Archiv der Kategorie: Maxim Gorki Theater

Auf der dunklen Seite

Yael Ronen & Ensemble: A Walk on the Dark Side, Maxim Gorki Theater, Berlin

Von Sascha Krieger

Nanu, was ist denn hier los? Da geht man zu einem Yael-Ronen-Abend und weiß eigentlich, was man bekommt: diskursstarkes Theater über Identität, autobiografisch grundierte Reflexionen über Gewalt, Macht, Heimat, Stückentwicklungen zwischen Spiel und Selbstreflexion, in denen Rolle und Darsteller in ein Spannungsfeld treten, in dem sie oft kaum noch unterscheidbar sind. Und dann das: Mit A Walk on the Wild Side legt Ronen plötzlich ein Familienkammerspiel vor, das als „well-made-play“ durchgingen und in seiner handwerklichen Qualität das Niveau hätte, im West End oder (Off-)Broadway gespielt zu werden. Worum geht es? Ein Physiker, der sich mit dunkler Materie und dunkler Energie befasst, gewinnt einen wichtigen Preis. Zur Feier fährt er mit Frau, Bruder und dessen Freundin für ein Wochenende in die Uckermark. Hinzu kommt der verlorene Halbbruder, der einst auf Anregung der beiden Brüder aus dem Fenster sprang. Schnell kommen Familiengeheimnisse auf den Tisch, alte Ressentiments, neue Schuld, Lügen und immer wieder Lügen. Dabei wechseln die, die vermeintlich die Fäden ziehen, sich immer wieder ab, erst spät wird klar, wer das Ganze wirklich in der Hand hat. Am Ende ein paar Erkenntnismomente und ein fragiler Waffenstillstand, erzwungen durch eine Gewalt, die der Rachelogik folgt, auch wenn Ausführende und Motive nicht immer deckungsgleich sind.

Bild: Esra Rotthoff

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Die sich selbst zerlegen

Oliver Frljić: Gorki – Alternative für Deutschland?, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Oliver Frljić)

Von Sascha Krieger

Es klingt eigentlich wie der Titel eines Uni-Seminars: „Über die repräsentative Schwäche des Theaters und der Demokratie“ untertitelt Oliver Frljić seine erste Arbeit am Maxim Gorki Theater. Doch wer den kroatischen Regisseur kennt, weiß, dass es bei ihm in der Regel um einiges härter und konfrontativer zugeht als an einer durchschnittlichen deutschen Hochschule. „Mut zur Wahrheit“ steht zunächst auf den eisernen Vorhang. Das ist der Slogan der rechtsextremen AfD – geschrieben ist er aber im Schriftdesign des ersten postmigrantischen Stadttheaters im deutschsprachigen Raum. Und Frljić fackelt nicht lange: Mit aggressiver Mimik und Gestik treten sie an die Rampe und schleudern dem Publikum Zahlen und Fakten zum Gorki ins Gesicht. Zum Beispiel den Passus in dessen Stellenausschreibungen, dass Menschen mit Migrationshintergrund bevorzugt würden. „Es findet eine positive Ausgrenzung statt“, lautet das Fazit. Und was bedeutet das eigentlich für die Schauspieler*innen ohne „Hintergrund“? Sind sie zu schlecht für „richtige“ Theater? Und was, wenn sie einfach mal wirkliches Theater spielen Wollen, statt den üblichen Betroffenheitseinheitsbrei? Und überhaupt: Frauen inszenieren hier auch nicht häufiger als anderswo, in diesem „Theater für Randgruppen“, das ja eigentlich ebenso ausgrenzt wie die, gegen die zu stellen es sich auf die Fahnen schreibt. Und gibt ein solches theater nicht den anderen, „weißen“ einen Freifahrtschein, sich nicht zu diversifizieren, denn dafür gäbe es ja das Gorki?

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Bild: Esra Rotthoff

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Schlag nach bei Kafka

Ödön von Horváth: Glaube Liebe Hoffnung, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Das ist ja ein schöner Jahresauftakt, den sich das Maxim Gorki Theater überlegt hat: Mit Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung stellt es einen der hoffnungslosesten, pessimistischsten und deprimierendsten Texte der Literaturgeschichte an den Anfang seines Theaterjahres. Die Geschichte der jungen Elisabeth, die hoffnungsvoll versuchend, sich eine bescheidene Exostens aufzubauen, bei jedem Schritt von einer feindlichen Welt und den nicht minder abweisenden wirtschaftlichen Verhältnissen der Zwischenkriegszeit zurückgeschlagen wird, bis sie einen halb zufälligen und himmelschreiend erbärmlichen Tod stirbt, ist keine, die einen oprimistischen Blick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt wirft. Ein nicht gerade hoffnungmachender Schritt ins neue Jahr. Regisseur Hakan Savaş Mican versucht die Düsternis des Stücks denn auch in keiner Sekunde zu kaschieren. Sylvia Rieger hat ihm eine abweisend schwarze expressionistische Stummfilmkulisse mit in die Höhe strebenden schrägen Blöcken, urbanen Stacheln mit gesichtslosen, kaltes Licht verströmenden Fensterlöchern, auf und neben die Drehbühne gebaut, von der zunächst vor dem Eisernen Vorhang nur Teile zu sehen sind. Geht dieser hoch, setzt sich das Labyrinth moderner Albträume fort. Kein Ausweg nirgends.

Bild: Esra Rotthoff

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Der Tanz auf dem Cheeseburger

Mischa Spoliansky, Marcellus Schiffer: Alles Schwindel, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Als Alles Schwindel 1931 Premiere feierte, waren die „Goldenen Zwanziger“ bereits Geschichte, hatten Weltwirtshaftskrise und Inflation die kurze Blütezeit einer diversen, wagemutigen, alles erlaubenden, freuen Kunst und Unterhaltung bereits aufs Abstellgleis gestellt, lag der erste ernsthafte Versuch einer Demokratie in Deutschland bereits in den letzten Zügen. Texter Marcellus Schiffrin würde ein Jahr später bereits Selbstmord begehen. Komponist Mischa Spoliansky aufgrund seiner jüdischen Herkunft emigrieren. Der Tanz, den sie in dieser Burleske vollführen lassen, findet auf einem Vulkan statt, in dem es bereits sehr heiß geworden ist. Folgerichtig spielt das Stück in einer Welt, in der nurmehr alles Schein ist: Man fälscht Identitäten, haut sich lächelnd übers Ohr, gibt vor, Geld zu haben, auch wenn man längst pleite ist – eine Welt des puren Spiels, in der alles nur noch Illusion ist, egal wie echt es scheint. Da ist es kein Zufall, dass Regisseur Christian Weise und seine Bühnenbildnerin Julia Oschatz die Fotografie als zentrale Metapher gewählt haben. In der Bühnenmitte prangt ein Kreis, der sich als Kameralinse heraus stellt, umrahmt von schwarzen, weiß gerandeten Platte, die eine geöffnete Blende andeuten. Der Schnappschuss als inszenierte Vortäuschung von Authentizität ist Ausgangs- und Mittelpunkt von Weises Wiederbelebung dieses lang vergessenen Stücks.

Bild: Esra Rotthoff

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Das papierne Ich

Nach Ágota Kristof: Hundesöhne, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

In Unterhemd und kurzer Hose schlendern sie über die Bühne, machen Dehnübungen, wärmen sich auf. Sechs Spieler+innen, denen ein fast vierstündiger Abend (das könnte ein Rekord der derzeitigen Gorki-Intendanz sein) bevorsteht. Sie machen sich bereit für die Geschichte – ihre Geschichte? Darum geht es zunächst. Einer nach dem anderen kommen sie zum Bühnenrand, bringen sich ein in die Erzählung, versuchen ihre Stimme über die der anderen zu setzen. Ein vielstimmiger Narrationsversuch, der wiederholt, abbricht, neu ansetzt. Und aus dem sich langsam eine Geschichte herauszuschälen beginnt. Die eines Zwilligspaars, herumgewirbelt in einer Welt des Kriegs. Mögliche Paare gruppieren und trennen sich, am Ende stehen Loris Kubang und Linda Vaher zusammen, hat sich das Protagonist*innenpaar (zunächst) gebildet. Eine Identitätsfindung auf offener Bühne und einer der stärksten Anfänge der jüngeren Gorki-Geschichte. Dann geht es los auf der leeren Bühne. Ein Requisitenwagen, der später auch als Ziege dient – samt funktionierendem Euter! – rollt herein, die „Zwillinge“ werden altersgerecht eingekleidet. Papierbahnen werden entrollt, auf welche die Spieler*innen mit Schlamm Kulissenandeutungen malen. Eine Welt aus Dreck und Papier, aus menschlichen Abgründen und Illusionen, Leid und Geschichten.

Bild: Esra Rotthoff

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Friede, Freude, Michael Jackson

Du kannst nicht mehr warten?, Theaterjugendclub von GORKI X „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Leitung: Theresa Henning)

Von Sascha Krieger

„The waiting is the hardest part.“ Das wusste schon der kürzlich viel zu früh verstorbene Tom Petty. Und doch besteht ein Großteil unseres Lebens daraus zu warten. Auf die Liebe, die Freiheit zu tun und zu lassen, was man selbst will, eine Zeit, in der Geschlechterrollen tot sind und die Hautfarbe oder „Herkunft“ keine Rolle spielen. Und während man wartet, geht das, was das eigenen Leben hätte sein sollen, einfach weiter. Ziemlich gemein das. Damit wäre der inhaltliche Rahmen der aktuellen Arbeit des Gorki-Jugendclubs „Die Aktionist*innen“ schon weitgehend umrissen. Es geht um das Leiden am Warten, das ein Leiden an der Welt und an sich selbst, vor allem der internalisierten wie externen Erwartungen an dieses mythische Ich, das wir irgendwie werden sollen, ist. Zunächst sitzt ein junger Mann auf einem Hocker, den Rücken zum Publikum. Still. Irgendwann fängt er an zu zucken, daraus wird ein Wutanfall, ein Anrennen gegen den Wartemodus, körpergewordene Verzweiflung über ein Leben, das endlich anfangen soll. Das Zucken bleibt, es wird immer und immer wieder exerziert, mit jeder weiteren Darsteller*in, die auf die Bühne kommen. Mal physisch, mal verbal, mal in stiller Verzweiflung, mal in wütendem Brüllen von einer Überzogenheit, dass selbst Frank Castorf die Schamesröte ins Gesicht stiege.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

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Der Hun-desohn

András Dömötör, Kornél Laboda: Attila, the Hun (Solo) and the Magical (Laser) Sword, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

Attila, Etzel. Da fängt es schon an. Der legendäre Hunnenkönig. Nationalheld der Ungarn, Nebenfigur im Nibeliungenlied. Der Held, der Europa eroberte, der unkultivierte, zerstörerische Barbar. András Dömötör ist ein ungarischer Theatermacher, der mittlerweile vor allem in Deutschland arbeitet und sich gern mit dem heutigen Ungarn, seinem Verhältnis zu Europa und dem „westlichen“ Blick auf das Land herumschlägt. Da liegt der Schritt zu Attila nahe. Im „Westen“ Synonym für alles, was nicht Zivilisation ist, rücksichtslose Gewalt und Zerstörung, wird er im nationalistischen Ungarn zu einer Art Übervater stilisiert, eine Ikone der Unabhängigkeit und eines selbstbewussten Nationalismus, der sich jegliche Fremdbestimmung verbittet. Für Dömötör scheint Attila die ideale Figur zu erörtern, warum sich Ungarn derzeit zu einem autokratischen, ultranationalistischen und antiwestlichem Staat entwickelt. Und darüber zu sprechen, welche Rolle, wir, der Westen womöglich dabei spielen.

Bild: © Maxim Gorki Theater

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Die Vier von der Zankstelle

Sibylle Berg: Nach uns das All – Das innere Team kennt keine Pause, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Da wären sie also wieder. Die Vier von der Zankstelle, die Hohepriesterinnen der sexuellen Frustration, die Résistance gegen die Junta der Leistungs- und Selbstoptimierung, die Operateurinnen am offenen post-post-modernen Herzen. Nach Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen und Und dann kam Mirna nun also der dritte Streich von Sibylle Berg und Sebastian Nüblings bebrillter Viererbande, die in den beiden Vorgängers, gegen alles und jedes zu Felde zog, die ihr vorzuschreiben gedachte, wie das „richtige Leben“ aussehen solle, wie sie sich darin zu integrieren habe und was der ganze Scheiß namens Realität eigentlich solle. Und die sich im einzig zugänglichen Akt des Widerstands in die eigene (Schmoll-)Ecke zurückzog und von dort ihren scharfzügigen Kampf führte. In Nach uns das All ist all das nicht mehr möglich. Berg siedelt ihr Stück in einer nahen Zukunft an, in der die Propagandisten der einfachen Antworten, die Rechts- und sonstigen Populisten unserer Welt, die Oberhand gewonnen haben, in der „alle Länder von Männern regiert (werden), die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“.

Bild: Esra Rotthoff

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Jenseits von Zarah Leander

Yael Ronen & Ensemble: Roma Armee, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Wer nach einem langen und schönen Urlaub nach Hause kommt, freut sich meistens über wenig. Aber wenn es dann schon sein muss, dann will man wenigstens das wohlige Gefühl des Zuhauseseins empfinden, sich im Schoße des Gewohnten und Geliebten geborgen fühlen. Es ist ein Verlangen, das auch der regelmäßige Theaterbesucher kennt, wenn die für ihn zu langen, für so manchen Theatermitarbeiter sicherlich viel zu kurzen Theaterferien enden. Da will man zu den zurückkehren, das man mag und in dem man sich wieder zurechtfinden, sich seiner eigenen Position versichern kann. Langjährige Stammgäste der Berliner Volksbühne haben diese Sicherheit in diesem Jahr nicht, was womöglich einen (kleinen) Teil der derzeit zu beobachtenden – und von Tag zu Tag erschreckenderen – Reaktionen auf den dortigen Intendanzwechsel erklären mag. Für die Gemeinde, die das Maxim Gorki Theater in den letzten Jahren aufgebaut hat, gilt das nicht. Sie können weiterhin sicher sein, dass die ein sicherer aber auch ungeheuer auf- und anregender Ort für Identitätssuchen und das Verhandeln so genannter Minderheitenidentitäten sein wird.

Bild: Esra Rotthoff

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Im Anfang war der Marsch

Marta Górnicka: Hymne an die Liebe, Teatr Polski w Poznaniu, Poznan / Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Marta Górnicka)

Von Sascha Krieger

Am Anfang steht der Marschbefehl. Stakkatohaft beginnt Hymne an die Liebe, die neueste Arbeit der polnischen Theatermacherin Marta Górnicka, mit nur einem Wort: „Noch“. Immer und immer wieder wiederholt kommen bald weitere hinzu, setzt sich aus ihnen, langsam, bruchstückhaft, der Beginn der polnischen Nationalhymne zusammen: „Noch ist Polen nicht verloren“. Es ist logisch, mit dem vielleicht verzweifeltsten Beginn einer Nationalhymne überhaupt anzufangen, wenn man sich in 50 Minuten dem heutigen Polen und seiner zunehmenden Einmauerung in einem erschreckend rückwärts gewandten Nationalismus annähern will. Polen, der Spielball innereuropäischer Machtkämpfe, der seine Nationalstaatlichkeit immer wieder verlor und sich erst seit gut 25 Jahren an der Findung einer souveränen Identität innerhalb eines komplexen und fluiden Kontinents versuchen darf. Der Selbstzweifel, der resignative Pessimismus gepaart mit trotziger Selbstbehauptung, die aus den Anfangszeilen spricht: In ihnen liegt vielleicht der Schlüssel zu der seltsamen Mischung aus Modernisierung und Konservatismus, die das Land zu einem der erfolgreichsten Länder des ehemaligen Ostblocks gemacht hat und es zugleich zunehmend isoliert.

Das Maxim Gorki Theater (Foto: Sascha Krieger)

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