Archiv der Kategorie: Marie Schleef

Die Macht des Namens

Theatertreffen 2021 – Marie Schleef: NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+, Ballhaus Ost, Berlin / Münchner Kammerspiele / Kosmos Theater, Wien – Aufzeichnung (Regie: Marie Schleef)

Von Sascha Krieger

Ein Schlüsselmoment dieses Abends findet sich bereits im ersten Viertel: Da befasst sich Anne Tismer gerade mit der Barock-Komponistin Francesca Caccini. Soeben hat sie die Besonderheiten ihrer Musik skizziert, da lädt sie zur Hörprobe: „Das wollen wir uns mal eben anhören.“ Andächtig lauscht sie – der Stille. Denn die Werke Caccinis sind verschollen, die Italienerin eine Leerstelle der Musikgeschichte. Damit ist sie exemplarisch für das, worum es in diesen knapp sechs Stunden geht: die Frau als Leerstelle der Geschichte, der Geschichtsschreibung, Begriffe, die ironischerweise grammatisch weiblich sind – in der Praxis dagegen männlich. Männer schreiben und forschen über Männer, der männliche Blick bestimmt die kollektive Weltsicht, der Frau kommt dabei kaum mehr als eine Nebenrolle zu. Diesen weiblichen Blick einzubringen hat sich die Theatermacherin Marie Schleef auf die Fahnen geschrieben – und das tut sie nirgends so konsequent wie an diesem Abend.

Bild: Hendrik Lietmann

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Angst vor Virginia Woolf

Nach dem Roman von Virginia Woolf: Die Fahrt zum Leuchtturm, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Marie Schleef)

Von Sascha Krieger

Völlige Stille. Hin und wieder ein leises Plätschern und Tropfen. Dann ist wieder einer der Container umgekippt worden, die oben auf den orangefarbenen Wände angebracht sind. Dann ergießt sich grüße Farbe über die, die Anne Tismer, noch in orange gekleidet, aufnimmt und verstreicht. Lange, sehr lange passiert nichts anderes, ist nicht mehr zu hören als als das leise Kratzen der Malerbürste und nichts zu sehen außer einer Frau, die Wände streicht. Mit einer Ausnahme: Auf einer Übertitel-Tafel erscheinen Daten – Meilensteine im langen Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter, große und kleine, bedeutende und kaum bemerkte. Da ist auch der* letzten Zuschauer*in klar: Das Umstreichen der Wände in die Farbe der Hoffnung ist ein politisches Symbol, ein Zeichen der Zeitenwende, vielleicht auch ein Aufruf zu selbiger. Damit symbolisiert Tismer die Umkehr der Ordnung, die zu Beginn von Virginia Woolfs bahnbrechendem Roman To the Lighthose noch intakt scheint und die Ernst-Busch-Absolventin Marie Schleef zuvor in ihrer Diplominszenierung knapp eine Stunde in all ihrer Erstarrung vorgeführt hat. Nichts ist wie vorher, aber was tritt an die Stelle des Alten?

Bild: Jo Jankowski

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