Archiv der Kategorie: Lucia Bihler

Iphigenie im Call Center

Nach Euripides und Stefanie Sargnagel: Iphigenie. TRAURIG UND GEIL IM TAURERLAND, Volksbühne Berlin (Regie: Lucia Bihler)

Von Sascha Krieger

„Ihr seid nichts, ich bin alles“. Und: „Ich bin Goethe.“ Die weißen Hochzeitskleider haben sie abgeworfen, die fünf Iphigenien. Trauer muss Elektra tragen, aber das schwarz steht auch der Schwestern. Emazipatorisch ist es, aufgereiht stehen sie da im Dämmerlicht, einige mit den Füßen im Wasser, abgeworfen die Insignien patriarchaler Frauenbilder. Jetzt reklamieren sie die Welt für sich, die Hauptrolle in ihr – und sich selbst. Nicht Goethe definiert, wer Iphigenie ist oder zu sein hat, sie selbst tut es. Widerstand ist zwecklos. Plakativ ist das Schlussbild dieses Abends, der eigentlich gerade nicht auf Goethes Bearbeitung basiert und sie, die die Rezeption der Figur im deutschsprachigen Raum so geprägt hat, natürlich stets mitdenkt. Es ist Euripides‘ Drama, das im ersten Teil des Abends die Grundlage bildet. Oder vielleicht eher einen Steinbruch, aus dem das Material zusammengesammelt wird, das dann eine neue Skulptur entstehen lässt, eine matriarchale, widerständige oder vielleicht einfach nur zerstörende.

Bild: Katrin Ribbe

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Verpeilte Aliens

Nach Salomé von Oscar Wilde: FINAL FANTASY, Volksbühne Berlin (3. Stock) (Regie: Lucia Bihler)

Von Sascha Krieger

Irgendwann in diesen kurzen knapp 80 Minuten wird von einem Zettel vorgelesen. Dabei geht es um die Frau als Verführerin, als dämonische Macht, die – natürlich männliche – Menschheit zu verderben, als die sie, wie wir erfahren oder längst wissen, in großen Teilen der Kultur- und Literaturgeschichte galt, schon lange vor der Bibel mit dem Sündenfall der Eva, etwa im Gilgamesch-Epos, und eben mindestens bis hin zu Oscar Wilds skandalumwitterter Neuinterpretation der biblischen Geschichte von der verschmähten Prinzessin Salomé, die aus Rache den Täufer Johannes töten ließ. Vorgelesen werden die Ausführungen von einem Alien in weißem Latexanzug (Kostüme: Leonie Falke). Falsche Betonungen und stockender Vortrag bezeugen, dass die Lesende vom Vorgetragenen so wenig versteht wie die hilflos Verständnis heuchelnden Zuhörer*innen, denen das schwüle Konglomerat aus männlich herbeifantasierter Lust und Misogynie fremd bleibt. Ja, es sind Außerirdische, die auf der schwarz-weißen, irgendwie an Jugendstilornamentik erinnernden Bühne von Laura Kirst unter Mitwirkung gespenstisch atmosphärischer, teils halb kitschig zitierender Klänge zwischen Horror- und Science-Fiction-Film-Ästhetik (Musik: Nicki Fehr), ein Drama nachspielen,, das nicht nur ihnen aus der Zeit gefallen scheint. FINAL FANTASY heißt es und ist die erste Arbeit Lucia Bihlers als Hausregisseurin der Volksbühne. Dass sie im 3. Stock, also auf der kleinen Nebenbühne, stattfindet, hat angesichts des feministischen Impetus der Arbeit, allerdings durch auch ein Geschmäckle.

Bild: Katrin Ribbe

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