Archiv der Kategorie: Lilja Rupprecht

Kunst-Gewerbe

Rainald Goetz: Jeff Koons, Schaubühne am Lehniner Platz (Studio), Berlin (Regie: Lilja Rupprecht)

Von Sascha Krieger

Es gab einmal eine Zeit, da war der sicherste Weg, einen handfesten Streit in einer runde kunstinteressierter Menschen auszulösen, zwei Worte zu erwähnen: Jeff Koons. Der US-Amerikaner war nicht nur der erfolgreichste Künstler der 1980er-Jahre, sondern auch der umstrittenste. Er bediente sich in Popkultur, Alltag und Werbung, bei den Ikonen westlicher Massenkultur, spielte mit Kitsch, überhöhte ihn, nutzte ihn aus, war ein Meister, ein Virtuose, ein Kenner der Oberfläche in einer oberflächlichen Welt. In der bunt skurrilen Prä-Apokalypse der Spätphase des Kalten Krieges war er ein Seismograph westlicher Dekadenz, der gern auch als ihr Apologet (miss?)verstanden wurde. Er heiratete einen Pornostar und war in eine Reihe von Plagiatsverfahren involviert. Wenn es einen Künstler gab (und gibt), der die brüchigen Grenzen von Kunst und Leben, zwischen Kreativität und Kitsch, zwischen Anspruch und Trash exemplarisch aufzuzeigen vermochte, weil er sie von allen Seiten ständig überschritt, dann Koons, der – noch so ein Sakrileg – nie ein Problem damit hatte, viel, sehr viel Geld mit seiner Kunst zu verdienen.

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Bild: Arno Declair

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Hund ohne Boden

Nach Michail Bulgakow: Hundeherz, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Lilja Rupprecht)

Von Sascha Krieger

Michail Bulgakow schrieb seine Erzählung Hundeherz im Jahr 1925. Erscheinen konnte sie in seiner russischen Heimat erst mehr als 60 Jahre später, 1987, mitten im Tauwetter der Perestroika. Dafür gab es natürlich Gründe: Es ist die Geschichte von einem Wissenschaftler, der einen herrenlosen und misshandelten Hund mit nach Hause nimmt, ihm Hypophyse und Hoden eines Menschen, genau genommen eines verstorbenen Alkoholikers, einpflanzte, um herauszufinden, ob sich damit der Organismus des Tieres verjüngen ließe. Das Ergebnis ist ein anderes: Der Hund wird komplett vermenschlicht und nimmt am Ende gar den Charakter des unfreiwilligen Spenders an. Bulgakows Verleger und der von ihm konsultierte – und später von Stalin ermordete – Lew Kamenew, damals einer der drei mächtigsten Männer  der Sowjetunion, verstanden die Anspielung sofort: Zu den großen Visionen des jungen Sowjetstaates gehörte die Erschaffung des „neuen Menschen“, eine Art „Übermensch“, intelligenter, fähiger, vernunftbegabter, rundum optimierter als der als ungenügend eingestufte Homo Sapiens. Ein Traum, den später auch ein anderes totalitäres Regime träumte, auch wenn die Mittel zur Erreichung des Ziels andere waren. Diese Idee karikierte Bulgakow, führte sie ad absurdum, machte sie lächerlich. Veröffentlichen ließ sich das im Jahr drei der Ära Stalin natürlich nicht.

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Box und Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

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Lieder von Liebe und Tod

Nach dem Roman von Henri-Pierre Roché: Jules und Jim, Deutsches Theater/Box, Berlin (Regie: Lilja Rupprecht)

Von Sascha Krieger

Ja, ja, die Liebe: Den Franzosen sagt man ja nach, sie hätten eine ganz besondere Beziehung zu ihr. Und nirgendwo wird so ausgiebig über sie philosophiert, ja, wird sie gar vom Thema zum Grundprinzip jeglicher Philosophie und Welt- wie Menschenerkenntnis wie in der französischen Kunst. Henri-Pierre Rochés Roman Jules et Jim und Francois Truffauts Verfilmung desselben sind hierfür sicher Paradebeispiele. Die Mischung aus fataler Dreiecksgeschichte, der Unerkennbarkeit von Liebe und Tod dem Spiel von Liebesbedürfnis und Abstoßung des anderen, von Sehnsucht nach Nähe und Unfähigkeit sie zuzulassen, sucht Ihresgleichen. So existenziell war Liebe nie, so selbstverständlich die Gleichzeitigkeit ihrer An- und Abwesenheit, ihrer Notwendigkeit und Unmöglichkeit. Was wird hier philosophiert und psychologisiert und interpretiert und manipuliert und am Ende sind zwei tot und einer bleibt zurück. Das funktioniert im Film durch die magische Bildsprache, den traumähnlichen Sog, den Truffaut in seinem vielleicht besten Film entwickelt. Aber auf der Bühne, noch dazu einer im prosaisch-pragmatischen Deutschland?

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