Archiv der Kategorie: Leo Tolstoi

Wir Schattenwesen

Krieg und Frieden nach Lew Tolstoi, Centraltheater Leipzig (Regie: Sebastian Hartmann)

Von Sascha Krieger

Vielleicht hat ja so mancher das Leipziger Publikum bisher unterschätzt: Als Sebastian Hartmanns fünfeinhalbstündiger Theaterbrocken Krieg und Frieden im Mai bei den Ruhrfestspielen Premiere hatte, konnten anwesende Zeugen einen wahren Zuschauerexodus beobachten, der am End nur noch ein Drittel der zu Beginn Anwesenden übrig ließ. In Leipzig dagegen geht kaum jemand – die den Leipzigern während der Intendanz Hartmanns oft abgesprochene Bereitschaft sich auf sperrige, fordernde, komplexe Theaterabende einzulassen, ist als offensichtlich da und so beobachtet man bei einer von Hartmanns letzten Leipziger Inszenierungen plötzlich volle Häuser und begeisterten Schlussapplaus. Und des völlig zu Recht: Wenn einmal die Theatergeschichte dieses Jahrzehnt geschrieben werden wird, sollte Krieg und Frieden mehr sein als eine Fußnote. Im Gegenteil: Hartmann und sein grandioses Ensemble erinnern auch den abgebrühtesten Theatergänger daran, wie Theater auch heute noch Augen, Ohren und Verstand öffnen kann, wie es die ganz großen Fragen debattieren und dabei weder anstrengen noch langweilen kann. Sebastian Hartmann hat Leipzig kurz vor dem Abschied noch einen ganz großen Abend geschenkt, das vielleicht auch seinem Nachfolger Enrico Lübbe Inspiration sein kann.

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Leo Tolstoi: Die Macht der Finsternis, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Michael Thalheimer)

Man konnte sich ja in letzter Zeit ein wenig Sorgen machen um Michael Thalheimer, den großen Reduzierer, dem es mit schon fast legendären Inszenierungen wie der Orestie (in eineinhalb Stunden!) oder Hauptmanns Ratten immer wieder gelungen war, die zahlreichen Schichten eines Stoffes soweit abzutragen, bis er den Blick auf den meist erbarmungslos brutalen Kern  freigelegt hatte. Zuletzt waren seine Berliner Inszenierungen jedoch soweit reduziert, dass auch der Kern mit entfernt worden war, gerieten seine Nibelungen oder Weber zu wenig mehr als substanzlosen Brüllorgien ohne vernehmbare Aussage. Wenn sich eine einst gute Idee zur bloßen Routine totgelaufen hat, hilft manchmal ein Ortswechsel. Und so inszeniert Thalheimer jetzt erstmals an der Berliner Schaubühne, eigentlich ein guter Ort für einen Neuanfang.

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