Archiv der Kategorie: Lot Vekemans

Im Dunkeln

Lot Vekemans: Ismene, Schwester von, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Da sind diese Namen: Man kennt sie, ist ihnen schon unzählige Male begegnet, weiß sie einzuordnen und hat doch kaum je einen Gedanken an sie, an jene, die sie bezeichnen, verschwendet. Es sind die stumm bleibenden Nebendarsteller, Komparsen auch, der Geschichte und Mythologie. Bausteine dessen, was wir die Fundamente unserer Kultur, unseres kollektiven Selbstverstndnisses, unseres Menschseins nennen. Fußnoten, notwendige Reibungspunkte der Helden, doch selbst in der Ecke, im Schatten stehend. Wichtiger noch: Sie sind und bleiben stumm. Die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans gibt ihnen eine Stimme. Durch sie haben wir erstmals Judas‘ Sicht auf seinen Verrat gehört, jetzt bringt sie Ismene, Antigones Schwester zum Sprechen. Überlebende beide, Opportunisten, Anpassungsfähige wohl auch, Feige sowieso, will man der konsensualen Meinung, so diese überhaupt existiert, folgen. War Judas zumindest noch Handelnder, geht Ismene einen Schritt weiter: Sie verdammt sich durch das Nichtstun, ist die Verachtete ihrer Familie – und ist bis heute nicht besonders gut beleumundet –, weil sie überlebt, weil sie sich am kollektiven schlachten nicht beteiligt. Bei Sophokles ist sie bis zu einem gewissen Grad gar die Stumme der Vernunft, doch nicht sie verehren wir als Heldin, sondern ihre Schwester, die das Leben opfert für eine scheiternde Geste opfert. Sie gilt als eine, die ihr Leben für ihre Prinzipien gibt. Und nichts erreicht. Und Ismene? Sie ist nicht als die „Schwester von…“.

Foto: Sascha Krieger

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Überleben im Zwischenraum

Lot Vekemans: Gift, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Christian Schwochow)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist Gift im Regietheaterland Deutschland ja fast so etwas wie ein Sakrileg: ein Dialogstück, in dem zwei Menschen die ganze Zeit über miteinander (!) reden; in dem es um Gefühle, um Schmerz und Verletzungen, um wahres Leben geht. Dann stellt der Regisseur, Theaterdebütant Christian Schwochow, auch noch einen echten (!), funktionierenden Kaffeeautomaten auf die Bühne, kreiert mit Hilfe der dann doch ein wenig unterforderten Bühnenbildnerin Anne Ehrlich mit Hilfe von eisernem Vorhang, Wasserspender und sieben Wartesaalstühlen eine authentische (!) Warteraumatmosphäre her. Und als sei das alles noch nicht genug, lässt er seine Schauspieler Dagmar Manzel und Ulrich Matthes auch noch so glaubwürdig (!) wie möglich agieren – mit echten Tränen! So viel kaltschnäuziger Konservatismus fordert eigentlich die theatrale Höchststrafe in Form von naserümpfender Verachtung durch den fortschrittlichen Theaterkenner.  Doch dann passiert das seltsame: Dieser sich vor allem durch die Abwesenheit spürbarer Regiearbeit auszeichnender Abend, entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Es ist ein stiller, vollkommen unpathetischer, uneitler und ungemein berührender Theaterabend, der ganz ohne aufzutrumpfen auch dieser Art von (Schauspieler)Theater ein Existenzrecht einfordert.

Foto: Sascha Krieger

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„Ich bin Judas!“

Autorentheatertage 2013 – Lot Vekemans: Judas, Münchner Kammerspiele (Regie: Johan Simons)

Von Sascha Krieger

„Sind alle da?“ Hart, kratzig, aggressiv dringen die Worte aus dem Bühnendunkel. Hier, so wird schnell klar, ist einer, der etwas zu sagen hat und der davon ausgeht, dass wir es hören wollen. Viel würde über ihn geschrieben und erzählt, längst ist sein Name zum Schimpfwort geworden, in vielen Ländern, so wird er erzählen, ist es noch immer verboten, Kinder so zu nennen. Judas, Synonym für Verrat spricht. Lot Vekemans hat ihm einen Monolog geschrieben, Johan Simons setzt in seiner deutschsprachigen Erstaufführung einen nackten Steven Scharf vor den eisernen Vorhang auf eine Leiter, fast die ganze Zeit über mit dem Rücken zum Publikum. Nur langsam wird es heller, oft bleibt mehr im Dunkeln, als ans Licht tritt. Mit lauter Stimme, fordernd, gepresst vom Druck, seine Geschichte erzählen zu dürfen, ja zu müssen, spielt und spricht Scharf den Aussätzigen, der sich hier vor allem als Mensch rehabilitieren will und doch keine Illusionen hegt: „Versuchen Sie bitte nicht, etwas zu begreifen“, ist seine Botschaft.

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