Archiv der Kategorie: Maria Milisavljevic

Auslauf für Sysiphos

Maria Milisavljevic: Beben, Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Volker Metzler)

Von Sascha Krieger

Die Welt ist eine Gummizelle. Nur ohne Gummi. Hart sind die Wände, abweisend weiß. Ein Pfäd führt an ihnen entlang. Eine Aneinanderreihung von Schrägen. Auslauf für Sysiphos. Die Insassen: ebenso weiß. Fingernägel und Gesichter „verziert“ mit fluoreszierenden Farben. Dazu passend: Ein (weißes) DJ-Pult in der Mitte des Raums. Der Untergang der Menschheit ist eine Techno-Party. Regisseur Volker Metzler, der mit dieser Inszenierung sein Debüt als Schauspieldirektor des Theaters an der Parkaue gibt, und seine Bühnenbildnerin Claudia Charlotte Burchard haben sich eines der derzeit meistdiskutierten und -gefeierten Stücke des deutschsprachigen Theaters angenommen: Maria Milisavljevics Beben, Gewinner des Heidelberger Stückepreises. Eine Endzeitvision, vielschichtig, sperrig, eine kaum bezwingbar erscheinende Textfläche. Metaphysisches steht neben Konkretem, Dystopie neben Realismus. Ein gottgleiches Wesen ergötzt sich an der Selbstvernichtung der Menschheit; ein Kind wird erschossen und die Mutter will dem Soldaten, der abdrückte, die Hand reichen; ein Dröhnen erfüllt die Welt und lässt sie im Krieg versinken; irgendwo muss jemand immer noch schnell sein Level zu Ende spielen. Ein faszinierender Text, hochkomplex, verwirren, immer wieder auf falsche Fährte lockend, abbrechend und neu ansetzend, wild zwischen den Ebenen springend. Ein Weltpanorama in Fragmenten. Perfektes Material also für das Jugendtheater?

Bild: Christian Brachwitz

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Bevor das Eis schmilzt

Maria Milisavljevic: Brandung, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Das Rauschen des Meeres, das Schreien der Möwen: Hin und wieder ist sie zu hören, die titelgebende Brandung in der Uraufführung von Maria Milisavljevics Stück. Eine Illusion, erzeugt durch Benjamin Lillie, ein Mikrofon und ein paar Soundeffekte. Auf Jonathan Mertz‘ Bühne tost kein Meer, alles Wasser ist hier längst zu Es erstarrt. Im Wortsinn: Zentrales Bühnen Element ist eine Wand aus Eisblöcken, die im Laufe des Abends langsam zu schmelzen beginnen. Das Meer, das Wasser im Allgemeinen, ist Fluchtpunkt in Milisavljevics Text, im guten wie im schlechten Sinne: Ort der Ruhe, des Zu-Sich-Kommens, aber auch Symbol des Weglaufens – vor der Welt, vor sich, vor dem, was schmerzt. Das Meer als See von Tränen, das gefrorene Wasser als Zeichen der Erstarrung: Der Text ist voll von ebenso klaren wie eindrucksvollen Wasserbildern. So ist das Rauschen des Meeren mehr als ein Sehnsuchtspunkt: Es steht auch für das Unstete, das Ungesagte, das Unerledigte – wie das unaufhörliche Rennen, ein weiterer Topos des Stück. So stark ist die Sehnsucht nach Stillstand, nach Ruhe, nach einem Zur-Ruhe- und Zu-Sich-Kommen – und so unerreichbar.

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