Archiv der Kategorie: Luk Perceval

Das Klagen der Untoten

Nach Anton Tschechow: Platonow, NTGent (Regie: Luk Perceval) – Gastspiel im Hebbel am Ufer/HAU1, Berlin

Von Sascha Krieger

Ein Stöhnen, schmerzerfüllt, sehnsüchtig, klagend, schwebend über mäandernden Klavierklängen, herübersehend aus einer Gegenwart, die keine Worte mehr kennt, weil sie keinen Sinn mehr hat, den des zu benennen lohnte. Und doch finden sich welche, lange Zeit, nachdem die Klage von Jens Thomas‘ Stimme und Klavier eine leblose Wüste, bevölkert nur noch von den Überresten einstiger Lebensversuche, auf die leere Bühne gemalt hat, wo nur noch ein einsames Klavier ins Nirgendwo fährt. Und von wo sie nicht weg können, die Untaten, die da verteilt im Raum stehen, in eingefrorenen Posen und Gesichtsausdrücken, die ins Nichts starren, sich mechanisch bewegen, langsam, ziellos, blasse Abzüge einstigen Lebens. Beziehungslos im Raum verloren sind sie zunächst, später bilden sie eine Linie am Bühnenrand, zwischendurch formen sie sich gar zu Paaren, die zusammenfinden, sich auflösen, neu ordnen. Man berührt einander, mehr noch sich selbst, Erinnerungen nur an Illusionen von Nähe. Keiner nimmt den anderen mehr wahr, keiner dieser „überflüssigen Menschen“, die hier, unter den Händen Luk Percevals, Schatten vergangener Träume sind. „Mir ist langweilig“, sind die ersten Worte, die ertönen. Elsie de Brauw spricht sie, die in diesem Puppentotentanz die Anna Petrowna zu spielen vorgibt.

Schauplatz des Berliner Gastspiels von Platonov: das Hebel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Schauplatz des Berliner Gastspiels von Platonow: das Hebel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

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Unter dem Hundeblick

James Joyce: Exiles, Münchner Kammerspiele (Regie: Luk Perceval)

Von Sascha Krieger

Bevor James Joyce als Prosaautor die Literaturgeschichte auf den Kopf stellte und Genregrenzen ein für allemal neu definierte, wenn nicht gar niederriss, hatte er bereits einen sehr viel konventionelleren literarischen Karriereversuch hinter sich: Der Ibsen-Verehrer sah sich zunächst als Dramatiker in der Tradition des großen Norwegers. Mit wenig Erfolg: Sein Erstling Exiles blieb sein einziger Ausflug ins dramatische Fach, fand weder in England noch in Irland ein Theater, das die Uraufführung besorgen wollte und ist bis heute ein selten gesehener Gast auf den Spielplänen. Viel häufiger finden sich dort Bearbeitungen seiner Prosawerke, allen voran Ulysses. Wenn sich jetzt die Münchner Kammerspiele des Werkes erinnern, hat auch das Tradition, schließlich war es genau hier, dass das Stück 1919 seine Uraufführung feierte. Seine Wurzeln in der Ibsen-Nachfolge kann es nicht verleugnen: Im Mittelpunkt stehen vier Menschen, die einander in komplexen Beziehungsgeflechten mehr getrennt als verbunden sind: das Ehepaar Richard und Bertha, das nach neun Jahren im Ausland zurückgekehrt ist, Richards Jugendliebe Beatrice und Berthas Verehrer Robert. Obwohl – oder gerade weil? – Richard und Bertha eine offene, auf schonungsloser Ehrlichkeit basierende Ehe zu führen vorgeben, führt der Test dieser Prinzipien an den Rand einer Katastrophe. Dass diese nicht eintritt, ist vielleicht noch fataler als es der große Knall wäre.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

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Der Blick der Toten

Autorentheatertage 2014 – FRONT. Polyphonie nach Texten und Zeitdokumenten
von Erich Maria Remarque, Henri Barbusse u.a., Thalia Theater Hamburg (Regie: Luk Perceval)

Von Sascha Krieger

100-jährige Jubiläen sind vielleicht die schwierigsten: In der Erinnerungskultur gilt die 100 vielen als die rundeste aller Zahlen – zugleich ist es die Marke, ab der Ereignisse endgültig ins Reich der geschriebenen Geschichte wandern, weil es keine Zeitzeugen mehr gibt. Dem Ersten Weltkrieg ergeht es gerade so: Da soll er sich aus dem übermächtigen Schatten des Zweiten befreien, der doch zugleich so untrennbar mit dem früheren weltenbrand verknüpft ist – und gleichzeitig ist keiner mehr da, der berichten kann. Der Erste Weltkrieg gehört jetzt in die Schubladen, in denen sich all jene Ereignisse befinden, denen wir nurmehr auf den Seiten der Geschichtsbücher begegnen. Und überhaupt: Wie soll man sich einem Krieg nähern, der sämtliche Maßstäbe verschoben, alle Gewissheiten aus den Angeln gehoben hat, bei dem sich jahrelang Millionen Soldaten gegenüberstanden, ohne dass sich die verfestigte Front groß bewegt hätten und der trotz allen Stillstands bis heute nicht vorstellbare Opferzahlen produzierte: 2 Millionen tote deutsche Soldaten, 1,3 Millionen Franzosen, eine Dreiviertel Million Briten sind erst der Anfang. Ein Krieg, der das Töten industrialisierte – und auch damit seine Wirkung hinterließ – und alle Hemmungen hinwegfegte. Wie lässt sich das auf eine Theaterbühne bringen?

Foto: Sascha Krieger

Das Deutsche Theater Berlin – Ausrichter und Spielort der Autorentheatertage (Foto: Sascha Krieger)

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Vom Menschsein

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein, Thalia Theater Hamburg (Regie: Luk Perceval)

Von Sascha Krieger

Spätestens seit Luk Percevals Bühneadaption von Hans Falladas Roman Kleiner Mann – was nun? 2010 zum Theatertreffen eingeladen wurde, gehören seine Werke zum Standardrepertoire deutscher Bühnen. Kaum einer scheint so gut in eine Zeit der Wirtschafts- und Identitätskrise der Gegenwartsgesellschaft zu passen wie dieser Chronist der „kleinen Leute“ und ihres Kampes ums Üerleben und ja, um so etwas wie Würde. Dabei fällt der Fokus mehr und mehr auf Falladas letzten Roman Jeder stirbt für sich allein, jene auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte eines Arbeiterehepaars, das nach dem Tod des einzigen Sohnes an der Front mit selbstgeschriebenen Postkarten Widerstand gegen Hitler leistet und dafür in den Tod geht. Das hat sicher auch damit zu tun, dass seit 2011 endlich die ungekürzte Fassung des Werks vorliegt. Erneut ist es Perceval, der sich tief in den Stoff hineinbegibt und eine Lesart des Romans auf die Bühne bringt, an der sich alle anderen Inszenierungen werden messen lassen müssen. Dass er es damit erneut zum Theatertreffen geschafft hat, ist mehr als verdient.

Foto: Sascha Krieger

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„Ich war die ganze Zeit hier!“

Anton Tschechow: Der Kirschgarten, Thalia Theater Hamburg (Regie: Luk Perceval)

Von Sascha Krieger

Es ist ja eine Crux mit dem Kirschgarten, dieser Wirtschafts- und Gesellschaftskrisenparabel, die so wunderbar in diese unsere Zeit zu passen scheint wie die sprichwörtliche Faust aufs ebenso sprichwörtliche Auge. Landauf landab haben sich in den vergangenen Jahren Theater und Regisseure daran versucht, Tschechows melancholische Komödie als Kommentar aufs Zeitgeschehen zu lesen und ebenso oft sind sie daran gescheitert. Luk Perceval gilt eigentlich nicht als verdächtig, allzu offensichtliche Anbiederungen an den – vermeintlichen oder tatsächlichen – Zeitgeist vorzunehmen. Und siehe da: Ganz ohne sichtbare Bezüge zu Banken-, Euro- oder sonstigen Krise zelebriert Perceval eines seiner Geister- und Erinnerungsspiele, in dem Tschechows durchaus auch, aber eben nie nur wehmütiger Abgesang auf eine sterbende Gesellschaft lebendig wird – wenn sich von „lebendig“ hier überhaupt sprechen lässt.

Foto: Sascha Krieger

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Das große Oder

William Shakespeare: Hamlet, Thalia Theater Hamburg (Regie: Luk Perceval)

Von Sascha Krieger

Wie oft kommt es vor, dass der abgebrühte erfahrene Theaterbesucher, überzeugt davon, alles schon gesehen und erlebt zu haben, fast benommen aus dem Theater taumelt, halb orientierungslos, sich fragend, was einen da derart mitgenommen haben kann in diesen knapp zwei Stunden? Luk Percevals Hamburger Hamlet ist einer dieser seltenen Abende, die Augen und Ohren weit öffnen und Theater auf eine unmittelbare, ungeschützte, elementare Weise erlebbar machen, die wie ein heftiger Schlag in die Magengrube wirkt, aber gerade dadurch den Zugang schafft zu dem, was hinter der Fassade des Zivilisierten schlummert, des Menschen ureigene Ängste und Untiefen, die Monster im Schrank und unter dem Bett, die wir Erwachsenen uns wegrationalisiert haben und die doch immer bereit sind, in seelischen Krisensituationen aufzutauchen, ohne dass wir, die wir uns antrainiert haben, sie nicht anzuerkennen, uns gegen sie wehren können. Perceval steigt tief in die Abgründe des Menschlichen ab, sein Hamlet ist keine Rachegeschichte, auch nicht die eines entscheidungsschwachen Individuums oder gar jene des aufgeklärten modernen Menschen. Nein, er ist eine Art Urgeschichte, die von dem erzählt, was uns in reiner Form (hoffentlich) nur im Albtraum begegnet und doch immer da ist. Und so inszeniert er Shakespeares bekanntestes Stück als knapp zweistündigen Albtraum, als finsteres Nachtstück, das viel näher und vor allem tiefer geht als so manche vermeintlich gegenwärtige Übersetzung des alten Stoffes ins Heute.

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