ein ganz klein wenig über die Simplizität dieser Verknappung einer solchen ins Radikalste führenden Sinnsuche ärgern, interveniert einer der Darsteller. „Das ist doch unterkomplex!“, ruft er und fordert einen Neustart. Ein schöner Kniff, der jetzt Multiperspektivik erwarten lässt, vielleicht auch eine Hinterfragung, warum die Simplizität der gerade gesehenen Geschichte uns westlichen Augen so plausibel erscheint.

Bild: Esra Rotthoff

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Das Chaos und das Nichts

Nach Bertolt Brecht: Dickicht, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Das „Dickicht der Städte“: In Sebastian Baumgartens Inszenierung wirkt es kaum wie ein Ort, in dem man sich verlieren könnte, vor dem man Angst haben müsste. Robert Lippoks Bühne besteht aus ein paar Miniatur-Wohnblocks, wohlgeordnete Menschen-Silos, kein Dschungel, sondern die anonyme, gleichmachende Ordnung moderner Großstadt-Architektur. Hunderte Wohneinheiten, Lebensräume glitzern freundlich. Doch dann, aus der Dunkelheit, treten schwarzgekleidete Gestalten, urbane Überlebenskämpfer, die sich in Worten aus Bertolt-Brechts Städtebewohner-Handbuch zuflüsteren, die Spuren zu verwischen. Unsichtbarkeit ist das Überlebensgeheimnis. Und so bleiben sie über weitere Strecken unsichtbar, die acht Spielerinnen, die sich im Bühnenhintergrunsversammeln. Über ihnen beginnt eine Leinwand Brechts frühe, rätselhaft-expressionistische Kampfparabel – die gar keine Parabel sein mag – Im Dickicht der Städte zu erzählen. In greller Überzeichnung erinnern die Filmszenen mal an expressionistische Stummfilme, mal an Gangsterstreifen der Noir-Tradition, später kommt eine gehörige Prise Horrorgenre hinzu.

Dickicht_(c)Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Die Welt ist ein Horrorhaus

Nach Sophokles: Antigone und Ödipus, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Ersan Mondtag)

Von Sascha Krieger

Die Familie als Schoß allen Übels. Am Deutschen Theater spürt Sebastian Hartmann in seiner Ibsen-Strindberg-Heine-Collage Gespenster gerade den dunklen Abgründen dieser essenziellsten aller sozialen Einheiten nach, (fast) nebenan am Gorki tut Ersan Mondtag in seiner ersten Regiearbeit in seiner Heimatstadt Ähnliches. Schon in seinem gefeierten – und geschmähten – Theatertreffen-Debüt Tyrannis entwickelte er ein dystopisches Schauermärchen aus der Erstarrung familiärer Rollen- und Machtverhältnisse heraus. Da ist der Schritt zur vielleicht dysfunktionalsten aller Familien der Literaturgeschichte, den Labdakiden (ja, der Atriden-Clan um Agamemnon und Co. ist ein würdiger Rivale) nicht weit. Ödipus, der als Säugling verstoßene Königssohn, der alles richtig machen will und gerade dadurch zum Vatermörder und Mutterschänder wird, seine Söhne, die sich im Machtkampf gegenseitig töten, die Schwester, die um der Brüder und der Tradition willen das Gesetz des Onkels missachtet: Sie alle presst der Regisseur in gut 90 Minuten, legt sie unter ein Mikroskop, das das Kleinste, Lächerlichste vergrößert und plötzlich zum bitter-fatalisten Gesellschaftsbild aufpumpt.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Make Theatre Great Again

Nach Dorothy M. Johnson: Der Mann, der Liberty Valance erschoss, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Alles Show hier. Nett anzusehen ist es ja, das Hauptsträßchen in dem kleinen Westernststädtchen, das, wie uns die praktischen Lettern über derBühne verraten, Two Trees heißt. Aber natürlich sind die Kulissen ein bisschen zu billig, beginnt sich die Bühne bald zu drehen und zeigt die Rückseitze der Fassade. Da ist: nichts, kein Inneres, keine Substanz. Die Oberfläche, schnell hingezimmert, ist alles. Ein schönes B-Movie-western-Filmset mit Störelementen. Klar, da sind der Saloon und der Pferdeparkbalken und die Strohballen, aber da gibt es eben auch Neonschriften und Hinweisschilder zu Motels. Der wilde Westen ist denn eben doch nicht allein im Jahr 1880 anzusiedeln, er gehört (auch) in das Amerika von heute. „This is not America“: Den David-Bowie-Text spricht Bösewicht Liberty Valance einmal über ein wildes Bilder-Potpourri vom Schönen und Hässlichen der USA, über Vorstadt-Idylle und Kriegsgräueln. Er wird es später noch einmal anstimmen, wie eine Drohung, denn natürlich ist das Amerika, ist das „Land der Freien“ immer auch sein eigenes Gegenteil.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Roboter ohne Auftrag

Heiner Müller: Der Auftrag, Maxim Gorki Theater (Regie: Mirko Borscht)

Von Sascha Krieger

In Heiner Müllers Der Auftrag versuchen drei französische Revolutionäre einen Sklavenaufstand in der Karibik anzuzetteln und die Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in die Welt zu tragen. Sie scheitern, auch weil sie sich nicht aus ihren vorrevolutionären Rollen befreien können, in Sasportas zu sehr der unterdrückte Schwarze, in Debuisson der ehemalige Grundbesitzer steckt. Das stück beginnt mit dem Scheitern, der Entscheidung, den Auftrag zurückzugeben. Bei Mirko Borscht ist schon das nur noch ein Erinnerungsfetzen, eine Fußnote. Der Müllersche Eingangssatz findet nurmehr als Endlosschleife statt, während die Zuschauer*innen ihre Plätze einnehmen, kaum verständlich, und das nicht nur akustisch. Geht das Licht an, ist alles schon nicht einmal mehr fernste Vergangenenheit, sondern schemenhaft rekapitulierter Mythos. Die Figuren oder besser ihre halbvergessenen Schatten sind gefangen ist einer kalten, aseptischen dystopischen Zukunft. Eine Art Wartesaal, Unternehmenslobby, vielleicht auch Labor eines neuen, optimierten Menschen. Eingeschlossen in eine Art Reaktorkäfig ist der Maschinenmensch aus Fritz Langs Metropolis, die blauen Uniformanzüge der Darsteller*innen erinnern an 1984. Die Revolution ist längst Vergangenheit, vielleicht hat sie es nie gegeben.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Im Reich des Absurden

Love it or leave it! Ein Projekt von Nurkan Erpulat & Tunçay Kulaoğlu, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Menschen sitzen in einem irgendwann einmal liebevoll eingerichteten Zimmer mit depressiv dunkelblauer Tapete. An der Wand Bilder ehemaliger Präsigenten. Das Zimmer ist nach hinten verjüngt, eine klaustrophobische Zelle, aus der zu entrinnen nur Illusion bleiben kann. Die Menschen: reglos, Tee trinkend, das einzige Geräusch der traurige Chor gegen Glas schlagender Löffel. In der Mitte ein Abgrund, aus dem Dampf aufsteigt. Eine Frau hat eine Schlinge um den Hals. Nichts passiert. Irgendwann schlägt ein Mann auf der Orgel in der Ecke ein paar Töne an, immer die gleichen. Mechanisch, wie aufziehbare Puppen, beginnen die Gestalten zu tanzen. Ausdruckslos, gequält. „The End“ von den Doors, in Musik gegossener Weltekel, bricht ab, hebt wieder an, zwingt die zunehmend frustrierten Gestalten dazu, sich wieder ihren vorgegebenen Bewegungen zu ergeben. Irgendwann wird alles zu viel, beginnen sie den Raum zu zerlegen, nur um ihn gleich darauf, resigniert wieder herzurichten.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

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Die verschwundene Finsternis

Wolfram Lotz: Gülünç Karanlık – Die lächerliche Finsternis, Bakırköy Belediye Tiyatrosu, Istanbul (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist das ja ein spannendes Experiment: Wolfram Lotz‘ Erfolgsstück Die lächerliche Finsternis in der Türkei, mit türkischen Darstelle*innen und für ein türkische Publikum zu inszenieren (und natürlich auch, das Ergebnis dann zurück nach Deutschland zu bringen). Im Stück fahren zwei Bundeswehrsoldaten den Hindukusch – ja, das ist in Lotz‘ Joseph-Conrad-und Francis-Ford-Coppola-inspirierten absurden Parallelwelt ein Fluss – hinauf, hinein ins Herz des afghanischen Urwalds (!), um einen außer Kontrolle geratenen Offizier zu liquidieren. Dabei treffen sie auf ein italienisches Blauhelm-Camp, das zu einer Art Zwangsarbeitslager für die Einheimischen mutiert ist, einen einsamen Händler aus Ex-Jugoslawien, Opfer der NATO-Bombardements von 1999 und eine christliche Mission, die sich als Umerziehungscamp und Zivilisationsschule für die „Wilden“ versteht. Für Nurkan Erpulat, türkischer Regisseur, der seit 18 Jahren in Berlin lebt, sind es diese Begegnungen, die das Herz von Wolfram Lotz‘ Stück bilden. Erpulat inszeniert es als Farce, als satirisch absurde Entlarvung westlicher Überheblichkeit und rassistisch getränkten Kolonialismus‘.

Gülünç Karanlık – Die lächerliche Finsternis gastierte am Berliner Maxim Gorki Theater im Rahmen des Festivals "Uniting Backgrounds". (Bild: Esra Rotthoff)

Gülünç Karanlık – Die lächerliche Finsternis gastierte am Berliner Maxim Gorki Theater im Rahmen des Festivals „Uniting Backgrounds“. (Bild: Esra Rotthoff)

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